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Archiv für den Autor: Redaktion verdichtet.at

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 8

„Es war schon so heiß an diesem Maitag, dass ich mit der Lara ins Freibad gegangen bin. Sie ist letztes Jahr noch so klein gewesen, konnte kaum laufen, ich hab sie keinen Augenblick aus den Augen gelassen, auch im Planschbecken nicht, obwohl sie Schwimmflügerl trug. Dann wollte ich mich auch mal ganz abkühlen und bin mit ihr ins Schwimmbecken, blieb aber dort, wo ich noch stehen konnte, und hielt sie hoch oder sie schwamm mit ihren Schwimmhilfen neben mir auf dem Wasser.
Weil ich so mit Lara beschäftigt war, bemerkte ich zu spät, dass …“

Sie redete weiter, in Gedanken ergänzte ich dabei das eine oder andere erotische Detail, je mehr sich die Geschichte entwickelte. Gut, damit konnte ich was anfangen. Ich musste  es eindeutig umformulieren, und Kleinstkinder am Beginn oder als Teil einer erotischen Geschichte … Na ja, eher nicht. Das sind doch die Stimmungskiller schlechthin. Die kleine Lara kam also klarerweise raus aus meinem künftigen Porno. Und sie war auch dem hinderlich, was ich hernach in der Umkleidekabine geschehen lassen wollte …

Aber der Grundgedanke und wie sich das Ganze weiterentwickelte, gefielen mir.
Als sie geendet hatte, bedankte ich mich sehr bei meiner langjährigen Freundin  und meinte, das sei schon ein ziemlich guter Einstieg in die Materie, sie habe mir sehr geholfen. Und dann, quasi übergangslos nach unserer Verabschiedung, kaum war das Meetingfenster am Bildschirm geschlossen, tippte ich auch schon für mein Ideenfindungsdokument in die Tastatur, was da notierenswert war:

Wasser umspült das üppig gefüllte Bikinioberteil und hebt die Brüste an. Die schmalen Bänder gleiten von den Schultern, tragen das Gewicht nicht mehr, der nackte Busen wogt sacht im Rhythmus der Wellen, die die Turmspringer am anderen Ende des Schwimmbeckens beim Eintauchen auslösen.

Der jüngere Mann auf der Stiege daneben will gerade das Wasser verlassen, bleibt stehen und kann seinen Blick vom Dargebotenen nicht abwenden. Geht schließlich doch ein paar Schritte die Stiege hinauf, um das Becken zu verlassen. Die Ausbuchtung in seiner Badehose ist nicht zu übersehen. Er wird dessen gewahr, dreht sich rasch wieder um und kehrt ins Wasser zurück, beschämt zur Seite blickend, aber doch auch dorthin, wo noch immer freigelegt ist, was ihn so fasziniert.

Ihr Blick folgt ihm, er ist bereits ein Stückchen weggeschwommen und kommt nach seiner Kehre am Ende des Bassins zurück in ihre Richtung. Sehr langsam knotet sie die Bänder des Bikinioberteils neu, nicht besonders fest, und schaut ihm in die Augen, als er näherschwimmt. Er verwirft diesmal den Versuch, das Wasser zu verlassen, sofort, und schwimmt noch einmal retour, von ihr weg. Sie stößt sich vom Beckenrand ab und holt ihn auf einer Nebenbahn ein, lächelt ihn an, er errötet. Dann lächelt er ebenfalls, und hat er gerade genickt? Eine Weile schwimmen sie nebeneinander, hin und her, her und hin, und schließlich richtet er seine ersten Worte an sie: „Ich bin jetzt genug geschwommen, und du?“

Statt einer Antwort verlässt sie das Wasser, er geht dicht hinter ihr die Stiege hinauf. Am Weg zur Umkleidekabine fällt kein Wort. Er sieht sich kurz um, ob er von ihr oder jemand anderem abgehalten wird, und schlüpft dann zu ihr in die Umkleide. So schnell sind kaum jemals nasse Badeteile zu Boden gegangen …

Ja, es war eindeutig besser, Lara aus dem Plot ganz zu entfernen. Denn wohin mit ihr im Fall des Falles?

