Yins Tod war ein Unfall. Bedauernswert, aber leider nicht ganz zu vermeiden. Generalmajorin Yins Geheimhaltungscode war eventuell mit einer feindlichen Malware infiziert oder der ISR, der Interne-Sicherheits-Roboter, hatte ein falsches Signal erhalten. Fest steht, dass er dreimal auf Yin geschossen und sie lebensgefährlich verletzt hatte.
Die Generalmajorin war eine außerordentlich gute Ministerin für Intergalaktische Beziehungen gewesen, aber unersetzlich war in diesen Tagen natürlich niemand mehr. Die KI, die ihre Nachfolge antreten sollte, ‚stand‘ schon seit langem bereit.
Dennoch wurde Yins IT-Privatsekretär, Oberleutnant Philipp Dick, angewiesen, alle relevanten Informationen aus dem Gehirn der Generalmajorin zu extrahieren. Diese wurde so lange künstlich am Leben gehalten. Dick hatte seine Aufgabe fast erledigt, da bekam er unerwartet Besuch von Yins Adjutanten, Major Altmeier.
„Ehm, Philipp“, begann er zögernd, „kann ich dich kurz mal sprechen?“
„Ja, Moment! Lass mich gerade noch die letzten Geheimcodes aus dem Gehirn unserer Chefin runterladen. Dann können wir ihren Exitus freigeben.“
„Halt, stopp! Bevor du das tust, habe ich einen Vorschlag. Eine Bitte!“ Altmeier suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. Dann setzte er noch einmal von vorn an: „Hast du mal an ihren Ehemann, den ehrenwerten Herrn Yang, gedacht? Der kommt nächste Woche von seiner einjährigen Marsexpedition zurück. Der Schock …“
„Ja, verstehe. Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“
„Ich dachte mir, dass du fix auch das private Gedächtnis runterladen könntest. Ich meine, einschließlich Empathie und das Empfinden von Zuneigung und so.“
Als Philipp schwieg, fuhr Altmeier fort: „Du könntest alles an unsere Roboterabteilung übergeben. Die würde dann Madame Yin nachbauen, sodass der Ehemann nichts merkt.“
Philipp schaute Altmeier nachdenklich an: „Und wer soll die Kosten dafür übernehmen?“
„Selbstverständlich ich“, antwortete Altmeier. „Ich habe Yin, ich meine der Generalmajorin viel zu verdanken.“
***
Gesagt, getan. Bei der Rückkehr von Flottenadmiral Yang stand der fertige Roboter am Rande der Landebahn. Nach erfolgtem Akklimatisierungsprogramm schloss Yang „seine“ Yin freudestrahlend in die Arme und fuhr mit ihr nach Hause. Dort lief aber alles aus dem Ruder. Geplant gewesen war, dass das Roboterpersonal die beiden mit maximaler Freundlichkeit bedienen und ihnen ein Candle Light Dinner herrichten sollte. Doch dann tauschten alle Roboter im Haus lediglich ein paar Daten aus. Denn ihnen war die Sache sonnenklar: Nicht nur Madame Yin, sondern auch ihr Ehemann war eine Fälschung. – Auch Flottenadmiral Yang war während seiner Marsmission verstorben und von seinen Freunden dort originalgetreu ersetzt worden.
***
Stattdessen bereiteten die Hausroboter für beide eine Trauerfeier vor. Zu dieser erschienen die wenigen verbliebenen menschlichen Freunde. Kein Satz der Ansprache, kein Wort der Gebete, die eine eigens dafür entwickelte KI zu diesem Anlass sprach, war fehl am Platz oder übertrieben. Breiten Raum nahmen die Lebensgeschichten des beruflich so erfolgreichen Ehepaars ein. Dennoch war keiner der Menschen gerührt. Sie bewegte im Fortgehen eine andere Frage. Der älteste Freund der beiden formulierte sie so: „Angenommen einer von beiden, also Yin oder Yang, wären noch menschlich gewesen: Wann hätte er oder sie die Täuschung bemerkt?“
Frank Joussen
www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26059
