Schlagwort-Archiv: ärgstens

Irritierte Zungen

Hat sich Gott zurückgezogen
und hat so für sich erwogen,
für den Menschen Platz zu machen,
um die Welt neu zu erschaffen?

War er müd vom vielen Schöpfen?
Lag es an verbohrten Köpfen?
War da etwas schiefgegangen,
damit, was er angefangen?

Ein Geschenk, das war die Sprache,
eine durchaus gute Sache.
Wirklich sinnvoll und zukünftig,
gut durchdacht und sehr vernünftig.

Aber ach, oh Schreck, oh Graus,
was machen diese Menschen draus?
Globale Ordnung scheint vernichtet.
Einer, der es für sich richtet.
Als Messias will er klar,
Führer sein, des Westens gar!

Ein Imperialist, sonst inhaltsleer,
fällt über seinen Nachbarn her.
And’re glauben gar, sie müssten,
klerikale Erzfaschisten!,
Menschen köpfen, das im Namen
eines bösen Gottes! Amen!

Hätt’ Geschichte ein System,
wär es äußerst angenehm,
von diesem einfach abzulesen,
was wird sein, wie war’s gewesen?

Wider jegliche Vernunft,
Gescheh’n ist ohne Wiederkunft.
Zeigt sich meistens unauffindbar,
wandelbar und niemals klar!

Wie man es auch hier vorführe,
in der Ära der Raubtiere,
herrscht Kommunikation eiskalt,
in der Sprache der Gewalt.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26120

Im Imperial War Museum, London

Auf der Galerie hoch über den berühmten Panzern, Raketen,
der Nachbildung der ersten Atombombe
wendet sich der junge Kriegsveteran ab
von den Glastüren zur Kunstgalerie
mit ihren Gemälden
…….von vergasten, verkrüppelten Soldaten,
…….von verwundeten, verhungerten Zivilisten,
…….von gewöhnlichen Menschen,
…….hingeschlachtet in sinnlosem Zorn
…….gewöhnlicher Menschen
und steuert seinen Rollstuhl
abrupt in Richtung „Behindertentoilette“.

Wie hoch:
…….die Kosten für die Kriege des britischen Empires?
…….die Kosten, um die Schmerzen dieses jungen Mannes zu lindern?
Wie gering:
…….unser Engagement, um alle Kriege zu beenden?

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26112

“Napalm Girl” mit Junge

für meinen Sohn Julian

Dad, Daad! schreit er,
seinen Kopf gegen meine Schulter gedrückt,
zittert er am ganzen Körper,
schlägt er mit seiner rechten Hand
auf meinen Rücken,
ohne Kraft, aber voller Empörung.
Wie konnten die Amerikaner das tun?
Wir stellen uns vor, genau dort zu stehen,
wo der Fotograf stand
und sein berühmtes Foto „Napalm Girl“
wirkt dreidimensional:
Das abgemagerte, nackte, verstümmelte Kind
rennt auf uns zu
und meine Tränen beginnen zu fließen,
für das weinende vietnamesische Mädchen,
für meinen weinenden deutschen Jungen.

Wir können, wir brauchen uns den Rest
der Ausstellung des Terrors nicht anzusehen.
Wir treten hinaus in den erbarmungslosen Sonnenschein,
um demütig auf den friedlichen Straßen Saigons
zu unserem Hotel im westlichen Stil zu gehen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26111

Die wahre Hölle

Ihr Herrschaften, so tretet ein,
lasst all die Hoffnung fahren.
Wir laden heut’ zum Festspiel ein,
zum Festival des Wahren.

Verloren irr’n, zwischen den Reihen,
Zuseher hinauf zur Galerie.
Da steh’n der Billetteure dreien,
in des Infernos Szenerie.

Und eh die Leute sich’s versehen,
rufen die drei aus einem Munde:
„Kehrt um, für dies Vergehen
büßt ihr, so will’s die Kunde!“

Vor Lachen biegen sich Betrug,
die Wollust und die Bosheit.
Und im Duett auch Hass und Lug.
Der Hölle Schlund klafft dreigeteilt.

Hier im Inferno stechen Wespen,
genauso wie Hornissen.
Es zittern Sünder wie die Espen,
wenn deren Blut und Eiter fließen.

Dort drüben geht es ebenso,
mit Würmern und mit Maden.
Das nennt sich Purgatorio,
zum Mahle ward geladen.

Schon tönet der gemischte Chor.
Der Bläser hell’ Geschmetter,
erreicht das vielgeplagte Ohr.
Wenn’s leiser wär’, wär’s netter.

Durch alle Kreise dieser Hölle
ist Böses kaum zu überbieten,
durchreist man, einfach auf die Schnelle,
der Hölle Qual’n und ihrer Riten.

Links davon drohen Dämonen,
dahinter jammern die Verdammten.
Die Wahrsager eilig betonen,
dass sie die Zukunft glatt verkannten.