Ich driftete gedanklich schon wieder ab. Ich musste mich von der Alltagslebenswelt der Klientel fernhalten, das schien mir klar. Keine störenden Faktoren, Erotik rules! Aber dieses Setting hatte immerhin Potenzial. Nun ging es darum, möglichst viele solcher Geschichten zu sammeln, auszubauen und in eine Story einzuweben, die nicht allzu hanebüchen zusammengezimmert wirkte. Frauen waren dabei wesentlich kritischer als Männer, und das Niveau musste immer stimmen.

Weitere Ideensammlung war angesagt; und ich geniere mich nicht zu erwähnen, dass ich auf der Suche nach Verwertbarem nicht heikel bin. Ich verabredete per Message einen Videochat für den späten Abend, mit der Gespielin einer meiner größten Inspirationsquellen: der Freundin meines Exliebhabers.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20117

Kenntnisse einer Ehebrecherin Teil 7

„Mein Freund, der Kellner und ich“ war ein sagenhafter Erfolg; in den nordeuropäischen Ländern war er ein ganzes Jahr lang Spitzenreiter bei den Bezahl-Porno-Downloads gewesen, hatte sich auch danach laufend sehr gut verkauft und erlebte nun gerade ein neues Hoch. Und das erstaunlicherweise nicht nur, wie für dieses Genre naheliegend, überwiegend bei Frauen, sondern mit beinahe gleich hohem männlichen Käuferanteil.  Das Management der Filmproduktion vermutete, es lag an den Ausgangsbeschränkungen, die die Menschen ins häusliche Verbleiben zwangen und gemeinsam lebende Paare vermehrt dazu brachten, ihre Sexualität zusammen zu erforschen, zu erweitern und auszuleben. Was bot sich da als Einstieg oder Aufwärmrunde besser an als ein gut gemachter „Porno für Frauen“, der auch Männer gewaltig auf Touren brachte? Eben. Die Logik der Filmproduzenten war stringent: Nachschub musste her, scharfe Ware für Paare, mit Niveau, aber bitte schnell.

Na ja, um ehrlich zu sein, das mit der flotten Textproduktion war nicht so mein Ding. Pech nur, dass ich als Autorin genau damit mein Geld verdienen sollte. Auch hatte ich mich auf meinen Drehbuchlorbeeren anscheinend zu gut ausgeruht und schon länger nichts Einschlägiges mehr geschrieben, konnte ich doch bequem von den weiterhin sprudelnden Filmeinnahmen leben. Ich war eindeutig außer Übung, uninspiriert außerdem. Was passierte schon in meinem Leben? Aber dies war ohnehin ein Anfängerinnenfehler, nur im eigenen Teich zu fischen, was Ideen betraf. Oft ging ich aus, um Szenen und Eindrücke zu sammeln, beobachtete flirtende Singles und spann deren Geschichten dann in meiner Fantasie weiter. Doch nun die ganze Zeit, bis auf den täglichen Spaziergang, daheim zu verbringen, förderte nichts Neues, Spannendes zutage. Und genau das war gerade gefragt, fürs dürstende Publikum, für jene, denen es ebenso erging wie mir. Eine vertrackte Situation.

Und dann, inmitten eines Videochats mit einer sehr vertrauten Freundin, kam mir die Idee: Wo derzeit beinahe alles digital passierte, war vielleicht meine Ideenquelle auch hier zu finden? Ich lenkte das Gespräch auf erotische Fantasien, auf sexuell aufgeladene Stimmungen, und fragte sie, ob ihr nicht irgendetwas einfiele, das ich ins künftige Drehbuch einarbeiten könnte. Sie lachte laut, wirkte plötzlich sehr fröhlich und meinte, gerade gestern habe sie an eine Situation im Frühsommer vor einem Jahr gedacht, als so ziemlich alles noch völlig anders war. Ich war ganz Ohr.

