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Der große Stromausfall

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

Schließlich hatte man es bewerkstelligt. Zeitreisen waren immer schon ein Traum der Menschheit gewesen. Nun waren sie Wirklichkeit geworden. Anfangs natürlich ein exklusives Vergnügen, wurden sie ständig günstiger, bis eine Reise ungefähr so viel kostete, wie früher in der Videothek einen Film auszuleihen. Deshalb waren jetzt viele Menschen in der Zeit unterwegs.

Das Besondere war, dass man nicht nur in die Vergangenheit reisen konnte, sondern auch in die Zukunft. Das physikalische Prinzip dafür bildete die Überlegung, dass es eine parallele Welt gäbe, wo keine Zeit existierte, in der man jeden beliebigen Punkt ansteuern könnte, der sich in der realen Welt als Zukunftspunkt manifestierte.

Alles war möglich geworden, den Propheten Mohammed in Medina im Jahr 627 zu besuchen, die Ardennenoffensive am 18. Dezember 1944 zu erleben, feingliedrige und kaum behaarte Zukunftsmenschen zu beobachten.

Man konnte in die Szenerie nicht eingreifen. Logischerweise, sonst fände man sich in einer geänderten Gegenwart wieder. Man sah die Menschen, die Bauwerke, die Wälder, die Wiesen, man hörte das Treiben auf orientalischen Märkten, roch die Gewürze, schmeckte den Met der Wikinger, aber man spürte nichts und niemanden.

Plötzlich, eines Samstags um 23:29 Uhr – niemand fand heraus, was dahintersteckte –, ging der Strom aus, überall gleichzeitig, weltweit. Und nicht wieder an, nie mehr, bis heute – 493 Tage später.

Die Menschen erlebten ihre verschiedenen Realitäten, von denen manche echt waren und manche irreal – jene von Zeitreisen. Unzählige verschiedene Realitäten existierten gleichzeitig, unterschiedliche Zeiten. Selbstverständlich ließe sich jeweils herausfinden: War es eine falsche Situation oder eine echte? Könnte ich etwas angreifen, dann war ich im sicheren Hafen.

Doch die Menschen waren so bequem geworden. Sie standen bloß da und schauten mit großen Augen, in das Jahr minus 1286, in das Jahr plus 314, in die Gegenwart.

Colours

Colours

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19085

 

Piano Man

Die Nacht bricht langsam herein, breitet sich wie ein dünner Schleier vor ihm aus. Der Highway scheint nicht enden zu wollen. Sein Nacken schmerzt, die Lider werden zunehmend schwer.

„Mist, ich brauche eine Mütze voll Schlaf“, murmelt er in das dunkle Innere des Mietwagens. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Navigationssystems lässt seine Hoffnungen jedoch schwinden. Nichts weit und breit. Null! Nada! Keine Tankstelle, kein Parkplatz, keine Häuser, gähnende Leere und Öde rundherum. Er tritt aufs Pedal.

In der Ferne plötzlich Lichter! Nicht weit entfernt vom Highway. Ein paar Bäume säumen die Zufahrt. Kontrolle am Bildschirm des Navis. Eigenartig, hier ist nichts verzeichnet, denkt er.

„Motel“ steht auf einer verrosteten, altertümlich wirkenden Tafel neben der staubigen Zufahrt. Die Lichter der Autoscheinwerfer fangen ein altes, dunkelrot gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden ein. Der Parkplatz davor ist leer. Wenigstens sieht er Beleuchtung hinter den Fenstern im Erdgeschoß. Tom greift nach seiner Reisetasche am Rücksitz und freut sich auf eine Dusche und ein gemütliches Bett.

Ein leiser Klingelton ist zu hören, als er die knarzende Holztür öffnet. Ein schwach beleuchteter Gang führt zu einem Pult, dahinter steht mit dem Rücken zu Tom ein weißhaariger Mann, er trägt einen Frack. Tom schmunzelt bei dem Anblick. Der Mann, wohl der Portier, dreht sich um. Tom weicht einen Schritt zurück.

„Oh!“, entfährt es ihm unabsichtlich. ‚Der Typ sieht eins zu eins aus wie Anthony Hopkins‘, denkt er bei sich.

„Guten Abend, Sir. Sie sehen müde aus. Ein Zimmer gefällig?“, entgegnet der Portier mit den blauen Augen. Erst jetzt bemerkt Tom leise Musik im Hintergrund, sieht den schmalen Gang, die alten Bilder an den Wänden, er nimmt einen eigentümlichen Duft wahr, der ihm einerseits bekannt ist, aber nicht vertraut. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, der nur fahles Licht von sich gibt. Eine schlanke Frau mit schwarzen, rückenlangen Haaren in einem weißen, bodenlangen Kleid betritt den Gang und kommt auf ihn zu. Ihre Lippen sind blutrot geschminkt, dunkle, große Augen strahlen ihn an, ihr Teint ist makellos, wie Alabaster. Unter der feinen Spitze des Oberteiles zeichnen sich verführerisch die prallen Brüste ab, Tom zwingt sich, nicht hinzusehen.

‚Kein Büstenhalter, krass!‘, denkt er sich. Die Frau lächelt ihn an, reicht ihm die feingliedrige Hand.

„Ich zeige dir gleich das Zimmer!“ Während sie von Anthony einen alten Schlüssel mit einem großen Holzanhänger, auf den die Sieben aufgedruckt ist, entgegennimmt, steigt Tom erneut dieser Geruch in die Nase.
‚Cannabis, oder?‘, fragt er sich und schmunzelt.

Tom folgt der Frau wortlos über die Treppe, sie schließt Zimmer Nummer Sieben auf. Er bemerkt die weißen Plateauschuhe, in denen sie, sanft wie eine Feder, Richtung Fenster zu schweben scheint. Sie zieht die Gardinen zur Seite und öffnet einen Fensterflügel. Die Musik ertönt jetzt lauter, sie muss wohl von einem Hinterhof kommen. Aus einem schwarzen Schrank entnimmt sie eine Flasche und zwei Kristallgläser, füllt ein tiefrotes Getränk in die Gläser und reicht ihm eines.
„Herzlich willkommen, Fremder!“, haucht sie ihm ins Ohr, „du kommst uns noch besuchen, ja? Wir sitzen im Garten.“ Sie leert das Glas in einem Zug und verlässt das Zimmer.

,Holla, die Waldfee! Wo bin ich denn da gelandet?‘ Tom schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck. Bitteres Zeug, lauwarm, er hat sowas noch nie getrunken. Er sieht aus dem Fenster. Im Hof, an der Rückseite des Motels, sitzen einige Männer um einen großen Tisch. Sie sind eigenartig gekleidet, manche in Schlaghosen und ärmellosen Pullis über bunten Hemden mit langen Kragen, einige haben altmodische Haarschnitte und alle himmeln die bildschöne Frau an, die soeben wieder zu ihnen zurückgekommen ist. Sie setzt sich keck auf den Schoß eines Mannes und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.

Hinter dem Grünstreifen des Gartenlokales sieht Tom jetzt einen Parkplatz. Mehrere Autos älteren Baujahres stehen ordentlich nebeneinander, genau genommen sechs Stück. Die Autos scheinen zu den Männern zu passen. ,Maskenball oder Junggesellenabschied?‘, fragt er sich. Die Musik wird lauter, und die Fee erhebt sich und tanzt elfengleich.

Tom wird komisch schwindelig, alles um ihn herum beginnt sich zu drehen. Sein Herz pocht beim Anblick der tanzenden Frau, die Musik dröhnt in seinen Ohren, die Gerüche dringen intensiv in seine Nase, scheinen im Kopfinneren zu explodieren, die Farben rundherum werden grell und verschmelzen ineinander wie in einem Aquarellgemälde. Tom stolpert aus der Tür, über die Treppe hinunter, sucht den Ausgang zum Garten und kommt atemlos im Freien an. Die sechs Männer am Tisch verstummen, alle Augen sind auf Tom gerichtet. Einige nicken ihm zu und lächeln, die Fee hält im Tanzen inne und bewegt sich geschmeidig auf Tom zu.

„Schön, dass du bei uns bist, Fremder!“, haucht sie in den Sommerabend.

„Was wird denn hier gefeiert?“, fragt Tom, noch immer außer Atem. Ein brünetter, schlanker Typ mit Pilzkopffrisur wendet sich an Tom:
„Wir feiern das Leben! Jeden Tag aufs Neue!“

Die Fee tanzt zu einem kleinen Tisch an der Hausmauer, daneben sieht Tom ein Piano stehen und weiter rechts davon eine Jukebox. Am Tisch steht ein hoher Wasserbehälter mit mehreren Hähnen, sieben antike Kristallgläser mit einer grünen Flüssigkeit sind unter diesen platziert, auf den Gläsern liegen gelochte Silberlöffel mit einem Stück Zucker darauf. Die Fee dreht einen Hahn des Wasserbehälters auf und jeder Tropfen, der in das darunter stehende Glas fällt, hinterlässt in der grünen Flüssigkeit milchige Spuren, sie wirken wie feine Nebelfäden, die langsam mit dem Grün verschmelzen. Tom beobachtet das Schauspiel, kalte Schauer laufen über seinen Rücken, gleichzeitig ist ihm heiß, und er fühlt sich wie benommen. Die Fee nimmt das Glas und reicht es Tom. Sie streichelt mit den rot lackierten Fingernägeln langsam über die nackte Haut seines Unterarmes, über seine Schulter hinweg bis zum Hals und hält an seinem Ohr inne. Sie beugt sich vor und flüstert:
„L‘heure verte“. Tom versteht nur Bahnhof. Die Berührungen machen ihn halb verrückt. „Trink, Fremder!“, fordert sie ihn auf. Ihr Atem riecht nach Kräutern, irgendwie nach Anis, Fenchel …

Tom nimmt einen Schluck und seine trockene Kehle verlangt nach mehr. Nach mehr Flüssigkeit, nach mehr Berührung.
„Komm! Setz dich ans Piano und spiele für uns!“
„Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal gespielt habe … aber woher weißt du …?“, will Tom einwenden.
„Sing us a song, you‘re the piano man …“, fangen die Männer am Tisch zu singen an.

Die Frau setzt sich ans Piano neben Tom und streichelt seinen Rücken. Toms Finger scheinen nun wie selbstverständlich über die Tasten zu fliegen, machen sich selbständig. Ein Mann am Tisch zieht eine Mundharmonika aus seiner Hosentasche.
„… well we’re all in the mood for a melody and you’ve got us feelin’ alright … la la la …“, stimmen nun alle mit ein.

Tom spielt und alle singen, die Frau tanzt und verführt, neckt die Männer. Ein lauer Nachtwind kühlt die erregten Gemüter, lässt Toms Schweißperlen trocknen. Er weiß nicht, wie spät es ist, er weiß nicht, wo er ist, er weiß gar nichts mehr. Die Fee zieht ihn vom Piano weg, die Musik endet trotzdem nicht, die Tasten bewegen sich wie von Geisterhand. Sie tanzt mit ihm durch den Abend, drückt sich fest an ihn, er spürt jede Faser ihres schlanken Körpers, er ist elektrisiert.

„Wirst du mich retten, Piano Man?“, fragt sie ihn plötzlich mit trauriger Stimme. „Ja … ja, natürlich. Aber …?“, stottert Tom.
Stille.
Tom öffnet die Augen. Sein Kopf brummt, ein fahler Geschmack macht sich in seinem Mund breit, leichte Übelkeit überkommt ihn. Er sieht zerwühlte Bettlaken neben sich, versucht, sich zu erinnern, es ist zwecklos.
„Was zum Geier …?“

Das Fenster steht noch immer offen, eine zarte Melodie dringt an sein Ohr. Tom steht vorsichtig auf, er hat Angst, dass sich wieder alles um ihn herum drehen könnte. Er läuft nackt ans Fenster und glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Sein Mietwagen ist nun neben den anderen Autos geparkt. Wie ist der bloß dahin gekommen? Sein Blick schweift in den Garten, dann sieht er sie. Die dunkelhaarige Schönheit, heute in einem roten, bodenlangen Kleid. Sie trägt einen geflochtenen Korb und pflückt Blumen, die sie liebevoll in diesen platziert, sie summt ein Lied ... „Piano Man“ …
„Mein Gott, sie ist so wunderschön!“ Ihr Anblick verursacht Herzrasen bei Tom.

