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Annäherung an Schnittkes St. Florian

Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hieß der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte.
In der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke St. Florian genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. Sie habe zwei Freikarten bekommen, aber ihr Mann Matthäus sei verhindert, er müsse seiner Funktion als Diakon nachkommen. Und, setzte sie fort, sie habe gleich an mich gedacht, weil sie wisse, dass mich Musik nicht bloß interessiere, sondern dass ich dafür auch Leidenschaft zeige.
Das stimmte. Ich zögerte nur kurz, weil ich im Kopf überschlug, ob ich an diesem Sonntag Zeit hatte, dann schaute ich zur Sicherheit in meinem Stehkalender nach, ob ich etwas eingetragen hatte. Da stand nichts, also stimmte ich zu und bedankte mich bei Konstanze, dass sie an mich gedacht hatte.
Ich fragte sie, ob sie mit dem Zug nach Linz komme. Sie bejahte. Sie sage mir noch die genaue Zeit, und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Auto vom Bahnhof abholen würde, dann könnten wir in St. Florian vor dem Konzert einige Zeit verbringen und je nach dem Wetter spazieren gehen oder einkehren oder beides. Ich stimmte zu.
Ich fragte mich, wie Konstanze nach dem Konzert nach Hause nach D. oder nach Lambach, wo ihr Elternhaus stand, kommen würde, und befürchtete, dass sie daran dachte, bei mir zu übernachten, was mich unangenehm berührt hätte. Als hätte sie sich an meinem Unbehagen ein paar Sekunden erfreut, sagte sie, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, sie appelliere nicht an meine Gastfreundschaft. Sie nehme ein Gästezimmer im Stift und habe am Montag in der Diözese in Linz zu tun. Eine Kollegin aus St. Florian nehme sie nach Linz mit. Sie lachte und sagte, sie spüre meine Erleichterung, und ich war in der Tat erleichtert.

Ich holte Konstanze am Sonntagnachmittag vom Linzer Hauptbahnhof ab. Sie trug ein festliches Dirndlkleid, das ich von früher kannte, und sie hatte einen kleinen Koffer mit den Utensilien für die Übernachtung im Stift bei sich. Wir fuhren ein Stück auf der Autobahn, dann auf der Straße bis in den Markt. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 1970er Jahre ein paar Mal mit meinem Vater mit der Florianerbahn von Ebelsberg in den Markt gefahren war und wir im Stift das eine oder andere Orgelkonzert gehört hatten. Die romantische Bahn stellte man 1973 ein. Viel später, mein Vater war schon lange tot, hatte ich im Marmorsaal des Stifts ein Violinkonzert mit Lidia Baich gehört. Sie hatte Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 gegeben, und ich war sowohl von der musikalischen Darbietung als auch von der Attraktivität der Geigerin angetan.

Bald nach dem Verlassen der Autobahn erstand das Stift, das sich diskret in die Landschaft fügt, vor unseren Augen. Es wird von Augustiner Chorherren bewirtschaftet, die altern, sterben, aber kaum Nachfolger finden. So teilen sich wachsende Aufgaben auf immer weniger Chorherren auf. Parkplätze gab es um das Stift noch genug, wie üblich würden die Besucher erst knapp vor dem Konzert anreisen und nach Parkplätzen suchen, je näher beim Stift, desto besser, damit sie so wenig wie möglich zu Fuß gehen mussten. Der Himmel war bedeckt, aber es regnete nicht, nur manchmal riss die Wolkendecke auf und ließ die Sonne hervorschauen. Die Temperatur war angenehm für einen Aufenthalt im Freien, und so beschlossen wir, uns zunächst im Literaturgarten die Füße zu vertreten. Dieser kleine Garten, mit Blumen und Pflanzen dicht bewachsen, lag ganz nahe beim Stift und war dessen ehemaliger Gemüse- und Gewürzgarten. Man hatte kleine Schilder in die Beete gesteckt, die die Pflanzen benannten, Tontafeln trugen vorwiegend religiöse Sentenzen, von Augustinus etwa, auch Adalbert Stifter mischte sich ein. Neben einer Büste Anton Bruckners gab es eine Tontafel mit einem Zitat, das man Bruckner zuschrieb: „Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“ Tulpen waren die dominierenden Blumen. Zwischen den Gewächsen öffnete sich der Blick auf die Landschaft, und aus den unterschiedlichen Grüntönen leuchtete der Raps. Sein kräftiges Gelb blendete beinahe.