Tina Fanta

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 20116

 

 

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Die Amethyst-Kette

Frau Elfriede Buchta, 79, lag im Krankenhaus. Es war abzusehen, dass es zu Ende ging. Ihr tapferes Herz würde wohl nicht mehr lange durchhalten, meinte der behandelnde Arzt nach der ersten Untersuchung, und zu seinem Erstaunen breitete sich auf ihrem Gesicht ein befreites Lächeln aus: „Gott sei Dank“, sagte sie, „jetzt muss ich mich nicht mehr vor jahrelangem Siechtum und totaler Hilflosigkeit fürchten. Ja, das ist gut so.“

In der ersten Woche hatte Frau Buchta das Glück, mit der Bettnachbarin, einer Altbäuerin aus dem Marchfeld, eine verständige und angenehme Gesprächspartnerin über den Spitalsalltag und später auch über „ernstere“ Belange gefunden zu haben. Und in stillen Stunden – vorwiegend nachts, denn in einem Spital durchzuschlafen ist kaum möglich – überdachte sie die Stationen ihres Lebens:

Die Kindheit im Wiener Gemeindebau Schlingerhof, wo sie mit Schulfreundinnen im Hof gespielt hatte, mit der Mutter jeden Samstag den Markt besucht und von der Frau Stipic oft ein Stück Obst bekommen hatte. In einem Tümpel des Überschwemmungsgebietes hatte sie Schwimmen und im Winter Eislaufen gelernt. Als Lehrmädchen hatte sie im nächtlichen Haustor den ersten Kuss von einem jungen Arbeitskollegen bekommen. Die süßen Irrungen und Abenteuer der Liebe zogen in der Erinnerung vorbei, Gott, war sie jung, naiv und selig gewesen. Und wie sie bei einem Ball ihren späteren Mann kennengelernt und bald nach der bescheidenen Hochzeit ihr Mädchen zur Welt gebracht hatte. Nun war dieses auch schon Großmutter eines kleinen Buben, drüben in Australien. Weit, weit weg, viel zu weit.

Nach ein paar Tagen wurde sie in ein kleines Einzelzimmer verlegt, intern das „Sterbezimmer“ genannt. Dort wurde sie von der jungen Schwester Mira aufmerksam umsorgt. Als Mira einmal anzusehen war, dass sie Kummer hatte, sagte Frau Buchta zu ihr: „Kommen Sie, erzählen Sie mir was Sie bedrückt, bei mir brauchen Sie wohl keine Angst mehr haben, dass ich es weitersage.“ Es war Mira eine große Erleichterung, ihre Sorgen und Unsicherheiten der erfahrenen Frau am Rand des Lebens mitzuteilen, manchen guten Rat und tröstliche Einsicht bekam sie da mit nach Hause. Auch der junge Stationsarzt Dr. Nemec besuchte sie täglich, mehr aus ärztlicher Neugier, weil der Organismus dieser Patientin eigentlich schon seit Tagen nicht mehr funktionieren konnte – aber eine unbewusste leise Unruhe hielt sie ganz einfach noch in dieser Welt fest.

Als sie einmal den Wunsch nach einem Schluck Wein äußerte, schmuggelte Schwester Mira ein Stifterl gekühlten Weißwein ins Zimmer, Frau Buchta trank ein Glas davon und drehte sich dann behaglich auf die Einschlaf-Seite. In dieser Nacht träumte sie von ihrem verstorbenen Mann, und wie sie später von der Caritas seine Sachen abholen ließ. Beim Aufwachen erinnerte sie sich, dass sie danach ihre goldene Halskette mit Amethysten, ein Geschenk von ihrem Karl zur Silberhochzeit, vermisste. Es musste sie wohl einer der Caritas-Arbeiter „mitgehen“ lassen haben, vermutlich der größere der beiden, Bogdan genannt, weil er die Kleidung aus dem Schlafzimmer getragen hatte. Sie hatte damals geweint, aber keine Anzeige gemacht. Den ganzen Tag und auch am nächsten kamen ihr diese Bilder in den Sinn, und was sie mit den Männern gesprochen hatte, dass sie ihnen einen Kaffee serviert und ein schönes Trinkgeld gegeben hatte. Hatte da dieser Bogdan nicht ein wenig verlegen gewirkt? Immer wieder musste sie daran denken, und dass sie trotz ihrer Anständigkeit bestohlen worden war.

