Schlagwort-Archiv: verliebt verlobt verboten

Und immer ist nie

Immer ist alles hell und immer ist alles Sommer und
Immer ist alles leicht und alles leicht träge und
Immer ist alles und nichts und immer ist da ein Ich und
Nie ist da ein Du und
Nie ist da ein Wir

Immer liege ich und immer liege ich am Strand und
Immer liege ich inmitten der Sachen deines Sommers und
Immer liege ich zwischen deinem Flip und deinem Flop und
Nie liege ich allein und
Nie liege ich mit dir

Immer bist du im Meer und immer bist du bei den Möwen und
Immer bist du auf Booten und barfuß und wahnsinnig schön und
Immer bist du Eis holen und Muscheln und den Sommer und
Nie bist du hier und
Nie bist du bei mir

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26146

Caro Michele

Sowohl der Autor der Aufzeichnungen als auch die Aufzeichnungen selbst sind selbstverständlich erdacht. So stellt er sich vor, er wäre vor genau zwanzig Jahren in einem Italienischkurs gesessen, der ihn zwar nach einiger Zeit gelangweilt hätte, rückblickend aber doch eine der wichtigsten Momente seines Lebens gewesen ist.

Eine kleine Nebensächlichkeit durchbrach diese Langeweile: eine Kursteilnehmerin, die alleine in der letzten Reihe saß, und zu der ich immer wieder hinüberblickte.

So weit die Banalität. Das kann natürlich vielen geschehen, dass du irgendwo hinkommst, nichts Besseres mit dir anzufangen weißt und dann dein Blick schweift und irgendwo hängenbleibt.

Aus irgendeinem Grund saß ich dann einmal in der ersten Reihe. Das war zunächst auch nichts Besonderes. Aber dann geschah das Unerwartete. Die andere Teilnehmerin setzte sich unmittelbar neben mich, bat mich, für sie das nächste Mal mitzuschreiben, und gab mir zum Schluss auch ihre E-Mail-Adresse.

Hier könnte die Erzählung zu Ende sein und eventuell ihr Happy End gefunden haben. Das tat sie aber nicht. Stattdessen versuche ich zu erzählen, wie es weitergegangen ist:

Ich schrieb ihr eine pflichtgemäße E-Mail mit den Hausaufgaben der letzten Stunde. Sie antwortete mir und bedankte sich. Da mir der Kurs nicht sonderlich gefiel und ich Angst vor dem Nichtbestehen der Klausur hatte, meldete ich mich ab.

Und hier beginnt die Spurensuche: Warum fühlte ich mich nun auf einmal so pflichtbewusst, dass ich ihr nichts Privates geschrieben und die Adresse sogar gleich danach in meinem Postfach gelöscht hatte?
Der erste Grund war natürlich, dass ich mich ertappt gefühlt hatte und für den Fall gegenseitigen Interesses nicht vorbereitet gewesen war.

Der zweite Grund war natürlich das Fachliche: Schnell habe ich gemerkt, dass ich am Italienischen keine so große Lust empfand und ich zudem annahm, dass sich die andere Teilnehmerin brennend dafür interessierte. Ihr etwas vorzuspielen, empfand ich als unehrlich.

Der dritte Grund ist gleichzeitig der schwierigste. Beim besten Willen verstand ich nicht, was mich damals blockiert hatte. Nenne man es Schicksal oder Vorsehung oder was-auch-immer.

Nun präsentiert sich der Autor selbst und seine Anschauungsweise und möchte gewissermaßen die Gründe verständlich machen, warum er in unserer Mitte aufgetreten ist und hat auftreten müssen. Er meint, es sei letztendlich Sache der Lesenden, der Geschichte einen Schluss zu verleihen.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26131

So froh!

Ich hab auf dich gewartet,
den Nachmittag und die halbe Nacht.
Als ich mich dann schlafen legte,
dachte ich: Du untreue Seele!

Aber als es später läutete, ich öffnete,
und du vor der Tür standst,
hatte ich all das vergessen.
So froh war ich, dass du endlich bei mir warst!

HIGH By Claire Campbell - Die Frau mit Hut hinter den Türen

HIGH By Claire Campbell – Die Frau mit Hut hinter den Türen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26064

Ilusión realista

Es war am Anfang keine Herzensentscheidung. Als ich im Sommer 2006 den Spanischkurs besuchte, war ich zunächst frustriert. Doch dann fiel mir eine junge Frau auf, die immer rechts von mir in der hintersten Reihe Platz nahm und dort allein saß. Es wurde für mich zu einer geliebten Beschäftigung, mich immer nach ihr umzudrehen und ihr heimlich beim Lernen zuzusehen.

Wochen vergingen und ich fühlte zunehmend Frust wegen des Kurses, der immer sehr früh begann, und wegen der anderen Teilnehmenden, die auf mich unsympathisch wirkten.

Unerfüllt blieb mein Verlangen nach der jungen Frau in der letzten Reihe.

(Eines Tages fasste ich aber den Entschluss, sie anzusprechen und etwas über meine Interessen zu erzählen. So erzählte ich ihr, dass ich anstelle von Spanisch lieber Griechisch gelernt hätte. Etwas, was mich an dieser Sprache immer faszinierte, war ihre Andersartigkeit. So ist das Wort „Wein“ in den meisten Sprachen dasselbe, beispielsweise „wine“ oder „vino“. Auf Griechisch heißt es hingegen „κρασί“ (Krasí).

