Herbststurm

Arno erinnerte sich, es musste im Oktober gewesen sein, als er zusammen mit seiner Frau Constance Freunde in einer Bar in der Innenstadt getroffen hatte. Eine Menge Leute waren um sie herum. Klaus und Marion, deren französischer Freund Pascal, Elke und Hans, und noch einige Bekannte, die er nicht beim Namen gekannt hatte. Man saß auf diesen hohen Stahlrohrhockern rund um eine schwere Eichentheke und plauderte angeregt miteinander. Klaus und dieser Pascal unterhielten sich prächtig übers Segeln.
Er selbst war etwas gelangweilt, irgendwie war damals nicht sein Tag. Wann war eigentlich jemals sein Tag gewesen?, überlegte Arno fieberhaft. Was für eine blöde Frage! Auf alle Fälle brannten ihm tierisch die Augen vom Zigarettenrauch, das wusste er mit Sicherheit und er versuchte, sich an Pascal genauer zu erinnern. Ein hübscher Mann, gewiss, schlank, wirklich gute Figur, schwarze, dichte lange Haare. Gesicht braungebrannt. Sein weißer Pullover mit Zopfmuster stand in Opposition zur dunklen Gesichtsfarbe. Wer so aussah, brauchte kein Hirn. Blöd war nur, dass er offensichtlich auch noch sehr klug war.  Ob Constance ihn damals … ?

Dabei war ihm nicht das Geringste aufgefallen. Und doch! In dieser Bar mussten zwischen ihr und diesem, diesem … die Grundlagen dafür geschaffen worden sein für das, was jetzt ganz offensichtlich Sache war. Spätestens da, als jener davon gesprochen hatte, dass man in Paris jetzt häufig Sushi aß, und wo die besten Restaurants dafür wären.
Wieso war ihm nicht schon damals aufgefallen, dass Constance diesem Kerl mit einer Faszination zugehört hatte, die ganz einfach … ach! Natürlich! Und wie sie ihn angestarrt hatte! Als wollte sie ihn an Ort und Stelle vernaschen. Und Arno war sich ganz sicher, dass dieser Zuchthengst gar nicht erst dazu gebracht werden musste, wenn man wusste, wie gut Constance aussah. Wieso hatte dieser Scheißkerl keinen Respekt vor ihm und seiner langjährigen Ehe mit Constance, fragte sich Arno voll Grimm und der blanke Hass stieg in ihm auf, wie ein Gewitterturm im Juli vor der Heuernte. Hatten die beiden nicht auch noch getanzt? Natürlich, weil er, Arno, zu müde war. „Man sollte das Ruder nie aus der Hand geben, richtig! Hätte ich an diesem Abend … zu spät.“

Jetzt wusste er, warum sie so ruppig zu ihm gewesen war, als er sie drängte, endlich zu gehen. Schließlich war der nächste Tag ein Arbeitstag. Natürlich! Jetzt wurde ihm alles klar. Schließlich war er dann allein nach Hause gegangen. „Was für ein nicht wiedergutzumachender Fehler!“ Aber dass es so leicht sein würde? Schließlich waren sie beiden seit über zehn Jahren verheiratet gewesen und nichts, aber schon gar nichts hatte jemals darauf hingedeutet, dass Constance, die ihm eigentlich immer so durch und durch vergeistigt schien, auf solch animalische Anmache hereinfallen würde.
Nie im Leben hätte Arno daran gedacht. So konnte man sich täuschen!

Am Abend des folgenden Tages … richtig, sie steckte mit beiden Beinen in ihrer Fußbadewanne, vor dem Fernseher, und rasierte sich die Beine mit einer Gründlichkeit, die er so bei ihr zuvor niemals beobachtet hatte. Sie hatte sich Kaffee gemacht und telefonierte eben, als er hereinkam und ganz offensichtlich störte! Jetzt fiel es ihm wieder ein. Diese Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte! Beinahe verächtlich, so, als wäre er für sie gar nicht vorhanden. Er war nicht darauf eingegangen, weil er keinen Grund dafür gesehen hatte. Alles schien in Ordnung. Kein Anlass für irgendwelche Hirngespinste. Doch musste zu diesem Zeitpunkt bereits etwas im Busch gewesen sein. Was sie von dem Franzmann wollte, schien ihm jetzt klar.

Heute Morgen, nachdem er vergeblich versucht hatte, Constance telefonisch zu erreichen, hatte er einen Brief von ihr an sich gefunden. Er lag versteckt hinter dem Brotkörbchen, und irgendwann, wenn man dieses zur Seite geschoben hatte, musste man eines Tages zwangsläufig darauf stoßen. Und dieses „irgendwann“ war heute. Also öffnete er ihn und begann ganz langsam darin zu lesen:  Liebling, wenn du diese Zeilen gefunden und gelesen hast, ruf mich bitte nicht gleich an, sondern versuche, mich ganz einfach erst zu verstehen!