Als Doktor Nemec zu Beginn der Nachtschicht beim Pulsmessen ungläubig lächelnd fragte, was sie denn noch am Leben hielte, kam die leise Antwort: „Wissen Sie, ich habe da noch eine Rechnung offen, dann erst kann ich die Augen zumachen.“ Da schüttelte der junge Arzt den Kopf: „Liebe Frau Buchta, was wollen, ja was können Sie in Ihrer Lage denn noch unternehmen?“ Da atmete sie tief ein und sagte: „WissenS’, vielleicht kommt doch der Berg zum Propheten. Es gehören ja immer zwei dazu.“ Der Doktor ging kopfschüttelnd.

Gegen 21 Uhr gab es beim Spitalseingang Streit, denn ein Besucher beharrte darauf, jetzt noch einen Besuch zu machen. Der Nachtportier rief den diensthabenden Arzt, weil der Mann beteuerte, es wäre sehr dringend und er würde danach auch gleich wieder gehen. Als Doktor Nemec um den Namen des Patienten fragte, stammelte der Gastarbeiter den Namen „Frau Ruchter“ oder „Buchter.“ Sinnend blickte der Arzt in die Höhe: „Vielleicht kommt doch der Berg zum Propheten“, hatte Frau Buchta gesagt. Er beruhigte den Portier und nahm den Mann mit ins Krankenzimmer.

Frau Buchta war hellwach, als hätte sie den Besuch erwartet. Der Mann stürzte zum Bett, fiel in die Knie und reichte ihr ein Stoffsackerl, dabei unter Tränen beteuernd: „Bitte, Frau, bitte nicht böse sein, hab ich damals kein Geld, nix gehabt, wollte auch einmal Geld in Tasche haben und lustig sein, nicht nur arbeiten und schlafen. Hab ich das nicht mehr gefunden in Zimmer, bin wieder nach Zagreb heimgefahren. Erst heute habe ich alten Rock mit Loch in Tasche wieder angezogen und ist Kette rausgefallen. Nachbarin hat gesagt, Sie im Spital. Bitte nicht mehr böse sein, tut mir leid, hat mir das kein Glück gebracht. Bitte wieder nehmen und alles wieder in Ordnung, ja?“ Frau Buchta nahm ihre goldene Halskette mit den lila Steinen heraus und hielt sie in die Höhe: „Ja, Bogdan, jetzt ist alles in Ordnung, du hast mir das zurückgebracht. Wenn man etwas gutmacht, hat man wieder Glück im Leben, ich trage dir nichts nach. Lass es gut sein und fahr nach Hause.“ Sie legte die Kette aufs Nachtkasterl und strich ihm tröstend mit der Hand über den Kopf wie einem Kleinkind. Der Mann stand auf, verbeugte sich mit nassen Augen noch einmal und ging.

Als Doktor Nemec, der diese Szene im Türrahmen staunend beobachtet hatte, wieder gehen wollte, bat ihn Frau Buchta, noch kurz dazubleiben und Schwester Mira zu rufen. Als diese eintrat, winkte die Patientin sie ans Bett und legte ihr die Kette in die Hand: „Liebe Mira, du hast mich so liebevoll gepflegt, bitte behalt das als Dank und Andenken an mich.“ Die junge Schwester wollte verlegen ablehnen, das hätte sie nicht verdient und könne sie nicht annehmen, aber Frau Buchta erwiderte: „Dort wo ich jetzt hingehe, brauche ich sie nicht mehr, und wem sonst sollte ich sie geben? Nimm sie nur und freue dich daran. Der Herr Doktor hat ja gesehen, dass ich sie dir geschenkt habe.“ Verlegen errötend bedankte sich Mira und verließ mit dem Arzt das Zimmer.