Daraufhin entgegnete sie, dass es sie sehr neugierig mache und sie sich gerne tiefer darüber austauschen möchte. Ich bot ihr ein  Treffen an. Da ich bereits das Thema „Wein“ angesprochen hatte, schlug ich ihr einen gemeinsamen Spaziergang in den Weinbergen außerhalb der Stadt vor. Ich machte den Vorschlage, dass wir uns am Freitagnachmittag am Bahnhof treffen und dann ein Stück mit dem Zug hinausfahren könnten. Als sie dann am Bahnhofsvorplatz ankam, war ich außer mir vor Freude. Sie strahlte noch denselben Charme aus, mit dem sie mich im Sprachkurs verzaubert hatte.

Unsere Gespräche während der Bahnfahrt gingen von ihrer Erfahrung in ihrem früheren Pädagogikstudium hin zu der fotorealistischen Kunst in den USA am Ende der 1960er-Jahre. Sie fand es interessant, dass mir diese neue Art, realistisch zu malen, gefiel denn sie ziehe gegenständliche und realistische Darstellungen den abstrakten und expressiven vor. Sie begeistere sich – so sagte sie mir – für die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts – allen voran Vermeer van Delft.

Ich unterbrach sie und erzählte die Anekdote, dass ein antiker Autor von einem Maler berichtete, der Trauben so realistisch malen konnte, dass ein Vogel sich auf dem Bild niederließ und versuchte, die gemalten Trauben anzupicken. So wurde es jedenfalls überliefert.

Sie entgegnete mir, dass sie dieses Beispiel interessant fände, aber ein solcher Ansatz für die Malerei ihr noch nicht weit genug gehen würde. In den Werken der alten Meister sehe sie vielmehr eine ‚Aufbruchstimmung der Menschheit‘, wie sie es ausdrückte.

Abrupt war mit dem Halt des Zuges an dem kleinen Bahnhof des Weinbauernortes unser Gespräch zu Ende und es wäre für mich sicher nicht mehr ratsam gewesen, wieder den Faden aufzunehmen.

Wir beide stiegen aus und schauten uns etwas um, dann schlugen wir den Weg zu den Weinbergen ein. Meine Begleiterin merkte an, wie anmutig sie die Landschaft finde und wie sanft sich die Weinberge an den Hügel schmiegten, ähnlich einer Himmelsleiter.

Unser neues Gesprächsthema waren Reisen, was uns die erste Meinungsverschiedenheit bescherte. Meine Meinung war es, dass es sich lohnte, eher ungewöhnliche Reiseziele zu besuchen, und ich untermauerte meine These mit Ländern wie Bosnien-Herzegowina oder Tadschikistan, die nur wenige andere Menschen bereisten. Es sei daher ein großer Vorteil, dort gewesen zu sein.

Sie aber behauptete, dass es wichtiger sei, kulturelle Schätze gesehen zu haben, dies seien bedeutende Bauwerke und Kunstmuseen. Gleichzeitig sagte sie mir, dass es einen großen Unterschied zwischen Weinländern und Bierländern gäbe, wobei sie die Weinländer bevorzuge. Daraufhin wollte ich eine Begründung dafür wissen, sie sagte mir nur, der Unterschied sei die Leichtigkeit, mit der die Dinge des Lebens betrachtet würden.

Wir genossen beide noch die Aussicht und sie gestand mir, dass es das erste Mal überhaupt gewesen sei, dass sie einen Weinberg zu Gesicht bekam. Der Eindruck sei noch erhabener, als sie es sich vorgestellt hatte.

Wir setzen unsere Gespräche noch mit ein paar Belanglosigkeiten fort, die die Lesenden nicht interessieren dürften, danach fuhren wir mit einem alten Regionalzug, der ein paar Minuten Verspätung hatte, in unsere Universitätsstadt zurück.

Als wir uns am späten Nachmittag am Bahnhofsvorplatz verabschiedeten, fragte ich sie, wie es ihr gefallen habe, und sie entgegnete, dass es wie beim Wein sei, den man nur einmal wirklich genießen könne. Dies stimmte mich traurig und ich verlor jede Hoffnung.

Die Spanischstunde fing wieder früh an. Ich schaffte es gerade, mich in den Übungsraum zu schleppen, rechts von mir in der hintersten Reihe saß sie wieder. Auf den Unterrichtsstoff konzentrierte ich mich leidlich und blickte wieder heimlich ein paar Mal zu ihr herüber. Endlich war die Stunde vorbei und die anderen Studierenden verließen den Raum. Nur sie blieb sitzen und ich schaute wie gebannt zu ihr herüber. Sie öffnete ihre Jausenbox, entnahm eine Rispe mit roten Weintrauben und verschlang sie alle auf einmal.

