Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Bisher auf verdichtet.at zu finden:

„Brot ist nie hart“

Mit Dank für die Erzählung an meine Gattin Irmgard

„Brot ist nie hart“, sagte der Vater immer, wenn sich seine Kinder beschwerten, dass das Brot ungenießbar sei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren karge Zeiten. Essen wurde nicht weggeworfen, auch hartes Brot wurde stets vertilgt.

Die Kinder kannten die Geschichte, von der dieser Satz rührte. Eines seiner Enkelkinder schrieb sie dann auf.

Sie geht folgendermaßen:
Im Zweiten Weltkrieg war der Vater aufgrund seines Glaubens als Zeuge Jehovas in einem Konzentrationslager interniert. Er bekam eine schwere Lungenentzündung. Sein Aufseher ließ nicht zu, dass ein Arzt seinen Zustand begutachtete. „Du wirst sowieso sterben“, sagte er zu ihm. Jedoch wärmten ihn seine Mitgefangenen. Abwechselnd legten sie sich zu ihm, so lange, bis sein Fieber nachließ, mehrere Wochen lang. Das war seine einzige Behandlung. Sie rettete ihn vor dem sonst sicheren Tod.

Jahrzehnte später traf der Vater, nun auch ein Großvater, in Graz zufälligerweise auf seinen ehemaligen Aufseher, der nun, so wie er, ein alter Mann war. Der Vater erkannte ihn innerhalb weniger Sekunden.

Sein ganzer Schrecken war ihm abhandengekommen, er war schwach geworden, doch in des Vaters Augen gänzlich nicht bemitleidenswert. Wahrscheinlich erkannte auch der ehemalige Aufseher den Vater, doch er ließ sich nichts anmerken.

Der Vater trat vor ihn, sah ihn gerade an. Er sagte ihm, wer er war, sonst nicht viel, aber dieser eine Satz war dabei. „Und doch habe ich überlebt!“

Das ist wahre Härte.

Brot und Salz für die Toten

Brot und Salz für die Toten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26219

Der Krämerladen Aprießnig

Klaus und Hannelore bereiten sich für eine Zeitreise vor. Unter anderem borgen sie sich dafür bei einem Kostümverleih für ihn ein buntes Hemd mit großem Kragen und für sie eine lilafarbene Schnürlsamt-Latzhose und eine gestreifte Bluse aus. Sie ziehen sich um, packen, was sie brauchen, zusammen und steigen in ihre Zeitkapsel. Klaus stellt den Timer auf den 12. Juni 1972, 9:15 Uhr, der Zielort ist Thörl-Maglern.

Die Reise dauert nur wenige Minuten. Dann sind sie in einem Wald. Die beiden steigen aus der Zeitkapsel. Klaus drückt auf den Knopf „Verschwinden“ auf dem Finder, wodurch die Zeitkapsel augenblicklich unsichtbar wird. Über den Finder können sie sie wieder orten.

Ihr Ziel ist der Krämerladen Aprießnig. Nach einem nicht allzu langen Fußmarsch betreten sie ihn. Besonders die bunten Dosen der Kolonialwaren beeindrucken Hannelore. Außerordentlich retro, denkt Klaus.

Ladeninhaberin: „Grüß euch.“

Klaus: „Hallo.“

Hannelore: „Servus.“

Ladeninhaberin: „Ihr seid nicht von hier.“

Klaus: „Nein, tatsächlich nicht.“

Ladeninhaberin: „Genauer gesagt, meinte ich: Ihr seid nicht von heute.“

Klaus: „Auch das ist richtig. Woran merken Sie das?“

Ladeninhaberin: „Eure Anziehsachen sind viel zu sauber, und die Sandalen, die du trägst, gibt es zurzeit noch nicht.“

Klaus: „Das sind Flip-Flops.“

Ladeninhaberin: „Genau, die sind jetzt noch nicht erfunden.“

Klaus: „Aha.“

Ladeninhaberin: „Lasst uns zur Sache kommen – ich nehme an, ihr seid an unseren Edmund-Mauthner-Budapest-Samen interessiert.“

Klaus: „Tatsächlich. Bei uns, das heißt, in unserer Zeit, sind alle Samen Hybride. Dadurch lassen sie sich nicht vermehren. Wir sind gezwungen, ständig neue zu kaufen.