Als sie um Mitternacht noch einmal zu Frau Buchta ins Zimmer kam, atmete diese nicht mehr. Aber auf ihrem Gesicht lag ein friedliches Lächeln.

Epilog:
Das echt Mystische an dieser Geschichte ist aber, dass der Autor am Ende in Wikipedia nachsah, ob man Amethyst wirklich mit „th“ schreibt, und dort las, dass diesem Stein eine (apotropäische) Negativwirkung auf den Dieb nachgesagt wird.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 20115

 

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Die letzte Fahrt

Er stand am Bug des Schiffes und hielt sich mit einer Hand am Tau der Takelage fest. Der Wind peitschte ihm erbarmungslos die Gischt ins Gesicht, seine dunklen Locken klebten auf der Haut. Seinen Kopf gegen den Himmel gerichtet, flehte er die Götter an, die Meeresbewohner zu beruhigen.
Die Ruderer an Bord kamen schwer voran, manche riefen ihm zu:
„Orpheus, hilf uns doch! Musiziere und beruhige die Götter!“ Mit Mühe kletterte er auf den rutschigen Dielen zu seiner Lyra und begann zu musizieren. Im Rhythmus gab er den Seemännern den Takt vor, besänftigte das wütend gewordene Meer und endlich konnten sie bei ruhiger See durch die Ägäis segeln.
„Das war knapp“, meinte ein Ruderer später und klopfte Orpheus freundschaftlich auf die Schulter. Die Sonne erhellte wieder das Firmament und trocknete die Kleidung der Seefahrer, die bis auf die Haut nass geworden waren. Zum Dank spielte er weiter auf seiner Lyra und bald erreichten sie die Insel Lesbos.

Reges Treiben herrschte im Hafen und nach einem kurzen Marsch kamen sie in eine kleine Stadt. Sie wollten sich stärken nach der anstrengenden Fahrt, und entlang der Stadtmauer wurden die ersten Waren feilgeboten.
Orpheus fiel eine bedrückte Stimmung auf, ganz anders als auf den anderen Inseln, die sie bisher erreicht hatten. Die Landwirte mit ihren Eselskarren, Töpfer und Schmiede, die Frauen an den Ständen, in kümmerliche Kleider gehüllt, hatten alle einen abweisenden Gesichtsausdruck. Oder war es gar Trauer, die Orpheus in ihren Augen sah?
„Was ist den Menschen hier widerfahren?“, wandte er sich fragend an einen Mannschaftskollegen.
„Lesbos ist bekannt dafür, dass die Menschen hier sehr arm und unglücklich sind. Es fehlt ihnen an den schönen Dingen des Lebens. An Musik, Kunst, Vergnügen.“
Sie saßen an einem kleinen, wackeligen Holztisch, verspeisten Oliven und Schafskäse und tranken jeder einen Becher Wein. Die gedämpften Stimmen der Händler im Hintergrund boten Waren feil und wurden nur wenig von den Vorbeimarschierenden beachtet, die alle mit gesenkten Köpfen ihren Blick auf die staubige Straße richteten.

