Kategorie-Archiv: Bernd Remsing

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Den freundlichen Arrivierten

Den freundlichen Arrivierten,
die ganz deiner Meinung sind,
die alles schon kritisierten,
glaub ihnen nicht, mein Kind.

Sie öffnen dir zwar ihre Türen,
doch immer nur einen Spalt,
durch den sie mit dir diskutieren –
drinnen ist’s warm, doch dir wird es kalt.

Sie klagen dir ihre Sorgen,
als wärst du von ihnen einer.
Ach, willst du dir nur was borgen,
wird der Türspalt schon kleiner.

Frag nie, wie sie hochgekommen,
wie ihre Verdienste hießen:
Die Stimmung würde beklommen –
sie würden die Türen schließen.

Süß klingt es, ihr Bekanntnis
zum klassenlosen Ton.
Es hat damit kein Bewandtnis;
es lässt sich verkaufen, das schon.

Und reden sie auch im Gleichnis
verwegen, edel und hehr:
Lies nach im Inhaltsverzeichnis –
Siehe, es ist leer!

Sei ihnen nicht bös gesonnen:
Was brächte dir schon ihre Not?
Sie haben den Fahrstuhl genommen,
den ihnen ihr Elternhaus bot.

Sieh hin und lern es zu fassen:
Es ist noch die Fahrstuhltür!
Sie haben den Lift nie verlassen
Und riechen den Kot an dir.

Was könnten sie dir also bieten,
außer Knöpfen mit Zahlen?
Wer weiß, wo sie hingerieten,
entschiedest du ihre Wahlen?

Sie haben nur Knöpfe mit Zahlen –
die Liberalen.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 22052

Terrestrische Navigation 4

Stop!
Um in den vollen Genuss dieser Geschichte zu kommen,

lesen Sie zuvor Teil 1Teil 2 und Teil 3.

Die Antwort darauf, warum sie mich nicht mehr in ihre Wohnung ließ, ergab sich vor etwa drei Wochen. Ich stieg mit der Milch für Frau Apfel in den viel zu kleinen Lift und vor mir stand Alex. Ich erkannte ihn, trotz seiner Maske. Immer noch hatte er die kleine Narbe auf der Stirn. Mit seiner linken Hand umklammerte er einen Strauß Margeriten. Mit der anderen eine Packung Katzenstreu. Als wir in meinem Stockwerk ankamen, sah ich, dass er schwitzte. Wir gingen in meine Wohnung. Er hatte beträchtlich zugenommen und ließ sich schwer in mein Sofa fallen. Ich öffnete zwei Flaschen Bier, trotzdem schwiegen wir weiter. Schließlich seufzte er, ich erkannte dieses Seufzen sofort.

Er begann: Nach unserem letzten Gespräch, so drückte er sich tatsächlich aus, (nach unserem letzten Gespräch!) habe er sich erinnern können, wer die Frau Apfel sei. Dann sei ihm klar geworden, wie sehr sie ihm damals geholfen habe, mit seinen Schulaufgaben. Nein, er habe kein schlechtes Gewissen gehabt, wegen der Sache mit ihrer Wohnung. Er sei sogar froh, dass seine Tochter nun diese Wohnung nutzen könne, während ihres Studiums. Er habe aber nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass er ihr noch was schulde, der Frau Apfel. Er habe auch nicht lange gebraucht, sie zu finden, es gebe ja nicht viel Äpfels in Wien. „Viele Apfels!“, korrigierte ich ihn.

Er machte dazu, wie immer, wenn ich ihn korrigierte, seine wegwerfende Handbewegung. Sie habe bei ihrer Schwester am Stadtrand gewohnt, meinte er, dort habe er sie gefunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Frau Apfel eine Schwester haben sollte. Er behauptete, sofort gesehen zu haben, dass diese Wohnsituation Frau Apfel nicht zuträglich gewesen sei, außerdem vertrage sie sich nicht mit ihrer Schwester. Überhaupt, ergänzte er, sei Frau Apfel ein Charakter, der es vorzöge alleine zu wohnen. Da musste ich ihm Recht geben. Also habe er ihr, fuhr er fort, über die Partei diese Gemeindewohnung besorgt und sehe seitdem öfter vorbei. Gerade jetzt in der Pandemie sei es sinnvoll, dass er bei ihr regelmäßig vorbeischaue, wegen der Einkäufe und so. Dann haben plötzlich die Milchtürme und das Katzenzeugs bei ihr begonnen, von selbst zu wachsen und sie habe ihm gestanden, dass der Jonas, also ich, hier im Haus wohne. Da habe er sie gebeten, mich nicht mehr einzulassen.

Ich solle übrigens damit aufhören, so viel Milch und Katzenzeugs zu bringen, sie habe doch gar keine Katze. Es genüge völlig, wenn er ihr ab und zu ein wenig Streu bringe. In mir stieg die Wut hoch. Ich bringe gar keine Streu und auch kein Futter, bändigte ich mich und fragte wie nebenbei, ob sie ihn denn immer in ihre Wohnung einlasse. „Ja, wieso nicht, ich habe sie ihr immerhin besorgt?“, antwortete er trocken. Da explodierte ich: „Du bist doch dafür verantwortlich, dass Frau Apfel hier in diesem Sozialloch haust, und wagst es auch noch, groß den Samariter zu spielen?“, schrie ich ihn an. Er darauf: Ob ich Trottel denn nichts bei ihm gelernt habe, sie wäre doch sowieso rausgeflogen! Und er habe noch das Schlimmste verhindert!

Das Schlimmste verhindert! Wie soll das gehen? Da standen wir schon beide. Die Bierflaschen drohend in der Hand. Ich wies ihm die Tür. Er ging.

Ich wollte wissen, ob er das Haus verlassen hatte oder zu Frau Apfel gegangen war. Ich wartete, bis ich mich etwas beruhigt hatte. Dann stieg ich leise die Treppen hinauf und lauschte an ihrer Tür. Ein schäbiges Verhalten, ich weiß, aber blieb mir eine andere Wahl? Ich hörte eine Männerstimme, die aber nicht die Stimme von Alex war. Das verwirrte mich. Dennoch, irgendetwas kam mir an dieser anderen Stimme bekannt vor. Es war weniger die Stimme selbst, eher war es diese stockende Art zu reden.

