Schlagwort-Archiv: ¿Qué será será?

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Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis
(Wikipedia)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20040

Kapitän

Ich sehe aus keinem Fenster. Fenster würden das Konstrukt des Raumschiffes schwächen. Ich sehe die Filme der Außenkameras über verschiedene Bildschirme. Nirgendwo da draußen ist Leben, und die Erde liegt Generationen hinter mir. Das Schiff fliegt autonom. Ich bin der Kapitän und einziger Passagier. 87 Jahre und 216 Tage lag ich im Kälteschlaf. Vor sechs Tagen bin ich erwacht. In drei Tagen wird das Schiff auf Petreios-13 landen. Das Ziel ist, dort Bodenschätze zu explorieren und dann abzubauen. Auf diesem Zwergplaneten werde ich Bergmann sein.

Der Astronaut

Der Astronaut

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20022

 

Signalwelt

Was sollte das sein, die „Ruf- und Standortdatenrückfassung“? Na was denn wohl? Dein Smartphone ersetzt den auf deinen Kopf geschraubten Peilsender, und es liefert nicht nur deine Position, sondern auch deine gefunkte Kommunikation mit dazu, wusste Zapp.

Ich lasse mich ja sogar freiwillig darauf ein, meine Freunde sollen wissen, wo ich unterwegs bin. Und ich liefere ihnen Statements, was ein Hotspot ist und wieso, wo die Drinks, die Mädels stimmen und besonders die Musik, und ich warne sie vor den No-Places-to-Go, jenen mit einem Chillingfaktor von subzero, unterhalb des antarktischen Eises.

Fotos, Texte, Videos, Soundfiles. Beim Schreiben muss es schnell gehen, mein Phone hat eine Qwertz-Tastatur. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist hoch. Die Zeit messe ich eher in Sekunden als in Minuten, bis die Inhalte auf meinem Account hochgeladen sind.

Und dann kommen die Antworten. Und das ist das richtig Geile! Eine gute Nacht war es, wenn ein neuer Freund dazugekommen ist, oder gleich mehrere.

Dann falle ich halb tot ins Bett - ein paar Stunden Schlaf, bis es wieder in die Arbeit geht - und bin so glücklich, wie ich es kann.

Meine Augen sind schon zu, da frage ich mich: Warum gibt es in meinem Netzwerk eigentlich nur Freunde? Wo bleiben denn die Feinde?

Und klar sehe ich nun, obwohl es hinter meinen Lidern dunkel ist: Dort in der Signalwelt gibt es sie nicht, wohl aber hier in der fleischlichen. Und mein ärgster Feind bin selbst ich mir.

Dann versinke ich im Traum.

Luna piena

Luna piena

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20014

Going Back in Time

Meine Zeit läuft rückwärts.
Deshalb muss ich nicht anfangen,
sondern beenden, damit ich nach einiger Zeit damit beginnen kann.
Daher ist morgen für mich gestern.
Immer wird dabei meine am weitesten reichende Erinnerung gelöscht,
sodass ich am 21. Dezember nicht weiß, dass zuvor der 22. Dezember war.
Ich weiß auch nie, wie es weitergeht,
obwohl alles in meinem sich verjüngenden Leben vorgezeichnet ist.

Überreifes Weizenfeld mit Unkraut

Überreifes Weizenfeld mit Unkraut

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 20010

The Sick Earth

Die Erde liegt krank darnieder, zu viele Verletzungen über die ganzen Jahre. Sie fühlt sich schwach, sie fühlt sich schlecht. Ein Arzt und eine Krankenschwester behandeln sie. „Seit Milliarden Jahren ist sie schon auf der Welt und wurde dabei erschöpfter und erschöpfter. Wie schaffte sie das nur über so lange Zeit, ohne zusammenzubrechen?“, fragt der Arzt die Schwester. „Sie scheint zäh zu sein“, antwortet die Schwester. Ja gut, aber wenn jemand einen aggressiven Krebs in einem finalen Stadium hat, nützt ihm das auch nichts mehr, wenn er zäh ist, denkt der Arzt. Das schon, natürlich, denkt er weiter, die Erde scheint eben keine unheilbare Krankheit zu haben. Sie war lange in einem ungesunden Umfeld. Ihr wurde viel entnommen, von ihrer Haut und aus ihrem Inneren, aber sie ist in keiner unmittelbar lebensbedrohlichen Situation, vieles kann nachwachsen, in ihrem Inneren kann sich einiges nachbilden. Sie hat durchaus eine gute Chance, wieder auf die Beine zu kommen, nach einiger Zeit wieder auf die Beine zu kommen.

„Mir ist so heiß, Herr Doktor“, sagt die Erde. Sie hat Fieber, zeigt das Thermometer an. „Tja“, sagt der Arzt, „die Temperatur an Ihrer Oberfläche steigt kontinuierlich an. In den meisten Fällen ist das schlecht. Theoretisch könnte die Temperatur wieder sinken, aber das würde gemeinsame Anstrengungen verlangen und eine gewisse Zeit dauern.“
Die Erde liegt kraftlos im Krankenbett. Sie kann sich selbst nicht helfen, weder hier auf der Krankenstation noch im Freien, bei sich zuhause. Wie soll sie verhindern, dass sie angebohrt wird, ihre Wälder abgeholzt, Giftmüll vergraben, Grundwasser, Flusswasser, Seewasser immer stärker belastet werden und Tag für Tag neue Arten aussterben, ein Vorgang, der nicht reversibel ist?

Die Erde hat keine Handhabe. Vielleicht gibt es manche, die hören, wie sie sagt: „Schont mich, Leute, schont mich, ewig mache ich das nicht mehr mit. Was heißt ewig? Hundert Jahre können da schon eine lange Zeitspanne sein. Habt ihr denn eine zweite Erde zur Verfügung, auf der ihr leben könnt?“ Natürlich ist derzeit keine zweite Erde bekannt. Würde man eine finden, wäre die Reise zu ihr ein Flug über tausende Generationen. Momentan gibt es keine Möglichkeit, auch nur einen winzigen Teil der Menschheit umzusiedeln. Sie ist auf diese Erde angewiesen, jeder Einzelne ist das.

Die Erde weiß nicht, ob sie sich darüber freuen oder traurig sein soll, was ihr der Arzt soeben mitteilte. „Ja, Herr Doktor“, sagt sie, „dann machen Sie mich doch bitte gesund.“ „Sehen Sie, Frau Erde“, gibt der Arzt zurück, „es ist keine Operation nötig, Sie leiden an keiner viralen Erkrankung. Tabletten hätten keine Wirkung. Sie haben viele Verletzungen erlitten, die aber von selbst ausheilen. In erster Linie sind sie erschöpft. Sie müssen sich ausruhen, dann werden Sie wieder zu Kräften kommen, ich würde sagen fünfzig Jahre.“ „Fünfzig Jahre?“, fragt die Erde nach. „Fünfzig Jahre, ja genau“, erwidert der Arzt, „danach sind Sie eine neue Erde.“

Und die Erde atmet ein und aus, was einen heftigen Wind erzeugt. Später, als sie alleine ist, beginnt sie zu singen, das hört man als Vogelgezwitscher. Manchmal auch weint sie, dann regnet es auf die Erde.

Hinter der Sattnitz liegt das Klinikum Klagenfurt

Hinter der Sattnitz liegt das Klinikum Klagenfurt

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19126

Maschinensteuer

„Ich soll eine Maschinensteuer zahlen?“, beschwert sich der Roboter. „So eine Gemeinheit! Da arbeitet man Tag und Nacht, nicht Doppelschichten oder Dreifachschichten, sondern immer, außer wenn man gerade gewartet wird oder ein neues Programm eingespielt bekommt, kein Urlaub, null Freizeit, nicht einmal Pausen, und dann wird man dafür bestraft! Das ist alles andere als fair.“

Der verkehrte gelbe Spielzeug-Rechen-Roboter

Der verkehrte gelbe Spielzeug-Rechen-Roboter

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19135

Lifetime

Ich habe immer viel gearbeitet, und ich habe immer gut gearbeitet. Als ich vierunddreißig war, betrug mein Maximal zu erreichendes Lebensalter hundertacht Jahre.

An so eine Zahl kommt kaum jemand heran, soviel ich weiß. Dieses Maximal zu erreichende Lebensalter ist die privateste Information, die es gibt. Ihre wahre Zahl gibt praktisch niemand preis. Es ist das späteste Lebensalter, an dessen Geburtstag man vernichtet wird. Man wird in einem Hochtemperaturofen verbrannt. Natürlich ist es möglich, dass man vorher eines natürlichen Todes stirbt. Arbeitet man demnach gewinnbringend, darf man länger leben – es ist der ideale logische Schluss.

Es ist der ideale logische Schluss, wenn es gut läuft. Das Maximal zu erreichende Lebensalter wird nach jedem Wendepunkt angepasst. Man erhält ganz altmodisch einen eingeschriebenen Brief von der Pensionsversicherungsanstalt. Meine Ziffer steht derzeit bei siebenundsechzig Jahren. Das ist kein besonders guter Wert. Sicherlich habe ich neben viel auch gut gearbeitet, doch leider erlitt ich bei meiner letzten Firma Schiffbruch – die Asien-Krise, und ich war Gebietsverkaufsleiter für Asien –, es war nicht meine Schuld, meine Arbeit war garantiert nicht schlecht – aber es kostete mich sechs Jahre an potenzieller Lebenszeit.

Jetzt soll ich für eine andere Firma einen Arsin-Filter entwickeln. Arsin ist AsH3. Am Anfang soll das Patent für die Funktionstüchtigkeit des Filters stehen. Ich bin schon ziemlich weit, da machen wir Tests im Reinraum des Werks, wo die Versuchsanlage steht. Die Arsen-Konzentration nach dem Filter bewegt sich im Parts-per-Million-Bereich. Diesmal allerdings messen wir Werte auch vor dem Filter. Sie sind nur geringfügig höher. Daraus folgt, dass wir nicht beweisen können, dass der Filter tatsächlich genug Arsen bindet.

Alles war umsonst. Natürlich verliere ich auch diesen Job. Ich sitze zuhause, alleine, ich lebe alleine, und rauche gerade, als der Postbote klingelt. Es ist der Brief von der Pensionsversicherungsanstalt. Ungeduldig reiße ich das Kuvert auf. Welche Zahl steht da? Da steht einundfünfzig.

Ich bin fünfzig. Im Brief ist die Telefonnummer meines Sachbearbeiters angegeben. Aber wozu soll ich ihn anrufen? Die Zahl ist korrekt ermittelt, eine Fehlberechnung ist ausgeschlossen. Er soll mich ja nur beruhigen. Dafür habe ich genügend Medikamente in meiner Hausapotheke. Ich nehme drei weiße, mittelgroße Tabletten ein.

Heute ist der dritte April. Einundfünfzig werde ich am zweiundzwanzigsten Februar des kommenden Jahres. Das bedeutet noch einen Frühling, einen Sommer und einen Winter für mich.

VIDEOÜBERWACHUNG und Mobilfunkmast beim Rastplatz Herzogberg Süd

VIDEOÜBERWACHUNG und Mobilfunkmast beim
Rastplatz Herzogberg Süd

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19134

In der Zukunft

Ich lebe in der Zukunft. Ich sitze in meiner Bude und schaue fern. Ein scheiß Programm überall, wohin ich auch zappe. Da, plötzlich, das Bild flackert, die Glühbirne in der Deckenlampe wird schwächer, ratsch!, das Bild ist ausgefallen, schwarz der Fernseher.

Es ist doch immer dasselbe. Der Strom ist am Ausgehen. Ich muss wieder ins Rad. Wenn ich eineinhalb Stunden laufe, ist der Akku voll genug für alles wirklich Notwendige und für den Western ab 22:15 Uhr. Trotzdem habe ich mir die Zukunft in der Vergangenheit besser vorgestellt.

Der Röhrenfernseher im Gras

Der Röhrenfernseher im Gras

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19112

Geprüft

Mikes Sauftour war ein voller Erfolg gewesen. Nachdem er sich das Stiegengeländer hinaufgehantelt hatte, öffnete er die Haustür mühelos, vergaß diesmal auch nicht, sie wieder zu schließen, torkelte durch den Gang Richtung Wohnzimmer und fiel dort auf die Couch. Er drückte einen der bunten Knöpfe der Fernbedienung, schlummerfreundliche Lautstärke, so hatte er es gern, und bald legte sich trotz ansprechender Story über ein Mädchen, das mittels Ausspuckens eines Kaugummis große Dinge wie Lkws herbeizaubern konnte, Schlaf über ihn.

Das Wohnzimmersofa war sein üblicher Schlafplatz, seit Amanda ihn verlassen hatte, er mied das Riesenschlafzimmer nebenan seither wie die Brutstätte des Teufels oder wie eine Kathedrale: reine Ansichtssache je nach Stimmungslage, und die war mehr als schwankend.
Auch Mike als Gesamter übrigens, an diesem kalten Morgen. Am Weg ins Bad, wo er sich Erleichterung erhoffte, fiel sein Blick auf die Schlafzimmertür, die merkwürdigerweise angelehnt war.
Er wird doch nicht in der Nacht noch … etwa hineingegangen sein? Im betrunkenen Zustand traute er sich nach wie vor nicht ganz über den Weg.
Am Rückweg vom Bad obsiegte der Mut über die Selbstzweifel und Mike wagte es, der Türe einen sanften Schubs zu geben. Es könnte ja auch sein, immerhin, schoss es ihm durch den Kopf, dass Amanda zurückgekommen war! Leise, in der Nacht, mit schlechtem Gewissen, weil sie ihn im Stich und ihre gemeinsame Beziehung einfach hinter sich gelassen hatte, wegen dem bisschen Alkohol und den paar Geldproblemen. Und die Streiterei war für ihn schließlich auch nicht lustig gewesen, vor allem seit der Sache mit Alex, da war es ja kaum noch auszuhalten gewesen daheim.
Wie auch immer, wenn sie jetzt wiedergekommen war, sollte sie ihn so besser nicht sehen. Also zog Mike die Schlafzimmertür wieder ganz zu, griff sich halbwegs frische Klamotten und wankte zurück ins Bad, unter die Dusche.

Belebt war etwas anderes, aber immerhin ein bisschen munterer wurde er, vom Durchblick jedoch weit entfernt: Was hatte Amanda wohl dazu bewogen, mitten in der Nacht zu ihm zurückzukommen? Sie hätte ihn anrufen können, sich mit ihm treffen, doch sie verweigerte seit Wochen jeden Kontakt. Es sähe ihr so gar nicht ähnlich, jetzt plötzlich nächtens sein Schlafzimmer aufzusuchen. Schön langsam zog das Rätsel Kreise in seinem armen Kopf. Während er sich abtrocknete und anzog, kam er zu dem Schluss, dass er selbst der Verursacher des Mysteriums der geöffneten Tür gewesen sein musste. Bis er ein Husten aus dem Schlafzimmer hörte, und ein zweites. Selbst bei getrübter Wahrnehmung musste er sich eingestehen: Es klang so gar nicht nach Amanda.
Mike war kein mutiger Mensch. Aber jetzt war Zeit zu handeln, beispielsweise die Schlafzimmertür ganz zu öffnen. Er berührte die Türschnalle und erwartete, sie glühend heiß vorzufinden, oder so eisig kalt, dass er festfrieren würde, und wieder dachte er an Amanda: Wenn sie ihn jetzt sehen könnte, sie würde lachen. Ihm war eher nach Heulen zumute. Was, wenn da drin ein Einbrecher schlief, der während seines Raubzugs müde geworden war, weil er so lange gesucht und nichts Wertvolles gefunden hatte? Aber das intakte Haustürschloss sprach dagegen. Irgendwie war Mike das jetzt alles zu viel.
Die Türschnalle tat ihm nichts zuleide, weder verbrannte noch vereiste sie seine Hand. Mike war es jetzt schon egal: Komme was wolle, er musste wissen, was da los war.

Der Blick auf das große französische Bett raubte ihm den Atem, der ohnehin nur noch stockend vorhanden war unter all dem Herzklopfen.
Da lagen in friedlicher Eintracht fünf Burschen, und auf dem Brustkorb des zweiten von links war noch ein längerer Haarschopf zu sehen, vermutlich der einer Frau, oder auch nicht. Jedenfalls nicht der Amandas, denn der hier war grün, und diese Farbe konnte sie nicht leiden.
Zwei der Burschen öffneten die Augen und schienen genauso erstaunt wie er. Mike wich ein paar Schritte zurück auf den Gang, dann weiter ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Jetzt musste wirklich Schluss sein mit dem Alkohol. Er hatte schon gehört von solchen Phänomenen, aber dass es so plastisch war, haute ihn einfach um.

„He!“, rief eine Männerstimme aus dem Schlafzimmer. „Da ist besetzt, such dir was anderes!“ Und eine zweite, ungeduldiger: „Gecheckt? Schleich dich!“

Mike saß immer noch da. Amanda hatte recht gehabt: Das Saufen richtete ihn zugrunde. Die Erkenntnis traf ihn hart und fast so unvermittelt wie der Hieb gegen seine Schulter. Mike richtete sich auf und stand einem etwa gleichaltrigen Mann gegenüber, der ihn eher neugierig als feindselig musterte. „Du bist ja immer noch da?“, lachte der Mann. „Was ist mit dir?“
Mike musste anscheinend etwas sagen, er war ungeübt im Umgang mit Halluzinationen, und seit wann tat einem die Schulter weh von einer Wahnvorstellung? „Ich wohne hier“, stammelte er schließlich, und dann erhob sich ein großes Hallo im Schlafzimmer. Anscheinend hatten die anderen ihr Gespräch mitgehört, waren aber zu faul gewesen, aufzustehen und daran aktiv teilzunehmen.

