Schlagwort-Archiv: Wortglauberei

neologisch

Ich sage dir, geliebte Daisy,
Sprache ist heut wirklich crazy.
Drum frag mich nicht, wie soll das geh’n,
denn du wirst zero mich versteh’n.

Zum Beispiel, checkst du?, steht am Ende,
ob du dieses rezipierst?
Und verzweifelt ringen Hände,
hoffend, dass du es kapierst!

Oidi!, löst bei dir ’nen Trigger,
hingegen, Oida steht für Mann.
Woanders sagt man, hallo, Diggah!,
im Norden, dort, beim Alleman.

Halt die Klappe, das ist komisch,
kürzt mit syban mancher ab.
Anglophil, sprachökonomisch.
Ist doch stimmig, kurz und knapp.

Geht einmal etwas daneben,
kann man hören, das ist tot!
Bedeutet langweilig und peinlich,
desolat oder marod.

Das Wort krass, ich sag nur uff!
Dieses Wort ist längst passé!
Heutzutage heißt das tuff,
Schon von gestern. Alter Schnee.

Baust du Mist, zeigst du die Schere,
and that means, ist deine Schuld.
Synonym leistet, das wäre,
so, wie hab mit mir Geduld!

Mit lowkey mahnt man, unauffällig!
Nur ein bisschen, nicht zu viel!
Damit meinen guys einhellig,
brems mal etwas dein Gefühl!

Ach, mit dieser Sonnenbrille
fühl ich mich wie Talahon.
Klingt aufs Erste nicht nur schrille,
und überdies, wer kennt das schon?

Hell no!, widerstrebt dir was,
entsetzt verziehst du dein Gesicht,
Simultan bedeutet das,
Hölle, nein!, das will ich nicht!

Yurr, fragt jemand, schon geseh’n?
Wird als Einleitung benutzt.
Knurr, sag ich, lass mich bloß geh’n.
Is’ kein Wunder, wenn du zuckst.

Das Wort des Jahres, das ist goofy,
albern, deppert oder blöd.
Vierzehn Nothelfer, die ruf i’!
Neologisch, das ist öd!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26190

Gedanken auf Papier

Gedanken auf Papier
sind die Sprache, wenn Reden zu laut ist
und um eine Haltung zu transportieren.

Gedanken auf Papier
sind wie ein Anker
und machen das Unsichtbare im Kopf sichtbar.

Gedanken auf Papier
sind wie ein Echo der Stille
und lassen das Chaos Muster bilden.

Gedanken auf Papier
sind die Gespräche, die wir oft verpassen,
und das Archiv der leisen Stunden.

Gedanken auf Papier
erlauben der Zeit durchzuatmen
und verwandeln Hektik in Rhythmus.

Gedanken auf Papier
sind die Spiegel, die nicht schmeicheln,
und zeigen uns, wer wir im Dunklen sind.

Gedanken auf Papier
schaffen Platz.

Manuela Johanna Holl

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26183

Das Gottesurteil

Gott kennt jede deiner Sünden,
sogar diejenigen, derer du dir gar nicht bewusst bist.
Für die kleinste Verfehlung wird er dich bestrafen,
wenn es so weit ist, nach deinem irdischen Leben.
Deine Wohltaten hingegen übersieht er manchmal.
Er ist ein harter Richter.

Doch Gott ist eine imaginäre Gestalt.
Wenn du nicht an ihn glaubst, bleibt dir all das erspart,
das kleine Paradies oder die weiträumige Hölle.
Bist du also nicht gerade das Gute in Person,
glaubst du besser nicht an ihn.
Bemerkst du ihn denn überhaupt im Wandel deines Lebens?

Der Weg zu Gott

Der Weg zu Gott

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26070

Übers Metrum

Wenn von Poetik wer was weiß,
auf so was bin ich gar nicht heiß,
will sich mit vagem Wissen rüsten
und sich vor andr’en damit brüsten.

Erst in fremde Töpfe gucken,
hernach in deren Suppe spucken,
allen zeigen, was man kann,
das zieht mich echt nicht in den Bann.

Ob nun bei Schiller oder Goethe,
sei’s mit Triller oder Flöte,
der Jambus zeigt schon zu Beginn
als Auftakt klar, da will ich hin.

Es schlug mein Herz geschwind zu Pferde,
verschneit liegt rings die ganze Welt.
Der Mond geht auf über der Erde,
ich glaube nicht, was der erzählt.

Denn eingangs stünde der Trochäus,
meint Uwe, Jens oder Thaddäus,
wenn Freude, schöner Götterfunken,
die Norm sei, das wär glatt erstunken.

