Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist

„Kinderlachen ist wichtiger als Geld“,
sagst du, also hab ich mir neue Laufschuhe bestellt,
damit ich schneller rennen kann.
So hetz ich hinterher, will es einfangen, festhalten,
einfrieren, zweifrieren, will die Schallwellen und Gefühle pausenlos verwalten.
Neulich habe ich sogar die Wände damit beklebt,
sodass mir auch ja kein einzigartiger Moment entgeht,
denn nur so können sich die Schmerzen in meinem Herzen nicht entfalten.

Ich will einfach nicht verstehen, dass Momente vergänglich sind.
Dass sie schneller sind als der Wind und in einem Sprint
immer auf der Überholspur und dabei längst nicht mehr die alten sind.
Denn wenn ich was Schönes erleb, dann sag ich:
„Lass es uns wieder tun!“ Doch noch im selben Moment ist mir klar,
dass nichts so bleibt, wie es war.
Dass jeder Moment wie ein funkelnder Diamant ein Unikat ist und
im Zeitstrom unseres Lebens nicht wiederkehrt. Verrinnt.

Und du sagst, dass die Momente wie Sterne sind, die verglühn
und nur in unseren Herzen weiterblühn.

Dann will ich ein Sternendieb sein! Und ich schultre mein Gewehr,
bin auf der Jagd und hetz hinterher,
will sie einfangen, festhalten und glatt polieren,
will mich verausgaben, alles tun, um ihren Glanz zu konservieren.
Will sie in meine Seele brennen, damit sie für immer bleiben.
Und du siehst dabei zu, wie ich die ganze Farbpalette meines Herzens
verbrauche, um sie wieder bunt anzupinseln,
weil ich es nicht ertrage, wie sie in mir gefrieren und ihr Strahlen verlieren.

Und du sagst, dass die Momente wie Sterne sind, die verglühn,
und nur in unseren Herzen weiterblühn,
wenn ich sie lasse, wie sie sind. Sie loslasse,
weiterziehe, meinen Weg damit schmücke
mich ab und an nach ihnen bücke, aber dann wieder nach vorne blicke,
weil ich sonst den Moment, in dem ich gerade bin, verpasse,
an den ich mich irgendwann erinnern könnte, wenn ich wollte,
mit dem ich Spuren hinterlasse.

Und wenn ich eines Tages stehen bleibe, dann hab ich großes Glück,
wenn du noch bei mir bist. Und wir denken gemeinsam an all das zurück,
was schön war, können das Lachen der Kinder mit Zeit begießen.
Denn wenn es bunt und üppig weiterblüht, wird es auch in ihre Herzen fließen,
und wir beide, wir sind im großen Universum ja auch nur ein Moment,
der verglüht … Aber das ist gar nicht mehr so schlimm,
denn du hältst meine Hand, lachst mich an und sagst,
dass ich nicht vergänglich bin.

Claudia Lüer

erschienen in: Christoph-Maria Liegener (Hrsg.):
8. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2022, Tredition-Verlag

Diesen Text können Sie hier auch hören, gelesen von der Autorin.

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt und unerHÖRT!| Inventarnummer: 22136

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2 Gedanken zu „Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist

  1. Mag. Robert Müller

    Große, gute Gedanken - nicht für jeden, aber für spätabends empfängliche, nur mit 1/8 lt Wein verdauliche Erfahrungen.

    Antworten

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