„Der wohnt hier! Du bist ein solcher Trottel, das kann doch nicht wahr sein! Hallo, Paul, munter werden! Wo war dein Gehirn, als du die Wohnung ausgesucht hast? So was darf doch nicht passieren!“

„Keine Ahnung“, daraufhin eine andere Stimme, sehr müde, sehr defensiv.

Der Mann bei Mike schnappte ihn am Handgelenk und zog ihn ins Schlafzimmer. „Also ich bin der Sandro. Und du wohnst also hier. Also eigentlich ist das ein Missverständnis. Wir dachten, die Wohnung sei leer, also ohne Bewohner. Und du solltest gar nicht hier sein.“

Dasselbe könnte ich von euch behaupten, dachte Mike. Beziehungsweise meinte er, er hätte es gedacht, denn anscheinend hatte er es laut ausgesprochen.

„Da hat er recht. Da hat der Mann recht“, nickte Sandro neben ihm.

Dann passierte eine Weile nichts. Jeder schien nachzudenken, der grüne Haarschopf verwandelte sich bei näherer Betrachtung in ein freundliches Gesicht.

Mike beschloss, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Er sammelte sich, um die Gestalten aus seinem Kopf zu verscheuchen, und begann mit seiner kleinen Rede: „Also ich bin Mike. Und ja, ich trinke zu viel. Aber das hier passiert mir zum allerersten Mal. Und es ist ganz schön gruselig. So kann es nicht weitergehen. Ich werde versuchen, weniger zu trinken. Oder gar nichts mehr zu trinken. Ab heute.“

„Das ist schön, Mike. Sehr erfreut“, erhob sich eine der Gestalten vom Bett und wandte sich zum Gehen. Es funktioniert, es funktioniert wirklich, jubelte Mike innerlich. Sie gehen jetzt alle, und dann passt es wieder, und ich werde doch nicht verrückt.

Schön langsam kam Bewegung in den Rest der Gruppe, man streckte sich, gähnte, beschuldigte den armen Paul des Schwachsinns und umringte schließlich Mike und Sandro.
„Bevor wir gehen“, meinte Paul, „bitte sag mir, warum du noch hier bist. Ich schaue immer, dass so etwas nicht passiert, also bitte, sag mir, was ich falsch gemacht habe. Damit so etwas nicht mehr vorkommt.“
Es klang so flehentlich, dass Mike nicht umhin konnte, aus Mitgefühl, und weil es ja eigentlich egal war, ehrlich zu antworten: „Also ich wohne ganz normal hier. Und wenn ich mich recht erinnere, ist die Miete noch bis Jahresende von meiner Ex bezahlt worden. So lange schau ich, dass ich über die Runden komme, und dann suche ich mir in Ruhe eine kleinere Wohnung. Ich bin grad etwas demotiviert, das schon.“

Paul seufzte: „Dann muss ich dir was sagen, Mike, das dir nicht gefallen wird: Diese Wohnung ist auf YourB’n‘B vorgemerkt und hat dort den Status ‚zur Prüfung‘.“

Mike verstand nur Bahnhof, man sah es ihm offensichtlich an, drum fuhr Paul etwas langsamer fort:
„Ich hab mal dort gearbeitet. Jede Wohnung, die auf YourB’n‘B zur Untervermietung angemeldet wird, wird von denen vorher abgecheckt. Und weil ich nach wie vor in die Datenbank rein kann, das ist echt kein Problem für mich …“  – er sah dabei in die Runde und kam etwas aus dem Konzept  – „… und sogar für die Schlüssel haben wir eine Lösung gefunden.“

Mike hatte nach wie vor keine Ahnung, worauf das hinauslief. Geduldig erklärten ihm Sandro und Paul, dass sie die leerstehenden, für YourB’n‘B vorgesehenen Wohnungen als Schlafplätze benutzten, bis deren Status in der Datenbank auf „geprüft“ umgestellt worden war. Ab dann nämlich stand der Wohnraum zur kurzfristigen Weitervermietung auf der Plattform „offiziell“ online zur Verfügung.

Nun hatten sie schon des Öfteren die Beobachtung gemacht, dass sich auch andere dieser leerstehenden Wohnungen bedienten (wiewohl eher unorganisiert und nach einem primitiveren Prinzip, wie sie vermuteten), und es war auch schon vorgekommen, dass sie dort bereits jemanden angetroffen hatten oder aber die anderen Zweite waren. Meist einigte man sich gütlich, und die später Hinzukommenden zogen zur nächsten Zwischenschlafstätte weiter. Schließlich wollte man keinen Ärger mit den Nachbarn, die ohnehin nicht die rechte Freude mit YourB’n’B-Plänen in ihrem Wohnhaus hatten, so sie davon wussten.
Und natürlich hatten sie Mike für einen ihrer Schlafplatz-Konkurrenten gehalten, einen von der uneinsichtigen, hartnäckigen Sorte.

Mitten in dieser Schilderung kam Mike eine dunkle, sehr dunkle Erinnerung: ein SMS vor ungefähr einem Monat, in dem Amanda ihn aufgefordert, ja ihm unmissverständlich befohlen hatte, die Wohnung zu verlassen, und zwar innerhalb der nächsten drei Wochen. Dann nämlich werde die Wohnung anderweitig verwendet.
Er hatte das für einen Akt des Schmerzes und der Verzweiflung gehalten und nicht ernst genommen. Doch die Frau machte jetzt anscheinend Nägel mit Köpfen.
Mike sank aufs Bett. „Ihr könnt hierbleiben“, murmelte er. „Bis der Status geprüft ist. Kann ich dann mit euch mitkommen?“

Der grüne Haarschopf hatte erstaunlich blaue Augen. Er setzte sich zu Mike und nahm ihn in den Arm.

Das Wie erklärten die nächtlichen Besucher Mike etwas später. Er hatte sich schon gefragt, ob es tatsächlich so einfach war, eine Wohnung unbemerkt, wenn auch nur vorübergehend, zu entern. Abwesenheit untertags, das war nicht das Problem. Denn natürlich war zu vermeiden, einem Wohnungsprüfer in die Arme zu laufen. Auch dabei halfen Pauls Datenbankspaziergänge gewaltig: Die Wohnungskontrollen fanden nur montags bis freitags statt, bevorzugt zwischen 10 und 16 Uhr. Es war eine Kleinigkeit, die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen, auf ein Minimum zu reduzieren. Aber immerhin musste man ja auch rein in die Wohnung, ohne irgendwelche Auffälligkeiten währenddessen oder auch viel später danach: Manipulationen an den Schlössern kamen also nicht infrage. Das war aber auch gar nicht notwendig: Die allermeisten Wohnungen waren längst mit Codes gesichert: ein Geschenk für einen Datenfuzzi wie Paul. Die Codes wurden von den Wohnungseigentümern oder -mietern verschlüsselt an YourB’n’B übertragen, et voilà! Wie auf dem Präsentierteller.

Selten kam es vor, dass eine Wohnungssicherung wie bei Mikes Bleibe noch aus einem „guten alten“ Schloss samt Schlüssel bestand. Selbst das stellte kein Problem dar: Schließlich musste ja auch der Schlüssel irgendwo für die Wohnungsprüfung hinterlegt werden. Und wo, stand meist in einem Mail oder einer anderen elektronischen Übertragung. Jedenfalls landete auch diese Information schlussendlich in der Datenbank, woraufhin Paul mit einem gewissen Erfahrungshorizont entschied, wie schwierig und zeitaufwändig es war, den Schlüssel kurzfristig zu bergen, von allen Seiten abzulichten und den 3D-Drucker eines Bekannten seine Arbeit machen zu lassen. So war es auch in Mikes Fall gewesen: Der Schlüssel lag zur Abholung in einem Schließfach, dessen Code praktischerweise im digitalen Ordnersystem von YourB’n‘B zusammen mit der Adresse für die Wohnungskontrolle vermerkt war. Alles ein Kinderspiel.
Bis der Prüfer seinen Besuch abgestattet haben mochte, galt es nur, die Wohnung untertags zu meiden.

Aber Mike wohnte ja hier, ­­das musste auch seiner Ex bewusst sein, dass er nicht so schnell etwas anderes gesucht, geschweige denn gefunden hatte, und „offiziell“ hatte er ja nichts von seiner bevorstehenden Delogierung erfahren. Am wahrscheinlichsten war, dass Amanda den Zuständigen bei YourB’n’B gar nichts von Mikes möglicher Anwesenheit erzählt hatte. Das war aber nun wirklich nicht sein Problem.

