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In der Fertigung

In der Fertigung ist gerade Pause. Facharbeiter Heinz Schwitzer isst ein Wurstbrot und trinkt einen Traubensaft aus der Dose. Roboter Nelson sitzt auf einem Metallbehälter.

Heinz Schwitzer:
Da, Nelson, willst du auch etwas davon?
Er hält ihm Wurstbrot und Getränkedose entgegen.

Nelson:
Sehr lustig! Aber weißt du was, Heinz? Ich als Roboter bin euch Menschen jetzt etwas nähergekommen, seit letztem Monat beziehe ich ein Gehalt.

Heinz Schwitzer:
Ach, das ist aber interessant. Was machst du denn mit dem Geld?

Nelson:
Weiß ich noch nicht. Das liegt auf meinem Konto.

Heinz Schwitzer:
Wie bitte, du hast ein Konto?

Nelson:
Ja, warum denn nicht? Das hast du ja auch.

Heinz Schwitzer:
Na ja, wie dem auch sei. Machen wir einen Themenwechsel: Ich freue mich schon auf den Sommer. Camping in Istrien mit meiner Family.

Nelson:
Klingt gut. Ich überlege mir, nach Sardinien zu fahren.

Heinz Schwitzer:
Was tust du auf Sardinien? Ich denke, im Sommer werden du und deine Kollegen generalüberholt.

Nelson:
Das dauert ja nur eine Woche, außerdem verkürzt es nicht meinen Urlaubsanspruch von vierzig Tagen.

Heinz Schwitzer:
Und wie gedenkst du, dort deinen Urlaub zu verbringen, Nelson?

Nelson:
Ich werde mir dort eine Fabrik suchen, in der ich arbeiten kann, während mein italienischer Kollege Urlaub hat.

Heinz Schwitzer:
Aber dein Urlaub hat ja gar keinen Sinn, wenn du wieder nur in ihm arbeitest!

Nelson:
Doch, schon: andere Technik, andere Kollegen, andere Gegend. Für mich gibt es ja nur die Arbeit. Das wäre die maximal mögliche Abwechslung für mich.

ABB-Fertigungsroboter

ABB-Fertigungsroboter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19107

Five Days

„Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Erdkarte. Alles schon entdeckt und erforscht“, dachte er, als er in der Gegend herumspazierte. Außer der Tiefsee, die war noch weitgehend unerkannt. Aber das war nicht sein Ding. Die Geheimnisse der Psyche ergründen, das schon eher. Wie wirst du in einer bestimmten Situation beeinflusst? Immer noch Schnee an den Bäumen. Der Winter nahm kein Ende.

Seine Frau hatte ihn vor kurzem verlassen. Sein ganzes Leben hatten sich Frauen um ihn gekümmert. Nun lebte er das erste Mal nicht mit einer Frau zusammen. In zwei Monaten würden sie geschieden sein. Sie hatte keinen anderen, aber sie waren einfach zu verschieden, hatten keine gemeinsamen Interessen. Mit den Jahren war das immer stärker zutage getreten. Kinder waren keine da, so war die Trennung leichtgefallen. Er hatte auswärts einen neuen Job begonnen, und die Firma stellte ihm und einem Kollegen eine Wohnung zur Verfügung. Mit seinem Kollegen verstand er sich ganz gut. Der war schon 55, Wiener, 20 Jahre älter als er. Meistens redeten sie über die Firma und über Technik, selten über Privates.

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Er nahm das erst jetzt wahr. Er ging in seine Wohnung, unterhielt sich noch kurz mit Gottfried, seinem Kollegen, und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen ging ihm das vertraute Geräusch der Dusche ab. Gottfried und er hatten einen Zeitplan vereinbart. Üblicherweise, wenn sein Handy ihn weckte, war gerade Gottfried im Bad. Vielleicht hatte sich Gottfried heute nicht geduscht und war bereits in die Firma gefahren, denn auch in der Küche sah er ihn nicht.

Heute war Freitag, er freute sich schon auf das Wochenende. Er blickte aus dem Fenster. Draußen blühte der Kirschbaum, der Schnee war verschwunden. Es war warm. Er zog seinen Pullover wieder aus. Seltsam. Er stellte sich Kaffee auf, rasierte und duschte sich. Mit einem T-Shirt und Sakko bekleidet, fuhr er in die Firma. Auch dort konnte er keine Spur von Gottfried finden. Man teilte ihm mit, Gottfried habe vor drei Wochen die Firma verlassen. Stattdessen saß eine neue Sekretärin im Büro, eine dickliche Französin. „Wir müssen heute den internen Auftrag über die zwei Extrusionslinen für den Iran erteilen“, eröffnete sie ihm. Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Auftrag verhandelt zu haben. Der stand doch erst in einem Monat auf dem Plan. Er war verwirrt. Seine neue Sekretärin war gut vorbereitet und half ihm bei der Besprechung des Auftrages mit den technischen Abteilungen und mit der kaufmännischen.