Drei Köpfe der Verräter trägt er,
der einst gefall’ne Engel,
auf seinen Schultern, Luzifer,
erfreut an deren Mängeln.

Erst jaulend, schwefeliges Blech.
Dann Stille, komponiert das Schweigen.
Der Schmerz, vernichtend, höllisch, ja gar frech,
begleitet wird von sanftem Geigen.

Die Qual, die durch die Nerven jagt,
wenn Wespen und Hornissen summen.
Die wahre Hölle, wird gesagt, ist,
wo wir voreinand’ verstummen.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26092

 

Manch eine Hollywoodnacht

Ein Mann in abgetragener Winterkleidung
navigiert seinen Mobilitätsscooter
durch die Massen laut schwatzender Touristen.
Er missachtet alles, wofür sie hierhergekommen sind –
eine Million Flugmeilen reicher, eine Menge Dollars ärmer:
die Sterne auf dem Walk of Fame,
die bald gesegnet werden
von George Clooneys tatsächlichen Füßen
bei der Premiere seines neuesten Erfolgs.

Doch für den Mann im Mobilitätsscooter
ist der Walk of Fame kein heiliger Boden,
nur eine schnell zu überwindende Strecke
mit einer hässlichen gelben Decke
auf seinem Schoß.

Manch eine Hollywoodnacht
ist von Sternen übersät.
Manch eine Hollywoodnacht
ist gar nicht kalt.
Dieser Mann hier
mag das anders sehen,
vielleicht fühlt er sich
innerlich alt.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26074

 

Auf der Welt

Solange ich eine Stimme habe, werde ich sprechen.
Solange ich eine rechte Hand habe, werde ich schreiben.
Darüber, was mir nicht passt, und was,
meiner Meinung nach, auf der Welt nicht zusammengeht.
Das wird zurzeit immer mehr.
Und ich werde dazu nicht schweigen.

Die antike Weltkarte in zwei Schnitten

Die antike Weltkarte in zwei Schnitten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26073

Nichts Gutes

Die USA und Israel haben den Iran angegriffen und einen Großteil der Staatsspitze ausgelöscht. Der Iran schickte daraufhin Raketen auf Israel und US-Basen in der weiteren Region.

Leider nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig. Niemand weiß, was dabei herauskommt. Die meisten befürchten nichts Gutes.

Ich lege die Zeitung beiseite, gehe hinunter und räume die Küche auf.

WORLD VIRUSES - SATAN - EVIL SPIRITS - DEVIL - DEMONS - SIN - DESTRUCTION – DEATH

WORLD VIRUSES – SATAN – EVIL SPIRITS – DEVIL – DEMONS – SIN – DESTRUCTION – DEATH

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26072

Im Rucksack

Anfangs fanden wir ihn amüsant. Ehrlich gesagt lachten wir uns halbtot nach der ersten Begegnung mit ihm.

„Ich bin der Willi“, hatte er gesagt, ein zappeliger, älterer Mann, den ein riesiger, grauer Rucksack nach hinten zog. Dünn war er und klein, kleiner als Marie, die zu mir an die Tür kam, um zu sehen, wer da bei uns Sturm geläutet hatte.

„Ich bin der Willi, jaja“, zwinkerte er unruhig, „und der Willi hat die Wohnung neben euch gemietet, jaja, und da wird er ganz alleine wohnen, jaja, weil niemand mit ihm sein will – was weiß ich, warum! Aber!“, hob er den Zeigefinger, „Aber dafür besitzt der Willi viele, viele Schätze, und da drinnen“, wies der Finger Richtung Rucksack, „da sind neue Schätze. Die hat der Willi vorhin gefunden, an der Donau, jaja, und jetzt“, verbeugte er sich leicht, „muss sich der Willi verabschieden und seine Schätze auspacken!“

Einige Tage später fand ich ihn im Stiegenhaus vor, als er dabei war, seinen gigantischen Rucksack aus dem Lift zu zerren.

„Jaja!“, keuchte er, als ich anbot, ihm zu helfen.

Mit vereinten Kräften zogen wir den Rucksack, der unglaublich schwer war, vor seine Wohnungstür. „Sind da Steine drinnen?“, scherzte ich.

„Jaja!“, rief er ungeduldig, sperrte fahrig die Tür auf, rief „Komm rein, komm rein!“, öffnete flink gleich im Vorraum den Rucksack. Es waren tatsächlich Steine darin, verschieden große, gewöhnliche Steine. Er nahm einen runden, hellen in die eine, einen flachen Stein in die andere Hand und stieß mit dem Fuß die Tür zu einem großen Zimmer auf.

„Komm rein!“, rief er wieder, lief in den Raum, legte die Steine behutsam auf einen Tisch zwischen unzählige andere. Sie lagen überall, bedeckten den Boden bis auf ein paar freigelassene Pfade, stapelten sich auf zwei Bänken, in Regalen – massenhaft Steine, wohin ich auch blickte.

„Jaja, das sind meine Schätze!“, rief er in trotzigem Tonfall, während er unermüdlich Nachschub aus dem Rucksack holte und arrangierte. „Wenn kein Mensch den Willi leiden mag, ihm die Katze wegläuft, ihm die Pflanzen eingehen – was weiß ich, warum! Was bleibt da noch? Steine! Jaja!“

Und er erklärte, dass die besten Steine an der Donau lägen, er die allerbesten aber in der Donau vermute, nur könne er leider weder schwimmen noch tauchen. Dann streichelte er ehrfürchtig einen Stein nach dem anderen, beschrieb und lobte wortreich jedes Fleckchen an ihnen. Erst nach geraumer Zeit schaffte ich es, ihn zu unterbrechen und zu gehen.

„Ein Spinner! Und furchtbar anstrengend“, teilte Marie meine Meinung, die ihm wie ich eines Tages beim Rucksack-Schleppen behilflich war und seinen Steinschwärmereien ebenfalls nur mit Mühe entkommen konnte. Sie erfuhr unter anderem, dass er, der Willi, sich oft wundere, dass er anscheinend der einzige Mensch war, der erkannte, wie schön, wie einzigartig, wie seelenvoll so mancher Stein am Wegesrand war.

„Dieser Verrückte passt absolut nicht in unser Haus“, sagten auch die anderen Mieter untereinander und zum Hauseigentümer. Nach weiteren Begegnungen, bei denen unser neuer Nachbar ungefragt und detailreich von seinen neuesten Schätzen erzählte, gingen wir ihm aus dem Weg, machten auch nicht mehr auf, wenn er an unserer Tür war.

Einmal sahen wir ihn beim Spazierengehen an der Donau. Er nahm uns nicht wahr, ging an uns vorüber, seinen Blick konzentriert auf den Schotterweg gerichtet. Wir beobachteten belustigt, wie er erfreut in die Hände klatschte, sich bückte und Steine in seinen Rucksack legte. Im Scherz klatschte ich später wie er in die Hände, hob einen großen Kieselstein auf, rief, „Ein Schatz, jaja, ein Schatz!“, und schenkte ihn Marie.

Vor drei Tagen läutete er spätabends bei uns, minutenlang. Als ich schließlich ärgerlich öffnete, fuchtelte er aufgeregt mit einem Brief in der Hand, rief:

„Der Willi kommt sich verabschieden, jaja, dem Willi wurde die Wohnung gekündigt, wieder einmal, was weiß ich warum, denn der Willi hat immer die Miete bezahlt, jaja, und …“

„Dann wünsche ich dem Willi alles Gute!“, unterbrach ich ihn, wich seinem fassungslosen Blick aus und schloss die Tür.

Marie tat er leid, sie legte ihm am nächsten Tag den großen Kieselstein von mir vor die Tür.

Wir sahen ihn nicht wieder. Gestern waren zwei Polizisten bei uns, die sich erkundigten, was wir über den Mann wussten, der neben uns gewohnt hatte und den sie in der Donau gefunden hatten, tot, ertrunken, hinabgezogen von einem Rucksack voller Steine.

Seitdem beschäftigt Marie die Frage, ob auch unser Kieselstein im Rucksack gewesen ist.

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Copyright: Claudia Dvoracek-Iby

Claudia Dvoracek-Iby
(Text und Zeichnung von 2015)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26061

Paradox

Ich will, wie’s ist, dass alles bleibt,
hab keine Lust auf Neues,
das Schabernack mit mir bloß treibt.
Ertrag mein Schicksal gern, mein treues.

Auf der Suche nach dem Sinn
ist mir ein Widersinn gekeimt,
am Sinnlosen der Welt, und bin
mir klar, ’s ist ungereimt.

Ich kann dem Leid nichts abgewinnen,
denn unerklärbar ist sein Stand.
Wie kann ein liebend Gott ersinnen,
solch Widerspruch in Einklang bringen?
Der Mensch, im Elend, ist verbannt.

Der Aberwitz, der springt dich an,
an jeder Ecke, trostlos, nackt.
Toll fährt er mit uns Achterbahn,
so wie er uns tagtäglich packt.

Dabei muss man noch dankbar sein,
schlafen, arbeiten und essen.
Nichts Neues von der Front, ich mein,
scheint alles schon mal dagewesen.

Ich denk, vergeblich ist mein Streben
nach dem Sinn in einer Welt,
in der vergänglich ist das Leben
und nur die Hoffnung sie erhellt.

Sinnlos, sich dagegen aufzulehnen,
was durch den Tod besiegelt ist.
Es hilft kein Wünschen und kein Sehnen.
Schicksalhaft ist seine Frist.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26056

Frutti di mare

Ach, meine teure Auguste,
mein Arzt sagt mir neulich,
und das fand ich gräulich,
ich kriegte wohl eine Languste.
Doch Shrimps wär’n mir lieber,
von mir aus auch Fieber,
jetzt weiß ich nicht, ob der das wusste?

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26041