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In Grün bist du am schönsten

Wir zwei sitzen da
reden
Für einen Moment blicke ich in ein Gesicht
ohne Makel
ein Satz an Wörtern verstummt

Ich falle fast vom Stuhl
verstehe nicht ganz, was vor sich geht
jedes Detail an dir
von der Pore an verschmilzt zu einem Gemälde

Draußen ist es Nacht
schwarze Löcher schließen sich
für den Moment

Tagsüber blitzt dein Antlitz auf
ich trage etwas in meinem Gedächnis mit
eine Ration an biologischer Kunst

Für Liat

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 19115

Jene Liebe

Sandra und ich waren gerade dabei, die letzten Gläser des Tages aus dem Geschirrspüler zu räumen, als sich die Lokaltüre erneut öffnete, ein Mann mittleren Alters eintrat und sich erkundigte, ob es möglich wäre, noch einen Kaffee zu bekommen. Da es bis zur Sperrstunde noch eine Viertelstunde hin war, bedeutete ich ihm, Platz zu nehmen. „Was darf ich Ihnen bringen?“, obwohl es das Ende eines 14-Stunden-Tages war, hielt sich meine Müdigkeit in Grenzen; vielleicht hatte ich sie einfach schon übertaucht. „Einen großen Braunen bitte“, auf merkwürdige Weise erschien mir sein Lächeln vertraut, als ich ihn ansah, während ich seine Bestellung aufnahm. „Sie haben bis zwei Uhr geöffnet, wenn ich richtig gelesen habe?“, er blickte auf seine Uhr. „Ja“, ich nickte, „aber Sie müssen sich nicht hetzen. Ich bin noch nicht fertig hier!“ „Ich hoffe, Ihr Vorgesetzter weiß Ihre Einsatzbereitschaft zu schätzen!“, sagte er, während er seine Jacke über seinen Stuhl hängte. „Ich denke schon, dass ich meinen Einsatz in meinem Lokal noch schätze“, erwiderte ich. „Das haben Sie sehr gut hinbekommen“, er nickte anerkennend.
„Stört es Sie, wenn ich die Musik wechsle? Um diese Uhrzeit stört sich niemand mehr an Bon Jovi; fürs Alltagsgeschäft taugt er hier leider nicht so wirklich.“ „Nein, absolut nicht“, er schüttelte den Kopf, „ich mag Bon Jovi. Bist du Corinna? Corinna Berger?“ Die Erwähnung meines Mädchennamens ließ mich überrascht aufhorchen. Ich hatte ihn seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gehört. „Mittlerweile Karakaban, ich bin verheiratet“, ich sah ihn überrascht an, „kennen wir uns?“ „Harald“, sagte er leise, „Harald Stein!“ Vor mir saß meine Jugendliebe! Und Bon Jovis Never say Goodbye war unser Lied. „Dreiundzwanzig Jahre“, flüsterte er und umarmte mich, „du bist wunderschön! War das Leben gut zu dir?“ „Ja“, ich lächelte erfreut, „wie geht es dir?“ „Gut, gut, ja“, er lächelte verlegen. Einige Augenblicke standen wir voreinander, ohne zu wissen, was wir sagen sollten.

Sechs Jahre sind eine gute Zeit für eine erste Beziehung. Wir hatten uns bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Altersheim kennen gelernt, da wir beide schon immer sozial engagiert gewesen waren. Schon beim ersten Treffen hatten wir uns ohne viele Worte verstanden. Es fühlte sich natürlich an, wenn wir zusammen waren. Bis wir an einem Freitagabend, bei der Party eines gemeinsamen Freundes, Tom, Arm in Arm einschliefen und uns am nächsten Morgen nach dem Aufwachen einfach küssten, als wären wir schon eine ganze Weile zusammen. Da wir beide Morgenmenschen waren, waren wir früh im Gästezimmer, das Tom uns reserviert hatte, eingeschlafen. „Na ihr beiden, wieso grinst ihr so?“, fragte Tom, als er in die Küche kam, um sich ein Glas Wasser zu holen, ehe er ins Bett ging, weil gerade erst, um sieben Uhr morgens, die letzten Gäste gegangen waren. In jenem Moment verriet mich die Röte, die mir immer ins Gesicht stieg, wenn ich bei etwas ertappt worden war. Tom begann zu lachen. „Corinna, Kleines, ich kenne dich lang genug, du kannst nichts verstecken. Wir haben schon Wetten drauf abgeschlossen, wann es endlich passiert, dass ihr zusammenfindet!“ „Ich hoffe, du hast gut gewettet!“, erwiderte Harald trocken und küsste mich auf die Stirn.

An jenem Samstag hatten wir ausnahmsweise nichts vor, so konnten wir den Tag gemeinsam verbringen und alles auf uns wirken lassen. Wir unternahmen eine Radtour und ließen uns irgendwann mit dem unterwegs besorgten Proviant bei einem kleinen See nieder. Während wir aßen, las Harald mir einige seiner Lieblingsgedichte vor, auch einige, die er selbst verfasst hatte. Ich konnte mich im Klang seiner Stimme verlieren, die den Wortbildern Leben einhauchte. Ich empfand Klopstocks Gefühle aus dem Gedicht Wiedersehen nach, sah den Mond aus Claudius‘ Abendlied vor mir aufgehen, seinen Nebel vor mir aufsteigen und durchlebte Brentanos Liebesnacht im Haine.

Irgendwann lagen wir einfach nur im Schatten, mein Kopf auf seiner Brust, sein Arm um mich gelegt. Mein Herz schlug bis zum Hals, als er sich plötzlich zur Seite drehte und mich lang küsste. „Keine Sorge, meine Kleine, alles hat Zeit, das ist kein Wettbewerb“, er drückte mich fest an sich.

Im Laufe der Zeit entwickelten wir unsere Rituale. Unsere Sonntag verbrachten wir entweder gemeinsam, bei seiner oder meiner Familie oder alleine, wenn wir das Gefühl hatten, Ruhe zu brauchen. Freitag war der Abend, den wir mit Freunden verbrachten, nicht unbedingt zusammen. An zwei bis drei Nachmittagen waren wir gemeinsam ehrenamtlich unterwegs und die Samstage gehörten nur uns. Zumindest Teile unserer Sommer verbrachten wir immer gemeinsam im Ausland, weil wir so viel wie möglich von der Welt sehen wollten. Unsere Radtour durch Litauen, im Sommer nach meinem achtzehnten Geburtstag, war eines unserer intensivsten Erlebnisse, weil es vor allem ihn neue Seiten an mir sehen ließ. Vielleicht war das unser Geheimnis: genug Gemeinsamkeiten, aber auch genug Gespür für die nötige Distanz.

Als wir zu studieren begannen, zog es uns beide von Salzburg nach Wien. Und unser Ende kam so schleichend, dass wir es nicht gleich realisierten. Leise begann die Sprachlosigkeit zwischen uns, weniger Zeit für uns, mehr Zeit, um auszubrechen und sich auszutoben. Immer häufiger verbrachten wir immer mehr Zeit getrennt, mit anderen Menschen und Interessen und damit, Neues zu erleben, das zu teilen uns nicht mehr wirklich gelang. Neben Studium, einem Studentenjob und neuen Freundschaften blieb nicht mehr viel Raum für uns, weil alles Neue, durch das wir uns entwickelten und veränderten, uns voneinander entfremdete. Nach einem Jahr hatten wir außer einigen Bekannten nichts mehr gemeinsam. Wenn ich mich zurückerinnere, sehe ich uns weinend auf der Couch sitzen. Es war eine lange Nacht, in der wir uns zum ersten Mal betrogen hatten. Und das auf derselben Feier, auf die wir geraten waren, weil wir zufällig Bekannte des Gastgebers kannten ...

/Corinna, du weißt, dass ich dich liebe, oder? /Ja ich weiß. Ich dich doch auch. Und wann haben wir uns verloren? /Ich weiß es nicht; ich hätte nie gedacht, dass so etwas ausgerechnet uns passieren würde. Ich habe immer gedacht, dass uns so etwas nicht passieren könnte. /Ja ich auch, für mich waren wir etwas, das einfach zusammengehört, ein Paar wie ein Paar alte Hausschuhe. Aber vielleicht war das unser größter Fehler.

