Schlagwort-Archiv: hin & weg

Eine Erinnerung an Saint Andrews, Herbst

Wir fanden eine verfallene Burg
an der Ostküste Schottlands bei Saint Andrews.
Die einzigen intakten Teile
waren Stacheldraht auf einer Mauer
und ein eisernes Tor Richtung Meer.

Du wartetest am Brunnen.
Was hast du dir gewünscht?
Dass er nicht ausgetrocknet wäre?
Unsere Freunde waren durch einen
angeblich geheimen Tunnel verschwunden.
Ich kann immer noch
den blau-violetten Himmel sehen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  26241

Eine Kostprobe von Schottland

Schottland ist
wie sein Whisky.
Wenn du die erste Kostprobe nimmst,
denkst du dir:
Werde ich das wirklich mögen?
Das muss ich erst mal sacken lassen!

Schottland ist ein harter Windstoß,
der dir die Tränen in die Augen treibt,
deine Wangen rötet;
oder wie ein Jig,
den du mittanzt,
ohne ihn zu beherrschen.

Schottland wärmt nur ein wenig
wie die launige Sonne,
deren hexenartige Schwestern
eisige Regenschauer
früh am nächsten Morgen sind.

Aber du fällst nicht nur jetzt,
sondern nur zu gerne auf kommenden
Reisen darauf rein:
Wenn du Schottland einmal im Blut hast,
geht’s dir direkt ins Herz
und du kehrst
immer wieder zurück.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  26240

Reisenotizen Frankreich

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Mich erfüllt stets freudige Erwartung, dieses Land zu besuchen, dessen Sprache man am besten mit entspannten Gesichtsmuskeln, dafür jedoch mit straffer Grammatik artikuliert, während das Wasser im Munde zusammenrinnt. Stil darf von der Kochlöffelspitze bis zum Savoir-vivre lässig bis kokett gepflegt werden, niemals aber puritanisch, mit Ausnahme von … siehe Sprache.

Kaum zu glauben, wie sich ein germanischer Stamm (die Franken) dank römischem Einfluss, Absolutismus, ein paar Revolutionen und sonstigen historischen Faktoren (etwa einem Korsen, der sein Sodbrennen zwischen zweitem und dritten Uniformknopf mit einer geradezu ikonischen Geste zu besänftigen pflegte) zur Grande Nation gemausert hat. Dabei sind ihre Regionen und Landschaften äußerst vielfältig. Überall jedoch lässt es sich vortrefflich bei anregenden Gesprächen stundenlang schnabulieren.

Besonders inspirierend empfinde ich, dass hier Frauen wie Mme de Pompadour, Émilie du Châtelet, Olympe de Gouges ebenso gewirkt haben wie Simone de Beauvoir, Marie Curie, Coco Chanel und Edith Piaf. In dieser unvollständigen Aufzählung hat nur eine ihren Kopf verloren, traurigerweise aber diejenige, die die wesentlichsten Beiträge zu den Menschenrechten geleistet hat und die nicht einmal in einer Fußnote bei deren offizieller Deklaration Platz fand.

Die Hauptstadt absolviert man am besten nonchalant mit einem Chanson in den Ohren und pfeift auf Postkartendestinationen. Überhaupt mundet hier Kulturgenuss dann am meisten, wenn man mit dem Geschmack einer flaumigen Crêpe auf der Zunge in die Geschichte des ehemaligen Lutetia eintaucht und immer wieder sich gerne vom Überflüssigen wie Confiserien, Parfumerien, Patisserien, Boutiquen und Straßenkünstlern ablenken lässt.

