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Abschied von Wien

Wenn ein älterer Herr bei Pensionsantritt seine gewohnte Großstadt verlässt und sich „am Land“ (in einem etwa 30 km von Wien entfernten Dorf) niederlässt, geht er nicht nur über die Stadtgrenze seiner geliebten bisherigen Heimat. Er gibt seinen urbanen Lebensstil auf, verlässt seine Freunde und Verwandten, die liebgewonnenen Straßen und Plätze, Gebäude, Lokale, Kulturstätten und Verkehrsmittel, und liefert sich schutzlos den Gegebenheiten und den Bewohnern der neuen Wahlheimat aus. Er ist aber dort nicht mehr „daheim“, sondern eben nur „zu Hause“. Es ist ein ganz anderes Leben dort – jenseits der Stadtgrenze. Er verliert sehr viel Gewohntes und Vertrautes. Ein Städter hingegen, der in eine andere Stadt zieht, oder ein Bauer, der 100 Kilometer weiter in einen anderen Bauernhof einheiratet, hat keinen derartigen „Kulturschock“, sondern lebt mit kleinen Änderungen „wie ge-wohnt“ weiter.

Morgen ist es so weit – morgen verlasse ich die Stadt. Ab morgen bin ich kein Wiener mehr. Endgültig – für immer! Nach knapp 60 Jahren – das ist mehr als ein halbes Jahrhundert! Kann so ein alter Baum noch Wurzeln schlagen – in fremde Erde verpflanzt? SIE sagt JA. „Im Bett“ – sagt SIE scherzhaft – „in meinem Bett hast du noch immer eine starke Wurzel!“ Weiber! Seit Eva sind wir aus dem Paradies geworfen worden. Wien ist auch ein Paradies – oder zumindest das Vorzimmer zum Paradies! Ich weiß das – ich bin ein Teil von Wien – und Wien ist ein Teil von mir. Auch jetzt – mit einem kleinen Bauch und Glatze und einer langen Virginia-Zigarre im Gesicht (sie schmeckt mir eh nicht, viel zu scharf und beißend, aber es schaut so imposant-gemütlich aus), habe ich mich noch nicht abgenabelt von Wien, bin ich noch immer kein Erwachsener, der selbstbewusst dort zu Hause ist, wo er sich gerade aufhält.

Als ein Junger – das war anfangs der 60er-Jahre – war ich einmal Provinzreisender, aushilfsweise für ein paar Wochen. Untertags war’s ja lustig – mit der dicken Tasche die Eisenhandlungen von Niederösterreich, Burgenland und der Steiermark besuchen, aber am Abend – tödlich!! Ein billiges Zimmer suchen, dann ins Dorfwirtshaus – was gibt’s zum Essen: „Schnitzel, Schweinsbraten, Gulasch“ – ewig dasselbe. Und dann ein, zwei Bier und etwas lesen, bis man müde ist. Ein Zigeunerleben, aber ohne Romantik! Und was das Schlimmste war – die Entfremdung von zu Hause. Auf einmal ist man nur Besuch – die Freunde ‚fremdeln‘, weil man sie jetzt so selten sieht –, der nicht mehr automatisch weiß, was los ist, infolge zu langer, zu häufiger Abwesenheit nicht mehr richtig dazu gehört. So muss an einem Baum ein Ast absterben – immer weiter vom Saftstrom abgeschnitten – immer schlechter durchblutet wie ein Raucherbein, genauso wird’s mir gehen – ab morgen!

„Grübel  nicht so viel“, sagt SIE. „Das Leben ist viel zu kurz für nostalgischen Trübsinn“, sagt SIE, „die paar guten Jahre, die wir noch haben! Du bist doch ein Widder“, sagt SIE, „du bist es doch, der immer vorwärtsstürmt, der nicht warten kann. Hast du nicht immer gesagt, du bist gut, wenn du ein Ziel hast und weißt, wo es langgeht?“.