Arno senkte das Blatt und starrte stumm in den Raum. Er, der kaum rauchte, ging in den Vorraum, um nach Zigaretten zu suchen, die dort meist im Schuhregal deponiert waren, wenn überhaupt welche da waren. Zum Glück waren welche da. Mit Zeigefinger und Mittelfinger fischte er eine aus der bereits geöffneten Packung und suchte nach einem funktionierenden Feuerzeug. Neben dem Gasherd fand er eines, wer hätte das gedacht? Arno zündete sie an und blies den Rauch bedächtig von sich. Er wagte vorläufig nicht, weiterzulesen, so, wie er es oft bei Finanzamtsbenachrichtigungen tat, damit der Schock über die Enttäuschung etwas zeitverzögert blieb.
Um noch Zeit zu gewinnen, denn er wusste, dass dies keine für ihn beruhigende Nachricht sein konnte, ging er zum Schiebeschrank und nahm die einzige, nur noch viertelvolle Flasche Whisky heraus. Er griff sich ein bauchiges Glas und goss langsam ein. Bevor er den ersten Schluck tat, atmete er zunächst das starke Aroma tief ein. Dann setzte er das dünne Glas an seine schmalen Lippen. Der Whiskey brannte etwas auf der Zunge. An und für sich kein gutes Zeichen für einen „Zwölfjährigen“. Aber heute sollte man nicht genießen, sondern töten! Die Seele betäuben und den Schmerz lindern. Arno spürte, wie der Alkohol seine Magenwände wärmte und sich sein Bauch entspannte. Er nahm einen tiefen Zug von der Zigarette. Dann griff er zum Brief, gestützt, gefasst, gleichzeitig innerlich unruhig, aufgewühlt. Was hatte dies alles zu bedeuten?

- Ich kann nicht anders.
„Was, zum Donnerwetter kann sie nicht anders?“
- Du musst mich verstehen! Bitte, reg dich nicht auf, mir geht es gut. Ich werde voraussichtlich bis dreiundzwanzigsten bleiben.
„Dreiundzwanzigsten? Das sind… verdammt, das wären ja über drei Wochen! So lange war sie noch nie weg. Sollte doch dieser Scheißtyp aus der Bar … ich bringe ihn um, diesen Drecksack! Ja, ich erschieße ihn. Ich fahre nach Paris und knall ihn ab!“ Arno musste sich setzen. Seine Beine wurden schwach. Er rauchte hastiger als zuvor. Die Zigarette war bereits bis an den Filter geraucht. Er dämpfte sie in einem Kaffeeuntersetzer aus und nahm einen großen Schluck Whisky, an dem er sich beinahe verschluckte.

- Es hat alles überhaupt nicht mit dir zu tun, verstehst du?
„Nein! Das verstehe ich nicht!“, schrie Arno und erschrak vor seiner eigenen Stimme. „Was gibt es daran zu verstehen? Alles klar, oder?“
- Du bist wunderbar, Liebling.
„Sie will mich bloß verarschen, oder?“, flüsterte Arno und raste in den Vorraum um eine zweite Zigarette, die er sich mit zittrigen Fingern ansteckte.
- Das mit Pascal ist eine ganz andere Geschichte. Es ist eine Sache zwischen uns beiden, ihm und mir, verstehst du?
„Und ich bin ein Arschloch, oder?“, schrie Arno aus vollem Halse. „Ich habe nichts damit zu tun, du blödes Stück!“, brüllte er wie von Sinnen und warf sich zu Boden. Das Glas fiel um. Auf dem Teppich breitete sich ein riesiger Fleck aus. „Scheiße! Scheiße!“ Mühsam rappelte er sich hoch. Sein Herz raste wie verrückt. „Ich schneid ihm den Schwanz ab!“, tobte er. „Ich erschlage ihn. Und sie dazu!“ Dann setzte er sich auf die Couch und vergrub sein Gesicht in seine beiden Hände, bitterlich schluchzend. Es dauerte eine Weile, bis er sich erholt hatte. Im Kühlschrank waren noch zwei Flaschen Bier. Er stand auf, etwas wackelig, vor Aufregung und wegen des Whiskys, und ging in die Küche, um eine davon zu öffnen.

- Ich kann dich nur bitten, zu verstehen. Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen. Ich liebe dich. Auf bald!
Arno wurde heiß. Sein Hemdkragen begann ihn zu würgen, sodass er ihn aufriss und der oberste Knopf in weitem Bogen davonflog. Rasch einen Schluck kaltes Bier. „Setz dich!“, befahl er sich selbst, „ich bitte dich, setz dich!“, schrie er, „bevor ich einen Blutrausch kriege!“ Mit einer raschen Handbewegung griff er zum Telefon.
- Ruf mich an, wenn es dir nicht gut geht. Sollte ich nicht erreichbar sein, hinterlass mir eine Nachricht. Ich werde dich zurückrufen.
„Miststück! Bestialisches, eiskaltes, widerwärtiges, ekelhaftes Weibsstück! Wie ich dich hasse, ich finde keine Worte! Wie ich euch Weiber hasse und eure ewige Rolle des Schlangenhaften, Verführerischen, und dass ihr sofort alles kriegt, was ihr wollt! Hol euch allesamt der Teufel!“, schrie Arno erneut nach Leibeskräften.

Er wählte Constances Nummer. Nichts! Nur die Sprachbox. Schon wollte er daraufsprechen, dann ließ er das Handy sinken, resigniert, müde, erschöpft, betrunken.
„Das Ende“, hauchte er, „das überleb ich nicht!“

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 15034

 

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *