Kein Typ fürs Grobe - Teil 1

Ich bin bislang wahrlich selten ein Liebling der Götter gewesen. Zumindest ist mir nicht bewusst, je einer gewesen zu sein. Ebenso wenig kann ich mich nicht daran erinnern, jemals vor Glück gesungen zu haben: Heut‘ bin ich so vergnügt! Das Leben ist so schön! Drum bin ich ja so froh! Und wo es was zu trinken gibt, zu küssen gibt, da geht’s nicht ohne mich. Ein Vogerl fliegt! Ich bin ja so vergnügt! Holadrio! Habe ich etwas versäumt? Mag sein. Das liegt bei mir am Tempo. Ich bin ganz einfach zu schnell, zu schnodderig. Also beschließe ich, von heute an alles langsamer, ruhiger, besonnener, bewusster zu machen. Aufmerksamer durch den Tag zu streunen. Auf diejenigen, die mit mir sind, besser einzugehen. Nicht mehr so fahrig zu sein. Nicht alles, was ich anfasse, sofort wieder aus der Hand fallen zu lassen.

Vielleicht sollte ich mehr dabei sein. Aber wo dabei? Ich erschrecke immer, wenn ich daran denke, nirgendwo dabei zu sein. So – so, sportlos beispielsweise. Ja, sportlos, wie ich bin, kann ich den Alltagsstress nicht aus meinem Kopf verbannen. Untrainiert wie mein Körper ist, bleibt alles, was mir durch den Kopf geht, am Gehirn hängen. Dabei ist das Land hier sportlich, sagt man, wegen der zahlreichen Siege unserer Athletinnen und Athleten. Ja, die Heimat ist sehr sportlich, und es tut nichts zur Sache, wenn auch manchmal ein wenig Koks oder sonst was dabei war. Dem Sportlichen verzeiht man beinahe alles, nur nicht, dass er verliert!

Gut, und ich gebe zu, nicht zu wissen wo’s langgeht. Das kann einem schon hin und wieder passieren. Aber auf Dauer? Ist auch kein Wunder, betrachtet man diese Welt und den tieferen Sinn des Lebens etwas genauer. Aus diesem Grunde kommt es vor, dass meine verletzte Seele eben nur ab und zu wie an einem Bungee-Seil, und das auch bloß für Sekundenbruchteile, nach oben fliegt, was meistens dazu führt, dass ich im Glückstaumel, ungeübt darin, wie ich nun einmal bin, total die Orientierung verliere, weil ich ganz einfach mit dem Phänomen unerwarteter Freude nicht umzugehen vermag. Wie sollte ich denn auch? Also lasse ich sie unten, die Freude. Da bleibe ich vor unliebsamen Überraschungen verschont. Vor allem ist die Fallhöhe nicht so groß. Ich sehe eben schwarz. Denn – mir fehlt sie ganz einfach, die rosarote Brille. Ich wurde ohne sie geboren.