Am nächsten Tag fand ich am Boden des Liftes den Blütenkopf einer Aster. Ich konnte nicht widerstehen und ging wieder an Frau Apfels Tür. Diesmal hörte ich eine andere Männerstimme, und auch diese kam mir bekannt vor. Mir kamen die verrücktesten Ideen, einige davon sogar recht schmutzig. Ich bildete mir grauenhafte Dinge ein, solche, die ich hier gar nicht niederschreiben möchte. Ich sage nur: Sie hatten alle mit Alex und seiner Gemeindebau-Wohnungsvermittlung an Frau Apfel zu tun. Dafür schäme ich mich sehr.

Meine Besuche bei Frau Apfel wurden seltener, die anderen, die mysteriösen Besuche meine ich, wurden hingegen immer häufiger. Ich konnte mir immer noch nicht erklären, wer das war, und hörte immer wieder einen der beiden Männer oder Alex hinter ihrer Tür. Einmal sogar eine Frauenstimme, die mir auch bekannt vorkam. Lauter Stimmen, die mir auf irritierende Weise vertraut erschienen. Ich bekam Einschlafschwierigkeiten. Auch mein altes Alkoholproblem kehrte wieder. Dabei hätte es so vieles gegeben, worüber ich mit Frau Apfel reden wollte. Nicht über meine Geldsorgen natürlich, sondern darüber, wie ich jetzt weitermachen sollte. Dass es mir einfach an Kraft fehlte, einen neuen Job zu finden, dass ich vor lauter Panik, einem möglichen Arbeitgeber die Lücke in meinem Lebenslauf erklären zu müssen, immer mehr trank.

Die Lücke in meinem Lebenslauf wurde dadurch immer noch größer und infolgedessen sah ich mich immer weniger in der Lage, mich umzusehen und so weiter. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren meine Albträume. Immer wieder träumte ich: Ich stehe vor dem Schalter von Frau Apfel und schiebe die Terrestrische Navigation über die Pflanzenschneise. Plötzlich blitzt es und die Menschen gehen stöhnend zu Boden.
„Komm!“, sagt Frau Apfel und nimmt mich an der Hand. „Wenn ein Atomkrieg ausbricht, musst du in die Donau, sagt sie und zieht mich nach kurzem Lauf über die Wiesen in die Donau. Wir stehen in der Donau bis zum Hals und blicken auf den Kahlenberg, auf dem die Menschen wie Fackeln brennen. „Warte noch“, sagt sie, „bald wird alles vorüber sein.“ Dann sehe ich die Raumschiffe am Himmel. Über diese Träume hätte ich zum Beispiel auch sehr gerne mit ihr geredet.

Der Zweite, den ich aus unserer ehemaligen Bücherei-Bande im Lift antraf, war Philipp. Philipp war unser Hund Timmy. Er sprach mich tatsächlich mit „George?“ an. Er war derjenige, erkannte ich in diesem Moment, dessen stockende Stimme ich durch die Tür von Frau Apfel gehört hatte, ohne seine Stimme ganz wiederzuerkennen. Auch ihn lud ich in meine Wohnung ein. Philipp war deswegen unser Hund Timmy, weil wir uns die Fünf Freunde nannten. Ich muss das etwas näher erklären: Nach Enid Blyton bestehen die Fünf Freunde aus vier Kindern: Aus zwei Buben und zwei Mädchen und dem Hund Timmy, also musste einer von uns der Hund Timmy sein. Genauso, wie ich Georgina sein musste, aber wie Georgina darauf bestand, George gerufen zu werden. Alex und Christian waren natürlich Dick und Julian. Bei Anna mussten wir nur das „a“ zu einem unausgesprochenen „e“ ändern: Anne. Wir betrachteten das als gutes Zeichen. Alle Namen natürlich Englisch ausgesprochen. Erst später erfuhr ich, dass Philipp eigentlich „Freund der Pferde“ heißt und dachte viel darüber nach, ohne zu einem richtigen Schluss zu kommen. Waren wir die Pferde und er der Mensch?

Mit Philipp saß ich lange zusammen. Er hatte mit Anna kein Glück gehabt, genau wie ich es vermutet hatte. Die Adresse von Frau Apfel fand er ganz einfach in seinem Telefonbuch. Vor einem Monat habe er sich an sie erinnert, sagte er, weil er beim Aufräumen in seiner Wohnung ein Porzellanpferd gefunden habe, mit einer unterschriebenen lateinischen Widmung am Hals. Wer hat, frage ich mich, heute noch ein Telefonbuch? Wenn ich unser Gespräch memoriere, hat der Philipp überhaupt kein Glück gehabt. Dabei war er der einzige von unseren Fünf Freunden, dem ich immer Glück wünschte, auch später. Das ganze Glück meine ich. Schlecht sah er aus, aber er sagte, die Besuche bei Frau Apfel täten ihm gut. Es täte ihm leid, dass nur ich nicht in ihre Wohnung dürfe, ihm und den anderen von den Fünf Freunden hätte der Alex das nicht verboten.

Da begriff ich, und ich ging wieder öfter zu Frau Apfel. Anna kam mit hochwertigem Kaffee und sehr speziellem Katzenfutter und außerdem exquisitem Wein. Ich fragte sie gar nicht, wie sie zu Frau Apfel gefunden habe. Sie hatte es, wie man so sagt, zu etwas gebracht und war Leiterin des Jugendamts geworden. Ihre Haut wirkte ausgetrocknet und sie hatte viele Falten bekommen und ein Kind. Jede dieser Falten steht ihr, finde ich. Man sieht sie nur, wenn die Sonne darauf fällt, wie feine Bleistiftstriche, die das Gesicht konturieren. Christian kam vorgeblich als Nachzügler, jeder wusste, dass das nicht stimmte, aber wir gönnten ihm diese kleine Lüge, die er da völlig sinnlos aufstellte, warum auch immer.
Er war Lehrer geworden und hatte keine Ahnung warum und litt furchtbar unter dem vorgeblichen Online-Unterricht. Wir waren uns damals immer sicher, dass er Tischler oder Zimmerer werden würde, weil er uns immer die besten Baumhäuser baute. Er war es, der Unmengen an Katzenstreu brachte, obwohl wir ihm sagten, es sei zu viel. Ich selbst beschränkte mich auf die Milch und Philipp konnte sich nichts leisten.

Keiner von uns brachte Schnittblumen. Wir sprachen uns ab und standen seither alle am Gang. Die Gang-Gang waren wir jetzt. Für Frau Apfel haben wir einen Korbsessel organisiert, den wir ständig ersetzen mussten, weil er alle paar Wochen von Alex entfernt wurde. Gar nicht so einfach in der Pandemie. Vielleicht haben wir ihr deshalb erzählt, wer damals für ihren Wohnungsverlust gesorgt hat. Ansonsten hatten wir lange Gespräche über Literatur und das Leben. Nach der Katze fragten wir nicht. Wenn Alex kam, ging ich. Wenn Alex kam, gingen wir alle. Und dann öffnete sie ihm die Tür.

Ich habe, wie gesagt, den Zettel an mich genommen, den Frau Apfel an ihre Brust gedrückt hielt, als sie starb. Es handelt sich um eine Schenkungsurkunde. Eine Schenkungsurkunde über ihre ehemalige Wohnung im Alsergrund. Ausgestellt von Alex, der immer das Schlimmste verhindern wollte.

Frau Apfel ist tot. Ich sitze jetzt da, die Terrestrische Navigation auf meinen Knien. Ich würde jetzt gerne Philipp anrufen oder Anne, ich meine Anna. Oder Christian. Am liebsten Philipp. Nicht Alex. Aber es ist zu spät in der Nacht dazu.

Ich schlage die Terrestrische Navigation auf:

„Schon in der Bibel“, lese ich, „werden Grundlage und Ausgangspunkt der terrestrischen Navigation präzise dargelegt: ‚Er spannt über dem Leeren den Norden, hängt die Erde auf am Nichts.‘ Hiob 26:7.“

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 21090

Terrestrische Navigation 3

Moment! Kennen Sie schon Teil 1 und Teil 2?
Hier folgt der nächste Teil dieser Geschichte.

Am nächsten Tag läutete ich an. An ihrem Türöffner unten auf der Straße meine ich, ich weiß nicht warum, aber es erschien mir unstatthaft, an ihrer Wohnungstür zu läuten. Die Terrestrische Navigation hatte ich bei mir. Trotz der unvermeidlichen Verzerrung durch die Sprechanlage, es gibt da anscheinend keinerlei technischen Fortschritt, erkannte ich sofort ihr langgezogenes „Jaaaa?“ und das verschlug mir kurz die Rede. Ich brachte nur ein ungeschicktes „Ja, Frau Apfel, hier ist der Jonas!“ hervor. Dann kam lange nichts. „Der Jonas?“, quäkte es blechern, Pause, dann schepperte Frau Apfel: „Ja, der Jonas? Der kleine Raumfahrer?“ „Habe Schiffbruch!“ kämpfte ich mit meiner Stimme. „Komm doch herauf!“, sagte Frau Apfel.

Es fällt mir schwer zu schildern, wie das für mich war, der Besuch bei Frau Apfel. Wieder roch es nach Kaffee und Zigaretten und wieder war alles vollgestellt mit Büchern und mit dicken, breitblättrigen Topfpflanzen, als ob sie die ganze alte Stadtbücherei einfach mitgenommen hätte. Nur dass sie selbst noch viel dünner war, fast durchsichtig wirkte und ein wenig gebeugt. Sie sei nicht direkt entlassen worden damals, sagte sie. Es sei die Rede gewesen von Zentralisierung und Kostensenkung und so, aber sie hätte kein Interesse gehabt, für Altersteilzeit quer durch die ganze Stadt und noch dazu zu unmöglichen Zeiten in die Arbeit zu fahren. Und überhaupt, sie habe sich das angesehen, das sei ja keine richtige Bücherei gewesen, mehr eine Bahnhofshalle voller Rechner! Dann wäre plötzlich die Miete gestiegen und die habe sie sich nicht mehr leisten können mit ihrer Frühpension. Jemand habe ihr dann diese Gemeindebauwohnung vermittelt, wofür sie sehr dankbar sei. Trotzdem habe ihr das alles schon sehr zu schaffen gemacht. Besonders als sie die Katzen abgeben musste, weil hier ja keine erlaubt seien, das täte ihr besonders leid.

Ich merkte, dass sie nicht wusste, welche Rolle Alex bei ihrer Delogierung gespielt hatte. Ich legte die Terrestrische Navigation auf den Tisch. Dass ich dieses Buch die ganzen Jahre zurückgeben wollte, aber nie dazu kam, sagte ich. Sie nahm die Terrestrische Navigation in die Hand und sagte: „Aber das gehört doch dir, das war doch längst makuliert, ich dachte, das ist das richtige Geschenk für dich! Vielleicht hätte ich die Signatur runternehmen sollen?“ Dann kicherte sie: „Wie schön, dass du das noch hast!“ Darauf beugte sie sich über den Küchentisch und flüsterte, eine der Katzen habe sie heimlich mitgenommen, die Feli, die kleine Stinkerin, das müsse aber unter uns bleiben. „Strikter Geheimhaltungscode, verstehst du, Captain Jonas?“ Ich sah mich um, konnte aber keine Katze sehen. Nur Säcke mit Streu und eine Menge Schachteln Katzenfutter sah ich im Flur stehen und darauf lag ein Haufen Schnittblumen. Sonst käme sie sehr gut zurecht, sagte Frau Apfel auf dem Weg zur Tür, sie könne nicht klagen.