„Meiner Frau Eurydike, die Götter mögen sie selig ins Reich aufgenommen haben, versprach ich am Sterbebett, meine Musik weiterzuführen und Gutes zu tun. Meint ihr, ich könnte hier auf der Insel mit meiner Lyra die Leute wieder fröhlicher stimmen?“
Die Seeleute erhoben ihre Weinbecher und prosteten ihm zu:
„Ja, Orpheus! Wunderbar!“ Ein junger Matrose sprang auf eine kleine Steinmauer und rief den Menschen zu:
„So kommt und hört! Orpheus ist auf eurer Insel und wird euch mit seinem Gesang den Tag erhellen und erträglicher machen. Kommt herbei!“ Euphorisch die Hände schwingend, bedeutete er den Bewohnern, näherzutreten. Orpheus nahm seine neunsaitige Harfe und begann zu musizieren.
Bald drängten Männer, Frauen und Kinder mitsamt Eseln und Ochsen um den kleinen Platz und lauschten seiner Stimme. Manche hatten Tränen in den Augen, andere tanzten zur Musik, wieder andere nahmen ihre Mitbürger bei der Hand oder fielen einander in die Arme. Den ganzen Nachmittag erfreuten sich die Bewohner der Stadt an der Darbietung von Orpheus.
Auch nächsten Tag und übernächsten Tag konnten es die Menschen kaum erwarten, ihn zu hören. Er hatte große Freude daran, die Einwohner glücklich zu sehen, und in Gedanken war er bei seiner verstorbenen Frau Eurydike.
Die Bewohner sprachen mit leiser Stimme:
„Mit seinem Gesang und der Dichtkunst kann er Götter betören, auch Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Bäume neigen ihm sich zu, wenn er spielt, und die wilden Tiere scharen sich friedlich um ihn.“

Nach einer Woche stand Orpheus im Hafen und verabschiedete sich von seinen Seefahrern.
„Dies war meine letzte Fahrt. Ich werde hier bleiben, es ist wohl meine Bestimmung.“
„Wir werden wiederkommen, Orpheus. Dann lass uns die Weinbecher erheben und uns deiner Gesangskunst lauschen.“ Die Mannschaft bestieg das große Schiff, nahm an den Rudern Platz und verließ den Hafen.

Bei seinem nächsten Auftritt bemerkte Orpheus unter den Zuhörern eine Frau, sie verweilte in der hintersten Reihe und beobachtete das Treiben. In einem ultramarinblauen seidenen Kleid mit aufgestickten fünfzackigen Sternen aus feinsten Goldfäden stand sie reglos in der Menge, mit versteinerter Miene. Ihr blondes langes Haar wehte im Wind und sie wirkte erhaben und elegant. Sie tanzte nicht, lachte nicht und sie sprach auch nicht mit den anderen. Manchmal blickte sie Orpheus tief in die Augen, als wolle sie ihn verführen. Entgegnete er mit einem Lächeln diesen Blick, wandte sie den Kopf ab und verschwand.

Jeden Tag kam sie auf den Vorplatz an der Stadtmauer, und während einer Mittagspause, als es unerträglich heiß wurde, drängte er sich durch die Menge auf die betörend schöne Frau zu. Mit einer leichten Verbeugung stellte er sich vor und fragte nach ihrem Namen.
„Ich heiße Europē“, entgegnete sie mit kräftiger Stimme.
„Nun, Europē, wie kommt es, dass du täglich meiner Darbietung lauschst, obwohl sie dir augenscheinlich nicht gefallen mag?“, fragte er gutmütig. Sie verzog ihren Mund zu einem abscheulichen Lächeln. Schlagartig war ihr Gesichtsausdruck nicht mehr feminin und zart, er glich eher einer Fratze. Mit spitzer Zunge und bebender Stimme antwortete sie:
„Ich bin lediglich hier um zu beobachten. Es interessiert mich nicht, wie du Menschen betörst und ihnen den Kopf verdrehst. Auf mich wirkt das nicht, es ist geheuchelt und ich harre der Dinge, die da kommen mögen!“, fauchte sie ihn an. Bei ihren Worten wich Orpheus jäh zurück und er konnte nicht fassen, was er gehört hatte.
„Aber ist es denn so schlimm, Gutes zu tun? Den Menschen wieder Zuversicht, Freude und Glück zukommen zu lassen? Viele Bewohner hier leiden Hunger und sind von Kriegsfahrten heimgekehrt, haben schreckliches Elend gesehen. Was ist verkehrt daran, ihnen mit ein wenig Gesang, Musik und Dichtkunst den Weg zu ebnen nach den reinen, feingeistigen Freuden und nach der Liebe?“