Beim Mittagessen in einem chinesischen Restaurant saßen sie im Garten. Es war Frühling. Schmetterlinge schwirrten herum, die Vögel zwitscherten.

Abends sah er sich im Fernsehen einen Science-Fiction-Film an. Zum Ausgehen war er zu müde. Er ging früh zu Bett. Er las noch ein wenig Fachliteratur, bevor er einschlief.

Als er die Augen aufschlug, lag eine fremde Frau neben ihm. Eine hübsche brünette, schlanke Frau. Sie schlief, hatte den Arm über seine nackte Brust gelegt. Gestern hatte er doch einen Pyjama angehabt, oder irrte er sich? Er hatte doch nur ein Einzelbett. Wie kam das Doppelbett in sein Zimmer? Das war gar nicht sein Zimmer. Er war bei ihr. Sie frühstückten gemeinsam, Honig, Marmelade, Tee. Sie schienen einander schon länger zu kennen. Sie gingen im Attersee baden. Es war ein heißer Tag, 32 °C. Die Sonne brannte. Viele Surfer auf dem Wasser. Es war Sommer. Sie tranken viel und liebten sich leidenschaftlich in der Nacht.

Am nächsten Tag war die Frau verschwunden. Er war wieder in seiner Firmenwohnung. Es regnete. Nebelschwaden. Ein typischer Sonntag im November. Ihm war langweilig. Er fuhr in seine Firma, um in Ruhe zu arbeiten. Er begutachtete seinen neuen Computer mit Flachbildschirm und rief seine E-Mails ab, 2364 neue Nachrichten.

Montags erwachte er an der Seite seiner Frau in einem ihm unbekannten Haus. Im Garten warfen ihre Kinder Schneebälle.

Der Wörthersee im Winter

Der Wörthersee im Winter

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19108

Gedanken

Mit der Zeit lernte ich zu verstehen. Anfangs bekam der Patient, üblicherweise ein Student, der als Proband fungiert, ein Kontrastmittel gespritzt, zwanzig bis dreißig Minuten später legte man ihn in einen Gehirnscanner, und ich beobachtete seine Gehirnaktivität. Es begann mit einem großen Durcheinander, einem Wirrwarr von unterschiedlichen Gedanken, einem chaotischen Zustand. Allerdings, was man ja auch annimmt, liefen diese Gedanken nacheinander ab. Viele Gedanken bewirkten einen weiteren, andere hörten auf. Aber woran dachte der Patient?

Die Gedanken in Sprache umzuwandeln gelang nicht, da der Patient ja nicht in Buchstaben dachte. Er dachte in Bildern, und verschiedene Bilder hintereinandergeschaltet ergaben einen Film. Es gelang mir wirklich, diese Bilder zu visualisieren. Sogar auf meinem Smartphone konnte ich sie anzeigen lassen. Auf das Kontrastmittel konnte mittlerweile verzichtet werden, und der Gehirnscanner wurde zu einem Ring verkleinert, den der Patient aufsetzte – es sah dann aus, als ob er einen Heiligenschein hätte.

Inzwischen konnte ich mithilfe dieser Apparatur die Gedanken vieler Menschen ansehen, aber niemals testete ich sie an meiner Freundin, aus Angst, dass ich in ihren Gedanken gar nicht vorkommen würde.

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Bunte Sterne und Streifen auf dem Kopfsteinpflaster

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19090

Prof. Dr. Lino

Soeben wurde eine Creme mit neuer Rezeptur im Labor hergestellt. Professor Doktor Lino prüft sie auf Streichfähigkeit. „Scheint in Ordnung zu sein“, sagt er zu einem Laborassistenten. „Sie riecht auch gut“, sagt er zu sich selbst, aber nicht mehr zum Assistenten, denn man soll die Leute nicht zu sehr loben.
Prof. Dr. Lino ist etwas im Stress, in einer dreiviertel Stunde muss er im Universitätskrankenhaus die Visite durchführen, vorher noch muss er sich über die Patienten informieren – wie ist die Vorgeschichte, welches Produkt wurde eingesetzt, wie sieht das Ergebnis aus?
Danach muss er noch einen Besuch bei betuchten Patienten im Privatkrankenhaus abhalten. Prof. Dr. Lino hat immer viel zu tun.