Er läuft durchs Zimmer, zieht sich an und verlässt mit Reisetasche und zerwühlten Haaren den Raum.
„Ich muss weg von hier, verflucht!“, flüstert er mit zittriger Stimme. Er sucht den Autoschlüssel in der Jackentasche, findet ihn nicht, rennt zum Pult am Eingang und drückt mehrmals wie von Sinnen die Tischklingel.
„Verdammt! Hallo? Ist hier jemand?“

Anthony kommt aus einer Seitentür und lächelt ihn an.
„Sir, wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich will auschecken, schnell. Und wer hat meinen Autoschlüssel?“ Tom stottert weiter, ihm wird wieder schwindelig. Die Fee betritt den Gang, lächelt ihn an, küsst ihn auf den Mund.
Wortlos stellt sie die Blumen auf das Pult.
Anthony sieht Tom tief in die Augen, beugt sich etwas nach vorne und flüstert:
„Du bist Nummer Sieben in der Runde, es ist vollbracht. Dieses Hotel kannst du nie mehr verlassen, du gehörst jetzt ihr, für immer!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

Erstveröffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag
(Die Geschichte hat im Schreiblust-Verlag Monat März zum Thema „Schneewittchen“ unter 40 Geschichten Platz 1 erreicht und wird im Jahrbuch 2019 abgedruckt – erscheint voraussichtlich Anfang 2020).

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19080

Der Reisende in Menschenhaut

Das All hab ich durchquert,
dreizehn Milliarden Jahre lang,
das Licht neben mir,
schneller ging es nicht.

Auf diesem Planeten landete ich,
der die Farbe hat deiner Augen,
deshalb wählte ich ihn als Zufluchtsstation,
um zu essen, zu schlafen, zu rasten.
Dann sollte die Reise weitergehen.

Doch mein Antrieb war zu schwach,
ich durchstieß die Lufthülle nicht.
So musste ich bleiben
und mich bescheiden.
Vergessen den Wind, der mich nicht mehr trägt.

Fest ist hier die Erde, die mich an sich bindet.
Viele Menschen höre ich reden, aber ich versteh sie nicht.
Ich spaziere am Ufer des Sees,
und seh ich ins Wasser, dann denk ich an dich.

Der Walterskirchner See im Frühling

Der Walterskirchner See im Frühling

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19069

D’Fiass im Gatsch

Sie gräbt ihre Füße in die kühle Erde des frisch gepflügten Feldes, der Duft der Scholle steigt ihr befreiend in die Nase. Noch tiefer taucht sie ein mit ihren Füßen in den brauen Morast, der sich sanft um ihre Gliedmaßen legt. Sie schließt ihre Augen und breitet ihre Arme aus. Sie atmet tief ein, sie atmet tief aus, sie lässt die Energie in sich kreisen und spürt die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrer Haut. Vor ihrem inneren Auge ziehen Bilder vorbei, Bilder von gestern, Bilder von heute, Bilder von morgen, sie werden langsamer und immer langsamer, bis sie sich auflösen und als einzelne Farbfetzen vorbeitanzen. Sie gibt sich diesem Tanz hin und wiegt ihren Körper vor und zurück, ihre zur Seite gestreckten Arme wippen leise auf und ab und bewegen sich sanft um ihren Oberkörper. Tief atmet sie alles ein, was ihr guttut, und lässt diese Energie in ihrem Inneren kreisen, um mit dem nächsten Atemzug alles abzugeben, das sie nicht mehr benötigt, immer tiefer werden ihre Atemzüge, immer länger verbleibt die positive Energie in ihrem Körper und zieht dort ihre Kreise – immer schneller, immer wilder, immer enger, bis sie sie ganz in ihrem Gespinst glitzernder goldener Perlen einhüllt. Ihre Füße graben sich dabei noch tiefer ein in die kühle fette Erde des frisch gepflügten Feldes. Und auf einmal pulsiert es in ihren Beinen, sie spürt, wie der Saft des Lebens in ihnen hochsteigt und sie mit der Kraft der Erde erfüllt. Laut stöhnt sie auf und gibt sich dem Fluss der Energie in ihrem Inneren hin.
„Du heast, Voda, do is oba no kaa Bam g’stond’n, do om Rond vom Föd, des ma vuagestan pflügt ham … oda?“
„Na Bua, do woa a gestan in da Fruah no ka Bam!“

Waltraud Zechmeister
www.waltraud-zechmeister.at

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19052

Amaryllis oder Der Traum von der Motte

Als ich vor kurzem im Abstellraum nach der Hausapotheke kramte, fiel mir eine weiße Schachtel entgegen. Ah, die Amaryllis. Es ist Zeit, sie in die Erde zu setzen. Ich habe die Knollen nach der Blütezeit in Seidenpapier gewickelt und in einem Schuhkarton aufbewahrt. Diese drei Knollen habe ich schon mehrmals zum Blühen gebracht, eine kommt weiß, eine rot und eine blassrosa. Amaryllis sind – ganz im Gegensatz zu ihren Prachtblüten – bescheiden und nicht umzubringen, nicht einmal von mir. Mit Glück werden sie um Weihnachten neben den Kakteen und Orchideen die Zierde der vorderen Fensterbank sein. Sonnig, aber nicht zu sehr, wenig gießen, genügsam, steht auf dem Stecker.

Vor Jahren habe ich einmal die Knollen achtlos in einen Papiersack unter die Abwasch gesteckt und sie vergessen. Als ich lange später, ohne hinzusehen, einmal in das Fach hineinlangte, um den Bartwisch herauszufischen, streifte ich mit den Fingern etwas Ungewöhnliches, noch nie Gespürtes. Ich zog die Hand heraus und schüttelte sie. Brrr, gruselig, zwischen tot und lebendig. Vielleicht fühlt sich so eine frische Leiche an? Ich hab noch nie eine angefasst. Nicht fest, nicht weich, nicht warm, nicht kalt, nicht glitschig, nicht trocken, nicht dicht, nicht leer. Etwas zwischen allem.
Ich zuckte zurück wie von einem Stromschlag getroffen, knallte die Schranktür zu und wagte lange nicht, sie zu öffnen. Ich saß am Boden davor und versuchte durch tiefes Atmen den Ekel und den Schrecken loszuwerden. Schnell trank ich ein Glas Wasser. Das Herz klopfte wie verrückt, und ich starrte auf das Kastltürl, als würde da drinnen ein wildes Tier sitzen.

Birke, Buche oder Kirsche? Die Zeichnungen im Holz. Keine Lärche, keine Zirbe, nicht Eiche, Föhre, Ahorn, und sicher kein Rosenholz. Ich erinnere mich, was ich beim Tischler Ponweiser aus Schlatten in der Buckligen Welt bestellt hatte. So versuchte ich mich abzulenken, indem ich auf die kreiselnden Astlöcher im Holz starrte. Endlich habe ich mich so weit beruhigt, dass ich wage, die Tür wieder zu öffnen.
Da sind hellgrüne Blätter, nicht mehr als langgezogene, dünne Fäden. Wie Fühler haben sie sich zwischen den Mülleimern, Schachteln mit Waschmitteln, dem Holzstiel der Saugglocke, der Plastikschaufel und dem Glas mit Besen, Bürsten, Schwämmen und Flaschenputzern durchgeschlängelt und sich an der Innenseite der Kastltür hochgezogen. Als ich die Blätter vorsichtig herauslöse, stoße ich auf eine sternförmige, blassrosa Blüte, wächsern, fast durchsichtig. Ich schwöre, sie hatte ein Gesicht und schaute in meines, und ich schaute zurück. Lieb und mild lächelnd sagte sie etwas erschöpft: Endlich, wir haben es geschafft.
Diese Amaryllis hat mit solcher Kraft zum Leben gestrebt, dass sie fast ohne Licht, Erde und Wasser ausgetrieben hat. Ich war bis zum Weinen gerührt vor der Macht der Natur. Demut. Hallo, ihr seid alle stärker als wir.

In einer unermesslichen Anstrengung hat meine Amaryllis sogar ihre eigenen Regeln umgestoßen, nämlich wie es ihr der genetische Code eingegeben hat, zuerst die Knospen und dann erst die Blätter auszubilden. Vielleicht haben sie untereinander diskutiert, wer in dieser Situation die größeren Überlebenschancen hat, die besseren Möglichkeiten, sich in diesem finsteren, miefigen Kastl zwischen dem Gerümpel bemerkbar zu machen, sich irgendwie herauszuarbeiten. Wie in einer guten Seilschaft. Da tauschten sie einfach die Rollen. Die Blätter haben sich über alle Hindernisse hinweg nach vorne gekämpft. Dabei haben sie sinnvollerweise den gerade nicht nötigen Stamm vernachlässigt. Diese Leistung muss ich besonders bewundern, sind doch die Blüten von einer dicken Fleischlichkeit, während die Blätter und der Stamm im Inneren eine Hohlrinne haben. Jeder Amaryllis-Halter weiß, dass er sie unzählige Male stützen muss, wenn sich einmal die Krone zur vollen Blütenpracht entwickelt hat. Mir sind schon ganze Blumentöpfe umgekippt.

Das ist jetzt einige Jahre her, mein Dreigestirn hat sich jeden Winter reichlich bedankt. Seither habe ich die Knollen mit größter Sorgsamkeit behandelt. Diesmal ließ ich etwas Erde an ihren Wurzeln dran. Sie bekamen drei gesonderte, lockere Betten in weißem Seidenpapier; den Karton stapelte ich nicht mehr unter der Abwasch, sondern im lichten Abstellraum, versah ihn vorsorglich mit Luftlöchern. Ab und zu sprühte ich sogar etwas Wasser hinein. Ich hatte auch schon im Kopf, welchen Blumentopf ich ihnen für diese Blühsaison zuteilen würde. Einen besonders großen, aus dicker Keramik, beschwert mit Steinen am Boden und die Erde aufgelockert mit Ton.

Ich weiß nicht mehr, was mir dazwischenkam. Wahrscheinlich ein Telefonanruf oder eine Radiosendung. Soviel ist sicher, ich habe den Karton auf die Arbeitsplatte neben den Herd gestellt, den Deckel abgehoben und für den Rest des Abends darauf vergessen. Vor dem Schlafengehen habe ich über meinem PC eine fette Motte erschlagen. Ein Mord, mit großem Genuss und Genugtuung ausgeführt, gesättigt von teuflischem Behagen. Ich verheimliche es nicht, ich hasse diese absolut unnützen Tiere aus tiefstem Herzen, seit sie mir zwei Teppiche zerfressen haben und ich die restlichen nur mit viel Mühe und Geld erhalten konnte. Ich nahm die Motten-Leiche in mein Journal auf, befestigte sie mit Tixo auf dem linierten Blatt und datierte den Fang: 25.10.18, 23h10. Anhand einer Motte kann man leicht vom Gottesglauben abfallen und an einem vernünftigen Schöpfungswillen zweifeln. Motten als Anti-Gottesbeweis.

Was ich als Tagesreste mit in den Traum genommen habe, entzieht sich meiner Kenntnis und Erinnerung. Wie jede Nacht tappe ich gemäß einem natürlichen Körperbedürfnis aus meinem Schlafzimmer durch das Wohnzimmer. In der linken Leseecke glimmt die gedimmte Lampe, die ich immer anlasse. Im zur Küche offenen Esszimmer leuchten an drei Stellen die gelben Spots. Im Fußlauf. Aus der Wohnung schief gegenüber fallen aus den Jalousien matte Lichtstreifen auf den Buchara-Teppich. Am Herd blinkt das rote Viereck der Zeitangabe für das Backrohr. Alles normal. Diese Beleuchtungsabfolge ist genau geplant und hat sich für mich bewährt. Immer wieder befrage ich auch meine Gäste, ob meine nächtliche Lichtinstallation praktikabel sei.