Lange Zeit starrte sie ihm in die Augen. Der Wind schien stillzustehen und es war, trotz der Mittagshitze, eine frostige Kälte zu spüren. Die Menschen, die vorher den Platz gesäumt hatten, hatten die Worte von Europē gehört und liefen eilig weg aus Angst.

„Liebe, Mitgefühl, Empathie kann man nicht erzwingen, du Narr!“, entgegnete sie giftig und verließ den Platz.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 20111

 

 

 

 

 

 

Schüttler 2020

Ihre Schüttler sind herzlich willkommen: redaktion@verdichtet.at

Woche 44: Falsches Schuhwerk
Willst du mit den Leder-Patschen
wirklich bis zum Peda latschen?
(Clemens Mitterlehner)

Woche 43: An Italian in New York
I'm the super Master Baker
and the bestest Pasta Maker.
(Christoph Kempter)

Woche 42: Gambler in Deutschland
Was sie sich in Kiel sparten,
verloren sie mit Spielkarten.
(Carmen Rosina)

Woche 41: Holzfäller im Ruhestand
Bevor ich noch einem Baum schad',
nehm' ich lieber ein Schaumbad.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 40: Erfolgloser Gepard in brennheißer Wüste
Dauernd verlier i,
lauernd verdirr i.
(Christoph Kempter)

Woche 39: Verblichene Mona Lisa
Nach diesem schönen Fund malten
sie gleich ihr neue Mundfalten.
(Carmen Rosina)

Woche 38: Sinnstiftende Arbeit
Das Leben ist noch lebenswert,
solang' sie die Kunst des Webens lehrt.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 37: Rosinenproduktion
Es hocken Trauben
unter Trockenhauben.
(Christoph Kempter)

Woche 36: Traumfrau
Kurven findet Fred erbaulich,
davon schwärmt im Bett er: „Fraulich …“
(Carmen Rosina)

Woche 35: Freizeitfreuden für alle
Während ich die Kinder am Strand lasse,
geh ich shoppen auf der Landstraße.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 34: Ein Fetzerl genügt in Südamerika
Ich verkauf in Lima Gwandl
passend für den Klimawandel.
(Christoph Kempter)

Woche 33: Schmähtandler
Die Geschichten des Schweißers, der auf Funken stand,
sie erlogen und erstunken fand.
(Carmen Rosina)

Woche 32: Hitzige Radltour
Suche schnell nen Schattenplatz,
denn ich hab nen Platten, Schatz!
(Clemens Mitterlehner)

Woche 31: Kalte Molekularküche
Er hat zuerst die Speis geeist
und danach als Eis gespeist.
(Christoph Kempter)

Woche 30: Mathematische Annäherung
Es scheint, es liebt die Mara Peter,
das sagen alle Parameter.
(Carmen Rosina)

Woche 29: Proklamations-Profi im hohen Norden - oder Worte statt Taten
Während hier die Schweden ringen
möcht ich lieber Reden schwingen!
(Clemens Mitterlehner)

Woche 28: Heute nehme ich jeden
Ach, ist dieser Depp schlau,
er nimmt mich gleich in Schlepptau.
(Christoph Kempter)

Woche 27: Kräuterweiberl
Es traf in diesem Kaff er Hexen,
die nährten sich von Haferkeksen.
(Carmen Rosina)

Woche 26: Der Astronom
Ich fragte, worauf Werner starrte.
Er sagte, dass er 'nen Stern erwarte.
(Christoph Kempter)

Woche 25: Empörung über pubertäre Punks
Schau mal diese linke Pippen,
die hat sogar ganz pinke Lippen!
(Clemens Mitterlehner)