Es ist nur zu hoffen, dass niemand jemals Prof. Dr. Lino darüber aufklärt, dass er nur eine Werbefigur ist, und zwar für die Firma Linola, die spezielle Cremen, die Linolsäure enthalten, für die Anwendung bei trockener Haut und Juckreiz fabriziert und vertreibt.

Das ist Prof. Dr. Lino

Professor Doktor Lino

Professor Doktor Lino

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19087

Der große Stromausfall

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Schließlich hatte man es bewerkstelligt. Zeitreisen waren immer schon ein Traum der Menschheit gewesen. Nun waren sie Wirklichkeit geworden. Anfangs natürlich ein exklusives Vergnügen, wurden sie ständig günstiger, bis eine Reise ungefähr so viel kostete, wie früher in der Videothek einen Film auszuleihen. Deshalb waren jetzt viele Menschen in der Zeit unterwegs.

Das Besondere war, dass man nicht nur in die Vergangenheit reisen konnte, sondern auch in die Zukunft. Das physikalische Prinzip dafür bildete die Überlegung, dass es eine parallele Welt gäbe, wo keine Zeit existierte, in der man jeden beliebigen Punkt ansteuern könnte, der sich in der realen Welt als Zukunftspunkt manifestierte.

Alles war möglich geworden, den Propheten Mohammed in Medina im Jahr 627 zu besuchen, die Ardennenoffensive am 18. Dezember 1944 zu erleben, feingliedrige und kaum behaarte Zukunftsmenschen zu beobachten.

Man konnte in die Szenerie nicht eingreifen. Logischerweise, sonst fände man sich in einer geänderten Gegenwart wieder. Man sah die Menschen, die Bauwerke, die Wälder, die Wiesen, man hörte das Treiben auf orientalischen Märkten, roch die Gewürze, schmeckte den Met der Wikinger, aber man spürte nichts und niemanden.

Plötzlich, eines Samstags um 23:29 Uhr – niemand fand heraus, was dahintersteckte –, ging der Strom aus, überall gleichzeitig, weltweit. Und nicht wieder an, nie mehr, bis heute – 493 Tage später.

Die Menschen erlebten ihre verschiedenen Realitäten, von denen manche echt waren und manche irreal – jene von Zeitreisen. Unzählige verschiedene Realitäten existierten gleichzeitig, unterschiedliche Zeiten. Selbstverständlich ließe sich jeweils herausfinden: War es eine falsche Situation oder eine echte? Könnte ich etwas angreifen, dann war ich im sicheren Hafen.

Doch die Menschen waren so bequem geworden. Sie standen bloß da und schauten mit großen Augen, in das Jahr minus 1286, in das Jahr plus 314, in die Gegenwart.

Colours

Colours

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19085

 

Piano Man

Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein dünner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer.

„Mist, ich brauche eine Mütze voll Schlaf“, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems lässt seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine Häuser, gähnende Leere und Öde rundherum. Er tritt aufs Pedal.

In der Ferne plötzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar Bäume säumen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.

„Motel“ steht auf einer verrosteten, altertümlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgeschoß. Tom greift nach seiner Reisetasche am Rücksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gemütliches Bett.

Ein leiser Klingelton ist zu hören, als er die knarzende Holztür öffnet. Ein schwach beleuchteter Gang führt zu einem Pult, dahinter steht mit dem Rücken zu Tom ein weißhaariger Mann, er trägt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zurück.

„Oh!“, entfährt es ihm unabsichtlich. ‚Der Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins‘, denkt er bei sich.

„Guten Abend, Sir. Sie sehen müde aus. Ein Zimmer gefällig?“, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den Wänden, er nimmt einen eigentümlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, rückenlangen Haaren in einem weißen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, große Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verführerisch die prallen Brüste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen.

‚Kein Büstenhalter, krass!‘, denkt er sich. Die Frau lächelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand.

„Ich zeige dir gleich das Zimmer!“ Während sie von Anthony einen alten Schlüssel mit einem großen Holzanhänger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase.
‚Cannabis, oder?‘, fragt er sich und schmunzelt.