Alles scheint wie immer. Erfolgreich umschiffe ich den Esstisch mit sieben Stühlen und fühle die Teppichkanten und Fransen unter meinen Sohlen wie Leitlinien. Der letzte Griff mit der rechten Hand an den Thonetstuhl am Kopf des Tisches. Knapp vor der Küchenzeile stoße ich plötzlich auf ein Hindernis. Es ist nichts wirklich Körperliches, obwohl ich eindeutig etwas im Gesicht und an den Ohren spüre. Ich reiße die Arme hoch, um mich zu wehren, da prallt etwas gegen meine linke Schulter. Es ist nicht heftig, nur ein leichter Klaps, ein Taps, wie einen ein kleiner Finger anstoßen kann.
Sehen kann ich nichts, aber das Gefühl, von etwas umringt zu sein, ist allgegenwärtig. Es ist nichts Materielles, sondern eher die Bewegung der Luft. Waren es die Arme, mit denen ich jetzt um mich wedelte?
Voll Angst und Ekel, pftpft, weg da. Irgendetwas setzte die Luft in Schwingungen, die meinen Körper wie leichte Wellen treffen. Eine Luftdünung, die von einem leisen Sirren begleitet ist. Als ich später darüber nachsann, kam mir der Gedanke: Ich spürte eine Seele.

Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber mit zu viel Phantasie ausgestattet, sagen die Leute, dass ich mir zu viel vorstellen kann.
Die phantasiert. Phantastin wurde ich schon in der Kindheit genannt. Die träumt. Jede Empfindung, sei es an Körper oder Geist, setzt sich sofort in eine Fülle von Bildern um. Dazu rieche ich immer sofort etwas, wozu noch die Farben kommen. Vor allem bei Musik geht es mir so. Meine Synapsen liefern mir oft ganze Gewittersturmfronten, Hurricanes und Zyklone. Synästhesie sagt die Psychologie trocken zu diesem Phänomen.

Es siegt die Neugierde, ich will es wissen. Als ich, mit den nackten Füßen über den Boden tappend, die Ecke zwischen Geschirrspüler und Badezimmer erreiche, strecke ich die linke Hand zum Lichtschalter aus und streife die Wand entlang. Ich gerate aber zu hoch und greife mit den Fingern voll in den Buschen Rosmarin von der Insel Pag. Die trockenen Nadeln rieseln in Schauern zu Boden, dass es beim nächsten Schritt unter meiner Sohle knirscht. Hinter dem Türrahmen ertaste ich endlich einen Schalter, drücke ihn nieder, und die Deckenlampe flammt auf.
Was bekam ich zu sehen? Ein Wunder! Aus der Schuhschachtel wucherte ein dichter Dschungel aus Amaryllisblüten in Rot, Weiß und Rosa. Um die Knollen rankten sich blassgrüne Blätter und schlangen sich wie eine Efeuwand bis über die obere Kastlreihe hinauf. Die Griffe und Lichtspots benützten sie ganz selbstverständlich als Stützen. Über die Glocke des Dunstabzugs – halb Glas-, halb Metallgitter – wucherten Wurzeln, blassblau wie Bandlwürmer, die Reihe mit Gewürzen war nicht mehr zu sehen, und aus den Zierflakons sprossen Blüten. Vom Stahlseil des Vorhangs hingen sie wie Girlanden in Rot, Rosa und Weiß herab. Die nicht organischen Materialien meiner Küche störten sie offenbar überhaupt nicht. Das sah alles sehr originell aus, wie die Dekoration eines extravaganten Küchendesigners. Aber was sich dazwischen abspielte, das verweigert sich jeder Beschreibung.

Millionen von Faltern, klein wie Motten, aber bunt und schillernd in allen Farben der Amaryllis-Heimat im südamerikanischen Regenwald: Gattung: Hippeastrum, „Ritterstern“, Ordnung: Asparagales, Spargelartige, Familie: Amaryllidaceae. Wie Miniaturkolibris umflatterten sie mich und hüllten mich zur Gänze ein. Sie ließen sich auf meinem gelben T-Shirt nieder, setzten sich vor allem im Gesicht fest, an den Augen, an Nase und Mund. Um die Stirn musste ich einen Kranz haben. Sie fühlten sich feucht und klebrig an, wie Nektar. Vielleicht suchten sie deshalb die nackten Körperstellen.
An meinen Beinen schienen sie besonderen Gefallen finden. Rund um die Knie und Knöchel saßen sie wie Pfingstrosenblüten, der rote Nagellack der Marke Paloma Picasso auf den Zehen hatte es ihnen besonders angetan. Ob sie mich für eine Blume hielten? In der Abwasch, im Waschbecken und in der Badewanne bildeten sie eine kompakte, krabbelnde und schwirrende Masse. Sie blinkten wie Glühwürmchen auf Brautschau, nur nicht einfach wie die gelb-blinkenden Ampeln, sondern in allen phosphorisierenden Farben. An den orange ausgemalten Wänden saßen die Tierchen in dichten Trauben übereinander, ein Wandteppich, altfranzösische Tapisserie.

Von der Decke hingen sie herunter wie Säulen, nur gehalten von der Kraft ihrer aneinandergepressten Körper. Obwohl ich nie ein großer Freund von Insekten war, lösten sie weder Angst noch Ekel aus, nur endloses Staunen. Es war ein Funkeln und Glitzern, eine Farbenpracht von einer noch nie gesehenen, unwirklichen Schönheit. Diese Farben, das Flirren und Flattern verbreiteten einen kaum wahrnehmbaren Dufthauch von Honig und Rosen, eine Mischung von Kerzen in orthodoxen Kirchen und Rosen in marokkanischen Oasen. Das Geheimnisvollste aber war, dass alles in Bewegung war, durcheinander wirbelte und gleichzeitig statisch wie ein Tableau, der Blick durch ein eingefrorenes Kaleidoskop. Tiefer Frieden und satte Harmonie breiteten sich in mir aus. Niederlegen und darin aufgehen.
Genauso würde ich gerne die Ewigkeit überleben.

Ob meine Amaryllis-Knollen ihre ursprünglichen Parasiten aus dem südamerikanischen Dschungel mitgenommen haben oder ich unabsichtlich Eintagsfliegen zu Mottenfaltern gezüchtet habe, wer wird‘s mir sagen können? Vielleicht habe ich einer Massenhochzeitsnacht mit anschließendem Massensterben beigewohnt?
Im Morgenlicht zeigt sich meine Küche so picobello aufgeräumt, wie ich sie verlassen habe. Und die Knollen liegen bis jetzt in ihrer Schachtel, weil es heute draußen regnet und ich den Topf noch nicht aus dem Hof heraufgetragen habe.

Wenn ich einmal die Knollen vernachlässigt habe, dass sie ums Überleben kämpfen mussten, so habe ich diesmal für sie die Lebensqualität eines Dschungels hergestellt.
Die Natur ist zu groß für meinen Verstand, und ihre Gesetze sind undurchdringlich. Aber man kann auch einfach auf Wienerisch seufzen: Wie ma‘s macht, macht ma‘s falsch.

26.10.18

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 19037

Walpurgisnacht

Ihre Hand streicht immer wieder langsam über die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund hört sie die Pendeluhr – „tick, tack, tick, tack“. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegenüberliegende Wand. Sie hört die Haustüre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zurück.

„Möchtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.“ Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. „Das ist sehr lieb von dir, danke.“

Sie setzen sich an den Tisch, wie zufällig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.

„Wieder was gefunden?“

„Ja, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!“

Sophie umschlingt mit beiden Händen die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, dünn und kaum Falten.

„Willst du es gar nicht lesen?“, fragt Katharina ungeduldig.

„Ich weiß doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text“, antwortet Sophie mit einem Lächeln.

Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen … Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:

„Du könntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso lässt du alle im Ungewissen?“, fragt sie leise.

Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft über den Handrücken und verhindert so, dass Katharina ständig die Platzdecke zerknüllt.

„Tick, tack, tick, tack.“

„Ich lege nochmals nach, es soll heute Nacht stürmisch werden.“ Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der Nähe des Ofens.

Langsam räumt Katharina den Tisch ab, schlägt die letzte Seite der Zeitung auf und verlässt den Raum.

Am nächsten Morgen liegt das Journal immer noch unberührt da. Beim Frühstück reden die Frauen belanglos über das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.
Anschließend holt Sophie einige Papiertüten und Gläser, gefüllt mit Räucherharzen und Kräutern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbehälter mit dem Stößel aus dem Regal und macht es sich am Küchentisch gemütlich.

„Kann ich dir behilflich sein, Tante?“, fragt Katharina. Langsam schüttelt Sophie den Kopf.

„Das ist nicht nötig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.“

Sophie mischt Kräuter, Samen und Harze in dem Steingefäß und mörsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erfüllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.
Katharina kehrt mit der alten Kiste zurück und nimmt den angenehm würzigen, sinnlichen Duft wahr.

„Willst du sie nicht öffnen?“, fragt Sophie.

Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorhängeschloss, es ist jedoch zwecklos.
„Sie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie öffnen?“

Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anhängern, auch ein winziger Schlüssel hängt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.
Katharina ist nervös, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis plötzlich lüften soll, kommt völlig überraschend.
Leise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein säuberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. „Sophie – 01.05.1967“. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.

„Du kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?“ Die Tante ist noch immer mit ihrer Räuchermischung beschäftigt und zwinkert Katharina zu.
Das Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen hätten. Plötzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und fährt ihr wie ein Blitz in die Stirnhöhlen.

„Tick, tack, tick, tack.“

Katharina hat insgesamt fünfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.

„VERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allgäu, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er für eine deutsche Fluggesellschaft tätig und ist regelmäßig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. Für nähere Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com“

„Du musst ihm schreiben, Sophie!“ Katharina hält sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.

„Den Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben geführt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde früh genug entscheiden, ob ich ihm davon erzählen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.“ Sophie lässt lautstark den Stößel auf den Tisch fallen und ihre Hände zittern.
Katharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zurück.

„Wir werden ihn kennenlernen? Wann?“

„Noch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zurück ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.“

„Ihr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen hättet ihr euren … 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?“ Lange sehen sich die zwei Frauen über den Tisch hinweg an.

„Tick, tack, tick, tack.“

„Es war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.“

„Wir hatten beide nicht die besten Jahre, was Männer betrifft. Wird es für Chiara besser werden, Tante?“

„Ja, das wird es. Glaube mir!“ Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.

Später am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie trägt ein weites, knöchellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel gehüllt und trägt einen großen Korb gefüllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der Räuchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.
Sie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisförmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird jährlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre Körbe aus. Sophie entzündet das Feuer und lässt achtsam ein klein wenig Räucherware hineinrieseln.
Langsam wird es dunkel. Die Frauen wärmen sich an den Flammen und trinken heißen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.
Manche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigentümliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und lächelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.
An einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues Lüftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.

„Tante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erzählen, du hättest … also du hättest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du weißt schon …!“

Plötzlich hören sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.

„Die Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

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Sisyphos gelangt an den Anfang der Welt

Unverhofft nahm man Sisyphos den Felsbrocken fort, als er ihn zum abermillionsten Mal die steile Böschung hinauf an den Rand des Abgrunds gerollt hatte. Plötzlich war der Stein weg, der nach dem schier endlosen Nach-oben-Wälzen und Nach-unten-Kullern schon fast zu einer Kugel geschliffen worden war. Die scharfen Kanten waren verschwunden, an denen sich Sisyphos anfangs noch die Finger wundgerissen hatte. Immer wieder musste er im Lauf der Zeit mitansehen, wie ihm, nachdem er mühevoll sein Werk vollendete hatte, der Felsbrocken aus den Händen glitt und in der Tiefe verschwand.