Ebenso wie ohne die schneesicheren Moonboots, den bruchsicheren Kopfschutz und die eherne Beinschiene, und es ist mir vollkommen egal, ob die Pistazie plötzlich ihren Weg in die Schokolade gefunden hat oder nicht. Ich spiele nicht mit! Und wenn ich es müsste, hätte ich zumindest nicht den Wunsch zu gewinnen. Die erfüllendsten Momente des Lebens sehe ich augenblicklich darin, mich von mir selber zu erholen und ich fühle, als hätte ich nach den gewaltigen Anstrengungen der letzten Jahre, einem Lauf nach Sparta gleich, unerwartete Hilfe im Kampf gegen die eigene Bestimmung erlangt, und möchte hinausschreien: Das Ziel! Das Ziel ist – erreicht!
Aber was denn für ein Ziel, frage ich mich? Alles, was ich bisher angefangen und beendet habe, erscheint mir bloß nur noch wie ein Mythos in meinem Bestreben nach der größten Eigenleistung. Und trotz allem bin ich nicht dabei. Bin nicht beim Yoga oder Pilates. Beim Tennis nicht und nicht am Laufband. Das Schnurspringen habe ich längst aufgegeben. Einziges Outdoor-Erlebnis bleibt der tägliche Abendspaziergang durch den Rathauspark, über den Ring, hinüber zum Burgtheater, am Café Landmann und an der Universität vorbei. Nur noch vorbei. Durch die Schottengasse die Herrengasse entlang. Manchmal auch über den Kohlmarkt zum Michaelertor hin, dann durch den Volksgarten. Vorbei am Theseustempel. Und wieder zurück sein. Das ist augenblicklich am tröstlichsten. Auf diese Weise verzichte ich immer öfter auf den Katalysator, emotionale Reaktionen unter Leistungsdruck zu erfahren und abzubauen. Immerhin, noch ist es nicht so weit, mich auf die Beobachtung dieser Welt von den schmalen Erkerfenstern aus zu beschränken.
Der Gedanke ist jedoch durchaus vorstellbar. Alles wird kommen. Die Gasse, mit ihrem beinahe dörflichen Charakter ungewöhnlich niedriger Häuser in dieser Gegend, beendet im Nordwesten ihren Horizont mit der düsteren Glasfassade des Allgemeinen Krankenhauses. Keine besondere Aussicht! Im Osten mit der unteren Häuserfront der Lerchenfelder Straße. Die Trafik ist jetzt ägyptisch geworden. Drinnen duftet es nach Räucherstäbchen und aus dem Hinterzimmer dringt arabische Musik. Die Billa-Damen stammen allesamt aus Bosnien oder Serbien. Sie unterhalten sich über Tampongrößen – an der Kasse. Ausnahmsweise auf Deutsch. Ich kann nur die kleinen nehmen, sagt die Dunkelhaarige zur blond Gefärbten. Die anderen gehen bei mir einfach nicht rein. Die Leute an der Kasse schauen unschuldig, wollen nichts gehört haben. Niemand spricht ein Wort. In ihren Gehirnen arbeitet es fieberhaft. Jeder hat wohl jetzt seine eigene Vorstellung zu dieser Information. Nur einer verzieht seinen Mund zu einem Grinsen.

Vorne, an der Ecke beim Spar, belagert immer derselbe rumänische Obdachlosenzeitungsverkäufer den Eingang. Da musst du vorbei. An dem kommt keiner ungefragt vorüber. „Geben kleine Spende, biiitte!“ Man sieht sein prächtiges Gebiss. Wie von einem Raubtier! Ich hingegen leide an Karies. Heute kaufe ich grünen Tee und Bitterorangenmarmelade bei Demmer, hinter der Mölker Bastei. Lung Ching, zehn Deka. Ich kaufe seit Jahren immer nur Lung-Ching. Die polnische Verkäuferin bei Demmer ist sehr zuvorkommend. Sie passt gut zum Duft, den die Tees verströmen. Der Maronistand an der Ecke zur CA-Bank ist schon seit Wochen in Betrieb. Das bedeutet, es geht stark auf Weihnachten zu.

In der Stadt riecht man kaum noch Erde. Vielleicht noch eher im Volksgarten, da scheint ihr Geruch erfahrbar, wenn sie nach einem Regen feucht ist. Ende November aber, da spürst du diesen blassen Teint von Tod, von sehnsuchtsvoller Ruhe, diesen Drang nach Ausrasten, Schlafen, nach Aufhören, wenn die Rosen nach und nach eingepackt werden, um sie vor dem Frost zu schützen. So süß! Direkt verführerisch, dieses Aroma, alles für immer zurücklassen zu wollen. Die Natur macht eine Auszeit. Nur wir hetzen hinter allem her wie die Verrückten. Die fetten Raben durchbrechen die scheinbare Ruhe mit ihrem heiseren Gekrächze. Diese Stille, die keine ist, der permanente Motorenlärm, der in der Luft liegt – daran habe ich mich so gewöhnt, dass mir so ist, als wäre alles ruhig. Nun belügt sich der Geist in einem fort, ganz unbemerkt. Die alten Heimkehrer aber tragen ihre Fahnen vor sich her, bis sie umfallen, ehe sie sie loslassen.

Vorm Rathaus sind die Christkindl-Buden geöffnet. Die alljährliche Tanne ist heuer etwas mager und stammt aus – Salzburg, ach ja. Es regnet ein wenig. Ich rieche an den Zweigen eines überdimensionalen Adventkranzes. Sauge den Harzgeruch ein, der sich sanft in Wellen ausbreitet. Begleitet von diesem Duft hängen an ihm tausende Erinnerungen an meine eigenen kindlichen Vorstellungen von Weihnacht. An die vergeblichen Mühen der Eltern, uns den Zauber ums Christkind so lange wie möglich vorzuspielen. Da war das rote Plastik-Rennauto. Mercedes oder so. Das DKT-Spiel. Ich habe stets verloren, wenn ich mit den älteren Schwestern spielte. Gnadenlose Geschäftswelt. Schon als Kind war sie mir verhasst. Patiencebäckerei vom Meinl. Mit dem Mohren darauf, der heute ein Farbiger sein muss. Johannisbrot und Lakritzestangerl. Ekelhaftes Zeug für denjenigen, der Schokoladenlebkuchen gekannt hat oder Windbäckerei. Alles wäre gut gegangen, wäre vergraben geblieben, verschüttet, verdrängt, bis zum Tag der plötzlichen Ernüchterung.
Die Geschichte vom Christkind – von vorn bis hinten erlogen! Mama blickte wehmütig drein, als ob es ihr leid tat um ihr gehütetes Geheimnis, und dieses nun gelüftet sah. Die ältere Schwester hatte mich jäh meiner Illusion beraubt. Und damit du´s weißt, das ist alles von Mama und Papa! Christkind gibt´s nicht! Damit trete ich in die Welt der Erwachsenen und deren Nüchternheit ein und Fantasien werden zur banalen Wirklichkeit und verlieren ihren zauberhaften Glanz. Den des Wunders, des Geheimnisvollen, der Geheimnistuerei. Von da an raschelt es nicht mehr im Karton. Und wenn doch, dann weiß ich, es ist bloß die Mutter. Also flüchte ich wieder zurück in die Welt des Scheins und der Einbildung und versuche sie mir, bis heute, so zu bewahren. Ich bin ein Träumer geworden, aus Opposition gegen die Realität.

Advent in Wien ist die Zeit, in der man die Spannungen zwischen den Menschen am deutlichsten in der U-Bahn zu spüren bekommt. Die Jungen telefonieren wie besessen, aus Angst, nicht zu vereinsamen wie die Alten. Die Leute sitzen regungslos auf ihren Sitzen, ohne ein Lächeln auf den Lippen. Sie besetzen die dem Mittelgang nahen Sitze, nicht die Fensterplätze und wenn du dich hinsetzen willst, musst du dich an ihren Knien vorbeizwängen. Sie lassen sich Fluchtwege offen.
Auch ich selbst bewege meine Lippen kaum. Mache sie schmal und presse die Kiefer zusammen. Warte, was kommt. Und wenn ich den Mund schon einmal öffne, dann bloß, um die Lippen mit der Zunge zu befeuchten, um sie vorm Austrocknen zu bewahren, vorm Wind, der ständig durch die Gassen weht. Manchmal bekomme ich den Mund nicht auf, weil ich vergesse, die Kiefer loszulassen, hängen zu lassen, entspannt sein zu lassen. Und es kracht furchtbar, wenn ich sie öffnen will.
Ich sehe mir die Menschen genau an. In Sao Paulo mag natürlich alles anders sein. Aber in London und New York sind sie genauso stumm wie hier – am Morgen, wenn sie zur Arbeit fahren, das weiß ich mit Sicherheit.

In den wenigen ruhigen Momenten meiner Rastlosigkeit rüttelt der verhinderte Ehrgeiz hinter hölzernen Palisaden, eingemauert, der mir verwehrt, mein Leben in ruhigeren Bahnen laufen zu lassen.

Gedanken an die Kindheit drängen sich auf. Da sind sie wieder – die Geister! So plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Da ist nicht nur der Wasserkessel, der genau dann überzugehen drohte, wenn Mama kurz einkaufen gegangen und ich vor Angst beinahe gestorben war. Da ist auch die Erinnerung an all die dunklen Ecken und Winkel, wenn der Abend hereingebrochen war. Das ostinate Ticken der Küchenuhr, das nicht aufhören wollte. Ein Knistern hinter dem Kasten. Das Quietschen einer Tür? Die Mutter musste doch jeden Augenblick kommen? Bange Kinderminuten voll Zweifel. Gänsehaut! Dunkle Ecken, beseelt. Geister? Gab es welche? Ganz sicher war man sich nie. Das Herz klopfte wild.
Sie hätte ja auch schön sein können, die Ruhe. Aber sie war es nicht. In dem verdammten, dunklen Küchenschlauch der väterlichen Dienstwohnung, mit jener ekelhaften Speisekammer und den scharfgemachten Mausefallen, der unerreichbaren Riesentafel Kochschokolade! Wäre es bloß nicht so finster gewesen dort drinnen! Das Licht von der Küche reichte nicht aus, um dieses Loch ausreichend zu beleuchten.
Ich denke an Washington. Wie komme ich jetzt da drauf? Weiße Prachtbauten mit Freitreppe. Und mein Schicksal! Ich verfluche es. Stattdessen geistert der Herr Papa stets in mir herum. Winzige, schier unbedeutende Szenen spielen ihr verrücktes Spiel, selbsttätig und unaufgefordert, unbeeindruckt von meinem Willen, davor verschont sein zu wollen, spulen sie sich vor meinem geistigen Auge ab, wie ein Film. Ich habe nicht darum gebeten!

Es finden sich unbedeutende Szenen erhaltener Ohrfeigen darunter. Unbedeutend, denke ich. Doch nein! Die Geschehnisse drum herum werden umso deutlicher, je mehr sie sich meiner Erinnerung aufzwängen. Und schicksalsschwerer werden ihre Ursachen und Auswirkungen. Lediglich ein paar Ohrfeigen, als Zeichen der Macht verabreicht, zur Disziplinierung, vor versammelter Kollegenschaft. Nichts Besonderes damals. Die Tränen waren ebenso rasch vergessen wie sie vergossen waren. Die Wirkung allerdings war nachhaltig. In kühnen Träumen würde ich zurückgeschlagen haben. Mich gegen die feige Tat eines Erwachsenen zur Wehr gesetzt haben. Es war um nichts gegangen. Um absolut nichts von Bedeutung. Und selbst wenn. Ich war erst acht und wog siebzehn Kilo. Er war fünfzig, achtzig Kilo schwer. Ich habe diese Welt immer schon gehasst, mit samt ihren Ungerechtigkeiten! Der Schmerz war es, nicht geliebt zu werden. Und er bedeutete nichts gegen die Wucht des Aufpralls, der das Ohr für Momente taub werden ließ.
Aus diesem einzigen Grund entzieht der allzu zarte, kränkliche Knabe, seit frühesten Kindestagen oftmals schwer erkrankt, für Wochen in weit entfernten Kliniken abgeben, ohne Liebe auf sich allein gestellt, ohne Zuwendung, er, der Trennungen bis heute nicht verkraften konnte – vor einer übermächtigen Vaterfigur als Hohlkopf und Nichtskönner bezeichnet – jener bedauernswerte Mensch also, mit dem heutigen Tage diesem, dem leiblichen Vater, die offizielle Vaterschaft! Na also! Endlich! Sie haben es geschafft! Befreien Sie sich! Befreien Sie sich endlich von ihrer Vergangenheit, mein Herr!

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus "Der Chronist" - in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 15121

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *