Terrestrische Navigation 4

Stop!
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lesen Sie zuvor Teil 1Teil 2 und Teil 3.

Die Antwort darauf, warum sie mich nicht mehr in ihre Wohnung ließ, ergab sich vor etwa drei Wochen. Ich stieg mit der Milch für Frau Apfel in den viel zu kleinen Lift und vor mir stand Alex. Ich erkannte ihn, trotz seiner Maske. Immer noch hatte er die kleine Narbe auf der Stirn. Mit seiner linken Hand umklammerte er einen Strauß Margeriten. Mit der anderen eine Packung Katzenstreu. Als wir in meinem Stockwerk ankamen, sah ich, dass er schwitzte. Wir gingen in meine Wohnung. Er hatte beträchtlich zugenommen und ließ sich schwer in mein Sofa fallen. Ich öffnete zwei Flaschen Bier, trotzdem schwiegen wir weiter. Schließlich seufzte er, ich erkannte dieses Seufzen sofort.

Er begann: Nach unserem letzten Gespräch, so drückte er sich tatsächlich aus, (nach unserem letzten Gespräch!) habe er sich erinnern können, wer die Frau Apfel sei. Dann sei ihm klar geworden, wie sehr sie ihm damals geholfen habe, mit seinen Schulaufgaben. Nein, er habe kein schlechtes Gewissen gehabt, wegen der Sache mit ihrer Wohnung. Er sei sogar froh, dass seine Tochter nun diese Wohnung nutzen könne, während ihres Studiums. Er habe aber nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass er ihr noch was schulde, der Frau Apfel. Er habe auch nicht lange gebraucht, sie zu finden, es gebe ja nicht viel Äpfels in Wien. „Viele Apfels!“, korrigierte ich ihn.

Er machte dazu, wie immer, wenn ich ihn korrigierte, seine wegwerfende Handbewegung. Sie habe bei ihrer Schwester am Stadtrand gewohnt, meinte er, dort habe er sie gefunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Frau Apfel eine Schwester haben sollte. Er behauptete, sofort gesehen zu haben, dass diese Wohnsituation Frau Apfel nicht zuträglich gewesen sei, außerdem vertrage sie sich nicht mit ihrer Schwester. Überhaupt, ergänzte er, sei Frau Apfel ein Charakter, der es vorzöge alleine zu wohnen. Da musste ich ihm Recht geben. Also habe er ihr, fuhr er fort, über die Partei diese Gemeindewohnung besorgt und sehe seitdem öfter vorbei. Gerade jetzt in der Pandemie sei es sinnvoll, dass er bei ihr regelmäßig vorbeischaue, wegen der Einkäufe und so. Dann haben plötzlich die Milchtürme und das Katzenzeugs bei ihr begonnen, von selbst zu wachsen und sie habe ihm gestanden, dass der Jonas, also ich, hier im Haus wohne. Da habe er sie gebeten, mich nicht mehr einzulassen.

Ich solle übrigens damit aufhören, so viel Milch und Katzenzeugs zu bringen, sie habe doch gar keine Katze. Es genüge völlig, wenn er ihr ab und zu ein wenig Streu bringe. In mir stieg die Wut hoch. Ich bringe gar keine Streu und auch kein Futter, bändigte ich mich und fragte wie nebenbei, ob sie ihn denn immer in ihre Wohnung einlasse. „Ja, wieso nicht, ich habe sie ihr immerhin besorgt?“, antwortete er trocken. Da explodierte ich: „Du bist doch dafür verantwortlich, dass Frau Apfel hier in diesem Sozialloch haust, und wagst es auch noch, groß den Samariter zu spielen?“, schrie ich ihn an. Er darauf: Ob ich Trottel denn nichts bei ihm gelernt habe, sie wäre doch sowieso rausgeflogen! Und er habe noch das Schlimmste verhindert!

Das Schlimmste verhindert! Wie soll das gehen? Da standen wir schon beide. Die Bierflaschen drohend in der Hand. Ich wies ihm die Tür. Er ging.

Ich wollte wissen, ob er das Haus verlassen hatte oder zu Frau Apfel gegangen war. Ich wartete, bis ich mich etwas beruhigt hatte. Dann stieg ich leise die Treppen hinauf und lauschte an ihrer Tür. Ein schäbiges Verhalten, ich weiß, aber blieb mir eine andere Wahl? Ich hörte eine Männerstimme, die aber nicht die Stimme von Alex war. Das verwirrte mich. Dennoch, irgendetwas kam mir an dieser anderen Stimme bekannt vor. Es war weniger die Stimme selbst, eher war es diese stockende Art zu reden.

Am nächsten Tag fand ich am Boden des Liftes den Blütenkopf einer Aster. Ich konnte nicht widerstehen und ging wieder an Frau Apfels Tür. Diesmal hörte ich eine andere Männerstimme, und auch diese kam mir bekannt vor. Mir kamen die verrücktesten Ideen, einige davon sogar recht schmutzig. Ich bildete mir grauenhafte Dinge ein, solche, die ich hier gar nicht niederschreiben möchte. Ich sage nur: Sie hatten alle mit Alex und seiner Gemeindebau-Wohnungsvermittlung an Frau Apfel zu tun. Dafür schäme ich mich sehr.

Meine Besuche bei Frau Apfel wurden seltener, die anderen, die mysteriösen Besuche meine ich, wurden hingegen immer häufiger. Ich konnte mir immer noch nicht erklären, wer das war, und hörte immer wieder einen der beiden Männer oder Alex hinter ihrer Tür. Einmal sogar eine Frauenstimme, die mir auch bekannt vorkam. Lauter Stimmen, die mir auf irritierende Weise vertraut erschienen. Ich bekam Einschlafschwierigkeiten. Auch mein altes Alkoholproblem kehrte wieder. Dabei hätte es so vieles gegeben, worüber ich mit Frau Apfel reden wollte. Nicht über meine Geldsorgen natürlich, sondern darüber, wie ich jetzt weitermachen sollte. Dass es mir einfach an Kraft fehlte, einen neuen Job zu finden, dass ich vor lauter Panik, einem möglichen Arbeitgeber die Lücke in meinem Lebenslauf erklären zu müssen, immer mehr trank.

Die Lücke in meinem Lebenslauf wurde dadurch immer noch größer und infolgedessen sah ich mich immer weniger in der Lage, mich umzusehen und so weiter. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren meine Albträume. Immer wieder träumte ich: Ich stehe vor dem Schalter von Frau Apfel und schiebe die Terrestrische Navigation über die Pflanzenschneise. Plötzlich blitzt es und die Menschen gehen stöhnend zu Boden.
„Komm!“, sagt Frau Apfel und nimmt mich an der Hand. „Wenn ein Atomkrieg ausbricht, musst du in die Donau, sagt sie und zieht mich nach kurzem Lauf über die Wiesen in die Donau. Wir stehen in der Donau bis zum Hals und blicken auf den Kahlenberg, auf dem die Menschen wie Fackeln brennen. „Warte noch“, sagt sie, „bald wird alles vorüber sein.“ Dann sehe ich die Raumschiffe am Himmel. Über diese Träume hätte ich zum Beispiel auch sehr gerne mit ihr geredet.

Der Zweite, den ich aus unserer ehemaligen Bücherei-Bande im Lift antraf, war Philipp. Philipp war unser Hund Timmy. Er sprach mich tatsächlich mit „George?“ an. Er war derjenige, erkannte ich in diesem Moment, dessen stockende Stimme ich durch die Tür von Frau Apfel gehört hatte, ohne seine Stimme ganz wiederzuerkennen. Auch ihn lud ich in meine Wohnung ein. Philipp war deswegen unser Hund Timmy, weil wir uns die Fünf Freunde nannten. Ich muss das etwas näher erklären: Nach Enid Blyton bestehen die Fünf Freunde aus vier Kindern: Aus zwei Buben und zwei Mädchen und dem Hund Timmy, also musste einer von uns der Hund Timmy sein. Genauso, wie ich Georgina sein musste, aber wie Georgina darauf bestand, George gerufen zu werden. Alex und Christian waren natürlich Dick und Julian. Bei Anna mussten wir nur das „a“ zu einem unausgesprochenen „e“ ändern: Anne. Wir betrachteten das als gutes Zeichen. Alle Namen natürlich Englisch ausgesprochen. Erst später erfuhr ich, dass Philipp eigentlich „Freund der Pferde“ heißt und dachte viel darüber nach, ohne zu einem richtigen Schluss zu kommen. Waren wir die Pferde und er der Mensch?