Einem geheimen Plan folgend stieg er stets gehorsam hinab und begann sein aussichtsloses Werk aufs Neue. Was hätte er auch sonst tun sollen? Es gab keine Alternative. Klaglos fügte er sich in sein Leid, und hätte er geklagt, hätte ihn niemand gehört, außer den Göttern vielleicht, die aber waren mit Anderem beschäftigt und hatten vermutlich die Ohren mit Wachs verschlossen. Niemand war da, dem Sisyphos seinen Kummer hätte erzählen können. Einsam war er mit seinem Los, das ihm unglücklicherweise in Gestalt eines Steins auferlegt war. Zum Glück gibt uns die Mythologie davon Kunde. Andernfalls wäre der arme Sisyphos völlig im Geheimen seiner Vorsehung gerecht geworden. Niemand hätte je davon erfahren. Nun wissen wir aber um seine Tragik und sie gereicht uns bisweilen zum Trost, wenn wir uns an unser Schicksal gekettet fühlen.

Diesem bemitleidenswerten Mann aus der griechischen Sage war also der Felsbrocken weggenommen worden. Sisyphos wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich war da nichts mehr, wogegen er sich mit aller Kraft hätte stemmen müssen. Seine Hände waren frei und hingen nutzlos und schwer an den Armen. Staunend blickte er auf seine leeren Handflächen. Er bewegte die Finger und begann zu ahnen, dass es da noch etwas Anderes geben musste, das es zu tun gab. Da stieg er aus dem Erdloch und freute sich über die blühende Vegetation und den Sonnenschein. Niemand hatte ihm bis dahin Kunde von der Schönheit der Welt gebracht. Hungrig sog er das Licht mit jeder Faser seines Körpers ein, schlenderte zum nahen Fluss, wo er, nachdem er sich mit der Freundlichkeit des Wassers vertraut gemacht hatte, untertauchte, allen Schmutz von seiner Haut gründlich abwusch und sich nach Herzenslust aalte.

Deutlich spürte er, dass nun etwas Neues anfing. Die schwer drückende Dunkelheit, die er bislang in Gesellschaft des stummen Steins verbracht hatte, war von ihm genommen. Jetzt war er ins Licht getreten, und das Leben umarmte ihn mit goldenem Sonnenschein und Schwerelosigkeit. Bunte Farben, duftende Blumen und Vogelgezwitscher hüllten ihn ein. So entstieg er frisch und munter dem Fluss. Aus Gräsern, Blättern, Farnen, Binsen, allen möglichen Pflanzen, deren Namen ich genau so wenig kenne wie Sisyphos, und aus mannigfaltigen Blumen, die er am Ufer vorfand, flocht er sich ein prächtiges Gewand, das er sich überzog.

Als er seines Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche ansichtig wurde, staunte er nicht schlecht. Hatte er doch bis dahin nie Gelegenheit gehabt, sich selbst zu betrachten. Während das Wasser sich lustig kräuselte, entdeckte Sisyphos seine Gestalt. Die Bewegungen seiner Hände, seiner Beine, seines ganzen Körpers sah er und wunderte sich darüber. Sisyphos schüttelte seinen Kopf und ließ seine langen Haare durch die Luft wirbeln. Zustimmend nickte er, dann öffnete und schloss er den Mund, und bemerkte, dass er in der Lage war, Laute hervorzubringen. Zunächst schnalzte er mit der Zunge, doch bald schon gelang es ihm, den ausströmenden Atem mit Hilfe seines Gaumens, seiner Zunge und der Lippen zu regulieren und gezielt zu leiten, sodass auch andere wohlklingende Geräusche seinen Mund verließen. Fröhlich experimentierte er mit dieser neu entdeckten Fähigkeit und trat mit den Geräuschen seiner Umgebung in einen klanglichen Austausch. Auch wenn er das Wort dafür noch nicht kannte, so war es ein wunderbares Konzert, an dem er mitwirkte. Ich wage zu behaupten, dass er auf dieser Bühne im Grünen zu diesem Zeitpunkt bereits die erste Geige spielte.
Mehr und mehr wurde er Teil der Welt, in die er nun einmal getreten war, und er gab seinen Ton an. Mit jedem Schritt, den er machte, verblasste die Erinnerung an die unterirdische Dunkelheit, in der er so lange den unförmigen Stein mühsam vor sich hergeschoben hatte. Finsternis hatte er eingeatmet und Schweiß mit jeder Pore ausgeatmet. In Staub war er eingehüllt, und nicht enden wollende Qual war sein düsteres Geschäft gewesen.

Jetzt hingegen glänzte sein Haar und seine Augen strahlten. Kraftvoll atmete er ein, füllte seine Lungen bis zum Anschlag und spürte, wie das sauerstoffreiche Blut fröhlich seine Adern durchfloss. Besser ist es, wenn ich sage, es hüpfte ihm durch die Glieder und ließ seine Bewegungen beschwingt werden. Wie von selbst fingen seine Füße an zu tanzen. Er richtete seinen Körper auf, hob die Arme, bewegte die geöffneten Hände und streckte sie voll Güte nach oben. Sein Angesicht wandte er strahlend dem Himmel zu. So, als wollte er allen, die sich dort in Unsichtbarkeit hüllten, bedeuten: Seht mich an, ich wandle im Licht. Meine Hände werfen euch alles zu, was ich an Bewegung zu geben habe, und aus meiner Kehle kommen die Laute, die die Vorsehung in mich hineingelegt hat. Wenn ihr Mut habt, nehmt das Wachs aus euren Ohren, um mein Lied zu hören. Es wird euch die Augen öffnen, und dann schaut mir in die Augen.

Aber die da droben hatten noch nicht genug Schneid. Sie baten sich Bedenkzeit aus und schickten vorerst die Sonne vor. Ihr kam das gerade recht und sie scheute sich nicht, ihre Chance zu ergreifen. Sie ist als gute Lehrmeisterin bekannt und fing flugs ihre Lektion damit an, Sisyphos das Lachen beizubringen. Kein einfaches Unterfangen, wie jeder weiß. Aber er erwies sich als gelehriger Schüler und lachte nach ersten zögerlichen Versuchen bald aus Herzenslust, dass es auch denen da droben nicht verborgen blieb, und sie wussten nicht recht, wie sie das verstehen sollten. Vorsichtshalber wandten sie sich ab. Ich bin mir aber sicher, dass sie es nicht fertigbrachten, ihre Neugier komplett zu unterdrücken. Bestimmt blinzelten sie verstohlen zwischen den Sonnenstrahlen hindurch und erhaschten, mit verhohlenem Neid, einen Blick auf den der Unterwelt Entronnenen. Seine lebensfrohe Gestalt führte ihnen unmissverständlich die verborgenen Möglichkeiten vor Augen und ihnen wurde rasch klar, dass das die Zeichen für den Anfang sein mussten. Weil sie aber seit alters her ängstlich vor jedem Anfang waren, taten sie so, als würden sie nichts mitbekommen, zogen sich zurück und begnügten sich aus sicherer Entfernung mit heimlichen Beobachtungen.

Sisyphos wusste davon nichts. Er machte sich auf, dem Flusslauf zu folgen. Das Wasser tanzte lustig neben ihm her, hielt unaufhörlich Zwiesprache mit dem wagemutigen Gesellen und versäumte nicht, ihn recht durch die Landschaft zu geleiten, so dass es ihm nicht schwerfiel, sich seine Neugier und freudige Erwartung zu bewahren. Offensichtlich wich ihm nun das Glück nicht mehr von der Seite, und so kam es, dass er völlig ohne Gefahr an ein einsam gelegenes Gehöft gelangte. Gänse, Hühner, Enten begrüßten ihn schnatternd, krähend und quakend. Eine Katze umschmeichelte maunzend seine Füße und hieß ihn näher treten. Ein braunes Pferd wieherte ihm freudig zu, Schafe blökten, Kühe muhten und eine weiße Ziege nahm ihn neugierig beschnuppernd in Empfang.
So ging Sisyphos mit seinem auffälligen Gewand der einladend rot gestrichenen Haustüre entgegen. Bunte Blumen umkränzten sie, und noch bevor er sie erreicht hatte, wurde sie aufgetan. Ein lächelndes Gesicht hieß ihn eintreten. An einem Tisch nahm er Platz, durch die Fenster in seinem Rücken fielen die freundlichen, hellen Sonnenstrahlen, die das Zimmer in durchsichtiges Gold tauchten und ihm bedeuteten, dass er hier richtig sei. Die Dame, die ihn eingelassen hatte, trug köstliche Speisen auf, von denen er erst zögerlich, sogleich aber bereitwillig nahm. Indem sich seine Gastgeberin ihm gegenübersetzte, tat er es ihr gleich und kostete von Käse, Fleisch, Brot und Gemüse. Er trank Milch und probierte süße Früchte. Alles war ihm neu. Den Genuss der Speisen hatte er bislang eben so wenig gekannt wie die Sonnenstrahlen und die herrlichen Töne. Während die Frau mit ihm sprach, lernte er ihre Worte verstehen.

Ihm wurde klar, dass all die Jahrhunderte und Jahrtausende in ihm die Ahnung vom Reichtum der Welt geschlummert hatte. Die stets gegenwärtige Sehnsucht, der dunklen Ödnis entfliehen zu wollen, war an einem geheimen Fleckchen seines Geistes anwesend gewesen, aber sie war verkapselt im Kokon, der verschlossen und versiegelt war. Nun hatte der seidene Faden sich zu lösen begonnen. Zentimeter für Zentimeter wickelte er sich rasch ab und wurde Sisyphos zum Lebensfaden, der ihn durch die Herrlichkeiten des Daseins lotste. Wie reich und schön doch alles war, das ihn begleitete und erwartete, das ihn umgab und in ihn einging durch Augen, Ohren, Mund und Nase, das ihn an Füßen, an Händen berührte, ihn kitzelte und ihm vermittelte, dass er aufzunehmen in der Lage sei und dass sich alles unaufhörlich neu in seinem Inneren zu verändern und zu formen anschickte. Ja, das ist das Leben.
Durch alle Sinne dringen die Eindrücke und formen den Geist, der wiederum neugierig auf alles wartet und ebenfalls seine Möglichkeiten nutzen will, um nach Kräften Neues zu schaffen, mit den Händen, mit Worten, mit der Stimme, mit allem eben, was einem Menschen zur Verfügung steht.

Sisyphos staunte und strahlte die freundliche Dame an, die ihm als erster Mensch begegnet war. Mit einem Male wurde ihm klar, dass ein Schatz von Möglichkeiten für ihn in einem goldenen Topf bereitstand, den er zu suchen und zu finden hatte. So erhob er sich, küsste der schönen Dame mit vollendeter Höflichkeit die zierliche und doch so kraftvolle Hand und verabschiedete sich zutiefst dankbar für die Erfahrung, Gastfreundschaft genossen zu haben und beherbergt worden zu sein. Weil sie wusste, wie lange der Weg sich noch erstreckte, ehe Sisyphos sein Ziel erreichen würde, holte sie aus einer schön bemalten Truhe ein Paar grüner Wanderstiefel aus geschmeidigem Leder. An den einstigen Besitzer gibt es keine Erinnerung mehr. Er muss von weit hergekommen sein und hier seine Bleibe gefunden haben, sodass er die liebevoll geschusterten Stiefel nicht mehr brauchte. Er hatte sie ausgezogen, um sie nie mehr wieder zu benützen. Im Stillen hatten sie hier sicher verwahrt auf Sisyphos gewartet, und die freundliche Dame Amaryllis streifte sie ihm über die bloßen Füße und band flink die Schnürsenkel.

So war Sisyphos wohlgerüstet. Ein neues Gefühl beflügelte seine Schritte. Hatte er auch den unmittelbaren Kontakt mit dem Untergrund eingebüßt, so waren nun seine Fußsohlen vor Verletzungen geschützt. Ihm war klar, dass er einen weiten Weg vor sich hatte. So machte er sich Richtung Osten auf. Amaryllis begleitete ihn ein Stück der Sonne entgegen. Wenn man an den Anfang der Welt gelangen will, muss man immer der Sonne entgegengehen. Erkennt sie, dass man es ernst meint, wird sie einen auflesen und in ihrem Schiff mitreisen lassen. So marschierte Sisyphos zuversichtlich nach Osten. Als er mit seiner Begleiterin den Waldrand erreichte, verließ ihn die gnädige Dame Sie musste zurück zu ihrem Anwesen und nach weiteren Besuchern Ausschau halten. So hat jeder seinen Platz in der Welt.