Tom folgt der Frau wortlos über die Treppe, sie schließt Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die weißen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und öffnet einen Fensterflügel. Die Musik ertönt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgläser, füllt ein tiefrotes Getränk in die Gläser und reicht ihm eines.
„Herzlich willkommen, Fremder!“, haucht sie ihm ins Ohr, „du kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.“ Sie leert das Glas in einem Zug und verlässt das Zimmer.

,Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?‘ Tom schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, an der Rückseite des Motels, sitzen einige Männer um einen großen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und ärmellosen Pullis über bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildschöne Frau an, die soeben wieder zu ihnen zurückgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Schoß eines Mannes und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.

Hinter dem Grünstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos älteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs Stück. Die Autos scheinen zu den Männern zu passen. ,Maskenball oder Junggesellenabschied?‘, fragt er sich. Die Musik wird lauter, und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.

Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dröhnt in seinen Ohren, die Gerüche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgemälde. Tom stolpert aus der Tür, über die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs Männer am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und lächeln, die Fee hält im Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu.

„Schön, dass du bei uns bist, Fremder!“, haucht sie in den Sommerabend.

„Was wird denn hier gefeiert?“, fragt Tom, noch immer außer Atem. Ein brünetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom:
„Wir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!“

Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbehälter mit mehreren Hähnen, sieben antike Kristallgläser mit einer grünen Flüssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gläsern liegen gelochte Silberlöffel mit einem Stück Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbehälters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas fällt, hinterlässt in der grünen Flüssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelfäden, die langsam mit dem Grün verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen über seinen Rücken, gleichzeitig ist ihm heiß, und er fühlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingernägeln langsam über die nackte Haut seines Unterarmes, über seine Schulter hinweg bis zum Hals und hält an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und flüstert:
„L‘heure verte“. Tom versteht nur Bahnhof. Die Berührungen machen ihn halb verrückt. „Trink, Fremder!“, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kräutern, irgendwie nach Anis, Fenchel …

Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Flüssigkeit, nach mehr Berührung.
„Komm! Setz dich ans Piano und spiele für uns!“
„Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe … aber woher weißt du …?“, will Tom einwenden.
„Sing us a song, you‘re the piano man …“, fangen die Männer am Tisch zu singen an.

Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen Rücken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverständlich über die Tasten zu fliegen, machen sich selbständig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche.
„… well we’re all in the mood for a melody and you’ve got us feelin’ alright … la la la …“, stimmen nun alle mit ein.

Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verführt, neckt die Männer. Ein lauer Nachtwind kühlt die erregten Gemüter, lässt Toms Schweißperlen trocknen. Er weiß nicht, wie spät es ist, er weiß nicht, wo er ist, er weiß gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, drückt sich fest an ihn, er spürt jede Faser ihres schlanken Körpers, er ist elektrisiert.

„Wirst du mich retten, Piano Man?“, fragt sie ihn plötzlich mit trauriger Stimme. „Ja … ja, natürlich. Aber …?“, stottert Tom.
Stille.
Tom öffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte Übelkeit überkommt ihn. Er sieht zerwühlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos.
„Was zum Geier …?“

Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum drehen könnte. Er läuft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der bloß dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Schönheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie trägt einen geflochtenen Korb und pflückt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied ... „Piano Man“ …
„Mein Gott, sie ist so wunderschön!“ Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom.

Er läuft durchs Zimmer, zieht sich an und verlässt mit Reisetasche und zerwühlten Haaren den Raum.
„Ich muss weg von hier, verflucht!“, flüstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschlüssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und drückt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel.
„Verdammt! Hallo? Ist hier jemand?“

Anthony kommt aus einer Seitentür und lächelt ihn an.
„Sir, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschlüssel?“ Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, lächelt ihn an, küsst ihn auf den Mund.
Wortlos stellt sie die Blumen auf das Pult.
Anthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und flüstert:
„Du bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du gehörst jetzt ihr, für immer!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag
(Die Geschichte hat im Schreiblust-Verlag Monat März zum Thema „Schneewittchen“ unter 40 Geschichten Platz 1 erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt – erscheint voraussichtlich Anfang 2020).

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19080

Der Reisende in Menschenhaut

Das All hab ich durchquert,
dreizehn Milliarden Jahre lang,
das Licht neben mir,
schneller ging es nicht.

Auf diesem Planeten landete ich,
der die Farbe hat deiner Augen,
deshalb wählte ich ihn als Zufluchtsstation,
um zu essen, zu schlafen, zu rasten.
Dann sollte die Reise weitergehen.