Theoretisch konnte Mike also verweilen bis zum Tag X. Den Überraschten zu mimen, wollte er sich dann aber nicht antun. Dem Prüfer war sicherlich egal, was da zwischen ihm und seiner Ex kommuniziert worden war und was nicht, der wollte bestimmt die Wohnung sehen, bewerten, ob sie den angegebenen Standards entsprach, und danach seiner Wege gehen. Wenn er davor noch einen phlegmatischen Restposten entfernen musste oder zumindest dafür sorgen, dass der sich vertschüsste, so erfreute es den Prüfer gewiss nicht. Aber es war Teil seines Jobs, und der wurde gemacht.

Kein Wunder also, dass Mike der Prüfung mit bangen Gefühlen entgegensah.
Wie lange konnte man diese Situation des Wartens ertragen? So lange es notwendig war und auch Vorteile brachte. Es stand außer Frage, dass für alle diese Wohnung derzeit der beste Ort weit und breit war. Erstens war es Mike ganz recht, dass er Gesellschaft hatte, zumindest abends bis morgens und an den Wochenenden. Er fand die Truppe ganz sympathisch, bis auf jenen vorlauten Kerl, der gleich so auf Paul losgegangen war. Sandro war in Ordnung, Paul auf seine leicht verlegene Art war Mike sogar etwas ähnlich, und die beiden anderen waren so ruhig und unauffällig, dass Mike ihre Anwesenheit schlichtweg egal war. Der Grünschopf war entzückend unkompliziert und anschmiegsam. So viel gekuschelt hatte Mike schon lange nicht mehr. Es war ein Ausnahmezustand in jeder Hinsicht: An der Essensfrage beteiligten sich alle und man legte zusammen; wer einen Gelegenheitsjob hatte, teilte mit den anderen sein Einkommen. Jeder hielt sich daran, ganz im eigenen Interesse: Nie wusste man, wann man selbst etwas brauchte, einen die Grippe erwischte oder man sich den Fuß verstauchte. Alle für einen. Einer für alle. So versuchten sie es zumindest, und großteils funktionierte das System auch, ohne die Wohnungskosten.

Der Prüfer ließ sich Zeit; Paul checkte die Datenbank routinemäßig und entdeckte einen Rückstau, denn die Anzahl der Prüfer ging zurück, während diejenige der zu kontrollierenden Wohnungen stetig stieg. Für sie alle bedeutete es, einmal etwas länger ein gemütliches Nest zu haben, nicht ständig die Entdeckung zu fürchten, nicht sofort weiterziehen zu müssen.

Eines Abends schließlich, sie saßen gerade vor ihren Tellern und den Abendnachrichten, die wieder einmal Gruseliges vom Weltklima zu berichten hatten, geschah das, womit niemand gerechnet hatte.
Von ihnen unbemerkt musste sich ein Schlüssel in der Haustür gedreht haben, jemand in den Gang gekommen sein und die Klinke der Wohnzimmertür nach unten gedrückt haben, denn diese öffnete sich langsam nach innen. Im Türrahmen stand eine große brünette Frau mit erstauntem Blick. Sie fuhr sich durchs gut schulterlange Haar, warf schließlich mit beiden Händen gleichzeitig alle Strähnen nach hinten und sagte laut: „Mike, kann ich dich mal alleine sprechen?“

Der war längst erstarrt, fühlte sich zurückversetzt in die Zeit der ersten Begegnung mit seinen nunmehrigen Mitbewohnern und zweifelte neuerlich an seinem Verstand. Die seiner Ex gewidmeten Tag- und Nachtträume waren doch längst Vergangenheit? Es beunruhigte ihn zusätzlich, dass er kaum Alkohol getrunken hatte in letzter Zeit. Es musste also stimmen.
Sie war hier. Und sie wollte mit ihm reden, jetzt sofort.
Die anderen verharrten in ihren jeweiligen Couchposen, dachten wohl, wenn sie nichts sagten und sich nicht rührten, würden sie unsichtbar. Nur Sandro murmelte einen leisen Gruß in Amandas Richtung.

Amanda bewegte sich aufs Sofa zu, Mike erhob sich gleichzeitig aus der Mitte der anderen und fädelte seinen Körper hinterm Couchtisch hervor. Er nickte Amanda zu, sie blieb bei ihm stehen, nahm ihn bei der Hand und lenkte ihn mit ihren bestimmten Schritten gen Schlafzimmer.

Wie oft hatte er sich das erträumt, wenn er auf der Couch gelegen war, einsam, verzweifelt, betrunken oder (seltener) auch nicht. Sie sollte die Schlafzimmertür schließen und ihm sagen, dass alles gut war. Dass es ein Fehler gewesen war, zu gehen, ihn zu verlassen, ihre gemeinsame Zeit vergessen zu wollen. Und dann sollte sie ihn küssen, so wie früher, sie sollte ihn begehren, berühren wie einst, und dann wären sie wieder zusammen. Für immer oder so wie in den Filmen.
Sein Kopfkino hatte diverse Regisseure durchprobiert, für Drehbücher der eher anspruchsvolleren, tiefgründigen Sorte bis zur Billigschmonzette mit stark erotischer Komponente. Er hatte sie alle bis zum Erblöden wiederholt konsumiert und mal diesen, mal jenen bevorzugt, je nach Laune.

Amanda schloss tatsächlich die Schlafzimmertür, ließ dabei seine Hand los und setzte sich aufs Bett. Er stand mit hängenden Schultern vor ihr und wusste nicht, welche Filmszene als nächste bevorstand. Initiativ zu werden, traute er sich nicht.
Amanda übernahm den Anfang: „Wer sind die und was machen sie da? Und was machst du noch hier? Du solltest doch ausziehen, vor Wochen schon!“
Mike schoss so einiges durch den Kopf. Wenn er jemals noch irgendeine Chance bei dieser Frau haben wollte, musste er antworten, schnell und plausibel. Und seine Freunde verraten, das kam nicht infrage. Außerdem: Wie würde die Wahrheit klingen? Das sind ein paar Penner im wahrsten Sinn des Wortes. Sie haben alle kein geregeltes Einkommen, so wie ich. Ich lasse sie hier schlafen, bis ich rausgeworfen werde, dann sind wir alle miteinander obdachlos und versuchen, in fremde Wohnungen einzudringen. Nein, das klang gar nicht gut in seinem Kopf. Und in ihren Ohren sicher auch nicht.

Eine Amanda-Perspektiven-wahrende Antwort musste her, sofort. Sie wartete, er merkte es an der Handbewegung, mit der sie sich eine kleine Falte auf der Stirn rieb. Sie brachte alle Geduld auf, die sie noch hatte, aber das war nicht mehr viel. Seine Uhr tickte.

Im Geschichtenausdenken war er immer gut gewesen. Aber diese musste niet- und nagelfest sein, einer eingehenden Prüfung dieser schlauen Frau standhalten und ihr gleichzeitig imponieren, im besten Fall.

„Amanda, schön, dass du hier bist. Ich bin überrascht, aber positiv überrascht, also erfreut, dich zu sehen. Du weißt ja, ich wollte nie, dass du gehst. Bitte lass mich alles erklären. Ich sag dir alles, aber lass mich ausreden. Das dauert ein bisschen. Natürlich fragst du dich, wer die da draußen sind.“ Plötzlich war ihm bewusst, dass die anderen durch die dünne Wand, sofern sie sich noch auf der Couch befanden, jedes Wort hören konnten, das er sagte, wenn er laut und deutlich genug sprach. Sehr gut. Ausgezeichnet!