Während sie zurückging, schritt Sisyphos mit neuer Kraft voran. Er trat auf dem bemoosten Pfad tiefer in den Wald ein. Hohe Bäume ragten links und rechts neben ihm auf. Seine Schritte federten auf dem weichen Untergrund und er fühlte sich behütet. Schon stimmten all die hier ansässigen Vögel ein Willkommenskonzert an und kündigten den durchreisenden Gast auch den anderen in tieferen Regionen beheimateten Bewohnern an. Neugierig steckte der eine und andere Fuchs und Hase seinen Kopf aus dem Gestrüpp, betrachtete Sisyphos neugierig in seinem aus Blattwerk gefertigten Outfit, schickte ihm einen freundschaftlichen Gruß entgegen und entwischte rasch, eifrig seinem Tagwerk nachgehend. Bisweilen sah er noch Rehe äsend beieinanderstehen, die ihn ob seines eilfertigen und zielstrebigen Schrittes musterten, ihm aber zu verstehen gaben, dass er ihr Reich sehr wohl zu durchqueren habe. Der Ort seiner Bestimmung war noch weit. Keines von ihnen war je so weit gelaufen. Vom Hörensagen wussten sie, es gebe diesen Ort, wo es sich hinzugehen lohne.

Und Sisyphos wanderte ohne Hast, aber doch schnell, weil ihn die Sehnsucht nach dem in der Ferne liegenden Ziel lockte. Als er den Blick in den Äther schweifen ließ, sah er die klaren Strahlen der Sonne erscheinen. Sie war also schon auf ihn aufmerksam geworden. Wer weiß, wer ihr seine Ankunft verraten hatte? Aber die Sonne kannte sehr wohl das Schicksal des armen Sisyphos, genauso, wie ihr das einer jeden geknechteten Kreatur nicht verborgen bleibt, und sicher führt sie den ins Licht, der es braucht. Gleich oder später. Und Sisyphos, der so lange im Dunkeln die Kugel gerollt, hatte ganz gewiss eines gelernt: zu warten. Und so ging er seinen Weg entlang. Bestimmt ist es der einzig richtige. Frau Sonne schickte ihm mit ihren warmen und hellen Strahlen alle Hoffnung der Welt und auch noch ein gutes Stück der himmlischen Zuversicht. Und ehe er sich versah, wurde er emporgehoben zum Sonnenschiff.

Fragte man ihn später nach den Eindrücken dieser Reise, so vermochte er nichts weiter zu sagen, als dass es wunderschön war, schwerelos dahinzugleiten, gedankenverloren und unendlich glücklich. Eine lichte Leere habe ihn umfangen, wie er sie nicht beschreiben könne. Die Worte für Derartiges hatte er noch nicht kennengelernt. So fuhr er eine geraume Weile im Sonnenschiff am Rande des Himmels gen Osten und Frau Sonne raunte ihm so manches Helle zu, das er mit geweiteten Augen und Poren aufnahm. So kam Sisyphos wohl zu dem, was die Menschen bisweilen eine Glückshaut nennen, in Ermangelung eines besseren Begriffs.
Und flugs war er viele hundert oder gar tausend Kilometer weit gereist. Wer scherte sich schon um derartig kleinmütiges Zählen? Sanft setzte ihn die gnädige Sonne auf einer Wiese an der Peripherie einer Metropole ab. Ganz andere Geräusche drangen hier an sein Ohr. Scharf und schnell und schneidend. „Hab keine Furcht!“, sang ihm die Sonne Abschied nehmend zu. „Du wirst das Licht, das ich in dich hineingelegt habe, verbreiten. Es ist nicht schwer, denn jeder verlangt danach. Sei großzügig und geize nicht damit.“

Sisyphos hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Mit seinen grünen Wanderstiefeln stapfte er durch das lange Gras und gelangte zu einer schwarz asphaltierten Fläche, die sich als Straße herausstellte. In seiner floralen Kleidung erschien er den zahlreichen Autofahrern in der Tat wie von einem anderen Stern. Sie glotzten ihn aus den blankgeputzten Scheiben ihrer bunt lackierten Karossen an und fingen an zu hupen, denn er versperrte ihnen die freie Fahrt und sie hatten es eilig. Einer betätigte den automatischen Fensterheber an der Fahrertür per Knopfdruck und brüllte heraus: „Verpiss dich, du seltsamer Vogel, sonst rufe ich die Polizei!“

Und Sisyphos fing schon an, an der Redlichkeit der Frau Sonne und auch an der Liebenswürdigkeit der Dame Amaryllis zu zweifeln, weil er sehr wohl spürte, dass dies trotz der augenscheinlichen Helligkeit ein Ort der Finsternis war. Starr vor Schreck stand er da, als ein dicker Mensch aus der Führerkabine eines LKWs kletterte, auf Sisyphos zuging, ihn energisch unterhakte und ihn hoch in sein bescheidenes Heim hievte. „Hier bist du erst mal in Sicherheit!“, sagte er zu ihm. „Mir scheint, du kommst aus dem Reich der Träume! Trägt man dort neuerdings organische Klamotten? Pflanzenfasern mit Blumen durchwirkt, aus Madeira und Gott weiß woher noch; eine erneute Flower-Power-Welle?“

Sisyphos verstand alle Worte des Fahrers, schaute ihn aber vorerst nur groß an und vermied es zu sprechen. Er wollte sich ein genaueres Bild der Lage machen. „Woher hast du die Mokassins aus marokkanischem Leder? Kommst du aus Marrakesch?“, fragte der freundliche und offensichtlich seine Umgebung sehr aufmerksam beobachtende Fahrer weiter und reichte ihm eine rote Dose, die, nachdem sie geöffnet war, zischend eine herbe Flüssigkeit herausschäumen ließ. „Trink, du hast bestimmt Durst!“, lud er ihn ein. So nahm Sisyphos den ersten Schluck und erfuhr, dass das Bier sei. Während der Fahrer von seiner Herkunft aus dem hohen Norden bereitwillig erzählte, knauserte Sisyphos mit seinen Worten. Tief drinnen in seiner Erinnerung saß noch das Wissen um die geheime Kraft der Worte, und es schien ihm ratsam, sie kostbar bei sich zu verwahren und wie Perlen zu zählen. So verriet er nur, dass er gekommen sei, um Licht zu machen. Das verstand der hilfsbereite freundliche Mann am Lenkrad des Trucks, das Sisyphos übrigens an den Stein erinnerte, den er so lange vor sich her gewälzt hatte, und weil auch der Fahrer einer war, der Bescheid wusste, versprach er, ihn an den Ort zu bringen, wo Licht benötigt wird.

Er startete den Motor, lenkte aus der Raststätte auf die Autobahn und steuerte auf die große Stadt zu. Sisyphos fühlte sich an den Fluss zurückerinnert, dessen Lauf er, nachdem er dem Erdloch entschlüpft war, eine Tagstrecke weit gefolgt war. Auf der dreispurigen Autobahn schoben sich die Fahrzeuge rasch vorwärts. Sie schienen ebenfalls von einer geheimen Kraft getrieben zu sein. So gelangte der LKW an einem gelben Schild vorbei, auf dem etwas in schwarzen Lettern stand. Die beiden Männer befanden sich in einem Häusermeer, das von Straßen wie Spinnweben durchzogen war. Sisyphos fiel auf, dass sich der LKW gen Osten bewegte. Die Richtung stimmte also noch, und das beruhigte ihn inmitten all dieser Geschäftigkeit.
Irgendetwas musste hier schiefgegangen sein, denn hier gab es von allem zu viel und gleichzeitig auch von allem zu wenig. Es fehlte das rechte Maß. Sisyphos beschlich die leise Angst, hier verloren zu gehen, und er entschloss sich, ein paar Worte aus seinem kostbaren Schatz an den Fahrer zu verschenken und stellte die Frage: „Bringst du mich bitte an den Anfang der Welt? Einer wie du kennt bestimmt den Weg!“  Mit großen Augen schaute ihn Lars an. „Freilich kenne ich den Weg zum Anfang der Welt. Es ist bloß aus der Mode gekommen, danach zu fragen. Heute bildet sich jeder ein, von sich aus dorthin zu gelangen. Aber die meisten verirren sich, weil sie zu eingebildet sind und zu stolz, um zu fragen. Leicht geht man in die Irre. Du siehst ja selbst, wie viele Straßen es hier gibt, die nach überall führen.“

Geschickt lenkte Lars aus dem Norden seinen schweren Truck auf den Straßen Berlins gen Osten und brachte Sisyphos in seinem Paradieskleid an einen Ort, der Kreuz des Ostens heißt. Das muss schon ganz in der Nähe vom Anfang der Welt sein. Umringt von hupenden Autos parkte er in Seelenruhe, zeigte Sisyphos die Richtung, die er einzuschlagen hatte, schubste ihn freundlich aus der Fahrerkabine und verabschiedete sich in stillem Einverständnis von ihm, indem er bedeutungsvoll mit den Augen zwinkerte.
Sisyphos hingegegen gelangte bald an ein zweiflügeliges Holztor, über dessen geschwungene Oberseite sein Name in großen Lettern zu lesen war. Nicht schlecht staunte er, dass man ihn hier am Anfang der Welt bereits erwartete und ihm schon ein Haus gebaut hatte. Auf jedem Flügel der beiden Tore war eine große Ente geschnitzt. Sie schauten sich an und die beiden Schnäbel schienen sich zu küssen. Da fühlte sich Sisyphos an das freundliche Haus der Frau Amaryllis erinnert, in deren Hof auch quakende Enten ihn empfangen hatten. Beherzt pochte der Heimgekehrte mit beiden Fäusten an das Tor. Unverzüglich hörte er eine Stimme fragen: „Wer bittet um Einlass?“ „Ich kann Licht machen“ entgegnete Sisyphos, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Und da es bereits dämmerte, schien es dem Türsteher einleuchtend, dass es nun an der Zeit sei, mit der Illumination zu beginnen.

Das Tor ging auf, Sisyphos trat in sein Reich und wusste sofort, dass er zu Hause, am Anfang der Welt angekommen war. Rasch liefen Leute im Hof zusammen und bedeuteten ihm, dass man ihn seit Langem schon sehnsüchtig erwarte. Man löcherte ihn mit Fragen nach seinem Verbleib, worauf er lächelnd und achselzuckend wortlos antwortete. Niemand fragte ihn nach seinem Namen. Offensichtlich wussten alle schon, dass er der Hausherr persönlich sei. Zwei Herren in salopper Kleidung begleiteten ihn über das Gelände.
Bedauernd teilte man ihm mit, dass während seiner unerwartet langen Abwesenheit in diesen Gebäuden Hundekuchen produziert worden seien. Sisyphos lächelte nur und entgegnete, dass ihm Hundekuchen allemal lieber seien als Kalaschnikows.

So war alles geklärt, und Sisyphos wollte ebenso wie die beiden Herren keine Zeit verlieren. Die Dunkelheit stand vor der Tür und der heimgekehrte Hausherr wollte damit beginnen, Licht zu machen. Es war höchste Zeit, um den Anfang der Welt, nachdem er endlich gefunden war, aus seinem langen Dämmer zu erwecken, ihn in Licht zu tauchen und die Menschen von überall her anzulocken. Sisyphos fing an, die eilig montierten Scheinwerfer auszurichten. Unter seiner geheimnisvollen Regie entstand an der Fassade des Backsteinbaus eine wahrlich himmlische Lichtsymphonie in den strahlendsten und phantastischsten Farben. Schnell war klar, dieser Mann im Phantasiekleid musste von weit her gewandert sein, um diesem Ort seinen vergessenen Zauber zurückzugeben und den verwirrten Menschen Heimat.