JA, JA, stimmt ja alles – aber wie soll man eine neue, schwere Aufgabe angehen – ohne Boden unter den Füßen? Kann man einen Sack Zement aufheben, wenn man in der Luft hängt? Kann man mehr in der Luft hängen als ich? Vor zwei Jahren die Frau verloren, dann in die Frühpension wegen Firmenpleite, und gleichzeitig die Wohnung aufgeben, die man so mühsam erspart, so liebevoll eingerichtet hat, in der man ein Kind aufgezogen, Freunde bewirtet, gefeiert, gestritten, geschlafen, gearbeitet, eben gelebt hat wie in einer zweiten Haut! Das erste Drittel des Lebens im Elternhaus in Wien – das zweite in eben dieser Wohnung in Wien – und jetzt Abschied von dem allem, was mir so vertraut ist, auf ins letzte Drittel – in die Fremde!

„Red doch nicht so einen Unsinn“, sagt SIE, „als ob 30 Kilometer von Wien am Nordpol wäre! Jedes Ende ist ein neuer Anfang, ein neues Spiel – und wir haben doch prima Karten. Ein neuer, schöner Lebensabschnitt beginnt jetzt“, sagt SIE, „Endlich vom Joch befreit, Zeit für sich selbst haben. Keine Verantwortung, keine ungeliebten Pflichten mehr!“

Das macht es ja soviel schwerer – dieses „Nicht-mehr gebraucht-Werden“! Wenn man sagen wir von der Firma in eine entfernte Niederlassung geschickt würde, um dort etwas Neues aufzubauen – ja, da wäre man den ganzen Tag gefordert und könnte abends müde und zufrieden zur Frau nach Hause – jawohl, nach Hause – kommen, dorthin, wo man halt jetzt wohnt, wo einem die Tür aufgemacht wird mit „Bussi“ und „setz dich schon zum Tisch, die Suppe ist gleich fertig“. Dann wäre es auch in Timbuktu schön – oder noch besser drüber der Donau im Weinviertel – dort, wo ich jetzt hin soll – morgen. Das wäre ein gleitender Übergang in eine neue Heimat – aber so?

Von heute auf morgen alle Brücken abbrechen – in eine kleine Ortschaft ziehen, mit misstrauischen Nachbarn, einem Wirtshaus und einem ADEG, das war’s? Meine paar Freunde werden mich bald vergessen haben, meine Schwester wird mich einmal im Jahr besuchen und Weihnachten eine Karte schreiben, das war’s. Der gewohnte Spaziergang auf den Nußberg, fallweise ein Bier im Nussdorfer Bräustüberl, die Sauna in Oberlaa, das gute Himbeer-Eis beim Tichy, die verregneten Sonntagnachmittage im Cafe Hummel – alles aus? Wie weggeblasen, wenn ich morgen in den Möbelwagen steige?

Herrgott, jetzt tu ich mir aber schon selber leid – wo ist mein logisches Denken geblieben, auf das ich so stolz bin, mein rationelles Handeln? Hab ich nicht so oft zu IHR gesagt, dass mich der Straßenlärm vor meinen Fenstern immer mehr stört? Dass ich so gerne im Grünen wohnen würde, im Garten beim Jausenkaffee den Vogerln zuhören, nach dem Abendessen Hand in Hand mit IHR durch die Weingärten spazieren möchte?

Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen! Gott sei Dank, mein Hirn funktioniert wieder! Hab ich IHR nicht dauernd vorgejammert, dass ich die Einsamkeit nicht mehr ertrage, von Montag bis Freitag allein in der Wohnung? Und nun kann ich jeden Morgen neben IHR aufwachen? Und überhaupt – mit unserem Theaterabonnement kommen wir oft genug nach Wien. Ich kann ja als Pensionist jede Woche ins Thermalbad Oberlaa fahren – untertags sind eh weniger Leute – und mich nachher in der Konditorei mit meiner Schwester treffen – sie wohnt ja gleich ums Eck dort. Mit dem blöden Rauchen hör ich auch auf ab morgen – ich brauch keinen Schnuller mehr.