Mit Philipp saß ich lange zusammen. Er hatte mit Anna kein Glück gehabt, genau wie ich es vermutet hatte. Die Adresse von Frau Apfel fand er ganz einfach in seinem Telefonbuch. Vor einem Monat habe er sich an sie erinnert, sagte er, weil er beim Aufräumen in seiner Wohnung ein Porzellanpferd gefunden habe, mit einer unterschriebenen lateinischen Widmung am Hals. Wer hat, frage ich mich, heute noch ein Telefonbuch? Wenn ich unser Gespräch memoriere, hat der Philipp überhaupt kein Glück gehabt. Dabei war er der einzige von unseren Fünf Freunden, dem ich immer Glück wünschte, auch später. Das ganze Glück meine ich. Schlecht sah er aus, aber er sagte, die Besuche bei Frau Apfel täten ihm gut. Es täte ihm leid, dass nur ich nicht in ihre Wohnung dürfe, ihm und den anderen von den Fünf Freunden hätte der Alex das nicht verboten.

Da begriff ich, und ich ging wieder öfter zu Frau Apfel. Anna kam mit hochwertigem Kaffee und sehr speziellem Katzenfutter und außerdem exquisitem Wein. Ich fragte sie gar nicht, wie sie zu Frau Apfel gefunden habe. Sie hatte es, wie man so sagt, zu etwas gebracht und war Leiterin des Jugendamts geworden. Ihre Haut wirkte ausgetrocknet und sie hatte viele Falten bekommen und ein Kind. Jede dieser Falten steht ihr, finde ich. Man sieht sie nur, wenn die Sonne darauf fällt, wie feine Bleistiftstriche, die das Gesicht konturieren. Christian kam vorgeblich als Nachzügler, jeder wusste, dass das nicht stimmte, aber wir gönnten ihm diese kleine Lüge, die er da völlig sinnlos aufstellte, warum auch immer.
Er war Lehrer geworden und hatte keine Ahnung warum und litt furchtbar unter dem vorgeblichen Online-Unterricht. Wir waren uns damals immer sicher, dass er Tischler oder Zimmerer werden würde, weil er uns immer die besten Baumhäuser baute. Er war es, der Unmengen an Katzenstreu brachte, obwohl wir ihm sagten, es sei zu viel. Ich selbst beschränkte mich auf die Milch und Philipp konnte sich nichts leisten.

Keiner von uns brachte Schnittblumen. Wir sprachen uns ab und standen seither alle am Gang. Die Gang-Gang waren wir jetzt. Für Frau Apfel haben wir einen Korbsessel organisiert, den wir ständig ersetzen mussten, weil er alle paar Wochen von Alex entfernt wurde. Gar nicht so einfach in der Pandemie. Vielleicht haben wir ihr deshalb erzählt, wer damals für ihren Wohnungsverlust gesorgt hat. Ansonsten hatten wir lange Gespräche über Literatur und das Leben. Nach der Katze fragten wir nicht. Wenn Alex kam, ging ich. Wenn Alex kam, gingen wir alle. Und dann öffnete sie ihm die Tür.

Ich habe, wie gesagt, den Zettel an mich genommen, den Frau Apfel an ihre Brust gedrückt hielt, als sie starb. Es handelt sich um eine Schenkungsurkunde. Eine Schenkungsurkunde über ihre ehemalige Wohnung im Alsergrund. Ausgestellt von Alex, der immer das Schlimmste verhindern wollte.

Frau Apfel ist tot. Ich sitze jetzt da, die Terrestrische Navigation auf meinen Knien. Ich würde jetzt gerne Philipp anrufen oder Anne, ich meine Anna. Oder Christian. Am liebsten Philipp. Nicht Alex. Aber es ist zu spät in der Nacht dazu.

Ich schlage die Terrestrische Navigation auf:

„Schon in der Bibel“, lese ich, „werden Grundlage und Ausgangspunkt der terrestrischen Navigation präzise dargelegt: ‚Er spannt über dem Leeren den Norden, hängt die Erde auf am Nichts.‘ Hiob 26:7.“

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 21090

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