In Windeseile verbreitete sich die Kunde, dass hier etwas Neues und ganz Großes entstand. Musiker fanden sich ein, das Licht mit Klang zu verbinden. Feuerkörbe wurden an den nachtschwarzen Himmel gezaubert und farbstarke Blitze durchfuhren die Finsternis, um allen den Weg zu zeigen und ihrer Sehnsucht eine Richtung zu geben. Viele kamen und täglich wurden es mehr, weil alle suchen und nach einem Platz verlangen, wo ihre Seele Ruhe findet.

Sisyphos ist Gott sei Dank angekommen und hat es geschafft, diesen verwunschenen Ort in Helligkeit zu tauchen. Jetzt herrscht dort der nicht leicht fassbare Geist, der durch die Gabe des Lichts entsteht. Manche nennen ihn Esprit, andere wagen das Wort nicht in den Mund zu nehmen. Sisyphos zählt seine Worte wie Perlen. Er schweigt und spricht mit fein dosiertem Funkenregen, mit Lichtkegeln und kletternden Lichtmenschen – seine Sprache ist das Licht. Und wer sie beherrscht, mag an jeden Ort reisen, sei es der undurchdringliche Dschungel mit all den Lianen, die sich von tropischen Bäumen baumeln lassen und den Affen zum Spiel dienen, sei es die Wüste, durch die sich eine Karawane schlängelt, oder sei es das Eis, das man früher das ewige nannte, auf dem Pinguine und Eisbären tollen.

Sisyphos kann alle diese Bilder an den Nachthimmel zeichnen. Nur wer seine Herkunft kennt, versteht, warum er den Menschen Strahlen bringen muss und warum er seine Freude daran hat, all die Hungrigen im Licht stehen zu sehen. Langsam werden sie, so beschienen, lebendig und fangen an sich zu bewegen, anmutig und rhythmisch zu tanzen, sich im Takt der Musik zu wiegen. Aber damit ist es nicht getan. Das Leben in der Metropole ist hart. Hundekuchen ist out und Schokoladensoße will keiner.
Wer zu Sisyphos kommt, will den Anfang der Welt spüren, und der ist heftig. Wer aus der Unterwelt kommt, weiß das. Wer unzählige Male seinen Felsbrocken vergebens den steilen Hang hinaufgerollt hat, um anschließend machtlos zusehen zu müssen, wie er bockstarrig wieder hinabrollt, der weiß, dass man das Leben festhalten muss mit beiden Fäusten, dass man mit aller Macht jede Regung in sich aufsaugen muss, um sie im schwer zugänglichen Inneren zu beheimaten.

Menschen kommen ins Sisyphos, weil sie hungrig sind nach Leben. Vom alltäglichen Zuviel haben sie schon genug, mehr als das. Weder in den überbordenden Einkaufszentren noch in den beruflichen Selbstverwirklichungsstätten pocht der Puls der Lebens. Alles ist zu viel und zu wenig. Es scheint, als wäre überall die Luft zum Atmen dünn geworden. Jeder sucht das Glück, aber die Glückshaut ist nicht zu kaufen und nicht zu verdienen und auch nicht zu erbitten oder per Opfer zu erwirken. Das Leben lässt sich nicht ergaunern und nicht erarbeiten, man kann es weder ansparen noch erben.
Das Leben pocht am Anfang der Welt und bisweilen findet man einen Ort, wo man ihm gegenübersteht oder es wenigstens für möglich hält, dass es so sei. Ein Augenblick in diesem Gefühl zu leben, ist es allemal wert, sich dem Rausch von Licht und Klang in Extremen hinzugeben. Nur allzu gern lässt man sich forttragen von der schwerelosen Schwere und erwacht mit der Sehnsucht, an diesen Ort zurückzukehren, so oft und so lange wie nur immer möglich. – Sisyphos wahrt sein Geheimnis gut. Niemand kennt seinen Namen und weiß, wohin sein Gesteinsbrocken so urplötzlich verschwunden ist. Wer mag ihn weggenommen haben? Wer verwahrt ihn? Hat er sich gar in Luft aufgelöst oder hat er sich wie ein Ballon mit Luft gefüllt und ist davongeflogen? Sisyphos ist ihn auf jeden Fall los und verbreitet am Anfang der Welt Licht. Hier nennen ihn alle Or, was in der Sprache des Anfangs Licht bedeutet, und er hat vor, diesen Ort nicht mehr zu verlassen.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18157

Die ZDF-Hitparade

Ich bin ein Gewohnheitstier. Spätestens um 19:30 Uhr sitze ich vor dem Fernseher, um mir die Hauptnachrichten anzusehen. Ich bin immer daran interessiert, was es Neues gibt. Manchmal schalte ich den Fernseher schon früher ein, wenn ich meine Wäsche für morgen schon gerichtet habe und auch alles andere vorbereitet ist. Ganz gern schalte ich ab 18:45 Uhr zur ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Es sind Aufzeichnungen. Er moderierte sie von 1969 bis 1984. Zu Beginn rief er stets: „Hier ist Berlin!“ Dieter Thomas machte viele Witzchen und sorgte für gute Laune. Heutzutage mutet die Show total retro an. Allein deshalb gefällt sie mir – weil sie mich an meine Kindheit erinnert. Ich wurde 1970 geboren.

Gerade heute ist wieder solch ein Tag. Seit 19:10 Uhr sitze ich vor dem Fernseher. Es läuft die ZDF-Hitparade vom 5. November 1979. Dieter Thomas kündigt Luv´ an, das sind drei junge Damen in Uniformen aus sehr wenig Stoff. Das mittlere Mädchen ist blond, die beiden außen dunkelhaarig. Sie tanzen und singen zu ihrem Song „Ooh, Yes I Do“. Es ist typische 1970er-Jahre-Musik. Heute wäre das wohl Musik für ältere Herren, die gern junge hübsche Frauen betrachten und denen die Musik gleichgültig ist. Ich denke, damals war das noch etwas anders. Die Zielgruppe für diese Art von Kaugummi-Musik war breiter.

Plötzlich zeigt die Kamera zu den Zuschauern im Saal. Dieter Thomas Heck stellt sich neben eine Frau, die gegen Ende dreißig sein dürfte. Sie trägt einen roten Rollkragenpullover. Da sie außen sitzt, sieht man ihren karierten Rock, ihre Brille ist groß und rund. Schwarze Wallemähne, ein eher schmaler Mund, Perlenohrringe. Sie sieht aus wie ich! Sie sieht genauso aus wie ich zurzeit, abgesehen von der Kleidung und der Frisur. „Hat Ihnen das Lied gefallen?“, fragt Dieter Thomas. Er hält das Mikrofon unter ihren Mund. „Ja, sehr schön wirklich, ganz toll!“, sagt die Frau, die aussieht wie ich mit meiner Stimme und meiner Körperhaltung. „Wie ist Ihr Name, gnädige Frau?“, fragt Dieter Thomas weiter. Wieder hält er das Mikrofon knapp unter ihren Mund. „Hertha König.“ „Und Sie kommen aus …?“ „Kassel“, sagt die Frau ins Mikrofon. „Der Herr neben Ihnen ist Ihr Gatte, nicht?“, fragt Dieter Thomas wiederum und hält ihr das Mikrofon entgegen. „Nein, ich kenne ihn gar nicht. Ich bin alleine hier“, sagt die Frau. „Na, wenn Sie alleine hergekommen sind, bedeutet das noch nicht, dass Sie auch alleine nachhause gehen, wa?“, flachst Dieter Thomas.

Die Frau im Fernsehen lacht. Ich lache. Hertha König ist mein Name, mein Wohnort ist Kassel. Ich, in meinem derzeitigen Alter, bin die Frau im Fernsehen.

Wie kann das sein?

Lost in Space

Dieter Thomas Heck schmunzelt. Er geht auf die Kamera zu. Jetzt bleibt er stehen und kündigt Costa Cordalis an, der als Nächster auf die Bühne treten und dort sein Lied „Keine liebt wie du“ zum Besten geben wird. Ich schalte den Fernseher aus. Für Nachrichten habe ich jetzt keinen Kopf.

Nochmals: Wie kann das sein?

Ich suche nach einer Erklärung. Das nicht ich das in der ZDF-Hitparade gewesen sein kann, ist klar. Vielleicht, möglicherweise, eventuell war es eine Schwester von Mama, mit der sie sich zerstritten und deren Existenz sie mir deshalb vorenthalten hat. Das klingt doch gar nicht so unlogisch. Aber warum gab sie mir dann ihren Namen Hertha? Man gibt doch seinem Kind nicht den Namen von jemandem, den man nicht leiden kann. Das passt überhaupt nicht zusammen. Und wenn es einfach nur eine Frau war, die aussah, sich bewegte, sprach wie ich und in derselben Stadt wohnte? Es gibt ja die Theorie, dass jeder einen Doppelgänger habe. Gut, mag sein, aber gilt das auch generationenübergreifend?

Die einfachste Erklärung ist natürlich die, dass ich mich versehen habe, eingenickt bin beispielsweise und kurz geträumt habe. Ich kann es nicht herausfinden, da ich die Sendung ja nicht wie bei einer alten VHS-Videokassette zurückspulen kann, aber ich meine, das denke ich wirklich, dass ich von dieser Frau, die ich sein soll, nur geträumt habe, womöglich fantasiert, was auf einen schlechten Gemütszustand von mir schließen lassen würde, das wäre aber ebenso möglich,  jedenfalls habe ich diesen Vorfall nicht in Wirklichkeit gesehen.

Ich lege mich bald ins Bett, in mein Einzelbett, ich lebe alleine. Dort lese ich noch ein wenig, einen Weltbestseller. Der bringt mich auf andere Gedanken – nein, das stimmt nicht so ganz, diese Folge der ZDF-Hitparade hält mich immer noch gefangen.

Als ich dann eingeschlafen bin, träume ich etwas ganz anderes, keine Spur von einer Musikshow. Ich träume davon, wie ich durch den Wald gehe, einen Wald, den ich nicht kenne, schließlich erreiche ich einen Teich. Ich sehe in ihn, weil ich mein Spiegelbild sehen möchte, aber sein Wasser ist braun von Erde und wirft kein Bild zurück.

Der nächste Tag ist ein ganz normaler Tag, der 9. November 2016, Mittwoch. Arbeit bei Charles Vögele, Mode verkaufen, eher versuchen, Mode zu verkaufen. Im Geschäft ist nicht so viel Frequenz. Die Marke gilt offensichtlich als angestaubt, fast kein – potenzieller – Kunde ist unter vierzig. Bald einmal muss wohl ein neuer Job her. Ich bin achtunddreißig. Das wird schon hinhauen, da mache ich mir nicht solche Sorgen, ich bin ja auch eine tüchtige Verkäuferin. Ein neuer Job wäre gar nicht schlecht, denn weniger als bei Charles Vögele kann man doch bestimmt nirgendwo verdienen.

Auch Donnerstag und Freitag sind ganz normale, unspektakuläre Tage. Diesen Samstag habe ich frei. Erst einmal bleibe ich so lange im Bett, bis ich völlig ausgeschlafen bin. Das ist ein guter Start in den Tag. Dann ein üppiges Frühstück mit Radio hr3. Danach ein Spaziergang im Novembernebel, etwas unfreundlich, bald wieder nachhause. Ich lese meinen Weltbestseller weiter. Dabei brauche ich nicht viel zu denken, das ist sehr entspannend. Nachmittags backe ich mir eine Tiefkühlpizza auf. Sie schmeckt ganz gut, besser als früher, die Lebensmittelindustrie hat Fortschritte gemacht. Dazu trinke ich ein Bier, das tue ich nicht oft. Und weil das erste so gut geschmeckt hat, trinke ich ein zweites, und ein drittes, dann ist aber aus. Eineinhalb Liter Bier ist eine hohe Dosis für eine zarte Frau wie mich, ich bin ganz schön angedüdelt. Ich lege mich ins Bett, alsbald schlafe ich ein.