Ladeninhaberin: „Unsere lassen sich schon vermehren.“

Hannelore: „Das ist auch der Grund, weshalb wir bei Ihnen sind.“

Ladeninhaberin: „Ich weiß. Es war übrigens schon ein anderes Pärchen vor euch da. Die trugen Raumanzüge mit eigener Sauerstoffversorgung, weil sie sich vor der angeblich schlechten Luft wegen der BBU fürchteten. Ts – ts – ts. Wir hier lieben die BBU. Sie gibt unseren Männern Arbeit.

Der Raumfahrer-Mann wollte eine Extrawurstsemmel. Ich sagte zu ihm: ,Wenn du die essen willst, musst du dafür aber dein Visier hochklappen.‘ Daraufhin verzichtete er auf die Semmel. Übervorsichtig, nicht?

Zurück zum Geschäft: Wir haben bis auf den Winterrettich alle Samen lagernd. Ich kann euch zehn Gramm von jeder Sorte geben. Der Lehrling packt sie in braune Papiersackerln und beschriftet diese. Seid ihr damit einverstanden?“

Hannelore: „Sind die Samen auch bio?“

Ladeninhaberin: „Bio?“

Hannelore: „Aus ökologischer Landwirtschaft.“

Ladeninhaberin: „Das bedeutet?“

Hannelore: „Kein Dünger auf dem Feld.“

Ladeninhaberin: „Gülle als Dünger ist in Ordnung?“

Hannelore: „Gülle ist okay.“

Klaus: „Lass gut sein, Hannelore! Natürlich sind wir einverstanden.“

Ladeninhaberin: „Deine Freundin ist etwas kapriziös, aber sei’s drum.“
Sie bedient die Kasse.

Ladeninhaberin: „Das sind dann, bitte, 217 Schilling und 50 Groschen.“

Klaus reicht ihr zwei Hunderter und einen Zwanziger.

Klaus: „Danke. Das passt so.“

Die Ladeninhaberin knetet die Scheine.
Ladeninhaberin: „Danke sehr. Welches Geld ist das eigentlich? Ist das Falschgeld?“

Klaus: „Nein, das sind bei uns vorrätige Restbestände.“

Ladeninhaberin: „Schön. Dann macht’s gut. Eine Frage noch: Aus welchem Jahr kommt ihr eigentlich?“

Klaus: „2073.“

Klaus und Hannelore verabschieden sich. Klaus bedient den Finder, der sie zur Zeitkapsel führt. Als sie dort sind, drückt er auf „Zeigen“.

 

Das Verkaufspult mit Geschirr, drei Emailletafeln, Kartons, zwei Schaufensterpuppen in Gailtaler Tracht und dem roten Petroleumspender im Greißlermuseum Thörl-Maglern

Das Verkaufspult mit Geschirr, drei Emailletafeln, Kartons, zwei Schaufensterpuppen in Gailtaler Tracht und dem roten Petroleumspender im Greißlermuseum Thörl-Maglern

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26208

 

In Glasscherben

Als ich in den Bus steige, zeigen sich die ersten Risse. 
Während er fährt, verzweigen sie sich zu feinen Linien.
Und als ich aus Bus aussteige, liege ich sofort in Glasscherben auf dem Boden.

Zwei Glasscherben auf dem Asphalt

Zwei Glasscherben auf dem Asphalt

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude | Inventarnummer: 26207

Georg Müller

Georg Müller – das ist ein fiktiver Name, damit er mich nicht verklagen kann, obwohl ich befürchte, dass es etliche Georg Müllers gibt, aber belassen wir es dabei –, Georg Müller also bezeichnet sich im YouTube-Clip als führender Experte des Off-Stock-Exchange-Marktes.

Was bedeutet Off-Stock-Exchange-Markt?, fragst du dich nun bestimmt. Das ist ganz einfach erklärt: Das Geld, das du auf dein „Brokerkonto“ überweist, wird nicht einmal in etwas nicht Existentes investiert. Es wird gar nicht investiert, in Sekundenschnelle beiseitegeräumt von Georg Müllers automatischem Programm.

Die Straßenbahn der Linie 71 - Börse - nähert sich am Abend des 18. Februar 2023

Die Straßenbahn der Linie 71 – Börse – nähert sich am Abend des 18. Februar 2023

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um … | Inventarnummer: 26206

Nicht kindergartentauglich

Ich war nicht kindergartentauglich.

Ich versuchte, mich zu erinnern, warum, und nach einiger Zeit stiegen die Gedanken in meinem Gedächtnis hoch.

Es war Hochsommer. Ich muss um die fünf Jahre alt gewesen sein. Die Kindergärtnerinnen hatten ein großes Plantschbecken aufgebaut, in dem wir Kinder nackt saßen, manche machten Schwimmbewegungen, nackt war damals noch akzeptiert, Jungens und Mädchen gemeinsam – ich sage Jungens statt Buben, da dies in Deutschland stattfand.

Mir war das viel zu wenig Action. Irgendwann überkam es mich und ich machte eine Arschbombe mit Anlauf in den Pool, mitten in die Kinder hinein.

Das war es dann für mich mit dem Kindergarten.

Das Schmetterlingsfenster im Kindergarten des Diözesanhauses

Das Schmetterlingsfenster im Kindergarten des Diözesanhauses

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26205

 

Alleine mit dem Haubentaucher!

Unsere Katze Lady Strange wendet mir ihren Hintern zu. Sie hat bemerkt, dass meine Frau und unser Sohn Michael bald wegfahren werden, da die linke Hintertür ihres Jeeps offen steht und die beiden sich umgezogen haben. Jetzt bin ich gleich wieder alleine mit dem Haubentaucher!, denkt sie vermutlich.

Wenn ich etwas zu essen habe hingegen, bin ich ihr Lieblingsmensch. Er ist der Größte und der Stärkste der drei, denkt sie dann wahrscheinlich, deshalb hat er immer das beste Futter. Davon will ich auch etwas abhaben!

Egal, was ich gerade verzehre, Mortadella oder Leberkäse in einer Semmel, sogar ein Tortenstück, sie kommt ständig zu mir und will davon ihren Teil kriegen.

Schlag und Parmesan frisst sie besonders gern, da macht es keinen Unterschied für sie, wer dies gerade zu sich nimmt.

Die Katze Lady Strange auf dem Garagendach hinter Buchenblättern am 13. Juli 2026

Die Katze Lady Strange auf dem Garagendach hinter Buchenblättern am 13. Juli 2026

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26191

Schmutzwäsche

Wärst du Wäsche, wärst du weiße,
aber du wärst Schmutzwäsche,
mein Lieber.
Du weißt, warum ich dich so bezeichne.

Ich dagegen wäre blütensaubere rote Wäsche,
ein feuerroter BH, ein glutrotes Höschen,
denn rot ist die Sünde.
Und die Sünde bin ich.


Das Rote-Unterwäsche-MARIE-JO-Mädchen am 21. September 2022

Das Rote-Unterwäsche-MARIE-JO-Mädchen am 21. September 2022

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ü18 | Inventarnummer: 26189

 

Ich warte auf die Sonne

Ich warte auf die Sonne.
Wenn sie aufgeht, habe ich die Nacht überstanden,
wieder einmal, ohne zu schlafen.

Abwechselnd Kaffees und Energy Drinks, dazu Zigaretten,
Computer und das WM-Spiel Paraguay gegen Frankreich,
das Frankreich 1:0 gewann.

Ich warte auf die Sonne.
Noch ist es tiefe Nacht.
Aber mit jeder Zeile, die ich hier schreibe, komme ich ihr näher.

Die neue Sonne

Die neue Sonne

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26178

Am 2. Juli 2026 um 14 Uhr

Ich sehe nach oben.
Die Sonne ist hinter das Haus gewandert.
Vor mir scheint ihr Licht.
Dahinter liegt der Schatten des Waldes.

Ich höre den Nachbarbuben und verschiedene Vogellaute.
Ein Zitronenfalter flattert.
am 2. Juli 2026 um 14 Uhr.
Ich bin recht zufrieden.

Der nachbarliche Wald mit dem abgebrochenen Ast

Der nachbarliche Wald mit dem abgebrochenen Ast

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26177