Bei ihrem Anblick hoffte ich auf ein Wiedersehen im Griechischkurs im nächsten Semester.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 26040

Großstadtepisode

Durch die nasse, vom Regen belegte Scheibe erscheint die Außenwelt wie ein verwackeltes Bild, eine verschwommene Fotografie; die Lichter der Stadt sind nur grelle Punkte auf trübem Hintergrund. Der Regen hält schon seit Stunden an, das heftige Gewitter ist nach der drückenden Hitze der vergangenen Tage eine Wohltat; die Natur wird bald wieder in kräftigen Farben erstrahlen. Scheinbar geräuschlos gleitet das Taxi durch die nächtlichen Straßen Wiens, durch das offene Fenster dringt die frische, abgekühlte Luft in das Innere des Wagens. Die berühmten Gebäude der Ringstraße sind, wenn, nur schemenhaft erkennbar. Die Nacht erscheint, trotz des Wetters, friedlich – es ist, als ob der Regen die Atmosphäre reinigt. Man sieht hauptsächlich Straßenbahnen, Busse und Taxis auf den Straßen. Wer kann, vermeidet einen langen Aufenthalt im Freien, denn selbst Schirme und Regenmäntel vermögen die Wassermassen kaum abzuwehren. Und doch wirkt das Unwetter heilsam, befreiend. Mia liebt Sommergewitter, die sie an die Unschuld ihrer Kindheitssommer erinnern, die sie zum Großteil am Land bei ihren Großeltern verbracht hat.

Seine Stimme hat verzweifelt geklungen, als er sie angerufen und gebeten hat, vorbeizukommen.

Es sind einige Monate vergangen, seit sie sich zum letzten Mal gesehen haben:  Ein Mann und eine Frau sind aus entgegengesetzten Richtungen zu einem kleinen Taxistand am Schwedenplatz geeilt, den sie zeitgleich erreicht haben, um sich das einzige Taxi zu sichern. Augen weiteten sich, wussten nicht, wohin sie blicken sollten, als Marco und Mia sich wieder gegenüberstanden. Er hatte in den Wochen zuvor ein paar Mal versucht, sie zu erreichen, vergebens. An jenem Abend überließ Marco Mia das Taxi – sein Blick war bedauernd, als Mia wortlos einstieg, ohne ihm anzubieten, sich das Taxi zu teilen. Doch sie hatte ihm nicht in die Augen schauen können, seine Nähe nicht ertragen. Das war vor drei Wochen, mittlerweile hat der Frühsommer Einzug gehalten. Deshalb ist sie noch immer überrascht, dass sie seinen Anruf angenommen, seiner Bitte nachgekommen ist und jetzt im Taxi zu ihm fährt. Und sie hat schmunzeln müssen, als sie den Taxistand neben der U-Bahn erreicht hat – im einzigen Taxi erblickt sie ein vertrautes Gesicht; sie kann ihre Freude darüber, Ahmed wiederzusehen, nicht verbergen. Auch Ahmed lächelt und steigt aus, um sie herzlich zu begrüßen. „Wohin geht die Fahrt?“, fragt er schließlich, „kenne ich den Weg schon?“ Mia nickt und lächelt – er hält ihr wieder die Türe auf, so wie bei all den Fahrten zuvor. Und Mia erinnerte sich …

Sie hatte Marco über eine Freundin kennengelernt, die gegenseitige Sympathie war vom ersten Augenblick an unbestreitbar. Sie hatten sich über viele Wochen getroffen, waren sich nähergekommen, ohne die Dinge jemals zu definieren – vielleicht war das ihr erster Fehler gewesen. Er hatte sie immer wieder überrascht, mit Dingen, die sie ihm erzählt hatte.

Es war ein ebenso stürmischer Samstagabend gewesen, an dem er sie zum Essen eingeladen hatte; sie hatten viel herumgealbert, es sich gut gehen lassen, bis es beinahe Mitternacht war und sie ein Taxi gerufen hatten. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis das Taxi endlich das altehrwürdige Grand Hotel erreicht hatte, in dessen Sushi-Bar Unkai Marco und Mia zum Abendessen verabredet waren. Die beiden trafen sich seit Monaten regelmäßig, keiner konnte die tiefe Zuneigung dem anderen gegenüber wirklich verbergen, doch standen sie sich noch mit ihren Unsicherheiten, den emotionalen Altlasten im Weg, beide waren Meister im Vermeiden eines ernsten Gespräches. Immer wieder fiel der Blick des Fahrers Ahmed auf das gegensätzliche Paar, welches schon einige Mal mit ihm gefahren war: Die junge Frau trug ihr dichtes, dunkelblondes Haar offen, es reichte bis weit über ihre Schultern. Ihre Gesichtszüge waren weich, passten zu den warmen Rundungen ihres Körpers, ihre vollen Lippen waren zu einem sanften Lächeln geformt, während ihr Kopf vertrauensvoll halb auf der Schulter, halb auf der Brust ihrer Begleitung ruhte. Der junge Mann flößte ihm Respekt ein, obwohl er kaum jemals sprach. Sein Blick ruhte beinahe ununterbrochen auf der jungen Frau neben ihm; gelegentlich schweifte er ab, die Umgebung absuchend, ständig auf der Hut, nach einer potenziellen Gefahr Ausschau haltend. Der dichte, dunkle Bart war gepflegt, verlieh ihm zusätzlich eine respekteinflößende Ausstrahlung, das kantige Gesicht wirkte ungerührt, ließ keine Interpretation zu, die dunklen Augen waren wachsam.