Ich träume, dass ich im All schwebe. Ich trage keinen Raumanzug, trotzdem kann ich atmen, und die Temperatur liegt bei ungefähr dreiundzwanzig Grad Celsius. Die Gestirne um mich innerhalb der Schwärze drehen sich langsam, und ich drehe mich im selben Tempo. Ich kann nichts greifen. Es gibt nichts zu tun. Ich bin lost in space.

Ich wache auf. Es ist bereits Nacht, draußen ist es dunkel, bis auf die Straßenbeleuchtung. Im Schlafzimmer ist es hell. Ein leise singender sphärischer Ton liegt in der Luft. Ich sehe nach, sowohl die Deckenlampe wie auch die Nachtkästchenlampe sind ausgeschaltet, also müsste es dunkel sein. Es ist aber hell. Ebenso in der Küche, im Wohnzimmer, im Vorzimmer, im WC und im Bad, es ist überall hell bei ausgeschalteten Lampen. Jetzt sehe ich, wie sich der Vorraum biegt, er wird niedriger, rundet sich, dehnt sich in der Länge. Er bildet einen Schlauch, dessen Wände wie Perlmutt schimmern.

Will ich zurück ins Wohnzimmer, Schlafzimmer oder in die Küche, muss ich durch diesen Schlauch klettern. Und das tue ich auch: Auf allen vieren krabble ich diesen Schlauch entlang. Der sphärische Ton ist verschwunden. Nach dem Ende des Schlauchs stehe ich auf und gehe ins Schlafzimmer. Nun ist es ganz anders eingerichtet. Statt meines Einzelbetts steht dort eine Liege mit geschwungenem Kopfteil. In der Küche sind Prilblumen auf dem altertümlichen Kühlschrank und dem antiquierten Herd. Ein Flokati-Teppich bedeckt einen Teil des Bodens im Wohnzimmer, ein Kalender mit Palmen hängt an der Wand. Eine rote Markierung auf einer Kunststoffschiene zeigt den 4. Tag des Novembers im Jahr 1979.

Über den Stuhl aus gebogenem Holz im Schlafzimmer sind ein karierter Rock und ein roter Rollkragenpullover gehängt. Ich blicke in den ovalen Spiegel mit Goldfarbeinfassung, der vorhin nicht hier war. Ich sehe mich selbst, natürlich, mit schwarzer Wallemähne und einer großen, runden Brille.

Auf dem Sideboard im Wohnzimmer liegen zwei Perlenohrringe und eine Eintrittskarte für die ZDF-Hitparade am 5. November 1979, morgen, sowie ein Zettel, auf dem in meiner Schrift: „Abfahrt des Zuges nach Berlin um 12:21 Uhr“ steht.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

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Die Mondgöttin

Sie läuft barfuß hinter dem alten Hund her, ihre dunklen Locken, die bis zur Mitte des Rückens reichen, wehen im Sturm. Das geblümte Kleid klebt an ihren nackten Beinen, es ist durchnässt. „Hank! Warte auf mich!“ Das kleine Mädchen kann dem Hund nur schwer folgen, es weiß aber, dass er auf der Suche nach Schutz ist und ihm den Weg weisen wird. Hinter ihm öffnet sich der Boden, aus schmalen Kratern quillt eitrige Masse, vermischt mit lavaähnlicher Brühe, alles schwappt über seine Knöchel, es stinkt ganz ekelerregend und das Mädchen muss würgen. Es läuft weiter, der Wind peitscht Regen, Hagel und Schnee gegen sein Gesicht. Der Hund hält immer wieder an und wartet auf das Mädchen.

An einem Bachlauf springen Forellen aus dem Wasser, landen auf der blutenden Erde, schwänzeln verzweifelt in der Luft. Das Gewässer verfärbt sich blitzschnell dunkelrot und beißender Mief erfüllt die Umgebung. Bald haben sie den Wald erreicht. Hinter einer großen Hecke kriechen Schlangen, Würmer, Kröten und Echsen hervor, sie fliehen ebenso vor der sich öffnenden Erde. Aus den Baumrinden tropfen dicke, harzähnliche Absonderungen, die Äste kringeln sich ein, sind plötzlich tot, starr, es stinkt nach Ammoniak.

„Hank, hilf mir, ich kann nicht mehr!“ Das Mädchen ringt nach Luft, der Ammoniakgestank treibt ihm Tränen in die Augen. Es dreht sich um, die Schlangen, Echsen und Kröten folgen ihnen. Die Fußsohlen des Mädchens schmerzen, trotz Regen und Schnee beginnt der Wald nun zu brennen, fängt Feuer. Der Himmel verdunkelt sich und es kann nichts mehr sehen. Nun ist der Hund an seiner Seite und führt es weiter. Vor ihnen teilt sich plötzlich der Weg, das Mädchen  nimmt Anlauf und springt dem Hund hinterher, stolpert und versinkt mit einem Fuß im Morast. Das Mädchen schreit auf, mit Händen und auf Knien versucht es, sich aus dem Abgrund zu befreien. Sein Herz schlägt bis zum Hals, es weint und fleht und krabbelt auf allen Vieren weiter … Schlangen streifen seine Hände und Arme, schlingern an ihm vorbei.

Dann, endlich, sieht das Mädchen vor sich einen Felsvorsprung und dahinter eine große Weide, die von all diesem Unheil verschont geblieben scheint. Hank legt sich unter die Weide ins saftige Gras und wartet auf das Kind. Den Hund umarmend legt es sich dicht neben ihn, zitternd am ganzen Leib, und gemeinsam schauen sie dem grauenvollen Schauspiel zu, das um sie herum passiert.

„Mutter Erde, Mutter Erde, was ist mit dir? Wo tut‘s denn weh?“, schreit das Mädchen laut in den Abendhimmel.

***

Chiara reißt die Augen auf und ringt nach Luft, an ihrem Bett sitzen Großtante Sophie und ihre Mutter Katharina.

„Schatz, es war nur wieder dieser Traum. Es ist alles gut, wir sind ja da.“ Chiara weint und ist schweißgebadet. Ihre Mutter streichelt ihr sanft über die Stirn und küsst sie, die Großtante hält ihre Hand.

„Wieso träume ich das immer wieder?“, schluchzt sie und legt ihren Kopf auf den Schoß der Mutter.

„Du hast die Gabe, liebe Chiara. Du fühlst den Schmerz der Erde. Genau wie deine Großtante“, flüstert ihre Mutter. Die Tür öffnet sich und das Mädchen sieht das Schweifende von Hank am Bett vorbeihuschen. Der Hund legt seinen Kopf auf die Bettkante und leckt über ihren Unterarm. Chiara betrachtet ihre Großtante, die Hank nun hinter dem Ohr krault. Sie sitzt im Nachthemd da, ihre silbergrauen, dichten Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Sie lächelt Chiara an und ihre wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen betrachten das Mädchen liebevoll.

*** 12 Jahre später ***

Mark nimmt an einem der kleinen Tische vor der Bäckerei Platz. Er sortiert seinen Notizblock und die Stifte und bestellt sich einen Kaffee. Sein Deutsch ist zwar nicht akzentfrei, aber sehr gut. Am Nebentisch sitzt ein älteres Pärchen und mustert ihn neugierig.

„Sie sind wohl nicht von hier, was?“, fragt der Mann, der seine Hände auf einen Stock stützt.

„Ich komme aus Amerika und muss hier für eine Fachzeitschrift recherchieren“, antwortet Mark.

„Hier, bei uns? In diesem Kaff?“ Der Alte lacht laut auf. „Was soll es da zu recherchieren geben?“

„Es geht um das Thema Plastic Planet und um Mythologie. Ich bin auf der Suche nach drei Frauen, die hier wohnen. Vielleicht können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“

Der alte Mann stopft sich mit krummen, arthritischen Fingern eine Pfeife und brummt leise vor sich hin. „Die ollen Weiber vom Waldrand?“, fragt er. Die Frau daneben stößt ihm den Ellenbogen in die Seite:

„Aber Friedrich, wie redest du nur?“, entgegnet sie.

„Ist doch wahr! Früher hätte man sowas wie die auf dem Scheiterhaufen verbrannt!“

Mark macht sich ein paar Notizen und muss schmunzeln. Dieses kleine Dorf hat einen seltsamen Charme, hier läuft alles etwas ruhiger ab als in seiner Heimatstadt, als hätte man die Zeit um Jahre zurückgedreht.

„Sie müssen wissen, die Damen leben sehr abgeschieden am Waldrand und das ist vielen hier im Dorf unheimlich. Die Ältere heißt Sophie, sie streift oft stundenlang barfuß und mit wehenden Kleidern durch die Wälder, an ihrer Seite ist immer ein Hund. Man erzählt sich, dass sie vor langer Zeit eine Begegnung mit einem Wolf hatte und seither sei sie völlig verändert. Leute, die nicht so ängstlich sind, kommen zu ihr und suchen Rat und Hilfe. Sophie hat schon sehr vielen Menschen helfen können.“

„Ach, papperlapapp!“ Der alte Mann nimmt die Pfeife aus dem Mund und bläst den Rauch in die Luft. „Das ist doch alles Quatsch, den du erzählst, Mutti.“ Mark wendet sich nun der Frau zu und klopft nachdenklich mit dem Bleistift auf den Zettel.

„Wie darf ich das verstehen, ihr sei ein Wolf begegnet? Können Sie mir das näher erklären?“

Die alte Frau rutscht mit dem Stuhl nun näher an Mark heran.

„Näheres weiß niemand hier. Sie war ja damals verheiratet, aber seit sie dem Wolf begegnet ist, sei der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hat ihn je wieder gesehen. Und sie hat sich seit diesem Tag nicht nur vom Wesen her verändert, sondern auch äußerlich. Früher hatte sie blaue Augen, seit dieser Wolfsbegegnung aber sind ihre Augen wie aus dunklem Bernstein. Es leben drei Frauen in diesem Haus: Sophie, ihre Nichte Katharina und die Tochter von Katharina, sie heißt Chiara. Es wird gemunkelt, dass Katharinas Kind von einem Italiener ist, aber niemand weiß das so genau.“ Die Hände der Frau zittern nun, und sie wirkt nervös.

„Sophie und Chiara sind Sehende, müssen Sie wissen. Sie haben eine Gabe, sagt man“, flüstert sie Mark hinter vorgehaltener Hand zu.

„Kann ich unangemeldet bei den Frauen vorbeischauen? Was meinen Sie?“, fragt Mark.

Die zwei Alten sehen sich an und der Mann zuckt mit den Schultern.
„Wenn Sie meinen?! Ich wünsche Ihnen viel Glück. Die olle Sophie lässt Männer verschwinden. Passen Sie bloß auf sich auf!“

Mark notiert sich noch den Weg und marschiert los. Was für Schauermärchen, denkt er und lacht.

Nach einer Viertelstunde Fußmarsch kommt er an ein alleinstehendes Haus am Waldrand, die Fassade ist mit Lärchenholz vertäfelt, viele bunte Windspiele hängen an der Veranda, im dicht blühenden Garten sieht er vereinzelt Statuen aus Stein, elfenhafte, lächelnde Frauengestalten. Das Haus steht auf einer Anhöhe und Mark hält an, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Plötzlich kommt Wind auf, die Tonmotive der Windspiele schlagen aufeinander und eine wundersame Melodie ertönt. Die sich im Wind wiegenden Blüten lassen die Elfenfiguren manchmal verschwinden und wieder erscheinen, es sieht aus, als würden sie tanzen. Wie aus dem Nichts steht nun ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kommt er auf Mark zu und hält einige Meter vor ihm an, er mustert Mark, sein Fellkleid schimmert in allen Brauntönen. Dann ebbt der Wind wieder ab, es ist still rundherum. Mark nimmt nun befremdliche Duftnoten wahr, es riecht intensiv erdig, nach Myrrhe und auch nach Moschus. Kalte Schauer laufen seinen Rücken hinunter, ihm wird übel.

Plötzlich ein leises Zischen. Mark dreht sich abrupt um! Sie steht knapp hinter ihm, ihre Augen sind geschlossen, sie ist barfuß, hat lange, grau schimmernde Haare, sie kräuselt fast unmerklich ihre Nase, ihre Nasenflügel beben – als würde sie an Mark riechen, zieht sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht geöffneten Mund ein. Nun lächelt sie und öffnet die Augen. Mark weicht vor Schreck zurück, er hat noch nie solche Augen bei einem Menschen gesehen, sie sind bernsteinfarben und funkeln ihn an.

Sie nimmt seine Hand und spricht mit rauer, leiser Stimme: „Wir haben Sie schon erwartet!“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 18134

 

 

Was wäre, wenn?

Mark schaut aus dem Hotelfenster, sieht Capitol Hill und die schöne Parkanlage, es herrscht reges Treiben auf den Straßen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät ihm, dass er nun aufbrechen muss, er nimmt seine Aktentasche vom Stuhl, darin befindet sich nur das Nötigste, was man als Schriftsteller für das National Book Festival eben so braucht.

Die knappe Meile läuft er zu Fuß zum Gelände der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt. Obwohl es seine erste Teilnahme an diesem Festival ist, findet er sich schnell zurecht. Er trifft einige Kollegen und interessierte Leser. Der Tag ist gespickt mit Small Talk und mit zahlreichen Fans, die sich Bücher von Mark signieren lassen. Er ist ein schüchterner und stiller Mann im besten Alter und eine sehr interessante, gut aussehende Erscheinung. Freunde sagen über ihn, dass er trotz seiner Zurückhaltung einen phantastischen Humor hat, den man ihm nicht zutrauen würde.

Die Zeit vergeht wie im Flug und Mark wäre es gerade recht, könnte er sich bald in sein Hotelzimmer zurückziehen. Er schaut in die Menschenmenge und als er so überlegt, wie er den Abend noch verbringen soll, sieht er ihn. Das rot-orange Tuch, das er immerwährend trägt, leuchtet aus der Menge, einige Menschen verbeugen sich, andere beobachten ihn neugierig. Mark lässt ihn nicht aus den Augen und er kann es fast nicht glauben, der Dalai Lama geht tatsächlich in seine Richtung, zu Marks Tisch.

„Mister Lewis, es ist mir eine Ehre!“ Der Mönch deutet eine leichte Verbeugung an und lächelt. Mark sucht nach Worten, ist völlig perplex, fasst sich dann und verbeugt sich in buddhistischer Manier. „Eure Heiligkeit.“ Plötzlich scheint sich alles rundherum zu drehen, ihm wird schwindlig und heiß-kalt im Wechsel, er braucht dringend frische Luft. Als würde der Dalai Lama es erahnen, fasst er ihn sogleich am Arm und hakt sich ein, schnellen Schrittes führt er Mark Richtung Ausgang. Die angenehme, frische Luft und die sanfte Herbstsonne in der Parkanlage tun ihm richtig gut. Sie halten unter einer Linde und stehen sich gegenüber.

„Mister Lewis, ich habe ein Anliegen. Es handelt sich um ein Experiment, welches seinesgleichen sucht. Sie werden erstaunt sein!“ Mark sieht die funkelnden Augen und das schelmische Lächeln seines Gegenübers.

„Eure Heiligkeit, ich wüsste nicht, wieso Sie sich diesbezüglich ausgerechnet an mich wenden?“

„Nun, Mister Lewis, ich kenne Ihre Bücher und Sie sind Buddhist. Sie können dieses Experiment durchführen, davon bin ich überzeugt. Es wird Ihnen großen Spaß machen!“, wieder ein verschmitztes Lächeln, als würden sie gemeinsam einen Streich aushecken wollen.

„Worum geht es denn?“ Mark wird nun zunehmend neugierig.

„Ich überreiche Ihnen heute einen Schlüssel, suchen Sie die Bibliothekarin der Library of Congress auf und folgen Sie den Vögeln.“ Der Dalai Lama kramt in seinem Samtbeutel, der an seiner Tunika an einem Gürtel hängt, und reicht Mark einen kleinen, goldenen Schlüssel.

„Ich bin natürlich sehr gerne behilflich, und wie Sie wahrscheinlich wissen, mag ich Experimente sehr. Aber eine Frage sei mir erlaubt: Wieso gehen wir nicht gemeinsam zur Bibliothekarin?“

„Eine berechtigte Frage. Ich bin jedoch nur der Überbringer des Schlüssels, eine von mir ausgewählte Person sorgt für die Durchführung des Experimentes. Es funktioniert nur innerhalb der jeweiligen Zeitzone, in der der Auserwählte – das sind in diesem Falle Sie – lebt. In meiner Zeitzone wurde das Experiment schon durchgeführt. Warum es keine Aufzeichnungen, Videos oder Berichte in den Medien darüber gibt, werden Sie früh genug erfahren. Jedoch, das können Sie mir glauben, ist dieses Experiment formvollendet. Mister Lewis, ich wünsche Ihnen viel Freude, verlasse mich auf Sie und werde Sie morgen wieder kontaktieren.“ Der Dalai Lama verbeugt sich nochmals kurz und verlässt die Parkanlage flotten Schrittes.

Da steht er nun, unter der Linde, sieht auf seine Hand mit dem kleinen Schlüssel darin.

„Folgen Sie den Vögeln“, hat er gemeint. Was auch immer das heißen mag. Mark sieht sich um und entdeckt den Eingang der Library in einiger Entfernung.

Nun gut, auf zur Bibliothekarin. Solche Rätsel machen Mark Spaß, das kommt auch deutlich in den Inhalten seiner Bücher zum Vorschein.

„Mrs. Hayden? Mark Lewis mein Name, der Dalai Lama schickt mich.“ Frau Hayden reicht ihm die Hand, lächelt und meint:

„Ich weiß, wer Sie sind und freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mister Lewis. Habe ich richtig gehört, der Dalai Lama schickt Sie?“

„Ja, Sie haben richtig gehört“, entgegnet Mark freundlich. „Es handelt sich scheinbar um ein Experiment und er meinte nur ‚Folgen Sie den Vögeln‘.“ Die Bibliothekarin verschränkt die Arme vor der Brust und scheint in Gedanken. Nach einer Weile geht sie an ihren Schreibtisch und tippt auf der Tastatur des PCs.

„Gar nicht so einfach. Wir haben hier jede Menge Bücher über Ornithologie. Ich weiß jetzt nicht, wo wir mit der Suche beginnen sollen?“ Sie zuckt die Schultern und sieht Mark über die Brille hinweg an. „Ah, Moment, jetzt hätte ich es beinahe vergessen. Ich habe hier einen Schlüssel, der wohl einen Code knackt?“ Etwas hektisch sucht Mark nach dem Schlüssel in seiner Jacke.

„Dann muss es wohl eine größere Ausgabe sein.“ Sie recherchiert wieder in ihrem PC und hebt dann beide Hände:

„Ja natürlich! Das muss das Buch von John James Audubon sein, The Birds of America. Das weltweit wertvollste Buch, Mr. Lewis. Folgen Sie mir in Gallery B.“

Ein riesiges Buch liegt vor ihnen, Mark schätzt es auf fast einen Meter Größe im Quadrat. Die Bibliothekarin zieht weiße Baumwollhandschuhe über und öffnet vorsichtig den wertvollen Buchdeckel. Achtsam blättert sie weiter. Mark sieht die buntesten Vögel gezeichnet, mit Beschreibungen darunter. Er ist sehr beeindruckt von diesem Werk, welches 1826 erschienen ist.

„Lassen Sie uns die letzte Seite suchen, vielleicht werden wir fündig“, meint er. Tatsächlich finden sie auf der vorletzten Seite ein zusammengefaltetes, sehr zartes Blatt Seidenpapier, auf dem mit Tinte in feinster Schrift folgendes steht:

„Was wäre, wenn …
... alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Codes in die Freiheit entlassen würden?

„Was wäre, wenn …
... sie sich gemeinsam mit den Vögeln dieses Buches in den Himmel erhöben und davonschwebten?

„Was wäre, wenn …
... für eine Stunde die Erde scheinbar still stünde?“

Sie blättert weiter und entdeckt auf der letzten Seite des Buches, im letzten Einbanddeckel, einen Schlitz.

„Hier, Mister Lewis. Hier muss der Schlüssel rein!“ Mit leicht zittrigen Fingern steckt Mark den Schlüssel ins Schloss des Einbanddeckels und dreht ihn um neunzig Grad.

Leises Flattern ertönt, die Seiten des Buches schlagen sachte aufeinander und zart erheben sich alle bebilderten Vögel, alle Buchstaben, Zahlen, Zeichen, Punkte, Beistriche, Strichpunkte und fliegen mit sanftem Summen den Fenstern entgegen, drängen gegen den Fensterspalt und bahnen sich den Weg ins Freie. Alle Bücher in der Library machen es dem Band von Audubon nach, ein allgemeines, rhythmisches Rascheln erfüllt die Räume. Mark und Mrs. Hayden bücken sich, denn manche Zeichen sind besonders keck und fliegen ihnen um die Ohren. Die Bibliothekarin hält eine Hand vor ihren Mund und will sich ein Lachen verkneifen, was nicht ganz gelingen mag.

„Es ist …“, möchte sie sagen, jedoch auch ihre gesprochenen Worte lösen sich in Luft auf, vergehen, verwehen, verschwinden mit den anderen geschriebenen Zeichen durchs Fenster der weltgrößten Bibliothek. Mark läuft hinterher, zückt sein Smartphone, möchte gerne auf Video aufzeichnen, was hier passiert. Doch auch aus dem Handy schlüpfen Buchstaben und Zeichen beinahe lautlos ins Freie und verschwinden in der Ferne. Der Bildschirm des Handys wird dunkel, es ist nicht mehr zu bedienen. Über Capitol Hill und der Library of Congress schweben nun tausende Zahlen, Buchstaben, Satzzeichen, scheinbar schwerelos in den Himmel. Mark und die Bibliothekarin laufen zum Ausgang, möchten sich gerne unterhalten, es ist aber nicht mehr möglich.

Sie beobachten die Straßen der Stadt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, alle Buchstaben und Zeichen der Werbeanzeigen an Tankstellen, Einkaufsmärkten, Banken und Gebäuden rundherum schließen sich den Vögeln und Zeichen der Library an und entschwinden. Die Menschen gestikulieren, Worte sind zwecklos. Stille rundherum. Nur das leise Flattern und Rascheln der wegfliegenden Zeichen. Hoch hinaus, in das Blau des Himmels mit der untergehenden Sonne. Absoluter Stillstand.

Alle Menschen, die dieses Schauspiel beobachten, blicken hoch und nach einiger Zeit sieht man die formvollendete Formation der Zeichen am wolkenlosen Himmel:

Friede

steht da. In allen Sprachen der Welt. Für eine Stunde in der Zeitzone von Washington D.C. Stille. Kein Angriff, keine Aggression, kein Befehl, kein böses Wort, kein Straßenlärm, keine Musik, nichts. Nur Friede, als Botschaft an den Himmel gepinselt.

Mark öffnet die Augen.

„Das war nur ein Traum!“, denkt er, steht auf und geht ans Fenster seines Hotelzimmers. Reges Treiben auf den Straßen, der übliche Lärm. Er streicht sich durch das zerzauste Haar und über die Bartstoppeln, schüttelt den Kopf und geht ins Badezimmer. Plötzlich läutet das Haustelefon auf dem Schreibtisch, Mark nimmt den Hörer ab … und – da liegt ein kleiner, goldener Schlüssel auf dem dunklen Holz des Tisches und eine Frauenstimme am Telefon sagt:

„Mr. Lewis? Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, wartet hier in der Lobby auf Sie.“

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com/

Erstveröffentlichung beim Schreiblust-Verlag
(Der Text erhielt den 2. Preis beim Monatswettbewerb im April 2018
zum Thema "Das Experiment")

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