Kategorie-Archiv: Johannes Tosin

image_print

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

Denkt Henriette Fässler

Ich soll wählen dürfen? Ich bin eine Frau. Das ist doch absurd, denkt Henriette Fässler aus Appenzell Innerrhoden im Jahr 1989.

GRIL – Änderungsschneiderei, Wäscherei, Putzerei – Auch im Lockdown geöffnet!!

GRIL – Änderungsschneiderei, Wäscherei, Putzerei – Auch im Lockdown geöffnet!!

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 21065

Die zweite Chance

„Grüß Gott, die Fahrkarten bitte.“ Wo bin ich? Ich muss eingenickt sein. Klar, ich bin in einem Zug, in einem Sechserabteil, 2. Klasse, würde ich auf den ersten Blick sagen. Der Schaffner blickt mich an, er hält so ein Gerät in der Hand, mit dem er die Fahrkarten locht. Das ist nicht die Jetztzeit, das sind, würde ich sagen, die späten 1980er-Jahre. Wie bin ich dorthin gelangt? Keine Ahnung, ich habe keine Ahnung. Ich sehe auf meine Hände. Sie sind die eines jungen Mannes.

Aber ich muss jetzt aufhören – nachzudenken, mich zu orientieren. Fahrkarte, hoffentlich habe ich eine, ich kann mich nicht daran erinnern, eine gekauft zu haben, ich kann mich an gar nichts erinnern. In der linken hinteren Hosentasche, da ist sie. „Bitte.“ Ich reiche sie dem Schaffner. Er bearbeitet sie mit dem Gerät. „Klagenfurt Hbf – Wien Südbahnhof“ steht auf der Fahrkarte. Ich sitze auf dem mittleren Sitz. Mir gegenüber auf dem Fenstersitz sitzt eine junge Frau. Jetzt gibt sie dem Schaffner ihre Fahrkarte. Dabei streift mich ihr Blick. Sie ist hübsch, dunkle kurze Haare, braune Augen, schlank, vielleicht dreiundzwanzig, vierundzwanzig Jahre. Der Schaffner zwickt ihre Karte und verlässt das Abteil.

„Hallo“, sage ich zu der jungen Frau, „habe ich geschlafen?“ „Nein, du warst auf einmal hier.“ „Und dir ist das nicht seltsam vorgekommen?“, will ich sie fragen, aber ich lasse es bleiben, als ich ihr direkt ins Gesicht sehe und sie völlig ruhig ist. Da krame ich in meiner Erinnerung, und in einem Winkel finde ich diese Szene, genau dieselbe, die jetzt abläuft. Es ist zweiunddreißig Jahre her, das Jahr 1989, die Frau mir schräg gegenüber heißt Karin, sie ist in St. Veit an der Glan zugestiegen. Wir haben uns sofort unterhalten. Sie ist dreiundzwanzig, arbeitet in Leoben als Sekretärin und war gerade bei ihren Eltern. Sie geht gern bergsteigen. Ich war damals auch dreiundzwanzig und trieb ziellos umher. Ich spürte, dass ich sie mochte. Ich spüre auch jetzt, dass sie mich mag.

Das ist meine zweite Chance. „Wo steigst du aus?“, frage ich. „Leoben“, sagt sie. „Ich auch“, sage ich und denke: Ich gehe mit dir.

Das Stadttheater Klagenfurt und das junge Liebespaar auf der Sitzbank zur beginnenden Nacht

Das Stadttheater Klagenfurt und das junge Liebespaar auf der Sitzbank zur beginnenden Nacht

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 21059

Alphabet

Unterschreiben ging immer. Ging noch. Mit einem Schreibgerät auf Papier. Kein Problem. Aber das war nur eine schwungvolle Kritzelei, angedeutete Buchstaben, man konnte aus ihnen den Namen nicht erkennen: Heinrich Mirnig. Wenn Heinrich versuchte, aus den passenden Buchstaben seinen Namen zusammenzufügen, es funktionierte nicht. Gleich ob Schreibschrift, Druckschrift, Blockschrift, unmöglich. Ein aussichtsloses Unterfangen. Auch am Computer, wo er jetzt saß, im Büro, keine Chance. Buchstaben, Wörter, Sätze waren ihm fremd geworden, als ob er sie nie gelernt hätte. Auch Lesen klappte nicht mehr. Er starrte auf den Bildschirm und hatte keine Ahnung, was da stand.
Er musste krank sein. Ein übersehener Schlaganfall? Sind bestimmte Gehirnregionen verletzt, wusste Heinrich, kann man nicht mehr lesen. Nur schreiben kann man dann doch. War er etwa psychotisch? Er fühlte sich nicht anders als sonst.

Nein, er war normal. War er etwa Analphabet, hatte sich eine übliche Schullaufbahn bloß eingebildet? Auch das kam nicht infrage, welche Firma würde einen Lese- und Schreibunkundigen als Einkäufer für Lebensmittel beschäftigen? Das war der Punkt, kein derartiges Unternehmen würde ihn auf der Gehaltsliste führen. Er musste aktiv werden. Sein Unwissen durfte nicht bekannt werden, sonst würde die Firma ihm kündigen. Er betrat das Büro seines Chefs: „Herr Gollinger, ich fühle mich entsetzlich.“ Noch einige Sätze, wie leid es ihm täte, er würde sich augenblicklich in ärztliche Behandlung begeben, mit doppeltem Elan alles nach überstandener Krankheit aufarbeiten.
Er ging nach Hause, wartete, sah in der Zeitung das Fernsehprogramm an, verstand nicht, nahm Schlaftabletten, mehr Tod als Schlaf, stand am nächsten Morgen auf, holte die Zeitung, rätselte über ihren Inhalt. Es war unverändert. Lesen und Schreiben waren für Heinrich Vergangenheit.

Mit der Zeit fiel es auf. Bald war es nicht mehr zu übersehen. In den Lokalen las kaum jemand mehr eine Zeitung, dafür stapelten sich alte Ausgaben in den Läden, weil ganz selten jemand eine neue kaufte, auf Handys wurde fast nicht mehr getippt, sondern sie wurden so gut wie ausschließlich zum Telefonieren genutzt. Eine Seuche beginnt mit einigen wenigen Krankheitsfällen, Epidemie, Pandemie, sie kann jeden Einzelnen betreffen, gleich einem breiten Strom, der als Gebirgsbach beginnt. Bisher hatte es nur körperliche Seuchen gegeben. Das hier war die erste geistige. Die einem das Lese- und Schreibverständnis nimmt, die Fähigkeit, eine Schrift zu erkennen. Am Schluss hatte sie niemand mehr. Zumindest war keiner bekannt.

Es nutzte auch nicht, dass Alphabetisierungskurse mittels vorproduzierter Lehrvideos abgehalten wurden, die sehr gut besucht waren. Die Buchstaben fanden keinen Platz mehr in den Köpfen der Menschen. Die Schrift war Vergangenheit. Es machte auch keinen Unterschied, in welcher Sprache etwas geschrieben war. Es war überall unlesbar und unschreibbar. Es war ein weltweites Phänomen.

Die Auswirkungen waren gravierend. Es war eine totale Umwälzung der Wirtschaft. Nicht nur, dass die Zeitungen und die Verlagshäuser pleitegingen, es gab keinen Schriftverkehr mehr, niemand konnte somit noch eine Steuererklärung erstellen, Handel wurde mündlich betrieben, wodurch er auf dringend benötigte Produkte beschränkt wurde.

Aber es hatte auch etwas Gutes. Um Nachrichten zu übermitteln, wurde, sieht man vom Fernsehen ab, gesprochen. Es wurde darum viel mehr miteinander geredet. Auch wenn es nur aus Notwendigkeit war, die persönlichen Kontakte nahmen stark zu. Bei einer Frage gab keine Suchmaschine die Antwort, sondern ein Mensch. Es entstand ein lebendiger Austausch an Informationen, an Befindlichkeiten. Die Menschen machten sich ihre Angelegenheiten wieder persönlich aus. Eigentlich war das positiv.

Dann geschah Folgendes: zwei Frauen beim Kochen. „Hertha, gibst du mir bitte ein Stückchen Butter?“ „-.“ Hertha verstand nicht.

Das war das erste Anzeichen der neuen Seuche, Epidemie, Pandemie. Die Krankheit der Sprachlosigkeit.

Drehen & Verstehen – Buchstaben – 5 – 6 JAHRE

Drehen & Verstehen – Buchstaben – 5 – 6 JAHRE

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 21050

 

zählen

Er und die zwei Jugendlichen, einer davon war sein Sohn, gingen vom Badeplatz durch den Wald und die Siedlungen nach Hause. Bei einem Haus stand dieses seltsame schwarzhaarige Kind. Es sah sie an, jeden der drei einzeln, sagte aber kein Wort, reagierte auch nicht, als sie es grüßten. Es stand einfach nur da.

Beizeiten begegnete er dem Kind wieder. Eigenartigerweise stand es vor verschiedenen Häusern. Und immer sah es ihn genau an, und nie sprach es.

Später kam er dahinter, dass das Kind kein Kind war, sondern ein Zählautomat des Österreichischen Statistischen Zentralamtes. Er registrierte Menschen, Hunde, Katzen, Vögel, Eichkätzchen und Touristen – gut: auch Menschen, aber Auswärtige halt. Hinter seinen Augen liefen Zahnräder, die die Zahlen erhöhten. Eine Stimmausgabe war nicht vorgesehen.

Der Blick über das gelb-weiße Haus in Pritschitz und über Maria Wörth am 1. Dezember 2020

Der Blick über das gelb-weiße Haus in Pritschitz und über Maria Wörth am 1. Dezember 2020

Johannes Tosin (Text und Bild)
und
Michael Tosin (Text)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21046

 

Ich gehe auf Wolken

Ich gehe auf Wolken.
Mit meinen Fußsohlen spüre ich ihren Widerstand.
Eine Feder würde durch sie fallen.
Wie leicht mag ich nur sein?
Die Luft ist schon dünn, doch das macht mir nichts aus.
Seltsamerweise weht mich der Wind nicht davon.
Ich werde weitergehen, bis es keine Wolke mehr gibt,
dort werde ich warten.
Wird mich auch der Nebel tragen?

Wald, Stein und Wolken

Wald, Stein und Wolken

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 21045

Bitte warten!

Ich bin schon so Corona-müde! Ständig allein, das ist schon schlimm! Daher stelle ich mich in die Menschenschlange vor dem A1-Shop in den City Arkaden. Ich stelle mich überhaupt in jede Menschenschlange, um mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Am liebsten mit einer hübschen Frau, aber besser mit irgendjemandem als mit niemandem.

Die Menschenschlange beim A1-Shop im Untergeschoß der City Arkaden am 4. Mai 2020

Die Menschenschlange beim A1-Shop im Untergeschoß der City Arkaden am 4. Mai 2020

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 21044

 

Frühling

Er saß an seinem Tisch
und schaute aus dem Fenster.
Der Frühling war gekommen.
Er war weder niedergeschlagen,
noch hatte er gute Laune.
Er war aber auch nicht ausgeglichen.
Er war gar nichts.
Er lebte nicht im Tag,
sondern der Tag stand ihm gegenüber.

Frühlingskrokus

Frühlingskrokus

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 21043

REM

Der Traum gibt mich frei. Wenn ich die Augen aufschlage, ist es, als wäre ich gleich nach ihm erwacht, doch schlief ich danach erst richtig tief. Und in welcher der vielen Welten ich aufwache, kann ich nicht beeinflussen. Bin ich dann munter, wähne ich mich stets in derselben Welt, in der ich einschlief, doch das ist praktisch nie der Fall.

Bunte Lampions

Bunte Lampions

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 21041

In deinem Gesicht

So viel Leid sehe ich in deinem Gesicht.
Willst du wissen, wo?
Es sind nicht nur dein Mund mit den nach unten weisenden Mundwinkeln
und deine immer matten Augen.
Es ist dein ganzes Gesicht, nichts ist ausgespart.
Wie gern würd ich dich einmal lachen sehen!
Kannst du das überhaupt?

Das Frauengesicht auf dem Kabelverteiler

Das Frauengesicht auf dem Kabelverteiler

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode - nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 21040