Es herrschte überraschend wenig Verkehr für einen Samstagabend, sie erreichten ihr Ziel, ein mittelgroßes Haus mit Garten in Altmannsdorf, schneller als erwartet. Dieselbe Adresse wie immer, Ahmed erkannte das Gebäude. Das Paar hatte während der Fahrt nicht mit ihm oder miteinander gesprochen, aber Ahmed nahm jede Fahrt, wie sie kam. Er war seit vielen Jahren Taxifahrer, über zwanzig Jahre, also beinahe sein ganzes Berufsleben, und immer in der Nachtschicht. Er hatte unzählige Menschen an ihr nächtliches Ziel gebracht, wenig überraschend waren ihm nur wenige Fahrgäste in Erinnerung geblieben, darunter auch dieses Paar. Die beiden harmonierten, ergänzten sich in ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit perfekt. Er hatte den Mann schon oft gefahren, immer in unterschiedlicher Begleitung – nur die dunkelblonde, mollige junge Frau war wiederholt an seiner Seite. Und nur bei ihr, das hatte Ahmed im Laufe der Zeit festgestellt, wirkte der junge Mann wie ein Soldat, der ein kostbares Gut zu schützen hat. Keine der anderen Frauen hatte er je so vertraulich an sich lehnen lassen, oder war in deren Gegenwart so reserviert, im Beobachtungsmodus. Sie waren wie Puppen, mit denen man nicht lange spielt. Ob sie von den anderen Frauen wusste? Und ob der Mann sich an ihn erinnerte? Nichts in beider Auftreten deutete darauf hin.

Marco schreckte kurz auf, als das Fahrzeug zum Stillstand kam, so sehr war er in Gedanken versunken gewesen, während das sanfte, rhythmische Trommeln der Regentropfen auf dem Autodach Mia eingelullt hatte – sie war an seiner Schulter eingedöst. Der Taxifahrer kam Marco bekannt vor, ihm schien, als hätte ihn dieser oft gefahren, wenn er mit diversen Liebschaften den Heimweg angetreten hatte. Er beschloss, den Taxifahrer nach seiner Nummer zu fragen, es konnte nicht schaden, einen direkten Draht zu haben, der Mann erschien diskret, unaufgeregt. Mia, die durch seine hastige Bewegung aus dem Halbschlaf aufgewacht war, blickte sich verschlafen um, nur langsam, müde realisierte sie, dass sie schon bei Marcos Haus angekommen waren, und stieg aus. Während sie schon zum Haus ging, sprach Marco noch kurz mit Ahmed, ehe er ihr folgte.

Marco liebte Mias mollige Figur, ihr dichtes, dunkelblondes Haar, ihre großen Brüste, die sich während des Aktes immer wild bewegten. Er konnte seinen Kopf stundenlang zwischen ihnen vergraben, ihre sinnliche Weiblichkeit einatmen. Sie war alles, was er so bisher nicht kannte: auf reizende Weise in manchen Belangen unerfahren, warmherzig, uneigennützig, freigiebig, präsenter und aufmerksamer als jede andere Frau, die er bis jetzt kennengelernt hatte. Er fühlte sich ruhig, angenommen in ihrer Gegenwart. Doch was, wenn es ein Trugschluss war? Sie war leise, klar, bestimmt – doch was, wenn wieder alles schiefging? Die lauten, überbrodelnden, besitzergreifenden, manchmal vulgären Frauen waren ihm immer schon vertraut, ein Muster, das er kannte. Das Sanfte, Bedachte, Aufmerksame verwirrte, ängstigte ihn. Noch konnte sein rastloses Herz keine Ruhe finden, keine Entscheidung treffen.

Als sie bei der Haustüre ankamen, waren beide durchnässt – noch immer regnete es in Strömen. Marco war froh über die kurze Unterredung mit Ahmed, sie würde seine amourösen Aktivitäten sehr vereinfachen. Sobald sich die Türe hinter ihnen schloss, umarmte Marco Mia von hinten, küsste ihren Hals zärtlich, fuhr mit seiner Zunge daran entlang. Sie erschauderte – selbst überrascht von der zwischen ihnen bestehenden Anziehung. „Ich will mit dir duschen“, flüsterte Marco und drehte Mia mit einer sanften, aber bestimmten Bewegung um, um sie zu küssen. Ihre Lippen schmeckten nach Gin Tonic, sie war  die einzige Frau in seinem Umfeld, die nicht rauchte. Unter dem warmen Wasser kamen sich die beiden wieder näher: Marcos erfahrene Hände wanderten über Mias sanfte Rundungen, seiften sie ein – sie lehnte sich mit geschlossenen Augen an ihn, genoss die sanfte Massage ihrer großen Brüste, war erfreut über seine deutlich wachsende Erregung, die sie zwischen ihren Schenkeln spürte. Sie liebte es, sich ihm hinzugeben, sich seiner Führung zu überlassen.

Es regnete noch, als die beiden aus der Dusche kamen, die Regentropfen trommelten rhythmisch gegen die Fensterscheiben. Marco lenkte Mias Schritte ins Schlafzimmer; er liebte es, Mia zu verwöhnen, ihre Lust mehrfach zu entfachen und sie danach verschwitzt, aber glücklich im Arm zu halten. Ob sie etwas von den anderen Frauen ahnte, vielleicht dachte, dass sie exklusiv zusammen seien? Marco konnte sie sich nicht mit einem anderen Mann vorstellen, aber sich auch nicht dazu entschließen, nur mit ihr zusammen zu sein. Ein Teufelskreis.