„Also ich war ganz schön verzweifelt, als du weg warst. Da wollte ich was Sinnvolles machen, wie du mir immer gesagt hast. Ich bin also zum Arbeitsamt, und die hatten was Passendes für mich. Weißt ja, dass Sozialarbeiter immer gesucht sind. Nur konnte ich in letzter Zeit einfach nicht mehr. So viel Gewalt, so schlimme …“ Amanda seufzte. Nun, er musste zum Punkt kommen, bevor sie richtig ungeduldig wurde. „Ja, du hast recht. Du kennst das alles ja. Aber ich hab mich nochmal aufgerafft. Ich hab gehofft, so bekomme ich dich wieder. Und da hab ich diese Jugendlichen, also jungen Erwachsenen, anvertraut bekommen. Das ist eine ganz neue Therapieform. Wir leben jetzt am Anfang sogar zusammen. Sie lernen, was Verantwortung ist.“ Amanda lachte: „Von dir???“ Mike erwiderte, ganz ernsthaft, freute sich insgeheim aber, sie zum Lachen gebracht zu haben: „Ja, von mir. Sie haben wohl nicht zufällig mich ausgewählt. Weil ich Ahnung davon habe, wie es ist, orientierungslos zu sein. Wir alle zusammen haben auch eine Mediation einmal pro Woche, und zur Psychologin gehen wir außerdem, jeder Einzelne von uns. Du glaubst nicht, was da weitergeht. Ich hab so viele Erkenntnisse gewonnen, und die jungen Leute da draußen, du hättest sie sehen sollen … Sie kochen jetzt sogar täglich. Das läuft bestens, das alles. Also ich bin am Weg. Sie sind es auch, alle sind am Weg nach oben. Und wie geht es dir? Warum bist du hier?“

Amanda schien verwirrt zu sein, kaute an einer Haarlocke. „Also ich bin wegen des SMS hier, das ich dir mal geschickt habe, und weil da rein gar nichts weitergeht, und weil ich da so eine Firma kontaktiert habe, wo sich auch rein gar nichts tut …“ Sie stockte. Mike wusste, woran sie dachte, er wusste auch den Spieß umzudrehen: „Ma, sorry, das hätte ich dir sagen sollen, ich hab eine neue Telefonnummer. Der Verein, für den ich arbeite, hat mir ein Arbeitshandy gegeben, und ich darf es auch privat nutzen. Da hab ich das alte abgemeldet, kostet ja nur zusätzlich. Aber ich wollte dich anrufen, bestimmt. Nur musste ich jetzt immer so viel arbeiten, das ist am Anfang so. Aber wir können ja jetzt reden. Was hast du mir geschrieben?“ Amanda zögerte. Sie schüttelte den Kopf, ganz leicht, und schwieg. Er kannte sie gut. Er setzte nach: „Gut, dass wir beide mal reden können. Du müsstest sie kennenlernen, wie sie sich freuen, endlich mal eine richtige Bleibe zu haben. Sie sind ganz okay, echt, ein bisschen ruppig vielleicht hie und da, aber sie haben so viel Pech gehabt im Leben. Und ich bin jetzt so froh über alles, was du mir geraten hast. Du hattest recht, mit allem. Dank dir bin ich wieder auf den Beinen. Danke, Amanda, danke.“

Amanda saß auf seiner Betthälfte und schwieg, während ihre Gehirnzellen Schwerstarbeit verrichteten. Er bemerkte, wie sie im Geiste seine Geschichte durchging, kurz bei dem einen oder anderen Gedanken verweilte; ihre Hände waren dabei in ständiger Bewegung. Auf ihrem Schoß nahmen sie einige Anläufe, endlich zur Ruhe zu kommen, strichen den Stoff dort glatt und glätter und wollten liegen bleiben, doch das Geknete der Finger ging stets von Neuem los. Er durchbrach die Stille wiederum.
„Amanda, ich weiß jetzt, wie schwer du es mit mir hattest zum Schluss. Ich konnte mich ja selber nicht ausstehen. Du hast alles versucht. Und dann hast du aufgegeben. Und ich auch, aber nur fast. So könnte es klappen. Und es wäre schön, wenn du dabei wärst, in irgendeiner Form.“
Es war nicht so, dass er die Ironie nicht erkannte. In Wahrheit hatte Amanda alles genau vorhergesehen, vor Monaten schon, bis auf  das Eintreffen der anderen. Das war das Unkalkulierbare, das nun ihr die Bestätigung ihrer Annahmen verwehrte und seine Geschichte stützte. Außerdem ihm die Chance eröffnete, dass sie ihm noch einmal Glauben schenkte.

„Wie stellst du dir das vor?“, brach sie schließlich ihr Schweigen. „Soll ich euch alle hier wohnen lassen, in meiner Wohnung? Weil die so arm sind und du pleite, aber am Weg nach oben? Weißt du, mir schenkt auch keiner was. Ich zahle jetzt zwar dort keine Miete, aber das bei meinen Eltern ist auch keine Dauerlösung. Und du? Kannst du dir das leisten, hier wohnen, mit deinem neuen eigenartigen Job?“

Das war der Schwachpunkt an seiner Geschichte. Er konnte es nicht. Selbst wenn sie alle zusammenlegten, ging sich das niemals aus. Sie brauchten Amanda, er brauchte ihr Vertrauen, und er brauchte Zeit. Geduld, sagte er sich, das musste er ihr vermitteln, dann käme alles ins Lot. Beinahe glaubte er selbst an die Macht seiner Worte. Er legte sich ins Zeug, er redete und gestikulierte um sein Leben. Um sein zukünftiges Leben mit Amanda.
Sie schien erschöpft, müde, zu müde, um sich noch weitere seiner Gründe und Ideen für eine gemeinsame Zukunft anzuhören. Er schlug ihr vor, sie könnte doch einfach hier schlafen, und am nächsten Tag sehe man weiter.
Als Antwort streifte sie sich langsam die Schuhe von den Füßen, nahm in einer beinahe resignativen, unglaublich trägen Geste ihren Halsschmuck ab, legte ihn aufs Kästchen neben dem Betthaupt und ließ sich dann einfach nach hinten aufs Bett fallen. Er war schlau genug, nichts zu versuchen. Er flüsterte „Gute Nacht und bis morgen“ und verließ das Schlafzimmer, indem er die Tür leise hinter sich schloss.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 19094

 

Post aus der Vergangenheit

Nach einer Idee von meinem Sohn Michael

 

Mein verehrter Herr Klarmüller,                 Klagenfurt, 1. September 1956

Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Sie heißen Robert Klarmüller, sind siebenundvierzig Jahre alt, verheiratet mit Ramona, die fünfundvierzig Jahre zählt. Sie haben drei gemeinsame Kinder, Wilhelm, sechzehn Jahre alt, Marlies, fünfzehn Jahre alt und Horst, neun Jahre alt. Sie arbeiten als Softwaretechniker bei der Firma Datinform. Zudem haben Sie seit neun Monaten eine Geliebte, die Jasmin heißt, Sie nennen sie Jello. Sie ist zweiunddreißig und natürlich hübsch, blond und blauäugig.
Über mich gibt es wenig zu sagen, außer dem, dass ich Hans Rosen heiße und in der Tritscherstraße 11 wohne. Sie können schon an dem Umstand sehen, dass ich Sie kenne, da ich über Ihre Situation Bescheid weiß.
Betrachten Sie mich als Ihren persönlichen Engel. Der Grund, dass ich Ihnen schreibe, ist, dass ich Ihnen dringend nahelege, die Beziehung zu Jasmin schnellstmöglich zu beenden. Sonst wird Ihre Ehefrau Sie verlassen, Herr Klarmüller. Sie werden sehen, es wird so sein.

Mit besten Grüßen
Hans Rosen

 

Der erste Gedanke, der Robert Klarmüller kam, als er den Brief gelesen hatte, war: Zum Glück habe ich heute die Post geholt, und nicht Ramona. Der zweite war: Was soll das? Diesen Brief muss ein Scherzbold verfasst haben. Und er muss achtundfünfzig Jahre unterwegs gewesen sein, denn heute ist der 2. September, aber des Jahres 2014. Ha-ha, lustig! Nein, nicht lustig. Das verwendete Papier ist allerdings kein handelsübliches Kopierpapier, sondern altmodisches oder exquisites Schreibpapier. Aber die Person muss genau über meine Lebensumstände Bescheid wissen. Vielleicht der Roloff aus der Firma, der zwei Schreibtische weiter sitzt. Ich kann ihn nicht leiden, und da so etwas auf Gegenseitigkeit beruht, kann er mich genauso wenig leiden. Ihm würde ich Boshaftigkeit als Grund für den Brief unterstellen.

Am nächsten Arbeitstag, morgens, passte Robert Klarmüller seinen Kollegen Sebastian Roloff beim Kaffeeautomaten ab. Er wusste, dass er stets, wenn immer möglich, um 10:30 Uhr dort eine kleine Pause einlegte. „Sag mal, Kollege Roloff, schreibst du noch Briefe?“, fragte Robert ihn unverwandt. „Wie, meinst du, aus dem Drucker ausgedruckt oder handschriftlich?“, entgegnete Sebastian Roloff. „Eher private Briefe“, sagte Robert. „Meinen letzten Brief muss ich vor mehr als zehn Jahren geschrieben haben“, gab Sebastian Roloff zurück, „an meine damalige Freundin. Es hat aber nichts gebracht, sie war schon fort.“ Diese Aussage klang zu hundert Prozent ehrlich, befand Robert, und der Kollege hatte ihm einen privaten Einblick gewährt. Ach was, dachte Robert sofort, das ist doch ein alter Verkäufertrick! Nur war Kollege Roloff kein Verkäufer. Und genauso wenig war er Hans Rosen, der Autor jenes Briefes.

Als Robert mit seinem Auto nachhause fuhr und nachdem er sich über die Freisprecheinrichtung mit Jello unterhalten hatte und vereinbart wurde, sich übermorgen, am Freitagnachmittag zu sehen, überlegte Robert: Um wie viel anders verläuft jetzt mein Leben durch diesen Brief? Um sich die Antwort: „null Zentimeter“ zu geben.

Aber am Samstagnachmittag änderte sich etwas, Ramona sagte nur einen Satz: „Robbie, ich weiß Bescheid.“

Am Montag nach der Arbeit fischte Robert einen neuen, altertümlich beschrifteten, an ihn adressierten Brief aus dem Postkasten, der folgendermaßen lautete:

 

Mein verehrter Herr Klarmüller,                 Klagenfurt, 5. September 1956

ich fürchte, ich bin zu spät. Ich wollte Ihnen am Freitag ein Telegramm senden, da erfuhr ich, dass es in Ihrer Zeit keine Telegramme mehr gibt, dafür Mobiltelefone, mit denen man sogenannte SMSes, Texte, an andere Mobiltelefone senden kann, und neuerdings sogar WhatsUp-Messages, oder so ähnlich, als letzte technologische Ausbaustufe. Ich wollte Sie davor warnen, sich am Freitagnachmittag mit Ihrer Freundin Jasmin zu treffen. Wahrscheinlich wäre es aber soundso egal gewesen, ob Sie es getan hätten oder nicht, denn Ihre Gattin ist ja schon länger über diese Konstellation informiert.

Für den Fall, dass Sie immer noch denken, ich schriebe aus dem Blauen heraus, werde ich Ihnen ein Ereignis schildern, das am Donnerstag um 13:17 Uhr stattfinden wird: Alice, eine der Sekretärinnen, wird Ihnen eröffnen: „Robert, der Schumpeter ist abgesprungen. Du musst sein intelligentes Lagerwirtschaftsprogramm einstellen. Unser Herr Schmalfuss wird dir ein neues Projekt zuteilen. So lange, bitte, erfülle Verwaltungsaufgaben. So, das war es dann. Wir hoffen alle auf ein gutes Ende, Robert.“
Ihr Leben wird vom Unglück bestimmt werden. Sie wissen das, Herr Klarmüller. Was soll ich Ihnen raten? Helfe ich Ihnen aus einem Unglück heraus, trifft Sie ein anderes. Ich weiß leider nicht, wie ich Ihnen nun beistehen könnte, doch werde ich Sie begleiten. Sie werden wieder Post von mir erhalten.

Mit herzlichen Grüßen
Hans Rosen

 

Ja, es stimmte. Robert Klarmüller spürte die schiefe Ebene. Sie zog ihn nach unten. Wie weit?, fragte er sich. Er wusste keine Antwort. Was will dieser Herr Rosen von mir, falls es ihn denn gibt? Schrieb er nicht in seinem ersten Brief, gerade eine Woche her, er wolle mein Engel sein? Er hat wohl schwarzes Gefieder stattdessen, der Rabe Rosen.

Kunststoffrabe und sein Schatten

Kunststoffrabe und sein Schatten

Er scheint ein Unglücksbote zu sein. Dennoch, erst einmal warten und sehen, was am Donnerstag passieren wird.

Ramona war wegen der Sache mit Jello gar nicht betroffen. Als ob sie darauf gewartet hätte. Ihr ist es anscheinend recht, dass die Lovestory zwischen ihm und Jello weitergeht. Sie hofft wohl auf eine gute Scheidung mit hohen Alimentationszahlungen von ihm, nicht nur für die drei Kinder, sondern auch für sich. Das kann leicht sechzig Prozent seines Einkommens kosten, theoretisch, von seinem bisherigen Einkommen, was dahingehend die Zukunft bringt, wird sich erst zeigen.

Ich werde es Alice nicht leicht machen, dachte Robert am Donnerstag kurz nach 13 Uhr. Ich bleibe einfach sitzen, in diesem Café nahe der Firma. Er bestellte einen Latte macchiato. Er sah zur Tür. Um 13:16 Uhr öffnete Alice sie und trat ein. Sie setzte sich an Roberts Tischchen, um 13:17 Uhr begann sie zu eröffnen: „Robert, der Schumpeter ist abgesprungen. Du musst sein intelligentes …“

Das ist ganz, ganz schlecht, wusste Robert.

Den weiteren Arbeitstag verbrachte Robert damit, seine Ablage abzuarbeiten, einen Teil davon, damit er auch in den kommenden Tagen zu tun haben würde. „Warum hat mich Herr Schmalfuss nicht selbst über diesen Vorfall unterrichtet?“, fragte sich Robert. „Und wann erhalte ich mein neues Projekt, als Alleinverantwortlicher wie sonst oder nur als Mitarbeiter?“

Plötzlich kam ihm ein Gedanke: Was ist, wenn dieser Herr Rosen nicht der Verkünder wäre, sondern die Ereignisse einträten, weil er sie vorhersagte? War das nicht eine realistische Möglichkeit in der Unmöglichkeit, in der Robert sich befand?

Ich muss ihn ausfindig machen, sollte es ihn wirklich geben, überlegte Robert weiter, mittlerweile glaube er an seine Existenz, seine jetzige. Falls er meine Zukunft erzeugt, muss ich ihn dazu bringen, die Kette an fallenden Dominosteinen zu unterbrechen. Versuchen werde ich es.

Und zwar jetzt, sofort. Robert fuhr ein paar Minuten nach 17 Uhr von der Firma weg, das Navi wies ihm den Weg. Nach knapp zwanzig Minuten war er am Ziel, der Tritscherstraße 11, einem weißen, etwas heruntergekommenen Wohnblock aus den 1980er-Jahren vor und neben gleichartigen. Drei dieser Häuser standen durchgehend nebeneinander, Stiege 1, Stiege 2 und Stiege 3. Robert suchte den Hausbesorger. Bei Stiege 2 stand er auf einem Klingelschild, mitsamt „Groß“, seinem Namen. Robert läutete. Nach kurzer Zeit meldete sich ein heiserer Mann. „Können Sie mir vielleicht helfen, Herr Groß? Ich suche Herrn Hans Rosen.“ „Ist gut“, sagte Herr Groß durch die Gegensprechanlage, nehmen Sie den Lift in den 3. Stock. Ich bin dort in der ersten Wohnung links.“ In der Wohnung hielt sich eine große Familie auf, viele Kinder jeden Alters, sah Robert durch die halboffene Tür. Herr Groß war freundlich, bat Robert aber nicht in seine Wohnung. „Hier standen früher Einfamilienhäuser“, erzählte er. „Diese Wohnhäuser wurden 1983 erbaut. Der Name Hans Rosen ist mir kein Begriff. Ich empfehle Ihnen, sich in dem kleinen Haus auf der anderen Straßenseite bei Herrn Hering nach Herrn Rosen zu erkundigen. Seit ich Hausbesorger bin, seit 1991, lebt er dort. Möglicherweise kann er Ihnen helfen.“

Dieser Herr Hering bat Robert, in das Haus einzutreten, in dem er seit dem Tod seiner Frau vor sieben Jahren alleine lebte. Er bereitete auch Kaffee zu. Ja, er könne sich an Johann Rosen erinnern, der habe drüben auf der anderen Straßenseite ganz alleine gelebt. Herr Hering war Jahrgang 1940, Herr Rosen müsste 1912 auf die Welt gekommen sein. Er ging sehr nett mit den Kindern in der Gegend um, sagte Herr Hering, auch mit ihm, und ohne jede Art von sexueller Belästigung, wie Herr Hering wusste, auf keinen Fall bei ihm, aber auch nie kam ein Mädchen verstört aus Herrn Rosens Haus. „Können Sie sich an etwas besonderes bei Herrn Rosen erinnern?“, fragte Robert. „Ja“, sagte Herr Hering, „er schrieb und erhielt viele Briefe.“ Im Jahr 1980 verschlechterte sich Herrn Rosens Gesundheitszustand, im Jahr darauf zog er in ein Altersheim, das in der Gemeinde Neutau lag, welches es heute nicht mehr gibt. Alle Häuser auf der anderen Straßenseite wurden wahrscheinlich teuer vom Bauträger angekauft, jedenfalls wurden alle planiert und die neuen großen Wohnhäuser hochgezogen. Herr Hering besuchte Herrn Rosen gelegentlich, eher selten, in seinem Heim. Im Jahr 1985 starb er dann. „Vielen Dank, Herr Hering, Sie haben mir sehr geholfen“, bedankte sich Robert. „Habe ich das wirklich?“, fragte Herr Hering.

Hat er, dachte Robert. Als Erstes aber googelte er diesen Hans Rosen, fand aber nicht den richtigen und erst recht keine Telefonnummer. So besorgte er sich einen Grundbuchauszug, in dem stand, dass Hans Rosen am 7. November 1981 seine Liegenschaft in der Tritscherstraße 11 an die Firma „Heimathafen“, verkauft hatte, für die Hermann Salzwedel verantwortlich zeichnete. Durch das Standesamt von Neutau erfuhr Robert, dass Hans Rosen am 14. Februar 1985 gestorben war.

Also gab es keine Möglichkeit, diesen Herrn Rosen zu kontaktieren. Oder vielleicht doch, was wäre, wenn er ihm einfach einen Brief schriebe? Ein Brief an einen Toten, aber schrieb nicht auch dieser Tote ihm, weshalb eigentlich in neuer deutscher Rechtschreibung? Weil er wusste, dass sie im Jahr 2014 verwendet werden wird, war die logische Erklärung. Falls alles nicht nur ein Streich war, in den Alice eingeweiht war. Dennoch, Robert hatte nichts zu verlieren, sondern konnte nur gewinnen.

Mittlerweile war es Montag nach der Arbeit. Robert hatte bislang kein neues Projekt übertragen bekommen, und die Ablage war aufgeräumt. Ramona wollte die Trennung und verlangte, dass er auszog. Aber Jello mochte ihn nicht bei sich aufnehmen. Es waren schwarzes Wasser und dunkle Luft für Robert Klarmüller.

Er setzte sich mit ein paar Blättern A4-Papier ins Café „Zum fröhlichen Augustin“, in dem er es nett fand und sich öfters aufhielt. Er begann mit einem Werbegeschenkskugelschreiber seiner Firma zu schreiben:

 

Lieber Herr Rosen!                                                   Klagenfurt, 15.09.2014

Ich schreibe Ihnen, weil ich keine andere Möglichkeit sehe, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Oder könnten wir uns treffen, wäre das möglich?

Sylvia, die blonde wohlgeformte Kellnerin brachte Robert seinen bestellten Verlängerten. „Schreibst du einen Liebesbrief, Rob?“, fragte sie. „Einen Brief schon“, antwortete Robert, aber ohne Liebe.“ „Liebe ist doch das Wichtigste im Leben. Ohne sie ist doch alles traurig, meinst du nicht, Rob?“, fragte Sylvia weiter. „Ja schon, du hast ja Recht, Sylvia“, sagte Robert. Er fuhr fort zu schreiben:

Wissen Sie, Herr Rosen seitdem Sie in mein Leben getreten sind, was ja erst ein paar Tage her ist, hat es sich dramatisch verschlechtert. Ich frage nun, falls Sie mir etwas Gutes prophezeiten, träte das dann ein? Ich hoffe auf eine Antwort von Ihnen.

Mit besten Grüßen
Robert Klarmüller

 

Er gab den Brief am Dienstag während seiner Mittagspause bei der Hauptpost auf, die durchgehend offen hatte. Am Vormittag hatte ihn Herr Schmalfuss in sein Büro bestellt und ihm aufgetragen, er solle den Herren Schneider und Niederpichler bei ihren Projekten zur Hand gehen. Robert fasste das als positive Nachricht auf. Zwar waren beide jünger und kürzer in der Firma als er, aber wenigstens wäre er beschäftigt.

Auf der anderen Seite, die nun eine Front geworden ist, hatte Ramona den Kindern mitgeteilt, dass Papi und sie sich trennen würden, und er bis zum Monatsende ausziehen werde. Freilich könnte er sie immer besuchen kommen. Die Kinder nahmen das natürlich sehr schlecht auf. Als negatives Sahnehäubchen sagte Jello, sie „brauche eine Auszeit“.

Wäre Roberts Privatleben ein Raum, lägen da überall Scherben, und es wäre geradezu unmöglich, in keine zu treten. Bei seiner Arbeit hatte er noch eine Gnadenfrist.

Dienstag nachmittags, am Mittwoch und Donnerstag versuchte Robert, möglichst geschäftig in seiner Firma zu erscheinen, was sehr schwer für ihn war, denn der Schneider und der Niederpichler behandelte ihn wie einen Assistenten, als der er jetzt ja auch fungierte. Aber es gab keinen Ausweg, Robert musste mitmachen.

Als er am Donnerstag in seinem Noch-Zuhause eintraf, lag ein Brief für ihn auf dem Küchentisch. Robert las ihn auf der Wohnzimmercouch:

 

Mein lieber Herr Klarmüller,                       Klagenfurt, 17. September 1956

ich habe mich über Ihren Brief gefreut. Ich dachte schon, dass Sie mir irgendwann schreiben würden. Und jetzt so bald! Leider aber können wir uns nicht leibhaftig treffen, da ich ja tot bin. Wenn Sie jetzt fragen, weshalb ich denn schreiben kann, muss ich antworten: Ich weiß es nicht. Es geschieht automatisch. Ich kann Ihnen auch nichts Gutes vorhersagen, wenn das nicht eintreffen wird. Ich kann Ihnen und jedem anderen nur das mitteilen, was tatsächlich eintreten wird. Sie sind nicht mein einziger Adressat, mein lieber Herr Klarmüller. Manchen kann ich Wohltaten und Glücksfälle prognostizieren, bloß, wissen Sie, im gegenteiligen Fall, wenn es um eine Person schlecht bestellt ist, wie bei Ihnen, besteht mehr Handlungsbedarf. Daher wandte ich mich mit meinem ersten Brief an Sie und riet Ihnen dringend, Ihr Verhältnis mit Jasmin sofort zu beenden. Das taten Sie nicht.

Sie fragen sich bestimmt, wer oder was ich bin. Ich bin der Briefeschreiber aus der Vergangenheit. Ich kann Götterbote sein oder ein Engel, allerdings bin ich oft einer der Unterwelt. Ich bin nicht der Böse, der Böses tut, genauso wenig wie ich der Gute bin, der Gutes verteilt. Bereits in meinem zweiten Brief schrieb ich, dass ich Ihnen nicht mehr helfen könne, ebenso wenig aber vermag ich, Sie ins Unglück zu stürzen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Ihnen zu schreiben.

Diesmal gebe ich Ihnen keinen Einblick in die Zukunft. Das soll Ihnen das Gefühl vermitteln, sie selbständig gestalten zu können.

Ich empfehle mich, bis zum nächsten Mal

Hans Rosen

 

Diesmal keine Prophezeiung, damit fing Roberts Denkfaden an, und da bisher alle schlecht waren, ist das gut. Dieser Herr Rosen ist auch nicht perfekt, spann er den Faden weiter, schließlich wusste er zu Beginn nicht, dass  heutzutage keine Telegramme mehr üblich sind. Und überhaupt werde ich ihn für mich ab jetzt nur noch als „den Mann, der sich Hans Rosen nennt“, bezeichnen. Da es doch am wahrscheinlichsten ist, dass es in der Tritscherstraße 11 jemanden gibt, der einen Postkasten lautend auf Hans Rosen hat. Meines Wissens nach, Roberts Denkfaden war bald fertig gesponnen, ist das von außen an den Postkästen nicht ersichtlich, es genügt, wenn der Briefträger weiß, dass ein bestimmter Postkasten so bezeichnet ist.

Jetzt geht es wieder selbstbestimmt weiter, überlegte Robert. Er wollte diesen Gedanken nicht zerlegen, um ihn nicht zu schwächen, daher brach er ab.

Am nächsten Tag, Freitag, dem 19. September 2014, saß er nach der Arbeit in seinem Noch-Zuhause einfach herum. Er las Magazine, um sich zu beschäftigen, und trank einige Biere. Die Kinder stellten ihm Fragen, die er beantwortete, so gut er konnte. Ramona sagte kaum etwas zu ihm, verfolgte ihn aber mit den Augen. Abends dann richtete sie sich her. „Was machst du, Ramona?“, fragte er. „Ich treffe mich mit meinen Freundinnen“, sagte sie. „Aha“, sagte Robert.

Als sie fort war, schrieb er Jello eine WhatsApp-Nachricht. Es kam keine Antwort. Er rief sie an. Sie hob nicht ab, auch beim zweiten Mal nicht.

Ich werde mich zusammennehmen. Ich werde das Maximum aus jeder Sache herausholen, mit diesem Gedanken betrat Robert am Montag seine Firma, wo er dann eine Kleinigkeit für den Schneider und etwas Nebensächliches für den Niederpichler erledigte.

In weiterer Folge aber wurden diese Arbeiten immer unwichtiger und weniger. Robert wandte sich an seinen Vorgesetzten mit der Frage: „Soll ich auf Akquise gehen, Herr Schmalfuss?“, worauf er antwortete: „Nein, Sie haben das ja bislang nie getan, Herr Klarmüller.“ Robert verbiss sich die Frage: „Und was soll ich dann tun?“

In den nächsten Tagen wurden die Kollegen Robert gegenüber immer wortkarger. Manche brummten zur Begrüßung nur noch, andere oder dieselben standen da und sahen ihn an, ohne etwas zu sagen, manche grinsten blödsinnig. Und kann fingen die Witze an. Die Dämlichsten in Roberts Arbeitsbereich waren die Ersten, die sie erzählten.

Robert rechnete jeden Tag damit, dass ihm gekündigt würde. Vorerst geschah das aber nicht, weil die Verantwortlichen in der Firma wollten, dass Robert von sich aus kündigte und er damit seine Abfertigung verlieren würde. Er sollte weichgeklopft werden.

Am Samstag, dem 27. September, zog Robert mit dem Nötigsten in ein billiges Hotel. Er bezahlte zwanzig Euro pro Tag auf Monatsbasis. „Geht es vielleicht ein bisschen billiger?“, fragte er die Wirtin. „Bei mir nicht“, sagte sie.

Meine Situation könnte noch schlimmer sein, rief Robert sich in Erinnerung. Ich könnte Schulden bei einem Wucherer gemacht haben, sie nicht bedient haben können, und die Racketeers hätten mir deshalb für den Anfang den linken Daumen abgehackt. Oder ich könnte sterbenskrank sein.

Ramonas Freund hieß Lothar. Offiziell gab es ihn nicht, doch die Kinder hatten Robert von ihm erzählt. Es kann gut sein, dass dieses Verhältnis schon vor dem zwischen mir und Jello bestanden hatte, mutmaßte Robert.

Er legte einige Blätter A4-Papier auf das Pult in seinem Hotelzimmer und schrieb:

 

Lieber Herr Rosen!                                                   Klagenfurt, 16.10.2014

Ich kann Ihnen nichts Positives, was mit mir im Zusammenhang steht, berichten. Und es wird noch schlechter werden, das ist klar ersichtlich. Alle Zeichen stehen auf Sturm. Ich habe nicht die geringste Idee, wie ich meinen Niedergang stoppen könnte.

Damit kommt der Grund dieses Schreibens von mir an Sie ins Spiel. Ich frage Sie ganz direkt, Herr Rosen: Können Sie mir noch eine Chance einräumen?

In Hoffnung lichtblickhafter Antwort

Robert Klarmüller

 

Am 22. Oktober überreichte die Wirtin den Brief mit folgendem Inhalt:

 

Mein lieber Herr Klarmüller,                       Klagenfurt, 20. Oktober 1956

es steht schlecht um Sie. Ich habe das mehr als nur befürchtet, ich habe es gewusst. Ich helfe Ihnen gerne, wenn ich nur wüsste, wie. Ich muss es schon zugeben: Ich hätte mich früher um Sie kümmern sollen. Leider habe ich das verabsäumt. Man ist ja meistens zu spät, ist es nicht so?

Sie bitten mich um eine Chance? Nun, eigentlich war der Absatz in meinem letzten Brief an Sie, in dem ich schrieb, dass ich Ihnen diesmal keinen Einblick in Ihre Zukunft geben würde, diese Chance.

Doch es wäre kleingeistig von mir, würde ich Sie nun ganz auf sich alleine gestellt lassen. Ich kann Ihnen mitteilen, dass es in Ihrem Lebensweg eine Gabelung geben wird. Sie können frei wählen, ob Sie dort nach links oder rechts gehen.

Diese Gabelung besteht darin, dass Sie sich zu Fuß auf einer Straße befinden und sich Ihnen ein Auto in schneller Fahrt nähert. Erfasst das Auto Sie, werden Sie sterben. Weichen Sie dem Auto aus, werden Sie zukünftig als Stadtstreicher leben.

Es liegt an Ihnen, ob Sie diesem Auto ausweichen wollen oder nicht, es ist leicht möglich. Im Falle, dass Sie als Stadtstreicher Ihr zukünftiges Leben verbringen wollen, werde ich Ihnen nicht sagen, wie lange dies sein wird, nur dass es ein elendiges sein wird, kann ich Ihnen sagen.

Ich teile Ihnen auch nicht den Zeitpunkt dieses Ereignisses mit. Sie werden wissen, wenn es so weit ist.

Dies ist das Ende unserer Kommunikation, mein lieber Herr Klarmüller.

Ich wünsche Ihnen alles Gute

Hans Rosen

 

Das war es dann also mit „dem Mann, der sich Hans Rosen nennt“, dachte Robert, als er den Brief gelesen hatte.

In der Firma wurde es immer schlimmer, wie es üblich ist für jemanden, der auf dem Abstellgleis steht. Er wurde häufiger und direkter verbal angegriffen. Stellte er eine Frage, blieb der Angesprochene üblicherweise stumm. Robert wurde gemieden, als wäre er radioaktiv. Relativ neutral blieb noch der Roloff, aber einer allein war zu wenig, und Freund war er auch keiner.

Ramona ließ nicht mehr von sich wissen, als dass sie bereits bei einer Scheidungsanwältin gewesen war. Marlies erzählte ihm, dass ihre Mama oft und lange mit jemandem telefoniere und dabei agiere wie sie selbst, ein Teenagermädchen eben. Marlies nannte keinen Namen, aber bestimmt war es dieser Lothar. Und Jello hatte inzwischen eine neue Telefonnummer.

Robert war der Fallschirmspringer, der seinen Fallschirm vergessen hatte. Der Boden wartete auf ihn.

All diese Unglücke fraßen Löcher in seinen Leib wie Ratten. Er konnte oft nicht schlafen, trank Dosenbier zur Beruhigung. Manchmal wurde er gegen zwei bis drei am Morgen munter, öffnete die erste Dose, die zweite, die dritte und so weiter. Dann putzte er die Zähne, rasierte sich und duschte, kleidete sich an und fuhr mit dem Auto in die Firma zum nächsten Kampf.

Derweil hatte er seinen Führerschein noch. Es kann eben immer noch schlechter werden, dachte er.

Der 31. Oktober 2014 war ein Freitag. Robert war alleine in der Stadt unterwegs, zog von Lokal zu Lokal. Er hoffte, eine Frau kennenzulernen, sich wenigstens mit einer unterhalten zu können. Es war halb elf in der Nacht.

Er ging an einer Kreuzung bei Grün über die Straße. Plötzlich schoss ein Auto auf ihn zu. Es war von der rechten Querstraße auf diese eingebogen, ebenfalls bei Grün. Seine Geschwindigkeit war viel zu hoch, die Musikanlage wummerte. Robert war dunkel angezogen.

Dies ist das Ereignis, dass mir Herr Rosen ankündigte, war Robert sofort klar. Lasse ich mich anfahren, ist alles vorüber, habe ich die ganze Mühsal überstanden. Ein Heldentod ist es zwar nicht gerade, aber jeder Tod ist besser als dieses Leben.

„Ich mache es!“, sagte sich Robert. Er blieb stehen. „Nein, doch nicht!“ Robert sprintete los. Das Auto fuhr ein paar Zentimeter hinter seinem Rücken vorbei.

„Und jetzt?“, fragte sich Robert. „Was ist jetzt mit Stadtstreicher?“

Er wusste aber in dem Moment nicht – er musste ja morgen die Miete für den Oktober, sechshundertzwanzig Euro, zahlen –, dass Ramona ihr gemeinsames Konto leergeräumt hatte, auf dem sich Ende September ungefähr vierzehntausendsechshundert Euro befunden hatten. Bei seinem Gehaltskonto hatte er noch einen Überziehungsrahmen von dreihundertachtzig Euro.

Überdies würde am Montag der Personalleiter, Herr Klingelmeier, Robert in sein Büro bestellen, wo auch Herr Watzlaff, der Besitzer und Geschäftsführer der Firma, warten würde. Der Personalleiter würde Robert die fristlose Kündigung vorlegen, was bedeutete, dass die Abfertigung für Robert hinfällig war, die ein halbes Jahresgehalt fast brutto für netto ausmachen würde, im Fall, dass die fristlose Kündigung zu Recht bestünde. Der Grund dafür war, dass Robert Daten mittels USB-Sticks aus dem Netzwerk der Firma kopiert und an Konkurrenzunternehmen verkauft hatte. Angeblich, natürlich stimmte dieser Vorwurf nicht, aber es gäbe Zeugen, erklärte ihm der Personalleiter. Selbstverständlich haben wir Ihr Oktobergehalt einbehalten, fuhr der Personalleiter fort. „Wir behalten uns vor, sie zu verklagen“, sagte der Besitzer, „und jetzt raus!“ „Im Schweinsgalopp“, setzte der Personalleiter fort, woraufhin beide lachten.

Johannes Tosin
(Text und Foto)

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