Jetzt geht das Telefon – das wird SIE sein: „Hallo Haserl, ja, ich hab schon alles eingepackt. Eine traurige Stimme hab ich? JA, bin ich auch – nach so vielen Jahren hier. Das hast du lieb gesagt – es ginge dir auch so. Nur ein kalter, egoistischer Mensch geht durchs Leben wie eine Maschine. Was sagst du da – das ist ja das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe – du hast mir einen Marillenbaum gekauft, den wir morgen gemeinsam vor DEINEM – nein, jetzt ist es ja UNSER Haus – pflanzen werden? Ich hab noch nie einen eigenen Baum gehabt. Und gerade Marillen – wo ich doch so gerne Marillenknödel esse. Weißt du was – wir laden meine Schwester und den Schwager ein, dass sie am Abend mit uns feiern – die Übersiedlung, meinen 60er und den Pensionsantritt – alles auf einmal! JA? Womit wir anstoßen sollen? Mit Marillensekt natürlich! BUSSI, jetzt kann ich endlich einschlafen. Gute Nacht, Haserl, bis morgen!“

Eigentlich war ich als Wiener ja immer schon in Niederösterreich, geografisch, nicht?

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 26149

 

Memento vivere

Sich nicht in Sorgen zu verlieren,
in Aufschieben und Funktionieren.
Leben ist nicht bloße Pflicht.
Lebe, und vergiss das nicht!

Jedoch bedenke, nichts währt ewig,
mach dir das zunächst bewusst
und verfolge es zielstrebig,
dass du erst mal leben musst.

Überlass dein teures Leben
nicht der Gewohnheit und dem Frust.
Verleg es besser nicht auf morgen,
sondern leb es jetzt, mit Lust.

Und aufgrund der Lebensdauer,
der begrenzten, schau genauer,
trenne Wichtiges von dem,
was dir höchst unangenehm.

Nutz den Tag, der schnell vergeht,
wenn unverhofft sich Glück einstellt.
Verdränge und vergiss, was quält,
das dein Leben nicht erhellt.

Mache deine Leidenschaft,
zu leben, dir als Eigenschaft.
Schade ist’s, den Tag verschwenden,
und ihn ungenützt beenden.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenne

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26151

Ohne Reue

Hatte man denn Mut genug,
für das eig’ne Leben?
Hat man, was erwartet wurde,
von einem, and’ren auch gegeben?

Oder hat man dieses Leben gar
nicht so geführt, wie man es wollte?
Nun ist es beinah schon vorbei,
es fragt sich bloß, was man noch sollte?

Für vieles ist es schon zu spät,
und ungenützt blieb manche Stunde.
Die Zeit, die zeigt in ihrem Bilde,
so viele Träume, unerfüllte.

War’s nicht an Arbeit viel zu viel?
Zu wenig Zeit für Spaß und Spiel?
Nie Zeit genug für die Gemeinschaft,
oft nur Hass, und Neid und Feindschaft?

Da war die Angst, Gefühl zu zeigen
und manchmal zum Konflikt zu neigen.
Dies und viele and’re Sachen,
die zu nichts führ’n und die krank machen.

Für Freundschaft blieb meist wenig Zeit.
Und hat man das nicht längst bereut?
Kontakte, die verloren gingen,
weg’n scheinbar wichtigeren Dingen.

Ein Vorfall, der sich aufgezwängt,
der hat das Glück stark eingeschränkt,
man hatte es wohl nicht bedacht,
und sich dadurch unfrei gemacht.

Durch die Gewohnheiten, die alten,
konnte man kaum was gestalten.
Anstatt den Moment genießen,
ließ man sich’s durch sie verdrießen.

Die Angst vor einer jähen Wende
birgt keinen Anfang, mehr das Ende.
Dann droht, wo es recht einsam wäre,
das Nichts, und es bleibt nur noch Leere.


Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26143

Unsicher

Wie unsicher und wechselhaft
ist das, was diesen Menschen schafft.
Oft führt schon eine leichte Wende
zum schicksalhaft geword’nen Ende.

Das Schicksal hat’s, da hilft kein Flehen,
auf unser Ende abgesehen.
Es zeigt, mit Grinsen und in Kürze,
uns seine Macht, auf dass das stürze,
was in jahrelangen Plagen
wir alles angesammelt haben.

Nun gut, das End’ scheint unvermeidlich,
der Umgang damit mehr als leidlich.
Dadurch wird unser Lebensziel
so ziemlich klar, wohin es will.

Auch mag es letztlich sinnlos sein,
davor zu flieh’n, es holt dich ein.
Doch wie ihm die Exotik nehmen,
soll’n wir uns daran gewöhnen?

Um mit Geschick heranzukommen,
an das, was uns das Herz beklommen.
Also den Tod, der vis-à-vis.
Die Frage stellt sich dann, bloß wie?

Kann jeder Tag der letzte sein.
Und wie sich von dem Druck befrei’n?
Denn dann wird alles, was gescheh’n,
mit einem Male untergeh’n.

So bietet seine Exzellenz,
der Tod, ’ne neue Existenz.
Ein Eingliedern in die Struktur
der Weltenordnung ist es nur.

Und seiner Sorgen sich entledig,
ein jeder, denn Gott sei Dank, nichts dauert ewig!
Als Teil des Flusses sind wir nur
Partizipienten der Natur.

Mit der Geburt beginnt das Ende.
Ach, Tote sind wir, bloß lebende!
Den Sterbenden trifft’s, nicht den Toten.
Drum lebe sinnvoll, wär’ geboten.
Geht es ums Leben, denk nur dran,
hat man’s genützt oder vertan?

Beim Zweiten, gut, ihr Leut’, ich mein,
dem kann es auch gleichgültig sein.
Ein jeder Tag, der lebt sich’s gleich,
ist wie der andre, sag ich euch.

Die Dunkelheit sowie das Licht,
die wechseln bloß, aus meiner Sicht.
Der Tag und auch die Nacht, ihr Lieben,
sie sind bis heute gleich geblieben.

Mag sein, es leben manche länger,
doch auch für diese wird’s mal enger.
Was fängt man an mit diesem Leben?
Ihm möglichst viel Inhalt geben!

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26137

 

Zweifel

Ein Zweifler bin ich, keine Frage,
komm ich einmal in die Lage,
zu entscheiden ja und nein,
fällt mir nie das Rechte ein.

Da erfassen mich Bedenken,
wem soll ich was diesmal schenken?
Gleich ob Ostern oder Weihnacht,
was mein Zögern neu entfacht.

Manchmal werd ich richtig heiß,
macht mir jemand etwas weis.
Dummes Zeug glaub’n fällt mir schwer,
das nährt meine Skepsis sehr.

Und voll Zwiespalt schau ich dann,
ich prüfe und erwäge, wann
genau, noch ehe ich was tu.
Denn vorher seh ich lieber zu.

Schon seh ich mich als Skeptizist,
der geg’n jed’n und alles ist.
Vor allem geg’n das Älterwerden,
und ebenso gegen das Sterben.

Ganz besonders regt mich auf,
hab ich nichts am Konto drauf.
Wurde auf mich ganz vergessen?
Woher krieg ich sonst mein Essen?

Und wenn ich schon von Krankheit hör
und mich darüber höchst empör,
zweifle ich am Sinn des Lebens
und suche ihn, wie’s scheint, vergebens.

Manche mögen zwar lancieren,
Zweifel auszubalancieren.
Ich weiß zwar nicht, wie man das macht,
doch ich versprech, ich geb drauf Acht.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26128

Der Unterschied

So unterschiedlich sind die Leut’,
das gilt für gestern und für heut.
Der eine groß, der andre klein,
denn alle soll’n verschieden sein.
Einer neigt oftmals zum Groben,
ein anderer zeigt sich verschroben.

Die einen leben nur fürs Jetzt,
wahrscheinlich für den Augenblick.
Und sparen sich zu guter Letzt
den Blick nach vorn, und den zurück.

Und wieder andre leben so,
als währte alles ewig.
Sie sammeln Güter an, en gros,
denn nur Besitztum macht sie selig.

Manch einer lebt gern anonym,
der andre braucht die Bühne.
Dem einen, dem genügt ein Wort,
ein anderer will Synonyme.

Die einen lieben die Natur,
die andern lieber Whisky pur.
Und was dem einen ist sein Glück,
dem andren wär’s sein Missgeschick.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenne

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26126

Die Erinnerung an Gerald

Gerald war die reine Lebensfreude. Ich erinnere mich, wie er auf dem Bauernhof draußen stand, eine Zigarette rauchte und sagte: „Hach, was für ein schöner Tag!“, während die warme Frühlingssonne auf ihn schien. Er war so sorglos, so völlig unbekümmert, das war seine intuitive Strategie. Er war sehr schlau und erzählte gerne Witzchen. Alles nahm er wolkengleich leicht. Er selbst war sein Mittelpunkt, aber das ist doch bei jedem so, nicht?

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26105

Morgendliche Selbstbefragung

„Guten Morgen mein Herz, was willst du mir heute sagen?“
„Poch, poch.“
„Nicht mehr? Ist das alles, >>poch, poch<<? Verstehe ich dich richtig?“
„Poch, poch.“
„Begehrst du etwas … wonach steht dir der Sinn?“
„Poch, poch … poch, poch …“ (Und so weiter.)
„Aha. Du willst also einfach mein Alltagsleben mit mir fortsetzen: Frühstücken und so.“
Poch, poch, poch … poch, poch POCH*!

*Wofür soll ich denn sonst schlagen, als fürs Leben, du begriffsstutziges Wesen?

 

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26058

Der Marillenbaum

„Was wollen Sie von mir?“, fragt er misstrauisch die Frau, die, ohne anzuklopfen, in sein Schlafzimmer kommt.

„Nur etwas erzählen“, antwortet sie mit sanfter Stimme. „Darf ich?“

Zögernd nickt er und sie setzt sich zu ihm an den Bettrand.

„Also, ich beginne“, sagt sie, atmet einmal tief ein und aus. „In einem kleinen, sonnengelb gestrichenen Haus lebt ein altes Paar. Anna und Peter. Seit über fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Natürlich haben sie viel zusammen erlebt in dieser langen, langen Zeit. Sehr viel Schönes und auch Schwieriges. Als Anna in jungen Jahren zwei Fehlgeburten erleiden muss, ist Peter ihr ganzer Halt. Und Jahrzehnte später hilft Anna ihrem Peter, so gut sie kann, mit seiner altersbedingten Erkrankung umzugehen.“

„Das ist gut “, sagt er. „Erzählen Sie weiter!“

„Anna und Peter lieben ihren kleinen Garten, in dem ein prächtiger Marillenbaum steht. Und sie sind vernarrt in ihr Haustier, einen lustigen, schwarzen Kater mit grünen Augen.“

„Wie heißt denn der Kater?“, fragt er interessiert.

„Oskar“, antwortet sie.

Er lacht auf.

„Ein schöner Name! Genau so würde ich meinen Kater auch nennen!“

„Oskar klettert oft auf den Marillenbaum. Im Sommer trägt der Baum schwer an seinen vielen Früchten. Und Anna und Peter genießen jeden Morgen ihre selbstgemachte Marillenmarmelade auf ihrem Frühstücksbrot.“

„Ja, ja“, ruft er begeistert, „ich mag Marillenmarmelade auch sehr gerne!“

„Von ihrem Schlafzimmerfenster aus können Anna und Peter den Marillenbaum sehen.“

Verwirrt sieht der Mann die Frau an. Sie nickt ihm zu. Er richtet sich in seinem Bett auf und schaut angestrengt durch die Fensterscheibe gegenüber. Sieht die dichten Zweige und grünen Blätter eines Baumes. Spürt die warme Hand der Frau auf seiner Hand.

„Ist das ein Marillenbaum?“, fragt er aufgeregt.

„Ja“, sagt sie und lächelt.

Und plötzlich blitzt etwas in ihm auf. Ein Name. Eine Erkenntnis.

„Anna“, flüstert er. „Bist du meine Anna?“

„Ja, Peter“, sagt sie.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26050

Du bist eine tolle Frau, aber …

Das Fatale an solchen Abschieden, nennen wir es ruhig beim Namen: Trennungen, ist ja, dass man es nur falsch machen kann. Jedes Wort kommt einem zu viel, zu wenig oder zu wenig rücksichtsvoll vor – und ist es auch.

Die in solchen Fällen gern gebrauchte Floskel, es läge an mir und nicht an ihr, kommt mir nicht über die Lippen, sammelt sich in meinem Mund zu einem Wortmüllhaufen, was soll ich nur sagen? Sie hat bestimmt längst gemerkt, dass was nicht stimmt. Unsere Telefonate sind sonst so unbeschwert, luftig, launig, wie ein Sonnenstrahl im Grau des Alltags. Aber diesmal ist es anders für mich. Ich hab kurz vor unserem Gespräch online auf mein Konto geschaut, beinah hat mich der Schlag getroffen: Das alles soll ich gekauft haben???

Das Telefonat endet wie üblich, sie hat wohl doch nichts von meinen Zweifeln bemerkt, noch nicht. Doch danach denke ich länger drüber nach, wie das geschehen konnte. Ich weiß, sie wird bald wieder anrufen, alle paar Tage sind das Minimum, und ich möchte mich diesmal darauf vorbereiten. Ihre heitere, einladende Stimme macht es mir wohl nicht einfach, ihren Redefluss zu unterbrechen. Sonst hab ich immer lange zugehört, bevor sie bekommen hat, was sie wollte: meine volle Aufmerksamkeit und mein uneingeschränktes Ja zu ihren Vorschlägen.

Berechnend? Nein, das kann man so nicht sagen. Sie macht ja nur ihren Job. Dass ich so eingestiegen bin, liegt an mir und nicht an ihr. Aja, nun wären wir doch dort angelangt, bei der Floskel.

Es klingelt, ihre Nummer. Üblicherweise hüpft mir da schon das Herz vor lauter Vorfreude, diesmal sinkt es ganz tief hinab.  Schon während der Begrüßung pocht es in meinen Schläfen: Ich muss es ihr sofort sagen.

„Du bist eine tolle Frau, aber …“ Weiter komme ich nicht. Sie reagiert irritiert: „Was hast du gesagt?“
Ich rede weiter: „Und du machst deinen Job großartig, aber …“ Sie schweigt, ich hab angenommen, sie würde mich unterbrechen. „Aber ich muss dir was sagen“, fahre ich fort. „So geht es nicht weiter für mich. Deine Anrufe werden häufiger, und ich geb immer mehr Geld dabei aus. Mein Kellerabteil quillt über, alle meine Räume sind vollgestopft, ich kann deine Ideen nicht länger unterstützen, es geht einfach nicht. Bitte nimm mich aus eurem Verkaufsverteiler. Ich möchte nämlich auch nicht, dass mich wer anderer von eurer Firma anruft, so leid es mir tut …“
„Tuuuut“, hallt es in meinem Kopf wider, sie hat aufgelegt.

Drei Minuten später erhalte ich eine Nachricht auf mein Handy, gesendet von ihrer Nummer:
Danke, dass Sie uns geholfen haben, das Verkaufserlebnis mit unserer KI-Anwendung zu optimieren. Wir werden uns bemühen, künftig unseren Service Ihren Wünschen entsprechend auszubauen, und melden uns wieder bei Ihnen.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26039