Archiv der Kategorie: Antonia H.

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Reisenotizen England

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Es sollte von den schulischen Gehversuchen im Englischen fast bis zum Abgang Margaret Thatchers dauern, bis ich die Hauptstadt betrat, die dank Flugverspätung nach Mitternacht mir jeglichen öffentlichen Weitertransport verweigerte. Die letzten IRA-Terroristen hielten sich damals noch die Option offen, ihre Bomben in den dortigen städtischen Mistkübeln zu entsorgen: bei der allerersten Reise im Alleingang kein besonders anheimelndes Gefühl.

Kulinarisch machte ich die Erfahrung, dass man praktisch alle Geschmacksrichtungen miteinander kombinieren kann, man muss sich nur daran gewöhnen, wenn man denn will.

Es hat hier was für sich, positive wie weniger positive Interaktionen (etwa Ablehnung) höflich abgewickelt zu wissen. Auch empfand ich es als angenehm, dass schräge Bekleidung als Stil akzeptiert wird. Wenn man sich schon laut Verhaltensempfehlung auf unverfänglichen Smalltalk beschränken sollte, kann man ja immer noch die Garderobenwahl für sich sprechen lassen.

Copyright: Antonia H.

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Dirndl von Vivienne Westwood

Antonia H.
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26195

Reisenotizen Nürnberg

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Kaiserlicher geht es nicht mehr. Alleine für ihren Anblick sei der Stadt der erste Preis für altehrwürdige Schönheit zuerkannt.

Wer sich wie ich in einem einstündigen Referat über die staufische Doppelkapelle eine der ersten Meriten der Kunstgeschichte erworben hat, darf das.

Allerdings ist mir seither klar, dass ich Mittelalter- und Ritternostalgie gegenüber stets skeptisch bleiben würde. Ich ziehe Gemütlichkeit schlechten hygienischen Verhältnissen wie kalten Burgmauern, Obst und Gemüse den Schlachtplatten und Gleichberechtigung der Frauen dem Minnefirlefanz vor. Man könnte mich allerdings mit den hiesigen Lebkuchen bestechen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26194

Reisenotizen Heidelberg

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Heidelberg hätte ich gerne unbefangen kennengelernt, doch das war mir verwehrt, weil ich meinen krebskranken Partner zu einer der weltweit besten Spezialkliniken für Pankreaskarzinome begleitete. Vielleicht schützte mich das vor den üblichen Heidelberg-Sentimentalitäten.

Was sich im Neckar spiegelte, wirkte auf mich wohltuend, und dass in dieser altehrwürdigen Universitätsstadt eine eigene literarische romantische Richtung erschaffen wurde, spricht für sich.

Königin Silvia von Schweden, eine gebürtige Heidelbergerin, scheint in ihrer Rolle wohl die besten hiesigen Eigenschaften zu verkörpern, die ich auch in der Klinik erfuhr:  Ordentlichkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit.

Ich fand sogar, dass die dortigen Radwege ähnliche Qualitäten widerspiegelten. Kein einziger von ihnen geriet in Konflikt mit Gehwegen und Autorouten …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26193

Reisenotizen Hamburg

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Tor zum Norden: eine Art Venedig, durch das nachts heimlich Putztrupps mit Kübeln schleichen, damit es am nächsten Tag zwar nicht zu Blankenese, aber doch eben blitzblank gerät.

Ich kam nie in die Nähe des Kiezes und die Elbphilharmonie gab es noch nicht; die Speicherstadt allerdings ragt so beeindruckend auf, dass sie unerreichte Sehenswürdigkeiten wettmacht. Vehement wetteifern hier Wasser, Erde, Luft und – in Backsteine eingebrannt – Feuer miteinander.

Ein Ort, der Macht und Reichtum durch Seehandel errungen hat, verlangt mir immer Respekt ab. Dass es Menschen aufs Meer zieht und stets gezogen hat, kann ich gut nachempfinden: eine feuchte Brise Salzgeruch, Brandungsrauschen, Nebelhörner, Möwengeschrei in einer großen Stadt mit einem Hafen wie ein Bollwerk gegen die Urkräfte der Elemente; dazu Aussicht auf Wohlstand würden sogar aus mir, Binnenländerin und Landratte, zumindest eine Schiffsratte machen. Wunderbar, dass ausgerechnet norddeutscher Dialekt Hansepathos konterkariert, werden doch S und T, obwohl an Wortanfängen zu neuem Laut vereint, getrennt ausgesprochen.

Der Gedanke an im Sand spielende Kinder lässt sich nach solch einer akustischen Wahrnehmung nur schwer aus dem Kopf schlagen. Aber, aus Kindern, die im Sand spielen, kann alles werden. Seefahrer, Modezaren, Münchhausendarsteller oder Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff …

Copyright: Antonia H.

echte Hamburger Möwen

 

Antonia H.
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26192

Sommer

Wunderlich wird mir, wenn Schwalben ziepend jagen.
Mich überkommt dann die Sehnsucht aus Kindheitstagen,
im Blau des Himmels zu verschwinden
und nur mehr dort mich wiederfinden:
wo der Sommer niemals endet.

Zwar spiele ich, seit alt geworden, mit der Hitze Verstecken.
Noch nie entging ich, trotz Erfahrung, dem Entdecken
das ich mit salzig feuchter Haut bezahlt,
auch im dunklen Haus, im kühlen Wald.

Der Glut entgegne ich mit kalten Güssen,
Vergeblich. Gleich werd’ ich wieder schwitzen müssen.
Meinen größten Fächer schnapp ich dann,
treib träge Luft gegen Gedankenschmelze an
und schelte den Sonnenschirm, der zu Unzeiten resignierte.

