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Sommer

Wunderlich wird mir, wenn Schwalben ziepend jagen.
Mich überkommt dann die Sehnsucht aus Kindheitstagen,
im Blau des Himmels zu verschwinden
und nur mehr dort mich wiederfinden:
wo der Sommer niemals endet.

Zwar spiele ich, seit alt geworden, mit der Hitze Verstecken.
Noch nie entging ich, trotz Erfahrung, dem Entdecken
das ich mit salzig feuchter Haut bezahlt,
auch im dunklen Haus, im kühlen Wald.

Der Glut entgegne ich mit kalten Güssen,
Vergeblich. Gleich werd’ ich wieder schwitzen müssen.
Meinen größten Fächer schnapp ich dann,
treib träge Luft gegen Gedankenschmelze an
und schelte den Sonnenschirm, der zu Unzeiten resignierte.

Der Freiheit und der Muße zugewendet,
bitte einen Sommer, der nie endet!
Kühles Nass, wohl temperierte Reisen
voller Erlebnisse, die auf Neues weisen.
Alles nehm ich, was Leib wie Herzens Mitte weiter wärmt.

Im Herbst sind wir beide müde, brauchen unsre Ruh,
das Jahr und ich, denn: Frische Memoiren
sind ein wenig steif wie neue Schuh’,
bis sie eingegangen sind auf Alltags-Trottoiren.
Die Schwalben sind … stumm. Längst nach Afrika verzogen.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26188

Ein Untag

Ein Untag, der, kaum hat begonnen,
schon scheint’s dem Morgen echt vermiest.
Dem Kaffee ist gar die Milch geronnen!
Ein Tag, der nicht zu retten ist.

Was ist’s so dunkel?, jetzt sag bloß!
Was ist denn mit der Sonne los?
Nur am Gesims ein leises Klopfen?
Das klingt verdammt nach Regentropfen!

Auch das noch! Unglück, das sich häuft.
Der Tag im Regen mir ersäuft.
Im Zimmer duster, nicht ein Schein.
Und mir fällt nichts zu schreiben ein.

Was kann mir, armem Wurm auf Erden,
an einem Tag wie diesem werden?
Der Löffel fällt mir aus der Hand.
Ein Bild hängt schief, dort an der Wand.

Und am WC, dort tropft der Hahn.
Ich schwör’s, ich hab ihm nichts getan!
Es schließt auch nicht die Kühlschranktüre.
Woll’n sich nicht dreh’n, ihre Scharniere.

Und niemand will etwas von mir.
Nichts will gelingen, jetzt, und hier.
Selbst das geliebte Herz, das rege,
ist fort. Geht seine eig’nen Wege.
Ein Häuflein, das sich Elend nennt,
das bleibt zurück, einsam, und flennt.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at |Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26180

Ich warte auf die Sonne

Ich warte auf die Sonne.
Wenn sie aufgeht, habe ich die Nacht überstanden,
wieder einmal, ohne zu schlafen.

Abwechselnd Kaffees und Energy Drinks, dazu Zigaretten,
Computer und das WM-Spiel Paraguay gegen Frankreich,
das Frankreich 1:0 gewann.

Ich warte auf die Sonne.
Noch ist es tiefe Nacht.
Aber mit jeder Zeile, die ich hier schreibe, komme ich ihr näher.

Die neue Sonne

Die neue Sonne

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26178

Billige Phrasen

Billige Phrasen
hängen wie fettige Gardinen
im Schlafzimmer,
nutzlos und schwer.

Die Stimmen aus dem Weitsender,
zu laut, zu nah,
sickern wie abgestandene Cola
in einen Eimer Erbrochenes,
dringen ins Ohr,
stören die Gedanken,
entwischen wieder.

In der Küchenecke tanzen Fliegen,
steigern sich in ein Crescendo,
als wollten sie endlich selbst ins Rampenlicht.

Aus dem Badezimmer
schwappt ein Gähnen herüber,
so widerlich,
dass selbst das Abflussrohr wohl überlegt,
den Dienst zu verweigern.
Die Luft trägt Seuche,
nachklingend wie der letzte Ton
einer gescheiterten Orgie.