Ich find das wirklich unerhört,
doch nicht nur das ist’s, was mich stört,
ich pfeif aufs Heben und das Senken,
man muss doch an den Inhalt denken!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26060

Der Code der Farben

Der Code der Farben.
Rot ist die Liebe, aber auch der Hass, und auch der Fehler ist rot.
Schwarz ist die Trauer.
Weiß ist die Unschuld und der Tod.
Violett ist die Trauer der Kirche.
Rosarot ist der Jungmädchencharme,
gelb ist die Sonne,
und blau ist die Kälte.

Das Wiener Riesenrad in der Nacht in Violett, Weiß und Kupfer

Das Wiener Riesenrad in der Nacht in Violett, Weiß und Kupfer

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25211

Vocal-Bashing

Wir Vokale fragen uns, das A, das E und I , O, U:
Muss das sein, und echt, wozu?
Auch Zwielaute, au, eu, und ei,
fragen sich, was das denn sei?

Was haben wir bloß angestellt,
dass man uns so deformiert?
In Teilen uns’rer kleinen Welt
verbogen, dass man sich geniert!

Ötan hört man, war’n mal Eltern,
und nicht zum Arzt, man geht zum Oatzt.
Sogar das L wird auch schon selten,
dass wir glaub’n, man wird vahoatzt.

Da gibt es etwas, das uns stört,
darauf hab’n wir keinen Bock!
Wenn man plötzlich Wückö hört!
Im schlimmsten Falle, Wückörock!

Und nach einer langen Reise
freut man sich, ist man daheim.
Mit dahoam, auf diese Weise,
schafft man keinen reinen Reim!

Schickst du wen in deinen Garten,
etwas Grünzeug wär das Ziel!
Du musst kochen, kannst nicht warten,
wird’s ja doch bloß Pedasül.

Auch die Umlaute beschwer’n sich,
was vom Ü noch übrig bleibt,
heißen sollt’s, ich grüße dich,
nur noch griaß di!, wie sich zeigt.

Im Bratl ist das L ja wieder
so ganz plötzlich aufgetaucht!
Auch wenn’s so nicht vorgesehen,
immerhin, es wird gebraucht.

Noch einen Kilo Öpfö bitte!
Ach, ich kann Sie nicht versteh’n!
Äpfel, wenn ich richtig tippe?
Verzeih’n Sie, war wohl ein Verseh’n?

Je höher, dort, wo Berge waren,
ist selten jemand raufgeklommen.
Länger braucht’s, drum rumzufahren,
so ist wohl kaum wer hingekommen.

Wo der Schnee lang liegen bleibt,
bleibt auch Sprache lang erhalten.
Drum kommt’s, dass sich niemand dran reibt,
wenn man spricht so wie die Alten.

Copyright: Norbert Johannes Prenner
Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25204

Die Krise

Immer schon bin ich, ohne tierischen Instinkt, mit dieser Welt zurechtgekommen.
Um nicht in der Empfindung Ozean zu ertrinken, an der Sprache emporgeklommen.
Jeder Welle, die heranrollt, hab ich ein Gefühl mit ihr benannt,
und so die Möglichkeit, mich auszudrücken, in ihr erkannt.

Heute denk ich, vielleicht dran zweifeln?
Und Sprache, etwa als Heer von Bildern nur verteufeln?
Sind deren Wahrheiten oft nur noch Illusionen, und die als solche schon vergessen?
Und deren Werte, gibt es welche? Wonach sollte man sie ermessen?

Pass auf! Wo ein Heer, dort findet sich ein Commandante!
Der schickt die Wörter bloß zum Lügen an die Front, ganz infernante.
Dort steh’n sie stramm, um alle zu vergiften,
Und alles steckt im Dreck, hinauf bis zu den Hüften.

Der Wert der Wahrheit wird so lange attackiert,
bis dass Worte schon im Mund zerfall’n und nichts bedeuten.
Und wenn das Grauen vor ihr langsam kulminiert,
dann kommt der Wunderheiler, die tote Sprache aufbereiten.

Er spricht mit Hass vom linken Ungeziefer
und fletscht die Zähne, mit von Zorn erfüllten Kiefern.
Die Krise wird zum Wort der dunklen Stunde,
und niemand wird verschont, geh’n alle vor die Hunde.

Auch wenn’s ganz still ist, ist’s überall zu hören.
Die Existenzkrise, die will uns echt verstören.
Die Wachstumskrise des Kapitalismus.
Die Fieberkrise der Natur. Der Fetischismus.
Das Völkerrecht, Krise der Akzeptanz.
Uns bleibt Verständigung, oder die Ignoranz.

Ein Unbehagen zeigt die Krise, endlos wiederholt.
Fast wie zur Abwehr, und zum Schutz seelischer Not.
Zum Schutz seelischer Immunität.
Was für Gefahrenmanagement gutsteht.

Ich denk, so oft ich sie auch repetiere,
die fünf Buchstaben, die halten mir die Welt vom Leib.
Dieses Gefühl, als ob ich kollabiere,
mir als erdrückend’ Lebensgefühl bleib`.

Wie zur Beschwörung sag ich’s vor mir her,
das Wort Krise sei, so oft es geht, benannt.
Denn was benannt ist, glaubt man leicht, es ist gebannt.
Ich sage es so oft, es wirkt hypnotisch.
Dabei fühl ich mich beinah schon neurotisch.

Es bringt Gemeintes umso leichter zum Verschwinden,
ohne die Ursachen damit noch zu verbinden.
Die Probleme sind’s, die oft an Wörtern kleben.
Es irrt, der glaubt, sie los zu sein, jetzt eben.
Durch Wiederholungen verschleißt ein Wort auf Dauer,
die Wahrheit stirbt, was bleibt, ist oftmals nur noch Trauer.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25181

Und das wäre?

Fällt einem gar nichts and’res ein?
Müd’ vom dauernden Gerede?
Kann das wirklich alles sein?
Ich find’s manchmal arm und blöde.

Jeder sagt, dass er’s drauf ist,
meist von purer Lust getrieben.
Dominant, dass keiner es vergisst.
Ein and’res Wort macht unzufrieden.

Denn schließlich kann es alles sein,
ein Ding, ein Auto, auch ’ne Tussi.
Hinterhältig und gemein,
die Bezeichnung, doch das muss sie.

Wenn was üppig wächst und wuchert,
nicht zuletzt unter der Tuchent,
wie die Triebe einer Pflanze,
gar die Schrittfolge beim Tanze?

Sei’s die Musik oder der Boden,
Typen mit und ohne Hoden.
Alles kann dem Wort entsprechen,
ohne seinen Sinn zu brechen.

Die Fantasie erscheint mir weichlich,
ist das Angebot nicht reichlich?
Da wär’ gierig, lüstern, brünstig.
Sogar faunig scheint mir günstig.

Heftig, lustig, übermütig,
sinnlich, triebhaft, oftmals wütig.
Und das Wörtchen liebestoll
macht das Maß so richtig voll.

Vor langer Zeit hieß es erfreuen,
ob bei Untreu’n, oder Treuen.
Noch eins drauf heut’, als Erreger,
mehr als in gilt jetzt noch mega.

Gut und cool daneb’n verblassen,
darauf kannst du einen lassen.
Wenn ein Motorrad nicht so ist,
landet’s besser auf dem Mist.

Dieses Wort, das adelt richtig,
ohne es ist alles nichtig.
Jeder sagt es einmal, weil
es ist schlicht und einfach geil.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25148

Cool

Was, zum Henker, ist bloß cool?
Verdammt, woll’n alle jetzt so sein?
In Kindergarten oder school?
Ist nicht geil oder gemein.
Locker, souverän und lässig,
ganz leger und übermäßig,
autonom und trotzdem hip.
Weltweit ein Verhaltenstyp.

Gut und nett? Das kommt nicht hin.
Ein Geschmack? Das trifft es nicht.
Nicht genug, so wie ich bin,
Coolness nimmt mich in die Pflicht.

Heißt, hat Lust auf Abenteuer,
zeigt sich offen, ungeheuer!
Was die andern von dir halten,
um dein Image zu verwalten,
ist dir ziemlich einerlei,
und geht dir am Arsch vorbei.

Verpönt ist trotzdem asozial,
bloß nur Kumpel sein, fatal.
Jedoch geg’n den Strom zu schwimmen,
hört sich gut an und könnt’ stimmen.

Ist von globaler Gültigkeit,
und nicht bloß Erscheinung.
Schon gar nicht eine Modetorheit,
lustbetont, frei in der Meinung.

Cool ist, was man hier so nennt,
selbstbewusst und kompetent.
Nach außen äußerst attraktiv,
im Inneren bloß nicht naiv.

Nur so tun als ob, geht gar nicht,
dass das keiner merkt, glaub ja nicht!
Cool sein ist man aus Passion.
Ist einer cool, das merkt man schon.

Wer beim Shooting dämlich lächelt,
hat sein Image längst verspielt.
Noch dazu mit Händchen fächelt,
geg’n die Regel sich verhielt.

Cool sein, zeigt sich vehement,
als beliebtes Kompliment.
Gelassen, lässig, en passant,
Geisteshaltung nonchalant.
Abgeklärt, beherrscht, besonnen,
wer so ist, hat schon gewonnen.

Mit zweiundsiebzig auf der Harley.
His Headphones reproduce Bob Marley.
Mit Fischers Helen geht das nicht,
da verlierst du das Gesicht.

Cool sein ist mitunter stressful,
funktioniert oft nicht successful.
Es streikt der Zygomaticus,
weil er dabei nichts leisten muss.

Es scheint, dass Coolness unerreichbar,
im Modetrend mit nichts vergleichbar.
Ein Trugbild scheint’s, und nicht zu fassen.
Vielleicht wär’s besser, sie zu lassen.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 25135