Woche 24: Uriger Chirurg
Du entfernst die Milz besser
mit dem scharfen Pilzmesser.
(Christoph Kempter)

Woche 23: Pack die Badehose wieder ein
Ich kenne viele Touristen, die Haimassen
im Mai hassen.
(Christoph Kempter)

Woche 22: Friseur ersehnt den Feierabend
Endlich san olle Zotteln trocken,
jetzt kann i mit de Trotteln zocken.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 21: Dem Bücherwurm beim Grillen
hab ich statt Lyrik zu Prosa geraten.
Er hat sie dann gleich rosa gebraten.
(Christoph Kempter)

Woche 20: Prokrastinations-Profi
Ich will nicht, dass ich Energie verschwende,
drum mach ich nix, was ich schwer fände.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 19: Energiegewinnung
Bei der Kraftwerkserrichtung ist es meist so,
dass Staubecken
im Bau stecken.
(Christoph Kempter)

Woche 18: Verschärfte Bedingungen beim Abnehmen
Sie erklommen wendig Stiegen.
Danach mussten sie sich ständig wiegen.
(Christoph Kempter)

Woche 17: Schönwettersportler
Weißt du, was ich, wenn's schen is, tue?
Ich schnapp mir meine Tennis-Schuhe!
(Clemens Mitterlehner)

Woche 16: Abkühlung
In dieses wassergefüllte Steinbecken
werd ich im Sommer mein Bein stecken.
(Christoph Kempter)

Woche 15: Unikarriere
Ihm ist die Kunst des Dissens wurst,
er strotzt nur so vor Wissensdurst.
(Christoph Kempter)

Woche 14: Auf der Suche nach Travolta
"Ist", fragten die Feen, "John da?"
"Nein, hier wohnt Jane Fonda."
(Christoph Kempter)

Woche 13: Kleine Teekunde unter Gurus
Und wie schmeckt der Tee so, Erik?
Ich find, er passt wunderbar zu Esoterik.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 12: Ich bin zu müde
Zu meinem Leidwesen
kann ich nicht mehr weit lesen.
(Christoph Kempter)

Woche 11: Urlaubsausklang
Erst als die Sonne hinter Bonn sank,
verließen wir die Sonnbank.
(Carmen Rosina)

Woche 10: Jolly Jumper auf Marathonkurs
Wenn ich den Sattel weich reite,
erhöh ich meine Reichweite.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 9: Misslungene Faschingsfeier
Sie trinken alle Glitzerwasser,
doch es fehlt ein Witz, a klasser.
(Carmen Rosina & Christoph Kempter)

Woche 8: Vetternwirtschaft
Damit wir keine Phase verpassen,
wird das Protokoll die Base verfassen.
(Christoph Kempter)

Woche 7: Brot & Spiele
Bevor ich den Lukas hau, braus
ich noch schnell ins Brauhaus.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 6: Alkohol zum Vergessen?
Hey, Kumpel, sauf rein!
Und lass die Frau sein.
(Carmen Rosina)

Woche 5: Urlaubsmitbringsel
Er fragt sich nach der Heimkehr:
"Wo kommt denn dieser Keim her?"
(Christoph Kempter)

Woche 4: Prickelnde Belohnung
Nach der Runde mit dem Vierbeiner
schmeckt mir dann mein Bier feiner.
(Clemens Mitterlehner)

Woche 3: Leistungsschau auf der Lampenmesse
Er wollte sie mit Watt blenden,
so sollte sich das Blatt wenden.
(Carmen Rosina)

Woche 2: Veganer Neujahrsvorsatz
Wenn sie heuer eins schworen:
Sie essen nie mehr Schweinsohren.
(Christoph Kempter)

Woche 1: Schöne Bescherung
Ach, ist dieser Mist krass!
Ich glaub, es war grad Christmas.
(Christoph Kempter)