Die Wochen vergingen, immer öfter brachte Ahmed die, wie er fand, wunderschöne mollige Frau nach Altmannsdorf; ein privater Deal mit Marco; der Zuverdienst kam bei drei Kindern gelegen. Manchmal unterhielten sie sich, über das Wetter, Urlaubspläne, Alltägliches … Doch ihr von den anderen Frauen zu erzählen, das brachte Ahmed nicht über sich. Mia war gespalten, Ahmed bemerkte während den Fahrten häufig ihren nachdenklichen Blick aus dem Fenster, sie vermutete nur, dass sie nicht die Einzige war, dass es vielleicht nicht reichte für einen gemeinsamen Alltag. Manchmal überlegte sie, ob sie den Fahrer nach anderen Frauen fragen sollte, vielleicht hatte er etwas mitbekommen, doch immer wenn sie kurz davor war, verließ sie der Mut.

Manchmal bemerkte sie Marcos sehnsuchtsvollen, suchenden Blick, der auf ihr ruhte, doch ohne ein eindeutiges Bekenntnis wollte sie ihm keine tiefere Bedeutung beimessen. Er schickte ihr seit geraumer Zeit ein Taxi, wenn sie verabredet waren, immer den ruhigen, bedachten Fahrer aus jener stürmischen Nacht. Das Taxi war immer schon vorausbezahlt, es behagte ihm nicht, wenn sie, vor allem in den Abendstunden, alleine unterwegs war, sie sollte sicher sein.

Es war ein stürmischer Augustnachmittag, ein verregneter Samstag, als Mia erstmals eine andere Frau sah, eine Bestätigung für ihre Vermutung erhielt. Die Ferien machten sich bemerkbar, es herrschte kaum Verkehr auf den Straßen, das Taxi erreichte sein Ziel früher als geplant. Als das Taxi zum Stehen kam, lachte Mia noch über einen Witz, den Ahmed gemacht hatte, als ihr Blick auf die Frau fiel, die gerade Marcos Grundstück verließ. Ihr Herz verkrampfte sich für einige Sekunden, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Ahmed wusste nicht, was er sagen sollte, als er die Situation erkannte – hätte er doch früher etwas sagen sollen?

„Willst du zurückfahren?“, fragte er leise, um irgendetwas zu sagen, „die Fahrt geht auf mich!“ „Nein“, antwortete Mia kopfschüttelnd, „da muss ich durch!“ Mit diesen Worten stieg sie aus, nicht ohne noch einmal dankbar lächelnd zurückzublicken.  Das Schweigen zwischen Marco und Mia war an diesem Abend laut, bis Mia schließlich die eine Frage stellte, die ihr am meisten in der Seele brennt: Gab es die anderen Frauen von Anfang an? Marco schwieg, bis er schließlich ehrlich gestand: Ja, aber du warst aber die Einzige, die regelmäßig gekommen ist, weil du mir etwas bedeutest, alle anderen waren immer nur für eine Nacht, wenn überhaupt. 

Mia verließ das Haus wortlos, ohne auf Marcos Angebot einzugehen, ihr ein Taxi zu rufen, damit sie nicht öffentlich fahren musste; der Weg zur nächsten Nachtbus-Station war weit. Sie war überrascht – Ahmed hatte gewartet, wenige hundert Meter von Marcos Haus entfernt, für den Fall der Fälle hatte er seine Pause genommen. Mia weinte lautlos, während das Taxi durch den Regen fuhr – wieder einmal.

Erneut fährt das Taxi lautlos durch die stürmische Nacht, Mia hat keine Ahnung, was sie erwartet, sie kann sich nicht vorstellen, was Marco von ihr möchte. „Ahmed, hast du in der letzten Zeit viele Frauen zu ihm gefahren?“, fragt sie schließlich. Ahmed antwortet nicht, aber ihre Blicke treffen sich im Rückspiegel. Mia hat es geahnt, fragt nicht weiter nach. Als sie vor Marcos Haus ankommen, gibt Ahmed Mia eine Karte – er hat ihr seine Nummer aufgeschrieben. „Melde dich, wenn du etwas brauchst“, sagt er, sein Ton klingt väterlich. Er parkt einige Meter weiter, nachdem Mia ausgestiegen ist. Für den Fall der Fälle.

Mia steht eine Weile vor dem Haus, im Wohnzimmer brennt Licht, hinter der Terrassentür aus Glas ist eine Silhouette wahrnehmbar. Doch sie bringt es nicht über sich, zur Haustüre zu gehen und zu läuten. Schließlich dreht sie sich um, sieht das Taxischild in der Dunkelheit der Nacht und geht auf das geparkte Auto zu. Ihr Handy läutet mehrfach, bis sie es schließlich abstellt. Noch ist die Zeit zu reden nicht gekommen.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 25214

Atempause

Behutsam, leicht und leise
fall ich in deine Atempause.
Fühl mich auf ganz besond‘re Weise
von ihr beschützt, bin hier zuhause.
Schließ meine Poren,
werd ganz still, weil ich,
so inniglich an dich geschmiegt
die Hast besiegt, wie neugeboren
ganz in Ruh mit dir zusamm‘
die Zeit schaun will.
In liebender Nachinnensicht
besinnend auf der Herzen Schlag,
fühl ich auf ganz besond‘re Weise
wie schon im nächsten Atemlicht
ein neues Wunder blühen mag.