Paris ist nämlich eine einzige große Ablenkung, wodurch Dramatik und Bedeutungsschwere der französischen Geschichte erträglich werden. Nur hier hatte ich das Gefühl, durch die Vergangenheit flanieren zu dürfen. Hier aber ging mir aber auch der Luxus am Cul vorbei. Die Freiheit ist auf den Barrikaden langfristig ebenso fehl am Platz wie in den Konsumtempeln; sie kann nämlich dann ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen, die Herzen leicht zu machen.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Parisblick von der Seine aus

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26232

 

Reisenotizen Südwestengland

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Saftig-urwüchsig und lieblich-schroff tauchen als Eindrücke aus den Untiefen meiner Erinnerung auf, wenn ich der nebeneinander liegenden Landschaften von Wales und Cornwall gedenke. Wales bietet zudem einen ziemlichen Kontrast zu „very british“: quasi Löwenzahn versus Zuchtrose. Im äußersten Westen, wo sich einst Kelten mit Wikingern herumschlugen, sind Zufallsbegegnungen kommunikativ, unverblümt und geradeheraus.

Cornwall hingegen kann scheinbar nicht ganz auf spitze Fingerchen verzichten, wenn hier Pflanzen- und Seelengärtnerei betrieben werden.

Wie praktisch auch, dass Mondänes und Archaisches hier nicht weit auseinanderliegen: Bath (wo Beau Brummel im von den alten Römern geschaffenen Wellnesszentrum französische Galanterie mit britischem Understatement vereinte) und Stonehenge, wo es den bedeutungsgeschwängerten neolithischen Steinsetzungen für immer versagt bleibt, einfach unter die Erde zu versinken, was ich ihnen manchmal als Auszeit gönnen würde.

Fazit: Es erleichtert mich ungemein, niemals als historischer Gegenstand zur Markierung von Zeitenwenden herhalten zu müssen.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Ein ziemlich anthropomorpher „Sarsen Stone“ aus Stonehenge …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26231

Reisenotizen London

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London fängt für die meisten damit an, von rechts auf links umdenken zu müssen, was für jene nicht leicht ist, die sich nicht im Klaren sind, ob sie rechts- oder linkslateral angelegt wurden, was übrigens nach neuesten Forschungsergebnissen im Embryonalstadium vom eigenen Rückgrat entschieden wird.

Der Verleihung der Bürgerrechte der „Inner City of London“ beigewohnt sowie ein altehrwürdiges Theatergespenst erspäht zu haben, bei dem ich bis heute nicht sicher bin, ob das denn nicht ein gebuchter, dem Hungertuch entkommener, in grauen Samt gehüllter Schauspieler war, und, von der Pracht der Hutkreationen im Harrods gerührt, den Fünfuhrtee zu schlürfen: Qualifiziert mich das schon zur Insiderin?

Immerhin geben die hier gewonnenen Eindrücke mir die Gewissheit, es sei möglich, lebenstechnisch äußerlich formvollendet, innerlich aber stets ein wenig messy (also schlampig) scheitern als auch reüssieren zu dürfen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26230

Zu Bett

Ich gehe zu Bett,
lege mich auf die Seite,
decke mich zu
und bette meinen Kopf auf den Polster.
Wenn ich eingeschlafen sein werde,
reise ich los,
nur mein Körper ist dann noch hier.
Irgendwann kehre ich zurück,
spätestens beim Aufwachen.

Blick vom Bett aus im Winter

Blick vom Bett aus im Winter

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26212

Reisenotizen England

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Es sollte von den schulischen Gehversuchen im Englischen fast bis zum Abgang Margaret Thatchers dauern, bis ich die Hauptstadt betrat, die dank Flugverspätung nach Mitternacht mir jeglichen öffentlichen Weitertransport verweigerte. Die letzten IRA-Terroristen hielten sich damals noch die Option offen, ihre Bomben in den dortigen städtischen Mistkübeln zu entsorgen: bei der allerersten Reise im Alleingang kein besonders anheimelndes Gefühl.

Kulinarisch machte ich die Erfahrung, dass man praktisch alle Geschmacksrichtungen miteinander kombinieren kann, man muss sich nur daran gewöhnen, wenn man denn will.

