Schlagwort-Archiv: Von Mücke zu Elefant

Kuckuck

Der Kuckuck fiel vom Baum herab
Du fängst ihn auf, wenn auch nur knapp
Er muss sich gar nicht viel bewegen
Du fängst ihn auf – auf allen Wegen!

Der Specht, der hat sich arg verklopft
Er ist ja leider schwer verkopft
Du richtest ihm die Wirbelglieder
Siehe da, da klopft er wieder!

Ein Has’ steckt in der Hasenfalle
Du liebst die Hasen, liebst sie alle
Löst mit Vorsicht seine Pfote
Sei du nun, Has’, der Freiheit Bote!

Ein Freund der Freiheit ging verloren
Du fasstest ihn an beiden Ohren
Und schenk’st ihm so ein neues Leben!

Und sollte dir je was gescheh’n
Wird er ruckzuck bei dir steh’n
Und fängt dich auf – auf allen Wegen!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26165

Der schlaue Feigling

Es war ein schöner Ausflug nach Stoob im Burgenland. Durch das Dörfchen mit seinem Blumenschmuck und den schönen, eigenwillig ausgestalteten Häusern war angenehm zu flanieren, bis hinter einem halbhohen Drahtzaun ein kleiner Hund auftauchte, der den harmlos
vorbeigehenden Sebastian zähnefletschend verbellte und nebenher lief in der klaren Absicht, den unerwünschten Besucher auf ein Netzleiberl zu zerreißen, wenn nur dieser hinderliche Zaun nicht wäre.

Sebastian ging ruhig weiter, diese Handvoll Hund nicht einmal ignorierend, bis auf einmal – der Zaun weg war! Das elektrische Rolltor vor der Hauseinfahrt war offen – und da standen sich Sebastian und der vorhin noch so aggressive, nunmehr Schock-erstarrte kleine Köter unmittelbar gegenüber.

Nun hätte er sich ja auf Sebastian stürzen und ihn zerbeißen, zerreißen müssen – während Sebastian mitleidig hinuntersah und überlegte, dass bei einem tatsächlichen Angriff ein mittlerer Fußtritt die Situation bereinigt hätte. Bis der schlaue Hund einen Meter zurück hinter den Zaun lief und von dort wieder seine Drohung hinausbellte.
Aber nicht sehr überzeugend, denn sowohl Sebastian als auch der Hund wussten, dass es ein strategisches Rückzugsgefecht war.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26162

Schlechtwetter

Kleidung ohne Rücksicht auf draußen gewählt. Drinnen: schummrig fahl.

Ich bleibe hier, weil:
Diesem Wetter fehlt Brillanz. Kein Grund, ins Freie zu gehen.
Kein Licht. Kein Saft. Wenigstens entlädt sich bislang auch kein Himmelszorn.
Der schläft wohl noch und lässt nicht einmal einen Wind fahren.
Auch wenn es da oben jämmerlich graut, ist dem Wolkenzelt wenigstens noch nicht zum Heulen zumute.
Aber die Spatzen, die kleinen Drecksspatzen ziehen jetzt schon eine Schnute über das Sauwetter!

Copyright: Antonia H.

Copyright: Antonia H.

Antonia H.
(Foto und Text)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26130

Tirili

Tirili-tirila, ich bin der Vogel.
Ich bin da.
Meine Heimat ist die Luft, der Baum und der Boden,
anders als bei euch begrenzten Menschen.
Ich brauche nur noch ein Weibchen,
dann bin ich zufrieden für ein Jahr
oder auch für zwei.

Der Vogelkönig im Gras

Der Vogelkönig im Gras

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26081

Der Erpelflug

„Erinnerst du dich?“, frage ich. „Du warst der Erpel, der von der Schlangeninsel aus eine schnelle Runde über dem Wörthersee flog, nahezu der perfekte Kreis. Als du gelandet bist, quakten alle Enten aufgeregt, die zugesehen hatten. „Ein fantastischer Flug!“ „Toll hast du das gemacht!“ „Du bist der Supergleiter.“

„Woher willst du das wissen. Ich bin ein Mensch und kein Erpel“, sagte er. „Nein, du bist ein Erpel“, entgegnete ich. „Sieh auf die spiegelnde Wasseroberfläche! Ich bin auch ein Erpel. Ich habe zugesehen und danach mitgequakt.“

Erpel auf Abwegen

Erpel auf Abwegen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26051

Ich war einmal 

Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besaß ich ein prächtiges Gefieder, ein stolzes Gemüt und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein schöner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem großen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an meiner Stelle wäre mehr als einverstanden mit diesem Leben gewesen. Nicht ich.

Es waren unerwünschte Gefühle, die regelmäßig in mir aufstiegen und die ein zufriedenes Dasein verhinderten. Ja, ich war damals ein Hahn mit Gefühlen, war wohl die Möwe Jonathan unter dem Geflügel – zugegeben, nicht so feinsinnig, nicht so spirituell wie diese, denn ich wurde von eher niedrigen Regungen beherrscht. Mich plagten die Eifersucht und die Sehnsucht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war eifersüchtig auf den Hofhund und sehnte mich nach der Aufmerksamkeit des Bauern.

Mich quälte die Tatsache, dass der Hund von ihm gestreichelt wurde und ich nicht. Der Bauer beachtete mich nicht, er warf mir zwar jeden Morgen meine Körner hin, ging aber dann uninteressiert an mir vorüber. Obwohl ich Tag für Tag zuverlässig meine Arbeit verrichtete, ihn jeden Morgen pünktlich mit meinem Hahnenschrei weckte – nie wurde ich gelobt, nie getätschelt wie der faule Hund, der nichts dergleichen tat.

Eines Tages war mein Frust so groß, dass ich mich beim Hund über diese Ungerechtigkeit beklagte und ihm meine Eifersucht gestand. Der Hund nagte an einem Knochen und meinte schließlich: „Mache es doch einfach wie ich! Belle freudig und wedle mit dem Schwanz, sobald du den Bauern erblickst. Damit zeigst du ihm deine Zuneigung. Du wirst sehen, er wird darauf reagieren.“

Meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung war inzwischen dermaßen gewachsen, dass ich den Ratschlag des Hundes annahm. So streifte ich den letzten Rest meines Stolzes ab und übte den ganzen Tag, zum Hund zu werden. Mit Erfolg.

Schon am nächsten Morgen schaffte ich es, hundeähnliche Laute von mir zu geben und mit meinen herrlichen, bunten Schwanzfedern zu wedeln. Und tatsächlich, der Bauer blieb stehen, statt wie sonst an mir vorüberzugehen, und betrachtete mich verwundert.

„Hast du gesehen, wie fasziniert er von mir war? So interessiert hat er dich noch nie angesehen! Ich bin sicher, morgen schon wird er mich streicheln“, prahlte ich vor dem Hund.

Am darauffolgenden Tag begrüßte ich den Bauern mit einem freudigen Winseln, wackelte mit meinem gefiederten Hinterteil, warf meinen Kopf in den Nacken und jaulte herzzerreißend. Lange, lange beobachtete er mich kopfschüttelnd. Ach, wie sehr ich sein Interesse genoss!

„Er kann es nicht fassen, mich so lange übersehen zu haben“, erklärte ich mit stolzgeschwellter Brust dem Hund. „Er beachtet mich nun mehr als dich! Bestimmt wird er mich morgen schon streicheln.“

„Kikeriwau, Kikeriwau-wau!“, schrie ich meinem Herrn durchdringend am nächsten Tag entgegen, spreizte sämtliche Federn, drehte mich hechelnd vor ihm im Kreis und warf mich ihm schließlich zu Füßen, ihm meinen Kopf entgegenstreckend, damit er ihn endlich berühre.

Da ergriff mich der Bauer. Er hob mich hoch und schloss mich in seine kräftigen Arme. Überglücklich legte ich meinen Kopf in seine Armbeuge.

‚Jetzt, endlich, jetzt streichelt er mich‘, dachte ich voll Freude.

Und dann dachte ich nichts mehr, denn der Bauer drehte mir den Kragen um.

 (Erstveröffentlichung: Anthologie Zwischendurchgeschichten, 2020)

 

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 25237

Die Katze Lady Strange im Geschäft „Fressnapf“

Die Katze Lady Strange ist mit ihrem Frauerl im Geschäft „Fressnapf“. „Da schau her, das würde ich gerne essen, Kaninchen!“, sagt die Katze Lady Strange. „Was, du kannst lesen?“, fragt ihr Frauerl. „Nein, nur Bilder ansehen“, sagt die Katze Lady Strange. „Das ist doch ein Kaninchen auf der Verpackung, nicht?“

Die Katze Lady Strange auf der grünen Tischdecke am 8. März 2024

Die Katze Lady Strange auf der grünen Tischdecke am 8. März 2024

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26020

Marmot Dumpling Two

Meine Frau, unser Sohn und ich haben uns ein Murmeltier angeschafft. Wir planen, durch es zu Internetmillionären zu werden. Wir haben es nach dem legendären YouTube-Star Knödel benannt, der alles mit sich machen ließ. Es heißt Murmeltier Knödel Zwo, auf Englisch Marmot Dumpling Two. Es ist ein sehr putziges Kerlchen, fünfundfünfzig Zentimeter hoch und fünfeinhalb Kilo schwer, mit großen Schneidezähnen. Ursprünglich stammt es aus dem Himalaya. Es ist ziemlich dick.

Als es zu uns kam, wussten wir nicht, was es isst. Als wir in der Küche Schnitzel mit Bratkartoffeln und grünem Salat aßen, interessierte es sich nicht für das Fleisch. Aha, es ist Vegetarier, dachte ich. Wir ließen es dann über Nacht in der Küche herumlaufen, damit es sich akklimatisiert. In den Käfig wollten wir es erst in der zweiten Nacht geben.

Am nächsten Morgen sah es meine Frau als Erste. Sie hatte Blumen hingestellt, die auch Knödel Zwos Auge erfreuen sollten. Aber es waren keine mehr da. Die leuchtenden Pfingstrosen, bunten Tulpen und die weiße Lilie, alle bis auf ein paar Stängel verschwunden! In Knödel Zwos Bauch gelandet.

Na, macht ja nichts, dachte ich, wenn wir Millionen verdienen werden, kommt es auf die paar Blumen auch nicht an.

Das Murmeltier macht eine Kaffeepause in der Arbeit
Das Murmeltier macht eine Kaffeepause in der Arbeit

 

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 25206

Osterhase

Warum muss ich die Eier schleppen?
Bestellt doch eine Spedition
oder findet andere Deppen,
die schuften für einen Gotteslohn.

Ich würd ja liefern altbewährt,
wenn ihr Menschen das ganze Jahr
genauso freundlich zu uns wärt
wie zur Osterzeit, ehrlich wahr.

Leider ist’s Gegenteil der Fall:
Für Hasen gibt es Abschussquoten.
Ab Oktober erklingt manch Knall
von waidmännlichen Idioten.

Also kümmert euch selbst, Herrgott,
um eure buntbemalten Eier –
ab sofort gibt’s Oster-Boykott!
Ich streike! Schöne Feier!

Bernd Watzka
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26008

 

 

 

Die eierlegende Wollmilchsau

Der ganze Stall ruft lauthals: „Wow!“,
als die eierlegende Wollmilchsau
auf ihrer Tournee durch die Welt
besagten Stall mit Ruhm erhellt.

Die Schweine grunzen aufgeregt
Jedes Huhn vor Freud’ drei Eier legt.
Die Milchkühe muhen ehrfurchtsvoll,
die Schafe blöken: „Mäh – bist du toll!“

Da krabbelt was über die Wiese –
und die Wollmilchsau kriegt die Krise.
Eine Seidenraupe! – bislang unbekannt,
ward gekommen aus fernem Land.

Die Wollmilchsau blickt aufs Raupentier
und sagt „O Gott, wie ich mich blamier!
Ich dacht bis heut, ich sei vollkommen,
doch du hast mir mein Glück genommen.

O Raupe wie sehr ich dich beneide,
um deine einzigartige Seide!“

Bernd Watzka
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www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 26012