Der Freiheit und der Muße zugewendet,
bitte einen Sommer, der nie endet!
Kühles Nass, wohl temperierte Reisen
voller Erlebnisse, die auf Neues weisen.
Alles nehm ich, was Leib wie Herzens Mitte weiter wärmt.

Im Herbst sind wir beide müde, brauchen unsre Ruh,
das Jahr und ich, denn: Frische Memoiren
sind ein wenig steif wie neue Schuh’,
bis sie eingegangen sind auf Alltags-Trottoiren.
Die Schwalben sind … stumm. Längst nach Afrika verzogen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26188

Reisenotizen Berlin-Brandenburg

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Berlin: Dicke Mauern, die trennen und wieder eingerissen werden, Aufstieg und Fall, alles vor bedeutsamer Kulisse, wo immer irgendetwas bröckelt.

Checkpoint Charlie steht kompakt für den vergeblichen Wunsch fremder Mächte, ein Land zu kontrollieren, indem man die Bewegungen der Menschen überwacht.

Ausgerechnet den Besuch in den Babelsberger Filmstudios bei Potsdam empfand ich als besseres Resümee meiner Eindrücke als irgendeine Sehenswürdigkeit der Hauptstadt. (Der ruckelnde, triefende 1:1-Modellnachbau des Bootes neben dem Original-Set vom Kleinen Muck: preußische Marineverherrlichung neben preußischem Orientalismus.)

Inspiriert von der Filmgeschichte wagte ich eine kühne Assoziationscollage, um meine Berlin-Eindrücke einigermaßen unter einen Hut zu bekommen: Marlene Dietrich posiert mit Barbiepuppen in Kreuzberg, der große Fritz spielt statt Querflöte Saxophon in Sanssouci, Reinhard Mey beschallt den Reichstag. (Vielleicht täte der Stadt mehr Leichtigkeit gut?)

Für mich jedenfalls wurde das berühmte wie leidgeprüfte Regierungsgebäude zum augenfälligsten Symbol dafür, dass man im Glashaus nicht mit Steinen schmeißen und schon gar nicht Porzellan zerschlagen sollte.

Copyright: Antonia H.

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Berlin Reichstag

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26182

Reisenotizen Schwaben (Alemannengebiete)

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Schweiz, Schwaben und Vorarlberg sind für mich (aus der Perspektive des österreichischen Nordens) wie eine Torte samt Füllung und Glasur.

Der erste Blick fällt ja meist auf die Glasur: Härter als Teig und Füllung ist mein Eindruck von ihr dennoch nur scheinbar matt oder gar glatt. DAS Gefühl, durch eine durchaus manchmal wehrhafte Hülle zum delikaten Kern zu gelangen, möchte ich nie mehr missen. Nussig-schokoladiger und ein wenig herber Geschmack mutet durchaus eidgenössisch an.

Der Teig gerät meist fluffig. Dabei darf man bei den Vorarlbergern nie nach Gehör gehen, man muss schon auskosten. (Wer es pikant liebt, könnte sich ja auch an Käse halten, aber ich fange hier nicht an, kleine Brötchen zu backen.)

Schwaben gleicht unterschiedlichen Marmeladeschichten, die sparsam verarbeitet sind und dennoch keine einzige der Qualitäten vermissen lassen, wegen der man diese Frucht gerne nicht nur mit Butterbroten, sondern auch nobel mit Torten kombiniert. Das Allgäu wäre meinen Erfahrungen nach die feinste Konfitüre, mit der man ein Süßgebäck füllen kann.

Ich darf vermuten, dass es sogar rund um den Globus Menschen gibt, die, ohne zu verreisen, auch Ähnliches bei diesem Menschenschlag empfinden könnten. Vielleicht aber passiert das bei allen Begegnungen mit Volksgruppen, die in die Fremde zogen, um dank Zusammenhalt, Zähigkeit und Fleiß ihr Glück zu finden. Dabei an Ale-Mannen (und -Frauen) zu denken, liegt halt gerade nahe.

Copyright: Antonia H.

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Tatsächlich die Gegend, wo „Heidi“ spielt.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26181

Reisenotizen Bayern

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Gleich neben meinem heimatlichen Bundesland gelegen, wirkt es manchmal wie der Rohstoff, aus dem mir nahe-liegende Gegenden geschnitzt sind. Da waren so viele Bildhauer am Werk, dass man beim besten Willen keine einzelne Hand identifizieren kann.

Nürnberg finde ich die anmutigste, München die stämmigste aller BajuwarInnen und Passau ist die Schwester, die sich nur knapp für jenseits der Grenze entschieden hat und dafür uns drei vereinte Flüsse überlässt. (So leicht geht Einheit.)

Viele Orte auf -ing haben zwar kein technisches Diplom, sind aber umso gemütlicher. Solche Verwandte besuche ich gerne, auch wenn ich manchmal Zeit brauche, mich an ihre Herzhaftigkeit zu gewöhnen. Wie den „Obazdan“, ein unkonventionelles und nahrhaftes Rezept für einen Brotaufstrich, stelle ich mir auch die Mischung vor, mit der hier der menschliche Umgang gepflegt wird.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26170

Reisenotizen Deutschland

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Die gleiche Sprache verleitet vielleicht dazu, sich der BRD pauschaliert zu widmen. Doch Schwaben ist nicht Bayern, Hamburg völlig anders als Berlin oder Stuttgart. In Deutschland sehe ich den vermögenderen Nachbarn, von dem ich mir aber Begegnungen auf Augenhöhe erwarte. Was er sich von Österreich erwartet, darüber habe ich vorläufig widersprüchliche Informationen, rechne aber nicht mit einer endgültigen Aufklärung.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26169