Bald danach zog er aus der gemeinsamen WG aus, nachdem er eine Wohnung und einen Nachmieter gefunden hatte. Gintaras, ein Masterstudent aus Vilnius, meiner Geburtsstadt. Nach dem Studium zog ich für zwei Jahre nach Vilnius, ehe ich eine Stelle als Reservierungsleiterin im Istanbul Marriott Hotel Asia bekam. Die Stelle war auf zwei Jahre befristet, so konnte ich mich mit sechsundzwanzig noch immer umorientieren, sollte mir die Hotellerie nicht mehr zusagen. Doch war ich danach noch weitere drei Jahre geblieben, hatte allerdings die Abteilung gewechselt: Food and Beverage, also Verpflegung, und war sogar Restaurantleiterin geworden.
In Istanbul lernte ich meinen Mann Alican kennen. Auch er war in Wien aufgewachsen und nach der Ausbildung nach Istanbul gekommen. Wieder fing es ohne viel Aufregung an. Wir trafen uns häufig zum Essen, er zeigte mir Istanbul. Genau wie ich liebte er Städte bei Nacht. Wir sprachen viel über Vorstellungen, Glauben und Lebensentwürfe. Auch Alican wollte sich einmal selbstständig machen und fand Gefallen an meiner Idee von einem kleinen Café. Sein Heiratsantrag war keine Überraschung für mich. Harald hätte meine Träume wohl auch nie geteilt. Er wollte immer nur schreiben, das aktuelle Geschehen einfangen. Dafür hatte er, seit wir nach Wien gezogen waren, alles hintangestellt. Für meine Träume und Wünsche hatte er bald kein Ohr mehr gehabt.

Unsere Hochzeit fand im kleinen Rahmen in Istanbul statt. Wir beide, unsere Eltern und unsere engsten Freunde. Nach der Hochzeit zogen Alican und ich bald wieder nach Wien. Wir hatten genug gespart und fanden schon nach kurzer Suche das perfekte Lokal in der Innenstadt. Ein Lokal mit vielen großen Fenstern und hohen Wänden für die Bücherregale. Jeden Abend von sechs bis zehn Uhr kam Vladan, unser kroatischer Pianospieler.

Harald und ich saßen uns an diesem Abend lange schweigend gegenüber. Es war fast auf den Tag genau dreiundzwanzig Jahre her, dass wir uns zuletzt gesehen hatten. Es gab so viel zu erzählen und keinen passenden Einstieg. Schließlich erzählte er mir von seinen Jahren in Amerika, von seiner Frau und seinem Leben. Gegen seinen Wunsch war er kinderlos geblieben; den Grund dafür verriet er mir nicht. Ich nehme an, es ist ein zu persönlicher Grund. Alican holte mich um halb drei ab – wie jeden Freitag. Alles war sauber, die Tageseinnahmen waren abgerechnet und im Safe. Er wusste von Harald und dass es ihn vor ihm in meinem Leben gegeben hatte. Harald und ich haben uns seit jenem Abend nicht mehr gesehen. Das ist vielleicht auch gut so; zwischen einstigen Liebenden wird zu leicht Staub aufgewirbelt.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 19104

Wider und Für Lieben

Das Wider

Sitzen und warten
Ist es das wirklich wert?
Ich weiß es nicht.

Tränen und Angst
Mag dich dein Gegenüber?
Denke unsicher nach - komme zu keinem Schluss.

Wut und Streit
Ist es nicht schwer
Manchmal etwas kompromissbereit zu sein?
Ich weiß es nicht - ich habe es noch nicht versucht.

Trennung auf Zeit
Um über sich selbst klar zu werden
Ist das nicht der Anfang vom Ende
Zweier Partner?
Ich bin mir nicht sicher.

So viel Emotion
Lohnt sich das wirklich
Ein Leben lang?
Ich tappe im Dunkeln.

 

Das Für

Kommen und gehen
Vertrauen
Nähe und Ferne zugleich.
Ein Grund zu lieben?
Kommt nahe.

Begehren und aufeinander zugehen
Trotzdem sich nicht aufgeben müssen.
Ein Grund zu lieben?
Ich glaube schon.

Zeit geben
Seine Bedürfnisse spüren
Aufblühen.
Ein Grund zu lieben?
Ich bin fast sicher.

Einheit und Zweiheit nicht im Widerspruch
Gegensätze mit und ohne Widerspruch zugleich.
Ein Grund zu lieben?
Ich bin ziemlich sicher.

Vielleicht kein Schutz vor dem Fall
Aber das Netz unter dem Trapez
Das auffängt
Falls es zum Fall kommt.
Ein Grund zu lieben?
Ich bin sicher!

Zusammen sein
Zärtlich und ehrlich
Zwei Persönlichkeiten
Die nicht vollends verschmelzen müssen
Auch bei größter Nähe.
Ein Grund zu lieben?
Ich bin überzeugt!