Die Eingangstür knarrt,
nicht harmlos,
sondern wissend,
als hätte sie dich letzte Nacht beobachtet.
Draußen ringen Laub und Wind miteinander,
die Blätter siegen.

Der Linoleum-Boden gibt nach,
du stürzt zurück,
in die Laken,
schwer, endgültig,
wie ein Rentner,
der sich in seine Rheuma-Decke wickelt.

Es stinkt nach gescheiterten Leben,
nach leeren Bierflaschen und tagealtem Zigarettenrauch.
Ein Dienstag,
verloren,
bevor du überhaupt aufgestanden bist.

Tom Schwericke
tomschwericke.de

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26125

 

Heute nicht

Sehen,
was ich brauche,
und währenddessen
das tückische Warum vergessen.
Sagen:
Bitte hilf mir.
Und mich zugleich ergeben,
das Tor vorm Herzen aus den Angeln heben.
Lange lieben,
wie sonst auch.
Draußen, drinnen,
statt irgendwo dazwischen sein.
Die erwartungsvolle Tochter jagen.
Merken dann im Tragen:
Wohlig ist uns
dieses Grauen.
Endlich schlafen gehen
statt wenden, drehen, löschen, sehen,
wie meine Worte
ihr Gewicht verlieren.
Am geliebten Fluss
jetzt aber wirklich wieder fließen.
Oder: nichts von mir erwarten.
Gnädig sein.

Sonja Steingreß

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 26079

Herbstgedicht

Den Kragen hoch, das Tal erstickt im Nebel.
Im Auto stirbt die Batterie.
Still und starr ragt hier ein Hebel.
Der Starter streikt. Das tat er bisher nie.

Am Akku zeigt sich die Vergänglichkeit.
Ihr Opfer fordert gnadenlos die Kälte.
Am Ende seiner Leistungsfähigkeit
spendet er Dunkel, anstatt dass er erhellte.

Vom Fahrtwind träumt der Fahrer kühn,
zieh’n Wälder und auch Wiesen rasch vorbei.
Entgegen aller Plagen und auch Müh’n
das Miststück springt nicht an. Verdammte Schweinerei!

Doch nicht nur dies, das dicke Öl gilt schwer zu pumpen,
was nicht zuletzt den Anlassvorgang hemmt.
In diesem Fall lässt sich der Pannendienst nicht lumpen.
Es kann der Motor nicht, nachdem ihn etwas hemmt.

Was gestern galt, so flink gleich einem Wiesel,
scheint heut verflockt, der Filter ist verstopft.
Ein derber Fluch belastet diesen Diesel.
Nur zähe rinnt, was früher freudig hat getropft.

Solche Momente lassen sich nicht loben!
Denn nichts kann so verdrießlich sein,
wenn’s kalt ist und die Winde toben.
Die Karre streikt. Kein Sonnenschein.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at |Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 25240

Bilder

Du stehst vor dem Spiegel, zupfst dir ein paar Haarsträhnen zurecht, vermeidest dabei, auf deine Spiegel-Hände zu sehen. Nicht schon wieder kontrollieren, ob sie zittern! Du zwingst dich, stattdessen in deine Spiegel-Augen zu schauen, was es nicht besser macht, dir sieht pure Angst und Aufregung entgegen, du zwinkerst, massierst dir kurz die Schläfen, bemühst dich, dir einen unaufgeregteren Ausdruck zuzulegen.

„Reiß dich gefälligst zusammen“, flüsterst du deinem Spiegelbild zu, „du triffst dich mit Freunden. Das ist etwas Schönes, etwas Schönes! Nichts, wovor du Angst zu haben brauchst“, kommst dir lächerlich vor, wendest dich abrupt von dir selbst ab, gehst aus dem Badezimmer.
‚Was hast du denn erwartet?‘, rügst du dich innerlich streng. ‚Dass du zu einem neuen Menschen mutiert bist? Zu einem mit einem anderen Wesenskern, frei von Angst und Selbstzweifel? Dummkopf! Du musst deine Emotionen aushalten, sie annehmen, gutheißen. Wie oft hast du dies in den Therapien gehört und besprochen? Und doch hoffentlich auch verstanden?! Heute – jetzt! – geht es darum, bereit zu sein, wieder bei null zu beginnen.‘

Aber: Heute –  jetzt! – fühlst du dich genauso unsicher wie seit frühester Kindheit, wie deine ganze Jugendzeit hindurch. Einzige Ausnahme: rund fünf Jahre, in denen du völlig anders gewesen bist. Und die vor vier Monaten mit einem Zusammenbruch geendet haben.