Claudia Lüer
Informationen zu Veröffentlichungen und Buchbestellungen

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25207

Denkt die Frau

Wo bist du, wenn du nicht bei mir bist?
Machst du Überstunden?
Viel Arbeit mit deiner Sekretärin, ja?
Aber ich kenne das: Würde ich mich vor das Bürogebäude stellen,
wären alle Fenster schwarz.
Erzähl mir nichts, erzähl mir nichts,
aber frag ich dich?, nein ich frag dich nicht.
Wer bin ich denn, dass ich dir nachspioniere?
Nein, so weit bin ich nicht, lang noch nicht.
Doch warum denk ich an dich?
Es tut mir doch nicht gut, überhaupt nicht gut.
Ich werd Folgendes tun: Ich zeichne dich auf ein Blatt Papier
und radiere dich dann aus.
Von dir wird nichts bleiben,
und ich werde aufgehört haben, an dich zu denken.

Der Krokodilradiergummi

Der Krokodilradiergummi

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25107

Freundschaft Plus

Claras Kopf ruht auf Sandros dicht behaarter Brust; sie hat ihre Augen geschlossen und genießt seine zärtlichen Streicheleinheiten auf ihrem Rücken. Sie fühlt sich in seinen Armen so sicher, geborgen, wie noch nie bei einem Mann. Ihre rechte Hand ruht neben ihrem Kopf auf seiner Brust, ihre linke unter seinem Rücken. Sie fühlt sich ruhig, versucht, den Moment nicht zu zerdenken. Er riecht nach Sandelholz und Schweiß – beruhigend, wie sie findet. Als sie für einen Moment die Augen öffnet, stellt sie fest, dass seine geschlossen sind, auch seine kreisenden Handbewegungen auf ihrem Rücken werden immer langsamer. Er scheint bald einzuschlafen.

Keiner der beiden hat es so weit kommen lassen wollen, vor allem, weil beide genug Gründe finden, warum nicht mehr als Freundschaft zwischen ihnen sein soll, wenn überhaupt.

Clara betrachtet ihn im dämmrigen Abendlicht, das durch das große Fenster ins Wohnzimmer fällt: Er wirkt verletzlich, selbst im Halbschlaf scheint er auf der Hut zu sein, den Schutzschild hochgezogen, obwohl er ihr schon überraschend viel gezeigt, erzählt hat. Er hat sie in den letzten Monaten immer wieder weggestoßen, manchmal so hart, dass sie sich gefragt hat, warum sie noch hier ist. Und dann hat sie sich daran erinnert, dass auch sie ihm diesbezüglich nichts schuldig geblieben ist. Sie streichelt sanft seinen Oberkörper, ehe sie vorsichtig aufsteht, um auf den Balkon hinauszugehen. Vom fünften Stock sieht man einige der Stadtberge, deren Gipfel mit dem Horizont in einer zärtlichen Umarmung zu verschmelzen scheinen. Die frische Luft des winterlichen Abends riecht nach Regen – für die Nacht war ein Unwetter angesagt. Clara liebt stürmische Nächte, seit sie denken kann, hilft ihr das Geräusch gegen Fenster prasselnder Regentropfen beim Einschlafen.

Clara schließt die Augen, atmet tief durch, als sie spürt, wie sich Sandros Arme sanft, vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, von hinten um ihre Hüfte legen. Entspannt lehnt sie sich zurück, die Augen noch immer geschlossen. Wie beruhigend seine Präsenz ist; sie zwingt sich, nicht daran zu denken, dass er vielleicht auch mit anderen Frauen solche Momente teilt. Doch wenn dem so ist – sehen auch sie den verletzten Jungen, der noch in dem starken Mann vorhanden ist? „Komm rein, Süße“, flüstert er, „es ist kalt. Ich mache uns eine Suppe warm.“ Süße. Unverbindlich, scheinbar nah, doch nie zu nah, selbst in den intimen Momenten nicht. Doch seine Augen verraten ihn immer – die Sehnsucht danach, jemandem wieder wirklich nahe zu sein. Ob es nun sie oder eine andere Frau ist – der Wunsch, Liebe, Zuneigung, eine Beziehung zuzulassen, anzukommen.

Als Sandro den Topf mit der Suppe auf den Herd stellt, beginnt es zu stürmen – Clara geht zur offenen Balkontüre, um die regenschwangere, feuchte Luft einzuatmen. Es riecht nach frischem Toast, sie liebt den Duft der erfrischten, gereinigten Luft. Sie muss unwillkürlich an ihre auf dem Land, bei den Großeltern verbrachten Kindheitstage denken; die Gewitter sind, besonders im Sommer, so viel anders als in der Großstadt. Sie wendet sich wieder Sandro zu, der gerade Suppe in zwei Teller schöpft. Clara lächelt, sie genießt seine Fürsorge, die Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass er sie immer zudeckt, wenn sie sich einen Film ansehen, er sie zur U-Bahn bringt, wenn sie abends in ihre Wohnung fährt, und immer nachfragt, ob sie gut heimgekommen ist. Sie fühlt sich gut aufgehoben, vermisst ihn, wenn sie sich länger nicht sehen – auch wenn sie sich das nicht eingestehen möchte.

Als er ihr einen Teller reicht, erschrickt sie ob der Hitze des Porzellans und manövriert sich vorsichtig zur Couch. Kurz muss sie daran denken, wie sie sich vor wenigen Monaten per Mausklick über eine Dating-App, zu der eine Freundin sie überredet hatte, kennengelernt haben. Gerade als sie ihr Profil hatte löschen wollen, hatte ihr Telefon sie über eine neue Gefällt-mir-Angabe benachrichtigt, die sie nach kurzem Zögern erwidert hatte. Denn eigentlich fand sie ihn schon beinahe zu attraktiv, ausschlaggebend war sein Hund gewesen. Schon nach einer kurzen Unterhaltung hatten sie Nummern ausgetauscht, und sich verabredet – um Mitternacht vor dem Dom in der Innenstadt. Sie hatten bis in die Morgenstunden gesprochen, sich dem anderen völlig offenbart.

„Ich bin gespannt, ob du deine Meinung ändern wirst“, sagt Sandro schmunzelnd, als er den Film in den DVD-Player einlegt, „Herr der Ringe ist der beste Film überhaupt!“ „Das werden wir sehen“, antwortet Clara schmunzelnd, als sie seine Freude darüber, dass sie sich seinen Lieblingsfilm ansehen werden, bemerkt. Sie ist selbst gespannt, denn eigentlich ist sie kein Fan des Fantasy-Genres, will der Verfilmung aber dennoch eine Chance geben – zumindest dem ersten Teil. Ohne dass die beiden es bemerken, verrinnen die Stunden, als sie auf die Uhr sehen, ist es vier Uhr in der Früh und sie haben sich die ganze Trilogie angesehen. Zu ihrer eigenen Überraschung stellt Clara fest, dass sie am Ende sogar Tränen in den Augen hat. Sandro ist gerührt, als er im fahlen Licht der alten Stehlampe einen Blick auf sie wirft. Besonders das Ende hat sie mehr als erwartet berührt. Sanft streichelt er ihren Unterarm, drückt sie an sich und küsst ihren Scheitel. „Du Liebe“, flüstert er, „komm, lass uns schlafen gehen.“ Clara nickt und folgt ihm ins Schlafzimmer. Sie schläft gerne in seinen Armen ein.

Es vergehen einige Wochen, Sandro und Clara treffen sich mit ansteigender Häufigkeit, schreiben beinahe jeden Tag. Clara versucht, nicht zwischen den Zeilen zu lesen, dennoch erwischt sie sich selbst manchmal in Tagträumen. Der Winter hat die Großstadt dunkel werden, aber nicht zur Ruhe kommen lassen. Nur der Alltag ist von Zeit zu Zeit entschleunigt, die freien Tage ruhiger, in der Stille der eigenen vier Wände, weil das kalte Wetter nicht dazu einlädt, sich lange im Freien aufzuhalten, wenn man nicht gerade Glühwein und Punsch trinkt oder Wintersport betreibt. Clara kommt endlich dazu, auszumisten, Bücher zu lesen, die schon viel zu lange unbeachtet auf ihrem Nachttisch neben dem Bett liegen.

Es ist ein kalter, dunkler Abend, Clara hastet müde von der Arbeit nach Hause, wieder ist sie länger als geplant geblieben, ihre Überstunden häufen sich. Sie ist froh, dass sie – im Gegensatz zu Sandro – weder einen Hund noch ein anderes Haustier hat, obwohl sie gerne wieder einen Hund hätte, so wie früher, in ihrer Jugend, bevor sie nach Wien gezogen ist. Es ist schon dunkel, sie mag es nicht, alleine in dieser abgelegenen Gegend unterwegs zu sein. Um diese Jahreszeit behagen ihr die Manager-on-Duty-Dienste nicht, die sich beinahe immer länger als geplant ziehen. Was macht diese Zeit mit den Menschen, dass die meisten von ihnen zu degenerieren und Hausverstand und Eigenverantwortung abzugeben scheinen, sobald sie ihre eigenen vier Wände verlassen?

Sandro wirkt ihr gegenüber unentschlossen zugetan, als er ihr an diesem Abend die Wohnungstüre öffnet. Ihr Gefühl hat sie noch nie getäuscht. Eine seltsame Unruhe überkommt sie, als sie nach dem Duschen wieder in seine kleine Wohnküche kommt. Er wirkt seltsam in sich gekehrt, abwesend. Hat sie etwas falsch gemacht, ihn verärgert? Oder verschweigt er ihr etwas?

Doch sie will nicht fragen, ihre Intuition rät ihr, abzuwarten – noch ist es nicht so weit, dass die Dinge sich ändern, ihre Geschichte enden soll. Sie sprechen noch über ihren anstehenden Geburtstag Mitte Jänner, er möchte unbedingt dabei sein, ihr Umfeld endlich kennenlernen. Beide haben an den Weihnachtsfeiertagen und über den Jahreswechsel Dienst. Clara stört sich nicht daran, sie hat keine eigene Familie und zu ihren Eltern fahren möchte sie nicht. Doch zum ersten Mal seit vielen Jahren empfindet sie Ruhe, das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Sie ist in ihrem Job angekommen, hat sich zu einer exzellenten Führungskraft entwickelt. Mit verblüfftem Stolz registriert sie die immer häufiger werdenden Abwerbe-Angebote auf LinkedIn – manche Headhunter sind schon beinahe aufdringlich.

Es sind nur noch wenige Tage bis zu ihrem Geburtstag, als Clara mit ihrer liebsten Kollegin und Freundin Mara auf dem Heimweg von einem Tanzkurs ist und sie spontan beschließen, noch etwas trinken zu gehen. Die beiden Frauen arbeiten seit drei Jahren zusammen, haben das Hotel, in dem sie arbeiten, mit eröffnet: Mara als Restaurantleiterin, Clara als Rezeptionsleiterin und Direktionsassistentin. Die ähnlich klingenden Namen haben sie von Anfang an amüsiert, mittlerweile sind sie unter den Kollegen nur noch als dynamisches Duo bekannt und arbeiten reibungslos zusammen. Doch Claras Herz wird schwer, als sie am nahe an der U-Bahn gelegenen Einkaufszentrum vorbeikommen, in dem Sandro als leitender Sicherheitsmitarbeiter arbeitet – sie hat ausgeblendet, dass er an diesem Abend Dienst haben könnte. Denn dieser Moment offenbart, was sie schon länger befürchtet hat: Sandro hat gerade Pause – die er in der Umarmung einer Kollegin genießt.
Ihre Blicke kreuzen sich kurz – und Clara drängt ihre Kollegin zum raschen Weitergehen, in der Hoffnung, dass er, wenn sie später zur U-Bahn muss, nicht gerade wieder Pause hat.

„Können wir reden?“ Sandros Whatsapp-Nachricht erreicht sie, als sie sich gerade setzen. Ihr Magen verkrampft sich, die junge Frau glaubt für einen kurzen Moment, sich übergeben zu müssen. Die Nachricht lässt sie unbeantwortet – ebenso wie die folgenden beiden. Clara ist froh um Maras Anwesenheit, die ihre Geschichte kennt – und ist dankbar für ihre Ablenkungsversuche. Die beiden lachen, für eine Weile vergisst sie das Gesehene. Es ist beinahe Mitternacht, als sie aufbrechen – Sandro ist nicht zu sehen, als sie zur U-Bahn-Station gehen.

Clara weint sich in den Schlaf, als sie endlich in ihrem Bett liegt, erleichtert, dass sie am nächsten Tag frei hat. Sie hat nur wenige Stunden geschlafen, als ein Läuten an der Türe sie weckt; es ist gerade fünf in der Früh. Der Blick durch den Spion verrät ihr, dass Sandro vor der Türe steht – zögerlich öffnet sie. Er sieht erschöpft aus, müde.

„Clara“, flüstert er, „es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du es so erfährst, ich wollte es dir an deinem Geburtstag sagen, beim Verabschieden!“ „An meinem Geburtstag?“, fragt Clara kalt, „um den Abend zu ruinieren?“ „Warum bist du böse? Es ist ein Tag wie jeder andere!“ „Für dich vielleicht, ich mag meinen Geburtstag, und das möchte ich auch weiter tun. Es ist besser, wenn du gehst!“ Sandro ist überrascht von ihrer tränenlosen Kälte, sieht sie einen Moment lang schweigend an. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du dich in mich verliebt hast?“, will er schließlich noch wissen. „Weil ich es mir selbst nicht eingestehen wollte – nicht konnte!“, mit diesen Worten schließt sie die Türe und sinkt leise weinend zu Boden. Doch während die Tränen fließen, spürt sie, dass auch Erleichterung langsam einsetzt, ein kleines bisschen.

Clara schläft den Großteil des Tages, lässt ihr Handy auf lautlos. Erst spät liest die junge Frau Sandros Nachricht, ob er dennoch zu ihrer Geburtstagsfeier kommen kann, zumindest kurz, um ihr sein Geburtstagsgeschenk zu überreichen. Doch sie will ihn nicht sehen – sich nicht mit ihm auseinandersetzen, antwortet nur kurz  und schaltet ihr Handy aus.

In den nächsten Wochen zieht sie sich merklich zurück, lässt die Tränen zu – Tränen, die dafür stehen, dass sie nicht zulassen konnte, nicht mutig genug war, zu sich zu stehen. Löscht ihn auf Facebook, als sich sein Beziehungsstatus ändert, räumt die ganze Freundesliste auf – was sie schon lange tun wollte. Doch langsam lässt der Schmerz nach, manchmal in großen Schritten, manchmal kaum merklich. Clara beginnt langsam, sich wieder frei zu fühlen, eine lange verloren geglaubte Motivation findet sie wieder. Mara sieht ihre Freundin wieder lachen, spürt ihre Leichtigkeit zurückkehren.

Nur wenige Monate später sieht sie ihn zufällig, ohne dass ihr Herz in Aufruhr gerät, als er vor einer Bäckerei steht, auf jemanden zu warten scheint. Er bemerkt sie ebenfalls, selbst aus der Distanz erkennt er die Veränderung in ihrer Haltung, es scheint, als wolle er auf sie zugehen, als eine Frau mit zwei Kaffeebechern zu ihm kommt. Ihr Blick verfinstert sich, als sie erkennt, wem sein Blick in diesem Moment gilt. Energisch zieht sie an seinem Arm, doch Sandro zögert, ehe er seinen Blick von Clara abwendet.

Clara fragt sich für einen Moment, ob sie wirklich ein Fehler waren, oder ob sie nur vorläufig in unterschiedliche Richtungen gehen.

Cornelia Hell

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