Ob sie irgendetwas brauche, fragte ich, ich könne ja gerne für sie einkaufen gehen in der Pandemie. Dann hat sie mich wieder angesehen mit ihren klugen Augen und gesagt: Milch, Milch für die Katze könne sie brauchen, ob ich denn morgen einkaufen gehe? Dann sagte sie etwas Seltsames. Sie sah mir noch genauer in die Augen und es fühlte sich an, als streichelte sie mich mit ihrer Stimme über den Kopf: „Du bist ein Guter!“, sagte sie. Aber bis heute bin ich mir nicht sicher, ob da nicht ein Fragezeichen dabei war. Beim Hinuntergehen in meine Wohnung fiel mir auf: Sie sprach mich immer noch mit „du“ an. Ich war froh darüber. Ich habe ihr dann die Milch vor die Tür gestellt, weil sie auf mein Klingeln nicht öffnete. Dabei hatte ich mir vorgenommen, sie diesmal zu fragen, wie sie das gemacht hatte mit dem Tippex.

Ab und zu öffnete sie dann doch. Wegen des Virus bat sie mich aber, es bei Gesprächen am Gang zu belassen, wo sie einen Aschenbecher am Fensterbrett stehen hatte, den niemand anderes benutzte, obwohl fast alle Parteien rauchen in unserem Gemeindebau. Durch meinen Ex-Beruf merke ich das sofort, ob jemand raucht im Haus. Mittlerweile hatte ich aber auch wieder begonnen mit dem Rauchen.
Neben den Aschenbecher stellte ich ihr eine breitblättrige Topfpflanze aus der Blumenhandlung gegenüber, das freute sie sehr. Es wurden zahlreiche Topfpflanzen und immer stand bei dieser Gelegenheit ihre italienische Kaffeekanne auf dem Fensterbrett und klemmte eine Blaise-Pascal-Ausgabe aus den 80ern zwischen den Fensterflügeln, um den Rauch rauszulassen. Diese Gespräche taten mir gut und ich merkte, wie es mir von Tag zu Tag besser ging. Sogar mit dem Trinken hörte ich fast auf.

Nach der Katze erkundigte ich mich nie und auch nicht nach dem Tippex. Bei einem dieser Gespräche hörte ich ein Geräusch in ihrer Wohnung: Jemand seufzte schwer. Ich fragte sie aber nicht danach, wer das sei, da ich nicht den Eindruck hatte, dass sie das wollte. Ich fragte mich dann aber, ob Frau Apfel mich wirklich wegen des Virus nicht mehr in ihre Wohnung einlud. Ich hätte mir das schon sehr stark gewünscht.

Auf ins Finale zu Teil 4!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 21089

Terrestrische Navigation 2

Halt! Haben Sie Teil 1 schon gelesen? Dies ist die Fortsetzung.

Wenn die Erwachsenen Beratung suchten, gingen sie zu Frau Apfel. Wenn nur ihre Kolleginnen da waren, fragten sie erst gar nicht. Auch wenn die Erwachsenen Beratung suchten, die nichts mit Büchern zu tun hatte, gingen sie zu Frau Apfel und redeten anfangs von Büchern, dann erst von ihren Problemen. Wir waren dann die Einzigen, die ihren Namen kannten. Wir gingen nämlich, wenn wir nicht weiterwussten, auch zu ihr, meistens handelte es sich um Schulaufgaben, bei mir waren es die in Latein. Es schimmerte grün, es roch nach Kaffee und Zigaretten, und eigentlich gab es keine Probleme. Wenn doch, dann delegierte Frau Apfel diese Probleme entweder an ihre Kolleginnen, oder, und das war ganz selten, wir durften sie in ihrer Wohnung besuchen, gegenüber der Stadtbücherei. Neben ihrer Tür hatte sie ein hellgrünes Schild in Apfelform. Darauf stand in feinen Linien Frau Apfel. Jeder von uns, der es sah, merkte sich ihren Namen.

Dort war es auch grün und roch nach Kaffee und Zigaretten. Und dort lösten sich dann selbst die schlimmsten Probleme in Rauch auf.

Von einem Tag zum anderen beschloss ich, Bücher aus der Erwachsenenabteilung auszuborgen. Da ging Frau Apfel mit mir und beriet mich, und es gab einen schrecklichen Streit mit ihren Kolleginnen über Forests Barbarella, von der ich die Herausgabe sämtlicher Bände forderte. Frau Apfel war dafür, ihre Kolleginnen dagegen. Diese Sumpfhühner! Trotzdem habe ich dann in Barbarella nur geblättert und nicht wirklich gelesen. Es waren keine Tippex-Stellen darin. Genau wie bei der Terrestrischen Navigation zum Beispiel, die jetzt vor mir liegt. Aber das ist ein schlechtes Beispiel, weil bei der Terrestrischen Navigation trennten sich meine Eltern. Wie sehr hätte ich Frau Apfel da gebraucht.

Weil ich zu meiner Mutter zog, konnte ich das Buch nicht zurückgeben und verlor außerdem meine Fünf Freunde. Meine Mutter und ich wohnten viel zu weit weg, als dass ich mich alleine zu Frau Apfel zu fahren getraut hätte. Und als ich so weit war, die Strecke zu bewältigen, schränkten sie die Öffnungszeiten ein, wegen des Sparpakets, wie mir meine Mutter erklärte. Und sie fand das auch ganz in Ordnung so, weil es denen ohnehin immer zu gut gegangen wäre. Ich solle doch das verdammte Buch behalten, erklärte sie mir, das geschehe denen nur ganz recht. So hätte sie früher nie geredet.

Ich wurde Speditionslogistiker. Erst viel später habe ich an der Abendschule maturiert. Mein Vater schickte mir aus diesem Anlass ein Stück Berliner Mauer. Er wäre damals dabei gewesen, las ich auf dem Stück Papier, in das er das Mauerstück eingewickelt hatte. In seinem Scheidungsjahr wäre er dort hingefahren, las ich, und es hätte sich historisch angefühlt, dieses Stück aus der Mauer zu schlagen. Mit diesen Schlägen hätte er auch sich selbst renoviert. Seitdem habe er beruflich Glück gehabt und könne mich in meinem Studium unterstützen, vorausgesetzt es sei BWL.

Statt Geographie studierte ich also BWL, ohne viel Freude, aber auch mir war klar: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Ich wollte aber ein Haus und ich baute auch eins. Doch das hat auch keine Freude gemacht. Als unser erstes Kind auszog, kam es kurz darauf zu diesem Prozess und ließ sich meine Frau von mir scheiden. Als ich auszog, stieß ich beim Füllen der Schachteln wieder auf dieses Buch: Terrestrische Navigation. Übungen und Aufgaben. Von Axel Bark. Aber aufgeschlagen habe ich es nicht. Damals hätte ich auch ihre Widmung gar nicht verstanden: „… denn auch die Erde ist ein ferner Planet.“ Aber erst Monate später kam ich auf die Idee, die Terrestrische Navigation zurückzugeben.

Ich erinnere mich an meine damalige Begründung dafür: „Dieses Buch passt nicht zu meinen sonstigen Büchern.“ Ich muss außerdem daran gedacht haben, dass die Leihgebühren mittlerweile astronomisch seien, aber das hat mich nach den ganzen Prozesskosten wahrscheinlich auch nicht mehr gestört, das heißt, das kann für mich keinerlei Wirklichkeitswert mehr gehabt haben. Ich versäumte auch, wenigstens nach den Öffnungszeiten meiner etwas abseitigen Kindheitsfiliale der Wiener Stadtbüchereien zu sehen. Ich ging einfach mit der Terrestrischen Navigation hin. Dann stand ich vor dem Leerstand. Ich begriff, dass es meine Firma gewesen war, die im Auftrag einer Fitness-Studio-Kette diesen Leerstand bewirkt hatte. Der Plan war gewesen, dieses Studio über alle Etagen des Hauses zu ziehen. Ein fünfstöckiges Fitness-Studio-Haus.
Die Leihbücherei im Erdgeschoß störte diesen Plan natürlich erheblich. Ich war damals derjenige, der wusste, mit wem er zu reden hatte, um dieses Haus aus dem städtischen Besitz zu lösen, um damit nicht nur das Haus, sondern gleichzeitig auch das Erdgeschoß freizubekommen.

Gerade das freigewordene Erdgeschoß brachte mir damals die dringend benötigte Aufstockung und einen ansehnlichen Bonus ein. Nur dass mir das alles erst wieder einfiel, als ich vor diesem Leerstand stand. Das muss 2008 gewesen sein, ein wildes Jahr, wo wir die Aufputscher wie Soletti fraßen und auch ein Jahr, das erklärt, warum mit dem Fitness-Studio dann doch nichts weiterging. So etwas in der Art dachte ich mir auch damals, als ich vor dem Leerstand stand, und dann ging ich etwas trinken. Ab da wurde das immer häufiger, das mit dem Trinkengehen.

Beruflich machte ich keine besonderen Fortschritte mehr. Bei den obligaten Lokalbesuchen nach einem Geschäftsabschluss nahm mich Alex immer häufiger zur Seite und meinte, ich solle wenigstens bei den Geschäftsgesprächen nicht so oft soziale Bedenken äußern wie in letzter Zeit; das schade nicht nur dem generellen Ablauf, sondern auch mir. Alex kenne ich seit meiner Zeit in der Stadtbücherei. Er war sozusagen der Chef unserer Fünf Freunde, unserer Bücher-Bande, und hat mir nach meinem Studium den Weg in seine Firma geebnet. In den ersten Jahren waren wir oft Skifahren und auf Festivals. Einmal sogar auf Roskilde. Auf dem Roskilde-Festival hat er bei unserem gemeinsamen LSD-Trip auf mich aufgepasst wie ein großer Bruder. Schon immer fühlte er sich für mich verantwortlich, ganz wie bei unserer Bücher-Bande, wo er sich auch immer für alle zuständig fühlte. Weil er merkte, dass mit mir nichts mehr so recht ging, versuchte er mir den Kopf zurechtzurücken. Das machte er immer vor dem Pissoir. Einmal sagte er sogar, meine Einwürfe wirkten verschroben und unpassend.

Dann bekam ich mit, dass er Frau Apfel delogieren ließ und sich ihre Wohnung unter den Nagel riss. Ihre Friedenszins-Wohnung im Alsergrund bildete nun seine stattliche Altersvorsorge. Bei einem unserer Pissoirgespräche machte ich ihm deshalb Vorwürfe. Er lachte mich aus, fragte, wer denn diese Frau Apfel sei, und bezeichnete mich als Sozialromantiker. Laut Protokoll habe ich ihn daraufhin offenbar am Hinterkopf gefasst und mit der Stirn so heftig gegen die Pissoirwand geschlagen, dass er bewusstlos zu Boden sank. Es kam zu diesem Prozess, der mich Haus und Ehe und schließlich den Job kostete, und wir gingen uns seitdem aus dem Weg.

Ich muss an dieser Stelle ein gutes Wort für Alex einlegen. Es war mir vor, während und nach unserem Prozess immer klar, dass er es gut mit mir meinte. Es ging mir dabei immer nur um Frau Apfel und das hat er damals eben nicht verstanden. Das hat mich wahnsinnig aufgeregt. Ich weiß auch, dass er recht hatte damit, dass ich immer unpassender wurde. Im Immobiliengewerbe bist du ein T-Rex. Aber ich wollte ein T-Rex sein, der zum Vegetarismus aufruft. Verschroben und unpassend, da hat sich der Alex sogar noch schonend ausgedrückt. Er wollte mir helfen. Aber er konnte schließlich auch nicht verhindern, dass ich gekündigt wurde. Meine Kündigung hatte nichts mit Alex und auch nichts mit der Pandemie zu tun, wie das meine Mutter je nachdem behauptet. Das hatte nur mit mir zu tun. Da mache ich mir nichts vor.

Im Zuge der Pandemie machte die Stadt den Zugang zu ihren Klein- und Kleinstwohnungen in ihren Sozialbauten frei und so viel Kraft und Geld hatte ich noch, eine davon zu beziehen, auch wenn ich sie bis jetzt nicht eingerichtet habe. Als ich Monate später mein Namensschild bei der Haustür einschob, fiel es mir auf: Frau Apfel. Mit der höchsten Türnummer. Zwei Stockwerke über meiner Wohnung. Wäre auf der Türöffnerleiste nichts weiter gestanden als Apfel, hätte ich mir nichts dabei gedacht, aber Frau Apfel – noch dazu in dieser Schrift, mit der immer ein wenig zu blassen Tinte? Unmöglich, dass das jemand anders sein konnte.

Weitere Entdeckungen warten in Teil 3.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 21088

Terrestrische Navigation 1

Ich hatte es schließlich in der Hand. Sämtliche 43 Umzugskartons, die geöffneten und die immer noch nicht geöffneten, hatte ich durchwühlt, um es zu finden. Schließlich entdeckte ich es unter dem Bett. Dort, wo ich als Kind immer die Bücher versteckt hatte, die an mich gerichtet waren, wie Briefe von geheimnisvollen Absendern direkt an mich. Da hatte ich es wieder in der Hand, das nie gelesene, nie zurückgegebene Buch, das mir Frau Apfel schließlich geschenkt hat. Das sie mir immer schon geschenkt hat, wie ich jetzt erst weiß. Ich öffnete es und fand zum ersten Mal ihre Widmung: „Für Jonas, denn auch die Erde ist ein ferner Planet. Navigare necesse est!“ Und darunter säuberlich: „Frau Apfel“. Viel später merkte ich, dass ich wie besinnungslos weinte. Minuten? Stunden? Über Frau Apfel, über mich, über das Leben auf dieser Erde und schließlich darüber, dass ich schon so lange nicht mehr geweint hatte.

Ich habe Frau Apfel gefunden, seitlich lag sie, als ob sie vom Küchensessel gefallen wäre, und hielt einen Zettel an die Brust gepresst. Den nahm ich an mich. Ich war dabei, als sie ihre Wohnungstür aufbrechen und wie gewohnt zurückweichen wollten vor dem Gestank. Aber da war nichts aufzubrechen, das hatte ich ihnen doch gesagt. Die Tür stand im Gegenteil offen, sie war leicht angelehnt, so, dass der zarteste Wind sie hätte zurück ins Schloss drücken können. Und da war auch kein Gestank, nicht der nach Verwesung, wie man es immer in der Zeitung liest. Es roch vielmehr nach vertrockneten Blumen, durchsetzt von saurer Milch und Katzenfutter.
Also nichts Ungewöhnliches für einen Gemeindebau. Dieser Geruch rührte von unzähligen Blumenbouquets in allen Größen, alle ohne Grußkarten. Vertrocknete Narzissen- und Chrysanthemenbündel, zu floristischen Skulpturen gewundenes Allerlei, selbst frische Orchideen- und riesenhafte Rosensträuße waren darunter, alles notdürftig gegen die Wand gestapelt und immer wieder unterbrochen und gestützt von Säulen aus Milchpackungen und solchen aus Katzenstreu und Katzenfutter. Dabei hatte sie mit Sicherheit gar keine Katze! Einer der Exekutivbeamten fragte mich, ob Frau Apfel das denn alles selbst gekauft habe, weil so viele Blumen und in ihrem Alter? Ich verneinte, ich sagte aber auch nicht, wer das alles gekauft hatte. Er drang diesbezüglich  weiter auf mich ein, glücklicherweise wurde er in diesem Moment von seinem Einsatzleiter gerufen. Schnittblumen waren außerdem nicht ihr Stil. Die Todesursache lautete auf Herzinfarkt.

Was sie mochte, waren Topfpflanzen. Vor allem Grünlilien, Drachenbaum und die Yuccapalme. Sie standen auf den Regalen hinter ihr, die bis zur Decke reichten. Kein Gegenstand dazwischen. Ihre Pflanzen standen auch neben der Kaffeemaschine auf dem Wackeltisch, und selbstverständlich auf der vorgelagerten und hochgestellten Holzfläche, auf der man die Bücher abzuholen hatte, aber immer so, dass eine Schneise blieb für die Bücher. Manchmal, wenn auch selten, bildete sich vor ihrem Schalter eine Schlange und dann beobachtete ich Frau Apfel durch die dicken, breiten Blätter ihrer Pflanzen.
Diese Urwaldpflanzen mit ihren dicken, breiten Blättern, die höchstens einmal im Jahr, dann dafür rein weiß blühen, waren ihr am liebsten. Sie hatte auch diese exotischen Hängepflanzen auf dem Fensterbrett hinter ihr, aber die mussten dann dem Kopierer weichen, sie hätte ja immer über dieses Ungetüm von Kopierer klettern müssen, um ihre Hängepflanzen zu gießen. Und sie war nicht sehr sportlich. Ich habe nie geseh’n, ob der Kopierer auch benutzt wurde.

Sie war nicht sportlich, sie war vielmehr ungeheuer zart, ich hatte schon als Kind den Eindruck, sie müsse nicht schwerer wiegen als ein Vogel, ich könne sie mit einer Hand über den Kopierer heben, damit sie ihre Hängepflanzen gießen kann. Aber gewagt hätte ich das nie, sie war nämlich auch gleichzeitig voll unerklärlicher Kraft.
Wenn ein Erwachsener ungeduldig und laut wurde, weil zum Beispiel sein bestelltes Buch immer noch nicht da war, hob sie nur kurz ihre hellen, klugen Augen vom Buch, das sie gerade las, und ruhig wurde der Erwachsene. Wir Kleinen wussten, dass man so nicht sprach mit der Frau Apfel. Es hieß, dass sie studiert habe. Trotzdem habe ich sie immer vergessen, sobald ich nach Hause ging. Das kann an den Büchern gelegen haben, auf die ich mich schon so sehr freute, dass ich oft schon im Gehen anfing, eines zu lesen, es kann auch an etwas anderem gelegen haben. Ich glaube, ich habe Frau Apfel schon vergessen, sobald sich die Tür der Stadtbücherei hinter mir schloss.

Aber das ging nicht nur mir so. Auch meine Eltern konnten sie nie recht einordnen, wenn sie anrief, um mitzuteilen, dass mein Buch eingetroffen oder eine Verlängerung fällig war. Als sie mir dann das ausgestempelte Leseheft zuschickte, dem ein Gratulationsschreiben mit einem Zitat beigelegt war („Was die Jugend braucht, ist Disziplin und ein voller Bücherschrank!“), stritten zwar meine fortschrittlichen Eltern tagelang über dieses Zitat, dachten aber dabei keine Sekunde an Frau Apfel. Ich habe später das Leseheft samt dem Zitat hinter Glas eingerahmt und an meine Zimmerwand gehängt. Aber selbst ihre Kolleginnen wussten oft nicht, wen ich meinte, wenn ich sie beschrieb.
Ich musste sie immer beschreiben, weil auch mir ihr Name nie einfiel. Wenn ich mich mit meinen Fünf Freunden in der Au traf und darüber beklagte, dass ich schon wieder vergessen hatte, meine Bücher zu verlängern, sagten sie, das sei doch kein Problem bei der, bei der … dann fiel ihnen ihr Name nicht ein, obwohl wir alle uns unsere Bücher ausschließlich von Frau Apfel verlängern ließen. Erstens weil da mehr als dreimal Verlängern drinnen war, und zweitens, weil sie sich bei den Gebühren immer wieder zu unseren Gunsten verrechnete. Anfangs korrigierten wir sie ja bei ihren Berechnungen, aber das hatte sie nicht gern.

Ich hatte übrigens kein Problem damit, dass alle Fünf Freunde nur bei ihr ausliehen, weil die anderen ja immer noch Enid Blyton und die Drei Fragezeichen lasen, ich hingegen schon echte Fantasy und vor allem über Raumfahrt. Also kamen wir uns nicht in die Quere mit dem Ausleihen und ich hatte immer direkten Zugriff auf meine Bücher. Dabei ist mir etwas Merkwürdiges aufgefallen: An manchen Stellen, besonders an solchen, wo es um Frauen oder weibliche Aliens ging, waren die entscheidenden Stellen mit Tippex abgedeckt und überschrieben worden.

An einen dieser Sätze aus Raumschiff Orion kann ich mich noch erinnern. Er fing an mit: „Sie lehnte sich über die Theke und grinste mich an, ich konnte alles sehen, zwei wunderbare, prall gefüllte Körbchen …“, dann weiter mit Schreibmaschine auf Tippex, „… mit Frischobst aus den Perseiden standen direkt vor ihr.“ Ich hatte das damals schon durchschaut und ärgerlich gefunden. Später lachte ich darüber, dann wunderte ich mich: Warum gerade Frischobst? Und was hatte Frau Apfel, denn nur sie konnte es gewesen sein, dabei gedacht? Und hatte sie tatsächlich alle Bände von Raumschiff Orion zensuriert? Und welche der vielen einschlägigen Reihen der Jugendabteilung noch? Hatte sie sich dazu tatsächlich die Mühe gemacht, jeden Band zu zerlegen und neu zu binden? Nur so hätte sie in die Buchseiten tippen können. Oder hatte sie eine besondere Schreibmaschine? Wie war das möglich?

Das erfahren Sie (vielleicht) in Teil 2?

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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Das Rehwild

Nimm an ein schwarzer Kater
Der im Größenwahn
Ja, im Wahn was tat er?
Er ging ein Rehwild an!

Er ging es an, ach wär’s nur das!
Er musst’ es auch gleich jagen
Die Leidenschaft am Herze fraß
Am Katerherzen will ich sagen

Er jagte und er legte es
In einem Wiesenneste
„Ach, dass ich nie mehr Rehwild fress!
Ich fraß mir weg das Beste!“

So maunzt’ geknickt der Wüterricht
Da hat man ihn gefangen
Und stellte ihn vors Tiergericht
Und wollt’ ihn auch gleich hangen

Nur dass er jung an Jahren
Hat ihm den Hals geschonet
Nach Trommeln und Fanfaren
Hat hohl die Eul getonet:

„Kater  fressen Rehlein nicht!
Nur Kleinvieh sei die Beute
Gattungsschranken sind hier Pflicht
Darum verkünd ich heute:

Weil Liebe ihn zur Schandtat trieb
Sei ihm die Lieb entzogen
Weder hab ihn jemand lieb
Noch sei er wem gewogen!“

Doch da der Kater gar so jung
Als er die Tat begangen
Erfährt das Urteil Milderung
In magischen Belangen

Gesetzt, dass es geschähe
Es liebt’ ihn wer so rein
Dass er die Seele sähe
Von uns’rem Katerlein

So sei er aufgehoben
Der Bann samt Fluch und Schwur
Die Klausel ist zu loben
Weil lehrhafter Natur –

Vielleicht in alten Zeiten
Gab es solch reine Liebe
Doch was wir uns bereiten
Das folgt vielmehr dem Triebe

Der arme schwarze Kater
Randvoll mit bitt’rer Reue
Als er dies hört’ verzagt er
Hier half ihm keine Schläue

Einst so frech und munter
Nach bösen Katerjahren
Kam der Kater runter
An Fell und Fang und Haaren

Er trug den Schweif gedrücket
Trüb wurden ihm die Augen
Die einst die Katz entzücket
Man mochte es kaum glauben

Es drückte ihm die Seele
Im Wachen und im Traume
Damit sie ihn nicht quäle
Hing er sie auf einen Baume

***

Ein Reh liebte zu pirschen
Früh fing es damit an
Es liebte vor allem die Hirschen
Was ihm gar übel bekam

„Rehwilder grasen und fressen
Nur Pflanzen grün und fad
Wie konntest du dich vermessen!?“
So sprach der Rehwildrat

Das Reh ward drum verstoßen
In den dunklen Tann
Es regnete Hagelschoßen
Es fror und weinte, doch dann …

Sah es des Katers Seele
An jenem Baume hangen
Ich will, dass man uns vermähle
Sprach es voll Wunderbangen

Es nahm die Seele vom Triebe
Und wickelt’ sich darin ein
Die Seele erglühte in Liebe
Und fuhr in den Kater ein

Der schoss aus dem Unterholze
Auf das Rehlein zu
Wir spar’n uns das Liebesgebolze
Sie heirateten im Nu!

Sie hielten sich in Ehren
Und ließen an sich alles dran
Höchstens – wer kann es verwehren?
Ein kleines Stück Ohr dann und wann

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21083

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Etwas zur Blauglocke

Der Garten hat uns verändert. Eigentlich ist es kein Garten, sondern das Gelände einer stillgelegten Gemüse-Konservenfabrik in einem westlichen Wiener Bezirk.

Jetzt, da der Frühling kommt, liege ich öfter bei geöffnetem Fenster und da sowohl der Straßenverkehr als auch meine Berufstätigkeit stark abnahmen, umfängt mich ein wohltuend betäubender Frieden. Ich lausche den Vögeln und atme unsere Pflanzen.

Ab und zu verfällt eine alte Werkshalle, die müssen wir dann räumen. Dadurch entsteht neuer Boden, den wir freistemmen, und wir erkennen langsam, wie groß das Gelände ist.

Hier wohnen noch: die Nachkommen des Fabrikanten, deren Kinder, drei Katzen und ich. Ich wollte hier eigentlich nur vorübergehend wohnen.

Als ich hier vor Jahrzehnten in eines der leeren Betriebsgebäude einzog, war das Viertel so gut wie tot. Die Ruhe hier machte uns allen Angst. Wir stellten die Boxen in die Fenster, luden Bands ein, grillten, redeten laut und viel und lernten uns alle nicht kennen. Wir tanzten auf den alten Werkshallen, bis die Dächer einbrachen. Das alles war dann nach der Jahrtausendwende vorbei.

Um 2008 herum tauchten die ersten Blumentöpfe auf. Erst kleine, unbedeutende Zierblumen, dann Küchenkräuter und diverse Strauchartige. Ein paar Jahre später kam es zu massiven Oleandern und Magnolien, schließlich Rosen. Vorerst alles in Töpfen. Keiner wusste, woher. Es fragte auch keiner.

Wir begriffen: jede Pflanze ein Schritt aus der Depression. Wir lernten bald, unsere Hochbeete vor den Katzen und streunenden Hunden zu schützen, indem wir Zweige quer über die errichteten Holzkästen legten. Wir lernten, Fässer unter die undichten Regenrinnen zu stellen, unweit unserer Gemüsepflanzungen. Wir schärften unseren Blick auf die Wolken und ihre Bedeutung.

Wir pflanzten bald direkt im Boden. Während uns das Interesse an unserem Berufsleben ungewollt verloren ging, stellten wir allgemeines Wachstum fest. Während der immer heißeren Sommer ließen sich Neulinge bei uns nieder: Die Chinesische Blauglocke, ein besonders wuchsfreudiger Baum, der violett blüht, bevor er massive Blätter anlegt, fällen wir nicht mehr. Sie liegt den Katzen am Herzen. Sie trauerten an den verbliebenen Stümpfen.

Dadurch aber bricht die Chinesische Blauglocke vermehrt durch unsere Mauern. Sie wächst dort am liebsten. Zwei schon unserer Mauern fielen in die benachbarten Höfe. Von dort wird uns seither diverser Müll über die Mauerreste geworfen: Küchensäcke, Bestandteile alter Kühlschränke, Schnapsflaschen.

Oder ist dieser Müll immer noch die Rache unserer gekränkten Katzen? In unseren Träumen erobern wir diese Höfe und erweitern unseren Garten. Doch dann fehlt uns dazu die Lust.

Wir merken, wie wir immer ruhiger werden und uns das Interesse an der Außenwelt abhandenkommt. Auch die immer selteneren Besucher beruhigen sich bei uns sofort. Sie sagen, dass sie sich bei uns an etwas erinnert fühlen, das ihrer Kindheit fehlt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21076

 

Instagram

Bin beeindruckt sicherlich –
gar tief vertiefst du deine Nas
ins halbgeleerte Rotweinglas.
Doch fehlt etwas, bemerke ich!

Zwar steigt, dem Weine wohl entsprossen,
schon kräftig Röt in Aug und Wang,
auch hält die Hand gar sehr entschlossen
den Becher fest in ihrer Zang,

wie häufig aber, frag ich schon,
geschah die Gläserdehydration?
Geleerte Gläser mitzuschicken,
möcht als Beweis ich mir erbitten!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 21073

Ideenfee

Es plagt Palmström eine Idee
Nein, vielmehr bloß ihr Schatten
Als wär’s der Schatten einer Fee
Auf des Verstandes Matten

Wenn Palmström nur den Schatten hätt’
Würd die Idee nicht bocken
Mit List geht er deshalb zu Bett
Ideenfee zu locken

Ein neuer Antrieb ist’s vielleicht
Es wälzt sich Palmström tüchtig
Mit einer Drehzahl unerreicht
Doch die Idee bleibt flüchtig

Geschickt weicht sie ihm immer aus
Daneben gehen die Hände
Er fährt aus seinen Decken raus
Und auch aus seinem Hemde

Die Dusche hat sich stets bewährt
Er duscht, bis wir uns freuen
Doch die Idee, die er begehrt
Sie scheint das Nass zu scheuen

Privatgeschäft, ob groß, ob klein
Muss ihn doch inspirieren
Zwei Stunden später sieht er ein
Da lässt sich nichts diktieren

Mein Hirn, ruft er, beginnt zu glüh’n!
Nichts hilft mich abzulenken!
Bloß einmal nur um nichts bemüh’n!
Bloß einmal nur nichts denken!

Da fällt ihm ein, was er gewollt:
Oh Fee, wie soll ich’s danken?
Eine Idee wie  lautres Gold:
Ein Tag ohne Gedanken!

Drauf sperrt er sich ins Atelier
Und baut eine Kabine
Es ist, oh Palmström, ach herrje!
Eine Gedankensaugmaschine!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 20112