Für den Einstieg in diese fünf Ausnahmejahre hat es keinen bestimmten Auslöser gegeben. Du wolltest und konntest diese diffuse Angst einfach nicht mehr ertragen, die sich in all deinem Tun, bei sämtlichen Anlässen alles übertünchend in den Vordergrund gedrängt hat. Hast begonnen, Tranquilizer zu nehmen. Ab Mittag mit Alkohol gemischt. Was für eine Befreiung: du – entspannt, angstfrei! Mit der richtigen Dosis, der richtigen Mischung:
Endlich dem Ich-Bild entsprechen, welches du von dir selbst hast!
Endlich dieses Ich leben können, weil die verdammte Gehemmtheit, unter der es vergraben war, nun verdrängt ist!
Endlich das Gefühl haben, ‚normal‘ und unbeschwert zu sein!
Endlich wie all die anderen – die Selbstbewussten, die Lebensfrohen – leben!
Endlich sein, wie andere dich haben wollen!

Und ja, wie witzig und schlagfertig, wie beliebt du nun warst! Im Handumdrehen hast du dir den Ruf einer Lustigen, Verrückten, Überdrehten erworben, auch den einer Unberechenbaren, die sich zeitweise rar – und damit interessant – macht, eine, die man oft tage-, wochenlang nicht erreicht, und die dann plötzlich wieder auftaucht. Was du in den Tagen, an denen du verschollen warst, durchgemacht hast, hat niemand erfahren.
Denn natürlich konnte es auf Dauer nicht gutgehen. Der Klassiker: Wie unzählige andere Süchtige brauchtest du mehr und mehr, hast die Dosis gesteigert, hast versucht, dir deine Sucht zurechtzubiegen, sie vor den anderen verborgen.

Keiner deiner Freunde wusste von deiner Medikamentenabhängigkeit, niemand von deiner Verzweiflung, deinem Suizidversuch. Nur deinen übermäßigen Alkoholkonsum haben sie alle miterlebt. Deine Exzesse waren legendär. Außer David hat dich jedoch niemand darauf angesprochen. David, der Freund seit Kindertagen, hat oft versucht, dir ins Gewissen zu reden, woraufhin du ihn gemieden hast. Du hast nicht mehr mit ihm telefoniert, ihm nicht mehr geschrieben, ihn nicht mehr zu zweit, sondern nur mehr inmitten der Gruppe getroffen.

Und jetzt eben. Alles auf Anfang. Anne weiß als Einzige davon. Gestern hast du es ihr erklärt, nur kurz am Telefon, als du das erste Mal seit Monaten wieder einen Anruf von einem der Freundesgruppe angenommen hast. Es war zufällig ihrer.

„Ich bin mir nicht sicher“, hast du gemeint, als Anne dich drängte, du müsstest unbedingt endlich wieder mit ihnen ausgehen, alle würden dich vermissen, sich Sorgen um dich machen, Jonas, Max, Ines, Mira, Jan, vor allem David.
„Aber das ist es ja“, hast du leise gesagt. „Sie werden wissen wollen, wo ich gewesen bin, warum ich anders bin, warum ich keinen Alkohol mehr trinke. Ich weiß nicht, ob mir das nicht zu viel werden wird.“
„Aber du musst dich doch niemandem erklären“, hat Anne entgegnet. „Alle werden sich freuen, dich wieder zu sehen. Wir sind deine Freunde, Malin, und nicht deine Richter.“
Schließlich hast du halbherzig gesagt: „Okay, vielleicht schau ich morgen bei euch vorbei.“
Doch Anne hat gelacht: „Nicht vielleicht! Ich hole dich morgen um 20 Uhr ab, wir gehen gemeinsam. Und wenn du nur für ein Stündchen mitkommst.“

Nun ist es 20 Uhr. Nun läutet es an der Tür. Nun rast dein Herz. Du läufst in den Vorraum, räusperst dich, drückst auf den Knopf der Gegensprechanlage, sagst:
„Hi, Anne, ich komme runter!“
Hörst Anne sagen: „Malin, lass mich kurz rauf bitte, es ist dringend …“
So war es zwar nicht ausgemacht, aber du öffnest Anne die Haustür, siehst dich im Wohnzimmer um. Ein paar Zeichnungen von dir liegen ausgebreitet auf dem Tisch. Zu spät, sie wegzuräumen, du hörst Anne die Stufen rauflaufen, schon steht sie vor dir, gerade rechtzeitig setzt du ein Begrüßungslächeln auf.

„Hey, Malin“, umarmt sie dich kurz, eilt, während du nach Worten suchst, schon an dir vorbei in deine Wohnung, Richtung Klo. Wenig später hörst du sie im Badezimmer laut singen.
Lächelnd, ihr Makeup aufgefrischt, kommt sie retour, lässt sich entspannt und theatralisch seufzend auf deine Couch fallen. „Du, Malin, ich weiß eh, dass du nicht mehr trinkst, aber ich brauche jetzt voll dringend einen Schnaps! Jonas will nämlich eine Aussprache – ach, weißt du überhaupt, dass wir seit Tagen Stress miteinander haben?!“
Du schüttelst den Kopf, sagst leise: „Ich habe keinen Alkohol zuhause.“
„Och, shit, ja, klar – kein Drama – obwohl“, sie kichert, „das ist sowas von ungewohnt, Malin, du und kein Alkohol. Dir ist wohl tatsächlich ernst damit?“, ruft, bevor du antworten kannst: „Hey, hast die du gezeichnet?“, nimmt kurz eine deiner Zeichnungen in die Hand, sagt: „Echt cool.“

Du holst Luft, um Anne zu erzählen, wie froh du darüber bist, nach vielen Jahren wieder zu dieser Kraftquelle gefunden zu haben, dass du beim Zeichnen und Malen entspannen kannst, du dabei vergisst, zu beobachten, ob deine Hände zittern …
Doch Anne ist inzwischen aufgesprungen, geht schnellen Schrittes in den Vorraum. „Dann wollen wir jetzt los, nicht, Malin? Das mit Jonas und mir erzähle ich dir unterwegs.“
War sie schon immer so? Dass sie keine Antworten abwartet? Dich kaum ansieht, dich nicht wirklich wahrnimmt? Du wunderst dich.

Und während du Anne zuhörst, die dir auf dem Weg zum Lokal ausführlich das Problem – unbegründete Eifersucht – zwischen ihr und Jonas erläutert, konzentrierst du dich zugleich darauf, deine Angst unter Kontrolle zu haben, registrierst unerwartet einen Funken Gelassenheit in dir, freust dich darüber.

Doch der Funken verfliegt sofort, als ihr ‚euer‘ Lokal betretet. Zu viele bekannte Gesichter, zu laut, zu grell, zu viel. In Sekundenschnelle verschwindet Anne, stürzt sich auf Jonas und in seine Umarmung, ist nicht mehr vorhanden für dich, ist nun die Hälfte eines ausschließlich auf sich selbst konzentrierten Paares. Du zwingst dich, in die Runde zu lächeln, antwortest angestrengt auf Begrüßungen und Fragen:
„Jep, bin wieder da.“
„Ja, gut geht’s.“
Setzt dich zwischen Mira und Jan, die dich zu ihnen winken, dir Platz machen. Fängst einen warmen Blick von David auf, der vis-a-vis von dir sitzt, erwiderst unsicher sein Lächeln.

Annalena, die Kellnerin, kommt, fragt dich: „Wie immer?“
Du schüttelst den Kopf. „Ein Mineral, bitte.“
„Was ist denn mit dir los?“, fragt Jan sofort laut. „Alles okay mit dir, Süße?“
„Aber ja, natürlich.“ Du bemühst dich um eine klare Stimme.
„Du wirkst so anders. Du bist doch nicht etwa krank“, steigt Mira jetzt in Jans Tenor ein.
„Mann, checkt ihr es nicht“, ruft Max, der sichtlich betrunken ist. „Malin ist schwanger!“
„Ihr spinnt ja alle“, sagt Anne, sich kurz von Jonas’ Lippen lösend, „lasst Malin in Ruhe, sie ist weder schwanger noch krank.“
Du nickst verlegen, antwortest Mira, die dich etwas leiser, aber vorwurfsvoll fragt, warum du auf keine ihrer Nachrichten geantwortet hast, mit:
„Sorry, es tut mir leid.“ Mehr fällt dir nicht ein. Mira sieht dich stirnrunzelnd an, sagt dann: „Schon okay“, dreht sich von dir weg und Ines zu, flüstert ihr etwas ins Ohr, Ines lacht laut auf, die beiden prosten sich zu, trinken.

 Es wird nicht leichter für dich, du bleibst angespannt, hältst die Stimmen und Stimmungen der anderen nur schwer aus. Alle reden durcheinander, Anne und Jonas streiten nun lautstark und lustvoll, Wortfetzen dringen zu dir. Du bemühst dich, aber dir gelingt kein Einstieg in ein Gespräch, zu sprunghaft sind die Themenwechsel. Wohltuend sind einzig Davids Blicke, die dir jedes Mal, wenn du zu ihm siehst, signalisieren, dass er sich freut, dass du da bist – so, wie du bist.

Von den anderen aber fühlst du dich unangenehm beobachtet. Speziell von Jan und Mira. Beide starren auf deine rechte Hand, die stark zittert, als du dir Mineralwasser einschenkst. Du umklammerst das Glas mit beiden Händen, stellst es dann wieder hin, ohne davon getrunken zu haben, ziehst die Ärmel deines Pullovers über deine Hände.

Als Max Annalena zuruft: „Eine Runde Tequila für alle!“, stehst du auf, flüchtest aufs Klo, siehst mehr Erschöpfung als Angst in deinem Spiegel-Gesicht, überlegst, wie du am unauffälligsten gehen kannst. Dass du dich nicht wieder zu ihnen setzen wirst, ist dir klar. Keine Sekunde hältst du es mehr aus in dieser Runde.

Du bleibst hinter Mira stehen, sagst: „Ich muss jetzt gehen.“ Der Satz kommt einfacher als gedacht über deine Lippen.
„Kommt nicht in Frage“, sagt Mira, „du setzt dich sofort wieder hierher zu uns“, sagt es aber in einem spaßig-strengen Tonfall, dem du dich leicht widersetzen kannst.
„Warum schon jetzt, Malin?“, fragt Jan. „Ich will jetzt echt wissen, was mit dir ist. Du bist ja nicht wiederzuerkennen.“
„Malin ist dir keine Rechenschaft schuldig“, sagt David bestimmt, „und sie kann gehen, wann sie will.“ Du siehst ihn dankbar an, wirfst dann ein rasches Tschüss in die Runde, und gehst.

Zuhause nimmst du einen Stift und deinen Zeichenblock, skizzierst Anne, wie sie sich vor wenigen Stunden entspannt auf deiner Couch ausgestreckt hat, zeichnest dich selbst ihr gegenüber, deine hochgezogenen Schultern, deine verschränkten Arme.

Am nächsten Blatt entstehen Mira und Jan im Lokal, zwischen ihnen, wie eingeklemmt, du, dein Wasserglas mit beiden Händen umklammernd. Erst jetzt fällt dir auf, dass du keine Sekunde daran gedacht hast, Alkohol zu trinken. Unerwartet durchflutet dich Stolz und Freude. Als du Max biertrinkend zeichnest, ist für dich klar, dass du dich in dieser Gruppenkonstellation nie wieder treffen wirst. Das passt nicht mehr. Einzig zu David gibt es eine gute Verbindung. Dir wird innerlich warm, während du ihn zeichnest, seinen strahlenden Blick, sein Lächeln, denkst daran, wie oft er und du als Kinder gemeinsam gemalt habt, damals beide am liebsten Pferde, Katzen, Hunde. Ob David auch jetzt noch zeichnet? Du weißt es nicht. So lange Zeit bist du ihm ausgewichen, hast nicht mit ihm geredet. Viel zu lange.

Du nimmst dein Handy, fotografierst die Zeichnung, die du von ihm gemacht hast, schickst sie ihm nach kurzem Zögern, gehst dich dann duschen, schaust danach aufs Handy. Eine Nachricht von David. Du öffnest sie.
David hat dein Gesicht skizziert. Es wirkt sensibel, verletzlich. So, wie du bist. Deine Gesichtszüge auf seiner Zeichnung sind zart, der Ausdruck deiner Augen klar und – ja, schön. Im unteren linken Eck des Bildes steht das heutige Datum und zwei Worte: stay strong.

Dir kommen die Tränen. Du fühlst dich verstanden. Du fühlst dich erkannt. Überlegst nur ganz kurz, schreibst ihm: David, möchtest du telefonieren? Und spürst, wie dein Herz nicht angst-, sondern freudvoll etwas schneller schlägt, als gleich darauf dein Handy läutet.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 25227

Schatzkisten

An einem Sommertag, beim Durchqueren eines Parkes, überfällt sie mich wieder. Unerwartet wie immer. Heute wortwörtlich aus heiterem Himmel. Nach Luft ringend lasse ich mich auf die nächstbeste Bank sinken, nehme unscharf wahr, dass eine kleine, schmale Gestalt im linken Eck der Bank sitzt.

Ich atme so laut und regelmäßig wie mir möglich ein und aus, während ich panisch in meiner Handtasche meine Pillendose suche, als ich eine helle Kinderstimme links von mir fragen höre:

„Warum schnaufst du denn so komisch?“

Endlich finde ich die Dose, öffne sie mit zitternden Händen, entnehme zwei der Pillen und schlucke sie.

„Schenkst du mir auch so ein rosarotes Zuckerl?“ Schon wieder diese Kinderstimme.

Ich trinke meine kleine Wasserflasche in großen Schlucken leer, schaffe es dann, zu murmeln:

„Nein, das sind nämlich Medikamente – keine Zuckerl.“

„Bist du krank? Was hast du denn?“

„Möchtest du nicht spielen gehen?“, frage ich matt und deute mit meinem Kopf vage zu dem eingezäunten Kinderspielplatz gleich gegenüber der Bank, auf der das Kind und ich sitzen.

Es antwortet fröhlich: „Doch! Später dann.“

Ich ringe nach Luft. Wann wirken endlich die Tabletten?!

„Was hast du denn für eine Krankheit?“

„Angst“, höre ich mich nun tatsächlich ungewollt antworten, und denke, dass ‚Panikattacke‘ ein unmögliches, ein hässliches Wort ist, ein Wort, das ein Kind wohl nicht verstehen würde.

Schweigen nun im linken Bank-Eck. Dann rückt das Kind näher zu mir. Sehr nahe. Aus den Augenwinkeln sehe ich lange hellblonde Haarsträhnen, ein blaugeblümtes Kleid.

„Du hast bestimmt keine Schatzkiste bei dir, stimmt’s?“, flüstert es neben mir.

Warum quält mich ausgerechnet jetzt, in meinem miserablen Zustand, dieses nervige Kind mit lästigen Fragen?

„Hast du eine Schatzkiste in deiner Tasche?“, insistiert das Mädchen.

Erschöpft schüttle ich meinen Kopf.

„Siehst du!“, ruft es triumphierend. „Darum hast du Angst! Weil du keine Schatzkiste mithast!“

„Schau!“ Ich sehe, wie das Mädchen einen bunten Rucksack auf ihren Schoß nimmt, darin herumkramt und etwas herausnimmt. Dann hält sie mir direkt eine kleine Holzkiste vors Gesicht.

„Das ist meine Schatzkiste.“ Feierlich öffnet sie die Kiste. Ich sehe blaue Knöpfe darin. „Das sind Knöpfe von Mamis Kleid. Das Kleid hat meine Mami am allerliebsten angezogen, als ich noch in ihrem Bauch drinnen war. Meine Mami und ich haben alle Knöpfe runtergeschnitten und in die Schatzkiste gelegt. Es sind 15 Knöpfe. Mami hat gesagt, jeder von den Knöpfen ist ein Sim- Simbol dafür, wie lieb sie mich hat. Wenn ich traurig bin oder Angst habe, soll ich die Knöpfe anschauen und angreifen, dann werde ich keine Angst mehr haben und nicht mehr traurig sein. Das hat Mami gesagt.“

Zum Glück wirken die Tabletten endlich. Ich fühle mich etwas besser.

