Draußen rumpeln gummiharte Räder über einen Gehsteig. Das Echo pocht an die Wirbelfortsätze meines Rückgrats. Meine Ohren langweilen sich, weil sie schon zu oft dieses Geräusch gehört haben: Ein Skater fährt über die karierte Topographie des Pflasters heim.
Ach übrigens:
Kann man einen hilfreichen Satz wie ein Pflaster über zerrissene Gedanken kleben?
Copyright: Antonia H.
Antonia H. (Foto und Text)
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26104
Die sind Helden, die durch Mut
bewiesen haben, sie war’n gut.
Wer aus der Masse sich erhoben,
den wollen wir besonders loben.
Ein Risiko ging mancher ein,
zu helfen, um ein Mensch zu sein.
Selbstlos steht des and’ren Wohl
über dem eig’nen, wenn es soll.
Die Tat, die nennt sich vorbildhaft,
die’s über das Normale schafft.
Doch nicht bloß der Kugel wegen,
Helden werden durch den Degen
oder auch durch Muskelkraft
zu dem, was sie sind, gemacht.
Der Mensch verleiht auf dieser Welt
solchem Tod den Status Held.
Aber was ist mit den vielen,
die krepieren an Gefühlen?
Die durch Schänden, Kränken, Denunzieren,
Ehrabschneiden, Attackieren
sterben, weil sie resignieren?
Jemand, der/die mit letzter Kraft
den Kampf gegen den Tod nicht schafft?
An den Folgen schwerer Krankheit
oder Schäden aus der Kindheit
Schmerzen leidet, nachts und tags?
Helden sind sie, des Alltags!
Man würdigt Alltagshelden nicht,
auf Sockeln nicht, nicht im Gedicht.
Und niemals wird ein Platz benannt
nach wem, dem/der das Herz verbrannt.
Copyright: Norbert Johannes Prenner
Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26093
Die Nacht deckt zu.
Du hast gelernt, in ihr klar zu sehen.
Jedes Geräusch steht alleine.
Im Winter ist es kalt in ihr,
doch das gehört dazu.
Deine Gedanken sind deutlich.
Du hast viel Zeit zu denken.
Die Nacht deckt zu.
Das nächtliche Eisenbahnleben
Johannes Tosin
(Text und Foto)
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26017
Ich streife durch meinen Kopf, und was sehe ich da?
Bäume, von denen ich nichts wusste, Blumen, von denen ich nicht wusste,
violettes Gras, von dem ich nichts wusste, rosaroter Weizen, von dem ich nichts wusste.
Ich bin der Wald, die Wiese und das Feld.
All das bin ich, ohne zuvor davon eine Ahnung gehabt zu haben.
Ich bin weit mehr, als ich stets dachte.
Der Blick von St. Johann im Rosental über das hohe violette Gras unter dem gelben Himmel und die Krähe im Flug am 17. Mai 2024
Johannes Tosin
(Text und Foto)
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25217
Habe nun, ach! Leidender! Du musst es leidender sagen! Habe nun aaach! Noch mehr Ausdruck! Dein Gesicht! Lass die Augen hervortreten! So! Ja! Schmerzvoller Mund! Gut! Okay, so ungefähr. Also: Habe nun aaach! Deutsche Philologie, Musik und auch Geschichte leider studiert, mit Weh und Ach. Da sitz ich nun, ich armer Greis, der leider nicht mehr weiterweiß. Nenn mich Magister, Doktor gar, bin mehr als einundsiebzig Jahr und quäl mich jahrelang vergebens mit der Suche nach dem Sinn des Lebens. Tag aus, Tag ein bemüh ich mich, Migranten Deutsch zu lehren, obwohl sich manche Teilnehmer wohl die Bohne darum scheren. Ich sehe ein, man kann nicht alles wissen, und sich in allerlei verrennen, wenn Träume in den Himmel schießen. Ich will mir nicht den Mund verbrennen. Das Mindeste soll jeder können müssen. Ich bin nicht klüger als die and’ren, versuch, im Sattel mich zu halten, so gut es geht. Ich fürchte Krankheit, Krieg und Dummheit, darüber ist mir alle Freud vergangen. Bilde mir ein, ich wüsst’ drum heut, wie’s gehen könnt, für mich allein, ganz unbefangen. Es liegt mir fern, wen zu belehren, ich will auch niemanden bekehren. Noch eines sag ich, jetzt und hier, bei mir war Geld nie in Quartier. Wohl keiner möcht wie ich so leben, drum hab ich mich dem Wort ergeben, ob es mir nicht durch seine Kraft so manche Linderung verschafft, auf meiner Suche nach dem Sinn, wie auch dessen, wer ich bin. Durch die Gewalt gezielter Worte, in den reinen Reim gepresst, erhoff ich mir der Wahrheit Pforte. Als Zugang, mehr, als dass mich Prosa fühlen lässt. Auf diese Weise seh ich klar, was auf dieser Welt scheint’s wahr. Ich merke, manchmal deprimiert, es punktgenau und komprimiert. Verzichte auf in Prosa schweifen, mit vielen Worten nach den Sternen greifen. Ach, leuchte, teurer Sonnenschein, in meine dunkle Seel’ hinein, und dieses auch in finst’rer Nacht, die ich am Laptop zugebracht! Über den Texten endlos brütend, wahrheitssuchend, müd und wütend. Das viele Sitzen nährt die Gicht, viel Lesen trübt das Augenlicht. Der Geist gerät leicht in Bedrängnis im körpereigenen Gefängnis. Kein Lichtstrahl dringt durch diese Wohnung, ich schreibe weiter, ohne Schonung. Der Bücher Staub verrät mir nur die Zeit meiner Registratur. Warum, horch tief in mich hinein, kann ich nicht so wie and’re sein? Die Bier trinken und Fußball schau’n, und blöde Witze machen über Frau’n? Wie lang schon sitz ich hier herin’, und suche nach des Lebens Sinn? Drum end ich hier und höre auf, und pfeife auf der Sterne Lauf. Jag nicht mehr nach dem Sinn vom Leben, es muss auch noch was and’res geben.
Copyright: Norbert Johannes Prenner
Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25199
hinabschauend auf die Lichternester die unsere Städte sind enthüllt der Satellitenblick wir sind eine Rasse von vielen aber es gibt auch viel Dunkelheit
im „Outback“ stehend zwischen einem Meteoritenkrater und dem Kings Canyon lehren uns das Kreuz des Südens und all seine funkelnden Freunde wie unbedeutend wir Kinder aus Sternenstaub sind
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25193
eure Namen konnte ich mir nie merken eure Gesichter werde ich nie vergessen als ihr mit uns lachtet und im Staub tanztet ihr jungen Straßenkinder aus Madras
ihr lächeltet in unsere Gesichter nanntet sie weiß wie Schnee und wunderschön wir konnten nichts erwidern konnten euch nicht sagen welchen Sinn unser Besuch in eurem Slum hatte
Nicole erzählte sie wolle Lehrerin werden vielleicht dachtet ihr sie werde zurückkommen auf jeden Fall hieltet ihr sie lange fest als wir wieder weg wollten zurück in unsere Welt
völlig erledigt sind wir wieder im Hostel auf Diät wegen der Hitze Indiens während ihr die geschenkten Schulbücher liegen lasst um zurückzukehren auf die Straße
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25183