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 19096

Am Bahngleis

Sie hat ihn nicht gesehen, als sie auf den Bahnsteig tritt; zu sehr ist sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Ruckartig dreht sie sich um, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürt. Ihr Lächeln ist überrascht und erfreut zugleich, als sie Harald, ihre Jugendliebe, vor sich sieht. Es ist einer der seltenen Momente, in denen sie nicht weiß, wie sie reagieren soll. Gefühle und Erinnerungen treffen sie im ersten Augenblick mit einer ungeahnten Wucht. Sieben Jahre sind vergangen, seit sich die beiden zuletzt gesehen haben.

Sie hatten sich auf einer Geburtstagsfeier kennen gelernt, auf der sie beide außer dem Gastgeber niemanden kannten. So waren sie irgendwann miteinander ins Gespräch gekommen und saßen die halbe Nacht auf der Terrasse, mit Zigaretten und einer Flasche Weißwein. Es war eine heiße Julinacht und irgendwann war sie mit ihrem Kopf an seiner Schulter eingeschlafen. Erst gegen fünf hatte er sie vorsichtig geweckt. An jenem Morgen hatte er sie zu ihrer Praktikumsstelle in einem kleinen Hotel begleitet, wo sie im Zuge ihrer Ausbildung an einer Tourismusschule zwei Monate als Frühstückskellnerin arbeitete, ehe er sich einen heißen Kaffee besorgt hatte, den er auf einer Parkbank nahe seiner Arbeit trank, während er ein Buch las, um sich die Zeit bis zum Arbeitsbeginn um halb acht zu vertreiben, da es sich nicht mehr lohnte, in seine Wohnung zu fahren.

Unzählige Nächte waren danach so ähnlich verlaufen. Vor allem teilten sie eine Leidenschaft für Bücher und  Filme. Besonders häufig hatten sie sich „The Virgin Suicides“ angesehen, weil jedes Mal an einer anderen Stelle Zündstoff für Grundsatzdiskussionen gewesen war. Er hatte ihre Begeisterung für Gedichte geweckt, als er ihr eines Abends vor dem Einschlafen einige seiner Lieblingsgedichte vorgelesen und sie dabei im Arm gehalten hatte. Vielleicht liebt sie deshalb die Gedichte des türkischen Dichters Nazim Hikmet so sehr: Die Stimmung, die er mit seinen Worten aufkommen lässt, erinnert sie an den unschuldigsten Sommer ihres  Lebens.

Eines Nachmittags holte er sie von der Arbeit ab, um sie mit einem Picknick auf der Donauinsel zu überraschen. Sie waren schon lange mit dem Essen fertig, als es zu regnen begann. Es war ein warmes Sommergewitter, nach einer trockenen, heißen Woche, das sich unweigerlich entladen musste. Ohne viel nachzudenken, waren sie in die Neue Donau gesprungen, um zu schwimmen. Beide liebten die Schwerelosigkeit, die man empfindet, wenn man im Wasser ist. So waren sie eine gefühlte Ewigkeit geschwommen, ehe sie zu ihm nach Hause gefahren waren, um sich heiß zu duschen, eine Pizza zu essen und sich einen Film anzusehen.

Wenn sie an diesen Tag zurückdenkt, erinnert sie sich auch an das intensive Gefühl der Geborgenheit, als sie in seinen Armen einschlief. Er hatte ihr in jenem Sommer Wien gezeigt, jene kleinen Ecken und Enden, in die es sie auch als Studentin immer wieder gezogen hatte. Sehr oft waren sie an gemeinsamen freien Nachmittagen und Wochenenden durch die Wiener Hausberge spaziert, hatten neue Lokale ausprobiert oder  Radtouren unternommen.

Am liebsten jedoch hatten sie sich, die beide immer schon introvertierte Menschen waren, am Rosenwasser im Prater unter einer alten Trauerweide getroffen:  Mit zwei Bechern Kaffee, einer kleinen Jause, einer Picknickdecke und jeder mit einem Buch hatten sie es dort stundenlang gemütlich gemacht. Mehr hatte es für beide meist nicht gebraucht, um zufrieden einen schönen Nachmittag zu verleben.

Nun stehen sie sich wieder gegenüber, mit einem verlegenen, glücklichen Lächeln. Er macht den ersten Schritt auf sie zu, umarmt sie. Sie erzählt Harald, dass sie auf eine alte Freundin aus Salzburg wartet, die sie seit der Matura vor sechs Jahren nicht mehr gesehen hat, da sich ihre Lebenswege nach der Schule getrennt hatten. Auch Harald wartet auf jemanden aus Salzburg; auf seine neue Freundin, die zu ihm nach Wien ziehen wird. Er freut sich zu hören, dass Corinna eine Stelle als Sprachassistentin in einem Gymnasium in Aarhus, Dänemark, bekommen hat, die sie in zwei Monaten antreten wird. Es beruhigt ihn zu wissen, dass sie ihren Traum, im Ausland zu arbeiten, nun verwirklichen kann.
Während sie auf den verspäteten Zug warten, trinken sie einen Kaffee, sprechen über alles, was war, und das, was vielleicht noch sein wird. Und insgeheim tut es beiden leid, als der Zug dann einfährt, weshalb sie Nummern austauschen, um sich zu einem ruhigeren Zeitpunkt noch einmal verabreden zu können. Und beinahe wäre ihr Abschied in diesem Moment wieder eine Spur zu vertraut ausgefallen.

Tatsächlich ergibt sich schon zwei Wochen später eine Möglichkeit, um den Worten Taten folgen zu lassen. Wie schon Jahre zuvor sitzen die beiden abends am Donauufer und beobachten den Sonnenuntergang.

„Schade, dass es dieses Mal nicht regnet“, sagt sie irgendwann. Harald nickt nur schweigend und nimmt sie in den Arm. „Erinnerst du dich noch daran, als ich nach der Party vergessen habe, dir dein Hemd wiederzugeben?“, fragt Corinna. „Ja“, Harald lacht, „es hat wenigstens einige Tage nach dir gerochen, als du es mir wiedergegeben hast. Das war schön.“ Insgeheim freut sich Corinna über seine Worte, sagt aber nichts darauf. Und als er seine Hand auf ihre legt, bewegt sie sich nicht, um die Zeit für einige Momente anzuhalten.
Man kann darüber streiten, ob eine solche Art von Intimität schon Betrug ist. Beide empfanden es so, als wäre dieser Moment nötig, um den sich falsch anfühlenden Abschied von vor sieben Jahren wettzumachen. Harald schweigt die meiste Zeit, erst als die Sterne bereits aufgegangen sind, ringt er sich zu dem Satz durch, der ihm auf dem Herzen liegt, seitdem er Corinna wieder getroffen hat. „Ich habe dich wirklich geliebt Corinna, weißt du das?“

Es überrascht Corinna nicht, Harald am Bahngleis zu treffen, als sie auf dem Weg nach Salzburg ist. Egal, ob richtig oder falsch – es fühlt sich an, als ob es so sein sollte. Harald, die Rose, der Kuss. Ein letztes Mal lehnt sie ihren Kopf auf seine Brust; dann zwingt sie sich doch, nicht mehr zurückzusehen.

Cornelia Hell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten| Inventarnummer: 19095

Der grüne Mann

Da war ein Mann. Voll Freude war er und voll Dankbarkeit. Zart und innig war seine Zuneigung und blütenweiß sein Duft. Er gemahnte an stille Klostergärten, an Kinderunschuld und an Tod. Abermals und unvermeidbar war ich verurteilt zu lieben ohne Vor- und Rücksicht und sagte du und Geliebter und gab mich ganz. Er aber war leicht und heiter und naschte verzückt, ging viel, ging oft fort, ging seiner Wege und kam fröhlich zurück. Er liebte die Kunst über alles, verlor sich an die Dinge und lebte in ihnen.

Ich, ich im Käfig will nicht mehr unter meinen Sinnen leiden, sie sollen besiegt sein. Augen habe ich nicht, sie sind meist geschlossen und träumen vom Wiederkommen des Geliebten. Tausend Dinge gibt es zwischen gut und Leid. Dieses Tausendfache lebt in mir, wird grau und treibt Tränen aus.
Kommt er dann, ist es hell und seine Worte haben kein Gewicht. Mit der Schaukel fliege ich mit und lache. In solcher Zeit war ich fähig, das Unsinnigste zu tun oder auch das Selbstverständlichste. Ja und Nein waren eins.

Manchmal versuchte ich es mit Beten. Oder ich las einen russischen Schriftsteller.
Er kam, leichtfüßig, Frühlingsduft, Morgenhauch und war fort. Meine Liebe, die Unbewegliche, Schwere tat weh. Ich stürzte mich auf sie, zerriss, zerstückelte sie und warf sie ins Meer. Es sollte nur Leichtes in mir sein, nur Lichtes.
Das enge Aneinandergeschmiegtsein, stundenlanges Sichfühlen. Verbundensein der Körper, ohne sich zu geben, Fühlen und Verschmolzensein in eine Seele, ohne sich wirklich zu gehören. Ein Erbeben nach dem anderen. Angst? Mit ihm? Alles mit ihm. Was wirklich ist, ganz gleichgültig. Ob treu, untreu, verlässlich, aufrichtig, gut.

„Morgen werde ich sehr traurig sein.“
„Und übermorgen?“
„Das weiß ich noch nicht.“ Das war es, morgen, übermorgen, wer kann das wissen?
Diese paar Stunden hingegeben an seinen Körper konnten höchstes Glück und tiefstes Unglück bergen. Sie konnten aber auch vorübergegangen sein wie jener glühende Streifen am Himmel, ein Komet für ein paar Sekunden sichtbar, der das ganze Firmament in Licht tauchte und mit seinem Rauschen etwas Unheimliches, ein Ewigkeits- und zugleich Vernichtungsgefühl in mein Denken pflanzte und dann – ein paar Sekunden später erlosch, und der Himmel erstrahlte wieder rein und unberührt und friedlich und vertraut mit seinen zahllosen Sternen. Nichts blieb zurück.

Ein Mal konnte ich mir gut vorstellen, ihn zu verlassen, ohne den geringsten Schmerz zu verspüren. Oder in eine völlig ungewisse Zukunft, in die denkbar unsicherste mit diesem Mann zu gehen.
Ich wusste, er betete an vielen Altären, liebte viele Blüten und Farben, webte riesenhafte Teppiche, was scherte es mich, er kniete vor der Liebe. Es war gut. Wir sangen Lieder und erfanden Gedichte, die längst erfunden waren. Grün, grün, grün ist alles, was ich hab.

Ich bin stark und ich habe Kraft. Sie fließt mir zu aus den Erden und den Himmeln. Klein, ein Grashalm, wachse ich, armlos, arglos, verwurzelt in die Sonne. Ich atme ein und aus. Blau umspült mich. Stark mein Halm, sicher, ich.
Goldfarben sprüht über mich hin. Der Tau glitzert. Ich werde getreten und richte mich auf. Ein Schutzkreis umhüllt mich. Sie machen einen Bogen. Ich werde vergessen. Ein und aus atme ich, aus und ein, grün in Grün.

Grüner Mann in der Asche zerstäubt im Fluss. Die braunen Augen, die Samthaut, der scheue Körper mit all seinen Liedern zerstäubt, verpulvert.
Ich sehe ihn nicht mehr, Nichts spüre ich, er ist fort, der Frühling, der atmete, Tag um Tag.
Ein Fest jede Sekunde, die du da warst. Rubinrot und grün und weiß auch. Oh ja, Lilien. Verwunschen und still und deine Lieder. Wir hielten uns fest, wir träumten uns fort, in den Äther schleuderten wir. Im Pfirsich holten wir ein Wesen.

Doch dann zerbrach es zwischen uns wie feines Glas. Die Zigeunerlieder höhnten über mich. Die Flüsse, sie fließen nicht aufwärts, der Regen regnet nicht zum Himmel, sagte ein Freund. Doch das Gift sank in die Erde. Grün starb. Ein blutiger Klumpen, das Wesen ging zu den Sternen zurück, der Kristall leer. Er tanzte wieder, er flötete, sang. Blei blieb taub. Tod. Nie wieder.

Geh fort, grüner Mann, du wolltest kein Bär werden. Immer nur Biene und Ziege, immer nur jung, immer nur Frühling. Wir verloren einander.
Ich wurde zum Schwert und zertrennte die Fäden seiner Netze, ich streute Dornen in sein Bett.
Auf allen Märkten, aus allen Gassen der Stadt machten sich Rächer auf. Die Flüsse, sie fließen nicht aufwärts, der Regen regnet nicht zum Himmel, tobten sie, während ich träumte. In der Nacht sprachen Stimmen auf mein weißes Papier „Aus frischen Gräbern weht der Atem des Göttlichen.“

Wehe, grüner Mann, wehe. Er lief noch zehn Jahre über die Wiesen. Gehetzt, gehetzter. Dann fiel er in einer Stadt am Meer beim Kaffee, als er in die Augen seiner neuen Liebsten sah, vom Stuhl und war tot. Das Herz schwieg. Er wurde Asche, zerstäubt über dem Fluss. Die Blumen klagten und die Rächer spuckten ihm nach.
Als das Klingen wieder durch die Lüfte zog, das kühne, törichte lächelte ich voll stechender Schmerzen. Es schleuderte mich ins Dornige, raubte mir das dämmernde Starren ins Weite.
Und ich hörte das Toben, Brüllen, Klatschen, Zirpen, Summen, Erzittern und Demütig-sich-Beugen vor Pan, dem Gehörnten Gott und atmete nicht.

Ketzele, ich trage heute Bernstein. Der Grashalm auf der Wiese ist nun vergessen und lebt sein Leben rund. Einen Kiesel habe ich ausgelegt für dich im Garten.

Marianne Peternell

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 19044

 

 

Systeme

Wenn es so weit ist, dann ist es so weit,
dann hat das Warten sein Ende gefunden.
Dein Warten, nicht meins, ich verzögerte,
ich ließ es nicht zu.
Du wolltest wohl, und ich ja wohl auch,
aber ich trachtete, mich nicht zu verschenken,
oder mich allzu billig herzugeben, du weißt, was ich meine.
Lust haben ist zu wenig,
das reicht für eine Nacht und nicht für mehr.
Nur das Körperliche ist nicht erfüllend,
dafür kann man jemand Beliebigen nehmen,
nehmen, benutzen und vergessen.

Wir aber nahmen uns vor, alle Seiten des Kreises zu entdecken.
Du schriebst mir einmal, ich sei dein Tor in eine fremde Welt.
Warum bist du dann nicht durch es gegangen?
Weil du alles andere drüben hättest zurücklassen müssen,
und das war eine ganze Menge, dazu warst du nicht bereit,
mir ist das schon klar.
Du hättest bedingungslos sein müssen,
wie ein Trapezkünstler ohne Netz, Sicherheit macht langweilig,
Lebensversicherung, Wohlstandsbäuchlein.
Das Leben ist kein Spiel und erst recht keine Rechenaufgabe.
Weil die Zeit sich nur Richtung Zukunft bewegt,
gibt es jeden Moment nur einmal und damit keine zweite Chance.

Meine Lage war anders als deine, ich hatte nicht viel,
also auch nur wenig zu verlieren.
Ich hätte es riskiert, doch was hat das zu bedeuten?
Bei einem Spiel mit geringem Einsatz ist man leicht mutig.
Ich wartete, ich wartete, du hieltest mich hin,
ich war geduldig, ich kann mir nichts vorwerfen,
ich wartete, wie lange?, ein Jahr.
Wer bis in alle Ewigkeit wartet, ist verblendet oder hat keine andere Möglichkeit,
das war in meinem Fall nicht so, ich hörte auf zu warten,
stand auf und ging davon.

Hinter dem Fenster bewegt der Wind die Schneeflocken, das ist schön.
Ich erinnere mich, wir waren die Schneeflocken, die im Sommer tanzten.
Was ist wahr, und was ist nicht echt?
Was falsch ist, hat nur Oberfläche und keinen Kern.
Wenn der Film aus ist, kehrt man in die Wirklichkeit zurück.
Du gefielst mir, und ich mochte, was du zu mir sagtest,
ich sei dein Meer, in dem du schwämmest,
ich sei der Wald, aus dem du nicht mehr herausfändest,
so sei es, und wie es sei, so sei es dir recht.

Will man etwas glauben, dann glaubt man das gern.
Die Lüge ist meist angenehmer und immer prachtvoller als die Wirklichkeit.
Man kann sie auf sich perlen lassen wie Wasser aus den vielen Öffnungen in einem Duschkopf,
und man fühlt sich gut dabei.
Aber danach, liebes Mädchen, trockne dich ab
und denk nicht mehr an das Wasser, das dich in die Irre führen wollte.
Manchmal war ich gefroren, da machte sich ein Funksignal von dir
auf den Weg zu mir, es war warm, und als es mich erreichte, taute ich auf.
Nie sollte es sein wie zuvor, immer anders sollte es sein und neu,
das war das Ziel, etwas das erste Mal sehen, niemand war hier zuvor.

In Love Colours are Bright

In Love Colours are Bright

Es gibt keine Garantie, dass etwas funktioniert,
auch wenn die Bedingungen optimal sind, die Beteiligten ihre ganze Kraft einsetzen,
einen Preis holt man nicht ab, man muss ihn sich verdienen.
Oft spielt einem das Gedächtnis einen Streich, es macht den Mann schöner,
die Dissonanzen werden weggelassen, bloß die getroffenen Töne bleiben,
der Bettler mag im Rückblick reich erscheinen.
Die gespitzten Sinne sehen den Feind bedrohlicher und den Freund verlässlicher,
die Gedanken springen, statt zu gehen.
Der Zauberer, dem man nicht glaubt, ist nur noch ein Trickser.
So viel passiert jede Minute auf dieser Welt, muss ich zu allem eine Meinung haben?
Nein, muss ich nicht, weil mich das meiste nicht betrifft.
Aber doch ist man der Taucher in der Brühe des Einerlei, wenn man abgestumpft ist,
wenn die Reize einen nicht mehr erreichen.
Das ist schlecht, drum sei aufmerksam.

Warst du bei mir, versuchte ich, nie die Augen zu schließen,
weil ich dich immer sehen wollte.
Als du fort warst, machte ich sie gern zu, denn dann erschienst du mir,
es war nicht dunkel.
Kennst du das?, ist man glücklich, möchte man die Zeit bewahren,
man formt die Hände zu einem Gefäß, die die flüssigen Tage halten,
man kann die Hände aber sonst nicht gebrauchen, das darf nicht sein,
man bewegt sie wieder, und die Zeit rinnt weiter.
Ich bemühe mich, die Sonne zu sein und nicht der Regen,
ich lache, und weine nicht, und wenn ich auch weine, dann sieht man das nicht.
Wir bildeten uns ein, wir passten zusammen wie zwei Puzzleteile,
gemeinsam seien wir ein Puzzle, das nur aus zwei Teilen besteht.
Der andere allein ist einem genug, man denkt das oft im Überschwang,
vielleicht stimmt das ganz am Anfang, aber schon drei Schritte später tut es das nicht mehr.

Stets zu gewinnen ist wohl etwas, was sich fast jeder wünscht,
doch in Wirklichkeit ist es erschöpfend, weil man dann schon alles hat,
und es nichts mehr zu gewinnen gibt, das wunschlose Glück ist kein Glück,
sondern ein Unglück.
Die Systeme sind kompliziert, Strömungen und Temperaturen,
miteinander verbunden, die perfekte Symbiose, perfekt bedeutet,
dass man es nicht besser machen kann, das mag trügerisch ein,
in der Natur aber ist es wahr, ein Abbild ist immer schlechter als das ursprüngliche Bild,
der Flug der Libelle kann Wolken verschieben, so ist es,
und wenn man es noch zehnmal wiederholt, wird es dadurch nicht wahrer.
Als ich dir erstmals begegnete, fand ich, du seiest so allein wie ein Gestirn im Nachthimmel,
so weit weg von allem, ein Stern, der sich selbst am Leben erhält, ein Mond,
ein Planet ohne Vegetation.

Ich hatte immer Angst vor der Dunkelheit, und dann bist du gekommen,
als Komet im ewigschwarzen All, und ich dachte: Endlich wieder Licht!
Ja, es stimmt, du hast mich erhellt.
Und ich, habe ich dich dafür verhext? Ein wenig jedenfalls? Ich gab mir solche Mühe.
Zu Beginn strengt man sich an, ich bin die Richtige für dich,
ich bin der, den du gesucht hast,
erst in der Alltäglichkeit lernt man den andren tatsächlich kennen.
Man wird zu Stück und Gegenstück,
oder man trennt sich irgendwann, ist Minuspol und Minuspol.
Bei uns war es anders, mein Liebling, mein Schatz,
wir sind kurz nach dem Start stehengeblieben, es gab kein Ineinanderfließen,
Mund und Auge, aber keine Haut, dadurch blieb es spannend,
ein Getränk mit immer prickelnd Kohlensäure.

Und jetzt bist du bei mir,
als Person, nicht als Geist oder Satz oder Bild.
Ich spüre deine Hand auf meinem Rücken,
und ich tue nichts dagegen.
Schließlich doch sage ich ja.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 19035

Stoff, aus dem meine Träume bestehen

Alleine schwebe ich mit dir,
fliege über den Wolken,
dort wo die dunklen Geister
mich nicht finden,

Ein wenig lege ich mich in den weißen Garten
Die Firma
lässt Blumen in schönen Feldern wachsen
Du nimmst mir den Schweiß von der Stirn,
verdrängst meine Schwächen,
Zeit haben,
nach Farben suchen,
weil der Halbzeitwert
langsam ist

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 19022