„Eine schöne Idee von deiner Mami“, sage ich.

„Ja! Und weißt du, ich habe noch andere Schatzkisten von meiner Mami zuhause. Eine mit Briefen von ihr. Die kann ich aber noch nicht lesen. Und eine mit Fotos. Und eine mit Muscheln vom Strand –“

„Deine Mami hat dich sehr lieb. Du hast großes Glück“, stoppe ich erschöpft ihren Redeschwall.

„Ja!“, lacht das Mädchen glücklich.

Dann schaut sie mich aus großen grünen Augen ernst an.

„Hat deine Mami dich denn nicht lieb? Hast du kein großes Glück? Hast du keine Schatzkisten von ihr bekommen?“

Ungewollt drängen sich in mir blitzartig hässliche Szenen von früher – Schläge, Streit, lieblose Blicke und Worte – auf. Ich schüttle den Kopf.

„Hast du überhaupt von irgendjemandem eine Schatzkiste bekommen?“, ruft das Mädchen nun entsetzt.

„Nein“, sage ich. Und bevor ich erklären kann, dass das kein Problem für mich ist, kommt eine junge, blonde Frau schimpfend auf die Kleine neben mir zu: „Ronja, was fällt dir ein! Mache das nie wieder! Ich habe dich auf dem Spielplatz gesucht! Du kannst doch nicht einfach weglaufen!“

„Aber ich bin doch nicht weggelaufen! Ich bin hier gesessen“, verteidigt sich das Mädchen.

Die blonde Frau seufzt, sagt dann: „Ach, komm – wir gehen jetzt einkaufen und besprechen das unterwegs.“

„Ja, aber warte – gleich – ich muss noch ganz schnell etwas machen!“, springt das Kind auf und läuft auf den Spielplatz.

„Beeile dich, Ronja!“, ruft ihr die Frau nach.

„Jaa -a!“

Nochmals seufzend setzt sich die junge Frau auf die Bank neben mich, schweigt. Endlich spüre ich die volle Wirkung der Tabletten, ich fühle mich ruhiger innerlich. Es ist nur mehr der übliche diffuse Angstrest, der nie verschwindet, der immer da ist, in mir.

Ich bin imstande, zu sagen: „Ihre Tochter hat so liebevoll von Ihnen gesprochen, mir eine Schatzkiste gezeigt – “

„Ronja ist nicht meine Tochter“, unterbricht mich die Frau.

„Ach –“, sage ich verwirrt.

„Meine Schwester ist vor knapp einem halben Jahr gestorben. An Darmkrebs. Seitdem lebt ihre Kleine bei mir. Ronjas Vater hat sich vertschüsst, als sie noch nicht mal geboren war.“

Ich kann nichts sagen, muss das eben Gehörte erst verarbeiten.

Und da läuft Ronja mit roten Wangen auf uns zu, ihr bunter Rucksack hüpft auf ihrem Rücken auf und ab, in ihrer rechten Hand hält sie eine grüne Jausenbox.

„Okay, Ronja, dann gehen wir jetzt endlich“, sagt die junge Frau, steht auf, nickt mir zu und geht den Kiesweg voraus.

Ronja stellt sich dicht vor mich und legt mir die grüne Box auf den Schoß.

„Für dich!“, sagt sie feierlich. „Das ist deine Schatzkiste. Damit du keine Angst mehr hast. Ich habe echt schöne Sachen auf dem Spielplatz gefunden. Obwohl ich nur so wenig Zeit zum Suchen hatte.“

Sie winkt mir vergnügt zu und läuft ihrer Tante nach.

„Danke, Ronja!“, rufe ich ihr nach, gerührt und perplex. „Ich freue mich! Sehr!“

Sie dreht sich noch einmal zu mir um, strahlt übers ganze Gesicht. Dann greift sie nach der Hand ihrer Tante, und ich sehe ihnen nach, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden sind, die beiden, Hand in Hand, die Kleine hüpfend und plappernd, immer wieder zu ihrer Tante aufsehend. Meine Hände liegen auf meiner grünen Schatzkiste. Keine Spur von Angst ist mehr in mir.

Claudia Dvoracek-Iby

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