Es hat hier was für sich, positive wie weniger positive Interaktionen (etwa Ablehnung) höflich abgewickelt zu wissen. Auch empfand ich es als angenehm, dass schräge Bekleidung als Stil akzeptiert wird. Wenn man sich schon laut Verhaltensempfehlung auf unverfänglichen Smalltalk beschränken sollte, kann man ja immer noch die Garderobenwahl für sich sprechen lassen.

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Dirndl von Vivienne Westwood

Antonia H.
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26195

Reisenotizen Nürnberg

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Kaiserlicher geht es nicht mehr. Alleine für ihren Anblick sei der Stadt der erste Preis für altehrwürdige Schönheit zuerkannt.

Wer sich wie ich in einem einstündigen Referat über die staufische Doppelkapelle eine der ersten Meriten der Kunstgeschichte erworben hat, darf das.

Allerdings ist mir seither klar, dass ich Mittelalter- und Ritternostalgie gegenüber stets skeptisch bleiben würde. Ich ziehe Gemütlichkeit schlechten hygienischen Verhältnissen wie kalten Burgmauern, Obst und Gemüse den Schlachtplatten und Gleichberechtigung der Frauen dem Minnefirlefanz vor. Man könnte mich allerdings mit den hiesigen Lebkuchen bestechen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26194

Reisenotizen Heidelberg

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Heidelberg hätte ich gerne unbefangen kennengelernt, doch das war mir verwehrt, weil ich meinen krebskranken Partner zu einer der weltweit besten Spezialkliniken für Pankreaskarzinome begleitete. Vielleicht schützte mich das vor den üblichen Heidelberg-Sentimentalitäten.

Was sich im Neckar spiegelte, wirkte auf mich wohltuend, und dass in dieser altehrwürdigen Universitätsstadt eine eigene literarische romantische Richtung erschaffen wurde, spricht für sich.

Königin Silvia von Schweden, eine gebürtige Heidelbergerin, scheint in ihrer Rolle wohl die besten hiesigen Eigenschaften zu verkörpern, die ich auch in der Klinik erfuhr:  Ordentlichkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit.

Ich fand sogar, dass die dortigen Radwege ähnliche Qualitäten widerspiegelten. Kein einziger von ihnen geriet in Konflikt mit Gehwegen und Autorouten …

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26193

Reisenotizen Hamburg

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Tor zum Norden: eine Art Venedig, durch das nachts heimlich Putztrupps mit Kübeln schleichen, damit es am nächsten Tag zwar nicht zu Blankenese, aber doch eben blitzblank gerät.

Ich kam nie in die Nähe des Kiezes und die Elbphilharmonie gab es noch nicht; die Speicherstadt allerdings ragt so beeindruckend auf, dass sie unerreichte Sehenswürdigkeiten wettmacht. Vehement wetteifern hier Wasser, Erde, Luft und – in Backsteine eingebrannt – Feuer miteinander.

Ein Ort, der Macht und Reichtum durch Seehandel errungen hat, verlangt mir immer Respekt ab. Dass es Menschen aufs Meer zieht und stets gezogen hat, kann ich gut nachempfinden: eine feuchte Brise Salzgeruch, Brandungsrauschen, Nebelhörner, Möwengeschrei in einer großen Stadt mit einem Hafen wie ein Bollwerk gegen die Urkräfte der Elemente; dazu Aussicht auf Wohlstand würden sogar aus mir, Binnenländerin und Landratte, zumindest eine Schiffsratte machen. Wunderbar, dass ausgerechnet norddeutscher Dialekt Hansepathos konterkariert, werden doch S und T, obwohl an Wortanfängen zu neuem Laut vereint, getrennt ausgesprochen.

Der Gedanke an im Sand spielende Kinder lässt sich nach solch einer akustischen Wahrnehmung nur schwer aus dem Kopf schlagen. Aber, aus Kindern, die im Sand spielen, kann alles werden. Seefahrer, Modezaren, Münchhausendarsteller oder Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff …

Copyright: Antonia H.

echte Hamburger Möwen

 

Antonia H.
(Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 26192