Doch mein Antrieb war zu schwach,
ich durchstieß die Lufthülle nicht.
So musste ich bleiben
und mich bescheiden.
Vergessen den Wind, der mich nicht mehr trägt.

Fest ist hier die Erde, die mich an sich bindet.
Viele Menschen höre ich reden, aber ich versteh sie nicht.
Ich spaziere am Ufer des Sees,
und seh ich ins Wasser, dann denk ich an dich.

Der Walterskirchner See im Frühling

Der Walterskirchner See im Frühling

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19069

D’Fiass im Gatsch

Sie gräbt ihre Füße in die kühle Erde des frisch gepflügten Feldes, der Duft der Scholle steigt ihr befreiend in die Nase. Noch tiefer taucht sie ein mit ihren Füßen in den brauen Morast, der sich sanft um ihre Gliedmaßen legt. Sie schließt ihre Augen und breitet ihre Arme aus. Sie atmet tief ein, sie atmet tief aus, sie lässt die Energie in sich kreisen und spürt die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrer Haut. Vor ihrem inneren Auge ziehen Bilder vorbei, Bilder von gestern, Bilder von heute, Bilder von morgen, sie werden langsamer und immer langsamer, bis sie sich auflösen und als einzelne Farbfetzen vorbeitanzen. Sie gibt sich diesem Tanz hin und wiegt ihren Körper vor und zurück, ihre zur Seite gestreckten Arme wippen leise auf und ab und bewegen sich sanft um ihren Oberkörper. Tief atmet sie alles ein, was ihr guttut, und lässt diese Energie in ihrem Inneren kreisen, um mit dem nächsten Atemzug alles abzugeben, das sie nicht mehr benötigt, immer tiefer werden ihre Atemzüge, immer länger verbleibt die positive Energie in ihrem Körper und zieht dort ihre Kreise – immer schneller, immer wilder, immer enger, bis sie sie ganz in ihrem Gespinst glitzernder goldener Perlen einhüllt. Ihre Füße graben sich dabei noch tiefer ein in die kühle fette Erde des frisch gepflügten Feldes. Und auf einmal pulsiert es in ihren Beinen, sie spürt, wie der Saft des Lebens in ihnen hochsteigt und sie mit der Kraft der Erde erfüllt. Laut stöhnt sie auf und gibt sich dem Fluss der Energie in ihrem Inneren hin.
„Du heast, Voda, do is oba no kaa Bam g’stond’n, do om Rond vom Föd, des ma vuagestan pflügt ham … oda?“
„Na Bua, do woa a gestan in da Fruah no ka Bam!“

Waltraud Zechmeister
www.waltraud-zechmeister.at

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19052

Amaryllis oder Der Traum von der Motte

Als ich vor kurzem im Abstellraum nach der Hausapotheke kramte, fiel mir eine weiße Schachtel entgegen. Ah, die Amaryllis. Es ist Zeit, sie in die Erde zu setzen. Ich habe die Knollen nach der Blütezeit in Seidenpapier gewickelt und in einem Schuhkarton aufbewahrt. Diese drei Knollen habe ich schon mehrmals zum Blühen gebracht, eine kommt weiß, eine rot und eine blassrosa. Amaryllis sind – ganz im Gegensatz zu ihren Prachtblüten – bescheiden und nicht umzubringen, nicht einmal von mir. Mit Glück werden sie um Weihnachten neben den Kakteen und Orchideen die Zierde der vorderen Fensterbank sein. Sonnig, aber nicht zu sehr, wenig gießen, genügsam, steht auf dem Stecker.

Vor Jahren habe ich einmal die Knollen achtlos in einen Papiersack unter die Abwasch gesteckt und sie vergessen. Als ich lange später, ohne hinzusehen, einmal in das Fach hineinlangte, um den Bartwisch herauszufischen, streifte ich mit den Fingern etwas Ungewöhnliches, noch nie Gespürtes. Ich zog die Hand heraus und schüttelte sie. Brrr, gruselig, zwischen tot und lebendig. Vielleicht fühlt sich so eine frische Leiche an? Ich hab noch nie eine angefasst. Nicht fest, nicht weich, nicht warm, nicht kalt, nicht glitschig, nicht trocken, nicht dicht, nicht leer. Etwas zwischen allem.
Ich zuckte zurück wie von einem Stromschlag getroffen, knallte die Schranktür zu und wagte lange nicht, sie zu öffnen. Ich saß am Boden davor und versuchte durch tiefes Atmen den Ekel und den Schrecken loszuwerden. Schnell trank ich ein Glas Wasser. Das Herz klopfte wie verrückt, und ich starrte auf das Kastltürl, als würde da drinnen ein wildes Tier sitzen.

Birke, Buche oder Kirsche? Die Zeichnungen im Holz. Keine Lärche, keine Zirbe, nicht Eiche, Föhre, Ahorn, und sicher kein Rosenholz. Ich erinnere mich, was ich beim Tischler Ponweiser aus Schlatten in der Buckligen Welt bestellt hatte. So versuchte ich mich abzulenken, indem ich auf die kreiselnden Astlöcher im Holz starrte. Endlich habe ich mich so weit beruhigt, dass ich wage, die Tür wieder zu öffnen.
Da sind hellgrüne Blätter, nicht mehr als langgezogene, dünne Fäden. Wie Fühler haben sie sich zwischen den Mülleimern, Schachteln mit Waschmitteln, dem Holzstiel der Saugglocke, der Plastikschaufel und dem Glas mit Besen, Bürsten, Schwämmen und Flaschenputzern durchgeschlängelt und sich an der Innenseite der Kastltür hochgezogen. Als ich die Blätter vorsichtig herauslöse, stoße ich auf eine sternförmige, blassrosa Blüte, wächsern, fast durchsichtig. Ich schwöre, sie hatte ein Gesicht und schaute in meines, und ich schaute zurück. Lieb und mild lächelnd sagte sie etwas erschöpft: Endlich, wir haben es geschafft.
Diese Amaryllis hat mit solcher Kraft zum Leben gestrebt, dass sie fast ohne Licht, Erde und Wasser ausgetrieben hat. Ich war bis zum Weinen gerührt vor der Macht der Natur. Demut. Hallo, ihr seid alle stärker als wir.

In einer unermesslichen Anstrengung hat meine Amaryllis sogar ihre eigenen Regeln umgestoßen, nämlich wie es ihr der genetische Code eingegeben hat, zuerst die Knospen und dann erst die Blätter auszubilden. Vielleicht haben sie untereinander diskutiert, wer in dieser Situation die größeren Überlebenschancen hat, die besseren Möglichkeiten, sich in diesem finsteren, miefigen Kastl zwischen dem Gerümpel bemerkbar zu machen, sich irgendwie herauszuarbeiten. Wie in einer guten Seilschaft. Da tauschten sie einfach die Rollen. Die Blätter haben sich über alle Hindernisse hinweg nach vorne gekämpft. Dabei haben sie sinnvollerweise den gerade nicht nötigen Stamm vernachlässigt. Diese Leistung muss ich besonders bewundern, sind doch die Blüten von einer dicken Fleischlichkeit, während die Blätter und der Stamm im Inneren eine Hohlrinne haben. Jeder Amaryllis-Halter weiß, dass er sie unzählige Male stützen muss, wenn sich einmal die Krone zur vollen Blütenpracht entwickelt hat. Mir sind schon ganze Blumentöpfe umgekippt.

Das ist jetzt einige Jahre her, mein Dreigestirn hat sich jeden Winter reichlich bedankt. Seither habe ich die Knollen mit größter Sorgsamkeit behandelt. Diesmal ließ ich etwas Erde an ihren Wurzeln dran. Sie bekamen drei gesonderte, lockere Betten in weißem Seidenpapier; den Karton stapelte ich nicht mehr unter der Abwasch, sondern im lichten Abstellraum, versah ihn vorsorglich mit Luftlöchern. Ab und zu sprühte ich sogar etwas Wasser hinein. Ich hatte auch schon im Kopf, welchen Blumentopf ich ihnen für diese Blühsaison zuteilen würde. Einen besonders großen, aus dicker Keramik, beschwert mit Steinen am Boden und die Erde aufgelockert mit Ton.

Ich weiß nicht mehr, was mir dazwischenkam. Wahrscheinlich ein Telefonanruf oder eine Radiosendung. Soviel ist sicher, ich habe den Karton auf die Arbeitsplatte neben den Herd gestellt, den Deckel abgehoben und für den Rest des Abends darauf vergessen. Vor dem Schlafengehen habe ich über meinem PC eine fette Motte erschlagen. Ein Mord, mit großem Genuss und Genugtuung ausgeführt, gesättigt von teuflischem Behagen. Ich verheimliche es nicht, ich hasse diese absolut unnützen Tiere aus tiefstem Herzen, seit sie mir zwei Teppiche zerfressen haben und ich die restlichen nur mit viel Mühe und Geld erhalten konnte. Ich nahm die Motten-Leiche in mein Journal auf, befestigte sie mit Tixo auf dem linierten Blatt und datierte den Fang: 25.10.18, 23h10. Anhand einer Motte kann man leicht vom Gottesglauben abfallen und an einem vernünftigen Schöpfungswillen zweifeln. Motten als Anti-Gottesbeweis.

Was ich als Tagesreste mit in den Traum genommen habe, entzieht sich meiner Kenntnis und Erinnerung. Wie jede Nacht tappe ich gemäß einem natürlichen Körperbedürfnis aus meinem Schlafzimmer durch das Wohnzimmer. In der linken Leseecke glimmt die gedimmte Lampe, die ich immer anlasse. Im zur Küche offenen Esszimmer leuchten an drei Stellen die gelben Spots. Im Fußlauf. Aus der Wohnung schief gegenüber fallen aus den Jalousien matte Lichtstreifen auf den Buchara-Teppich. Am Herd blinkt das rote Viereck der Zeitangabe für das Backrohr. Alles normal. Diese Beleuchtungsabfolge ist genau geplant und hat sich für mich bewährt. Immer wieder befrage ich auch meine Gäste, ob meine nächtliche Lichtinstallation praktikabel sei.

Alles scheint wie immer. Erfolgreich umschiffe ich den Esstisch mit sieben Stühlen und fühle die Teppichkanten und Fransen unter meinen Sohlen wie Leitlinien. Der letzte Griff mit der rechten Hand an den Thonetstuhl am Kopf des Tisches. Knapp vor der Küchenzeile stoße ich plötzlich auf ein Hindernis. Es ist nichts wirklich Körperliches, obwohl ich eindeutig etwas im Gesicht und an den Ohren spüre. Ich reiße die Arme hoch, um mich zu wehren, da prallt etwas gegen meine linke Schulter. Es ist nicht heftig, nur ein leichter Klaps, ein Taps, wie einen ein kleiner Finger anstoßen kann.
Sehen kann ich nichts, aber das Gefühl, von etwas umringt zu sein, ist allgegenwärtig. Es ist nichts Materielles, sondern eher die Bewegung der Luft. Waren es die Arme, mit denen ich jetzt um mich wedelte?
Voll Angst und Ekel, pftpft, weg da. Irgendetwas setzte die Luft in Schwingungen, die meinen Körper wie leichte Wellen treffen. Eine Luftdünung, die von einem leisen Sirren begleitet ist. Als ich später darüber nachsann, kam mir der Gedanke: Ich spürte eine Seele.

Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber mit zu viel Phantasie ausgestattet, sagen die Leute, dass ich mir zu viel vorstellen kann.
Die phantasiert. Phantastin wurde ich schon in der Kindheit genannt. Die träumt. Jede Empfindung, sei es an Körper oder Geist, setzt sich sofort in eine Fülle von Bildern um. Dazu rieche ich immer sofort etwas, wozu noch die Farben kommen. Vor allem bei Musik geht es mir so. Meine Synapsen liefern mir oft ganze Gewittersturmfronten, Hurricanes und Zyklone. Synästhesie sagt die Psychologie trocken zu diesem Phänomen.

Es siegt die Neugierde, ich will es wissen. Als ich, mit den nackten Füßen über den Boden tappend, die Ecke zwischen Geschirrspüler und Badezimmer erreiche, strecke ich die linke Hand zum Lichtschalter aus und streife die Wand entlang. Ich gerate aber zu hoch und greife mit den Fingern voll in den Buschen Rosmarin von der Insel Pag. Die trockenen Nadeln rieseln in Schauern zu Boden, dass es beim nächsten Schritt unter meiner Sohle knirscht. Hinter dem Türrahmen ertaste ich endlich einen Schalter, drücke ihn nieder, und die Deckenlampe flammt auf.
Was bekam ich zu sehen? Ein Wunder! Aus der Schuhschachtel wucherte ein dichter Dschungel aus Amaryllisblüten in Rot, Weiß und Rosa. Um die Knollen rankten sich blassgrüne Blätter und schlangen sich wie eine Efeuwand bis über die obere Kastlreihe hinauf. Die Griffe und Lichtspots benützten sie ganz selbstverständlich als Stützen. Über die Glocke des Dunstabzugs – halb Glas-, halb Metallgitter – wucherten Wurzeln, blassblau wie Bandlwürmer, die Reihe mit Gewürzen war nicht mehr zu sehen, und aus den Zierflakons sprossen Blüten. Vom Stahlseil des Vorhangs hingen sie wie Girlanden in Rot, Rosa und Weiß herab. Die nicht organischen Materialien meiner Küche störten sie offenbar überhaupt nicht. Das sah alles sehr originell aus, wie die Dekoration eines extravaganten Küchendesigners. Aber was sich dazwischen abspielte, das verweigert sich jeder Beschreibung.

Millionen von Faltern, klein wie Motten, aber bunt und schillernd in allen Farben der Amaryllis-Heimat im südamerikanischen Regenwald: Gattung: Hippeastrum, „Ritterstern“, Ordnung: Asparagales, Spargelartige, Familie: Amaryllidaceae. Wie Miniaturkolibris umflatterten sie mich und hüllten mich zur Gänze ein. Sie ließen sich auf meinem gelben T-Shirt nieder, setzten sich vor allem im Gesicht fest, an den Augen, an Nase und Mund. Um die Stirn musste ich einen Kranz haben. Sie fühlten sich feucht und klebrig an, wie Nektar. Vielleicht suchten sie deshalb die nackten Körperstellen.
An meinen Beinen schienen sie besonderen Gefallen finden. Rund um die Knie und Knöchel saßen sie wie Pfingstrosenblüten, der rote Nagellack der Marke Paloma Picasso auf den Zehen hatte es ihnen besonders angetan. Ob sie mich für eine Blume hielten? In der Abwasch, im Waschbecken und in der Badewanne bildeten sie eine kompakte, krabbelnde und schwirrende Masse. Sie blinkten wie Glühwürmchen auf Brautschau, nur nicht einfach wie die gelb-blinkenden Ampeln, sondern in allen phosphorisierenden Farben. An den orange ausgemalten Wänden saßen die Tierchen in dichten Trauben übereinander, ein Wandteppich, altfranzösische Tapisserie.

Von der Decke hingen sie herunter wie Säulen, nur gehalten von der Kraft ihrer aneinandergepressten Körper. Obwohl ich nie ein großer Freund von Insekten war, lösten sie weder Angst noch Ekel aus, nur endloses Staunen. Es war ein Funkeln und Glitzern, eine Farbenpracht von einer noch nie gesehenen, unwirklichen Schönheit. Diese Farben, das Flirren und Flattern verbreiteten einen kaum wahrnehmbaren Dufthauch von Honig und Rosen, eine Mischung von Kerzen in orthodoxen Kirchen und Rosen in marokkanischen Oasen. Das Geheimnisvollste aber war, dass alles in Bewegung war, durcheinander wirbelte und gleichzeitig statisch wie ein Tableau, der Blick durch ein eingefrorenes Kaleidoskop. Tiefer Frieden und satte Harmonie breiteten sich in mir aus. Niederlegen und darin aufgehen.
Genauso würde ich gerne die Ewigkeit überleben.

Ob meine Amaryllis-Knollen ihre ursprünglichen Parasiten aus dem südamerikanischen Dschungel mitgenommen haben oder ich unabsichtlich Eintagsfliegen zu Mottenfaltern gezüchtet habe, wer wird‘s mir sagen können? Vielleicht habe ich einer Massenhochzeitsnacht mit anschließendem Massensterben beigewohnt?
Im Morgenlicht zeigt sich meine Küche so picobello aufgeräumt, wie ich sie verlassen habe. Und die Knollen liegen bis jetzt in ihrer Schachtel, weil es heute draußen regnet und ich den Topf noch nicht aus dem Hof heraufgetragen habe.

Wenn ich einmal die Knollen vernachlässigt habe, dass sie ums Überleben kämpfen mussten, so habe ich diesmal für sie die Lebensqualität eines Dschungels hergestellt.
Die Natur ist zu groß für meinen Verstand, und ihre Gesetze sind undurchdringlich. Aber man kann auch einfach auf Wienerisch seufzen: Wie ma‘s macht, macht ma‘s falsch.

26.10.18

Veronika Seyr
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Walpurgisnacht

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.

„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“

Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.

„Wieder was gefunden?“

„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“

Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.

„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.

„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.

Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:

„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.

Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.

„Tick, tack, tick, tack.“

„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.

Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.

„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.

„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“

Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.

„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.

Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“

Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.

„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.

„Tick, tack, tick, tack.“

Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

„VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com“

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.

„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.

„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“

„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“

„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.

„Tick, tack, tick, tack.“

„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“

„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“

„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“

Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

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