Stellvertreter

Ich weiß nicht ganz genau, wann es geschah, dass ich ersetzt wurde, doch ich erinnere mich genau, wie es vor sich ging.

Morgens vor einigen Monaten zog ich mich an, Hemd, Anzughose, Krawatte, Sakko, da stand er zirka einen Meter links von mir und sah mir zu. Er war durchsichtig, an seinen Konturen war er erkenntlich. Er war so groß wie ich. Als ich den Raum verließ, verschwand er.

Aber er kam wieder. Nächsten Abend saß er neben meiner Frau auf dem Sofa und sah anscheinend mit ihr fern. Ich hörte währenddessen in der Küche mit meinem Laptop und Kopfhörern Musik. Diesmal war er etwas weniger durchsichtig. Er sprach nicht, er bewegte sich nicht viel. Gerrit, meine Frau, reagierte nicht auf ihn. Auch unser fünfjähriger Sohn Mickie nahm keine Notiz von ihm. Offensichtlich sah nur ich ihn. Er war der Eindringling.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich wollte einiges im Büro erledigen, bevor das Tagesgeschäft losgehen würde. Gerrit schlief noch. Als ich das Schlafzimmer verlassen und die Tür hinter mir geschlossen hatte, erblickte ich ihn, den Eindringling. Er war halb durchsichtig. Er versperrte mir den Weg ins Badezimmer. „Geh weg!“, sagte ich, worauf er ins Wohnzimmer ging und sich auf einen Stuhl setzte.

„Warum löst er sich nicht einfach auf?“, fragte ich mich. „Weil er es nicht will“, antwortete ich mir selbst. „Er beabsichtigt zu bleiben.“ Ich hatte aber gerade nicht den Kopf, mich um den Eindringling zu kümmern. Ich musste mich fertigmachen, ich sollte möglichst früh im Büro sein. Bevor ich die Wohnung verließ, bemerkte ich, dass der Eindringling immer noch auf dem Stuhl saß. Er hatte die Stehlampe eingeschaltet und las ein Buch.

Ich tat mir schwer beim Arbeiten im Büro. Ich wurde nicht fertig mit dem, was ich mir vorgenommen hatte. Dabei sollte ich mich ranhalten, ich bin nicht der Überflieger unter den Büroangestellten, sondern derjenige, der seinen Arbeitsplatz verteidigen muss. Aber mir war bewusst, dass der Eindringling eine wachsende Gefahr darstellte. Natürlich konnte ich mich unter diesen Umständen schwer konzentrieren. Ich durfte über ihn klarerweise auch kein Wort verlieren. Was sollte ich auch sagen: „Mein Alter Ego ist im Begriff, bei mir einzuziehen. Und ich bin im Begriff, aus unserer Wohnung auszuziehen?“ Das Mindeste, was mir dann gedroht hätte, wäre wohl die Nervenheilanstalt gewesen.

Gegen achtzehn Uhr war ich wieder zuhause. Auch der Eindringling war anwesend, er spielte mit Mickie in seinem Zimmer Lego. Nun war er gänzlich sichtbar, und – er sah aus wie ich, genau gleich. Er sprach mit Mickie mit einer Stimme, die genau klang wie meine. Ich stand in der offenen Tür zu Mickies Zimmer und sagte: „Hallo!“ Mickie sagte auch: „Hallo!“, ebenso wie der Eindringling, der sich zu meinem Stellvertreter weiterentwickelt hatte. Mickie wunderte sich gar nicht, dass mein Stellvertreter mit ihm spielte, genauso wenig, wie sich Gerrit beim Abendessen wunderte, dass es da nicht nur mich, sondern auch meinen Stellvertreter gab, der mitaß und Gespräche führte. Es war, als wäre er schon immer hier gewesen.

Am nächsten Morgen, als ich gerade den Wagen startete, klopfte er an das Fenster der Beifahrerseite. Er war gekleidet wie ich. Was sollte ich tun? Ich ließ ihn einsteigen. Er wollte sogar mit mir plaudern, da fiel mir auf, dass seine Zähne besser waren als meine, weißer und vor allem vollständig. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich dachte auch, dass ich das Recht hätte, auf den Smalltalk aus Höflichkeit verzichten zu dürfen.

In der Firma begleitete er mich auf allen Wegen. Er lernte, was ich arbeitete. Ich hatte die Vermutung, besser gesagt die Befürchtung, dass er sehr sich schnell und exakt mein Wissen und meine Tätigkeiten aneignete.

Niemand nahm Notiz von ihm. Ich weiß nicht, wie das funktionierte, ich habe keine Ahnung. Es geht offensichtlich automatisch: Wo mein Stellvertreter unsichtbar sein soll, ist er unsichtbar. Wo man ihn sehen soll, ist er sichtbar.

Würde es jetzt so laufen, dachte ich am Abend, dass er statt mir meine Arbeit im Büro erledigte? Es gäbe Schlimmeres als das, logisch, doch ich vermutete nicht, dass ich mir die Rosinen aus dieser Situation herauspicken können würde.

Nach dem Abendessen blieb Gerrit mit ihm am Tisch sitzen. Er erzählte ihr von Reisen, die er unternommen haben wollte, als jugendlicher Tramper und zuletzt mit dem Motorrad. Er sprach mit ihr über Mode und über Musik, er kannte sich dabei augenscheinlich sehr gut aus. Gerrit saß ihm gegenüber, ihre Augen strahlten.

Je stärker er wird, desto schwächer werde ich.

Ich sitze nun vor meinem Computer und bemerke, als ich an mir heruntersehe, dass ich durchscheinend werde.

Die Morgensonne über dem Dach in Krumpendorf

Die Morgensonne über dem Dach in Krumpendorf

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 22146

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