Eine Ruhe breitete sich in uns aus, die uns angesichts des Konzerts innere Kraft sammeln ließ. Nach einer Weile der Kontemplation regte Konstanze an, in der Stiftsgärtnerei auf Kaffee und Mehlspeise einzukehren. Das Café der Stiftsgärtnerei lag zu ebener Erde eines großen Gewächshauses. Es war ein Gartengroßmarkt, und die Leute stellten die ausgewählten Blumen und Pflanzen in Einkaufswagen, die sie scheppernd ins Café fuhren. Eis schleckende Kinder liefen umher. Eine olivgrüne Decke schützte ein auf einem Podest stehendes Klavier, davor zeigte ein Plakat das nächste Konzert mit leichten Melodien an. Wir saßen zwischen exotischen Pflanzen, als wären wir in der Südsee, die Blätter einer Palme oder eines Strauches kitzelten uns im Gesicht. Zwischen den Gewächsen schauten manchmal Figuren nach antiken Vorbildern und mit künstlicher Patina hervor. Es war heiß, und die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugte ein lokales tropisches Klima, das einem den Schweiß aus den Poren trieb. Einige Sitzgelegenheiten gab es draußen im Freien, um einen Springbrunnen herum und vor einem Pavillon. Sie waren alle besetzt. Der Springbrunnen plätscherte laut und übertönte jede Unterhaltung, saß man in seiner Nähe. Die exotische Umgebung im Gewächshaus und das intensive Vogelgezwitscher ließen uns wie an einem entfernten Ort fühlen. Nur das Meer fehlte oder wenigstens der Blick darauf von der Hotelterrasse.

Langsam war es an der Zeit, uns in die Stiftskirche zu begeben. Wir erhielten jeder ein Programmheft, das ich aufmerksam durchlas, unterbrochen von der einen oder anderen Unterhaltung mit Konstanze. Schnittke hatte 1977 die Stiftskirche St. Florian besucht. Der Zugang zu Bruckners Grabstätte war schon geschlossen. Er hörte damals einen unsichtbaren Chor, der die Abendmesse sang. Er nannte sie eine missa invisibilis. Die Kirche, der unsichtbare Chor, das Geheimnisvolle des Raums beeindruckten ihn so sehr, dass er für einen Kompositionsauftrag des BBC Symphony Orchestra auf Anregung Gennadij Roshdestvenskys ein Werk zu Ehren Anton Bruckners und St. Florians schuf, seine 2. Sinfonie, die er St. Florian nannte und nach der Messordnung strukturierte. In Erinnerung an den unsichtbaren Chor hatte er eine gleichsam unsichtbare Messe komponiert, eine sakrale Sinfonie für ein großes Orchester vor einem Choralhintergrund. Der Charakter dieser Messe ist zurückhaltend, macht sich meist nur am Anfang eines Satzes bemerkbar. So tritt zum Gregorianischen Choral das Orchester hinzu, das eigenständig ist und mit dem Choral nicht direkt etwas zu tun hat, sondern dessen Weiterführung ist, zitierte das Programmheft Schnittke.

Nur wenige Plätze blieben frei. Die Leute redeten miteinander, meist leise, viele flüsterten angesichts der Aura der Stiftskirche. Dann betraten der Dirigent und die Solisten den Kirchenraum, es folgte das Orchester. Einige Instrumente und Stimmen nahmen ihren Platz auf der Empore ein. Ein letztes kollektives Räuspern und Husten kamen auf, das Publikum gab diesem Reflex noch hastig Raum, während das Orchester die Instrumente stimmte. Dann kehrte Stille ein und alle warteten auf das Einsetzen der Instrumente, auf den Beginn des 1. Satzes, des Kyrie. Eine gleichsam himmlische Klangfolge entstand, ich empfand sie in der Tat so, als sänken die Klänge vom Himmel herab. Die sechs Sätze entfalteten sich im mystischen Raum der Stiftskirche. Nach dem Kyrie das Gloria, gefolgt vom Credo, dem Crucifixus, dem Sanctus Benedictus und schließlich dem Agnus Dei. Die Stimmen des Chors und des Countertenors erreichten mein Ohr, verzauberten mich. Letzterer – gleichsam dem Himmel näher – sang auf der Empore, für mich war er unsichtbar wie früher der unsichtbare Chor, der Schnittke beeindruckt hatte. Es wirkte, als käme die Stimme, nachdem sie zur Erde gesunken war, aus dem Kirchenraum selbst, losgelöst von einem menschlichen Ursprung. Der Gregorianische Choral bemächtigte sich nach und nach des sakralen Raums, und die Mystik des Mittelalters ergriff von der Stiftskirche Besitz.
Da mischte sich, zunächst nahezu unhörbar, dann sanft anschwellend, eine virtuose orchestrale Melodik ein, die langsam an Kraft gewann und schließlich wie ein Gewitter explodierte. Ich blickte kurz zu Konstanze, die versunken der Musik lauschte und das musikalische Gewitter, da war ich mir sicher, wie den Unwillen Gottes fühlte, und selbst ich, der sich als Atheisten, höchstens als Agnostiker sieht, bekam beinahe Angst, der göttliche Zorn könnte sich wegen meines Unglaubens über mir entladen und, ohne Rücksicht auf die zahlreichen gottesfürchtigen Menschen, die Stiftskirche zum Bersten bringen und die Menschen unter sich begraben. Und für einen Augenblick flammte Zweifel in mir auf ob meines Atheismus angesichts der räumlichen Macht der Stiftskirche, angesichts der überwältigten schweigenden Menschen und angesichts des Geheimnisses, der Mystik und der Wucht der Schnittkeschen Musik.
Ich spürte die Wirkung dieser sakralen Musik, ihrer religiösen Sprache noch lange, nicht nur emotional, auch körperlich, sie erschöpfte mich, sie schmerzte, als hätte ich eine physische Anstrengung überstanden. Und es blieb nach dem Konzert, nach diesem Erlebnis der musikalischen Totalität eine Betroffenheit, die Schnittkes 2. Sinfonie in mir, in Konstanze, in den stillen Menschen erzeugt hatte und die parallel zur Vernunft bestand und sich nur langsam verflüchtigte.

Konstanze und ich waren wie die meisten lauschenden Menschen ergriffen. Wir schwiegen, Worte wären der Sinfonie nicht gerecht geworden. Konstanze war erschöpft und wollte sich gleich ins Gästezimmer zurückziehen. Wir verabschiedeten uns, und Konstanze sagte, wir sollten uns bald wiedersehen. Ich nickte. Ich hatte noch die Rückfahrt vor mir, bei der ich aufpassen musste, nicht zu sehr im Schnittkeschen Kosmos zu verharren, um dem Verkehr gewachsen zu sein.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 26144

Woodplay

In diesem Fall stellt sich die Frage,
dauert etwas gar drei Tage,
ist es vom Hudson bis zur Elbe
oftmals nicht immer dasselbe.

Rockmusik ist manchen heilig,
und die Fans, die haben’s eilig,
folgen ihrer Lieblingsband
bis ans Ende dieser Welt.

Warum man ein Musikevent
der Dauer wegen bloß so nennt?
Nämlich so wie damals dieses
Woodstockfestival, so hieß es.

Welten trennten die Idee
voneinander, eh und je.
Blasmusiker klau’n den Namen
für ein Fest in diesem Rahmen.

Damals war das Ziel drei Tage,
Love and Peace, in ruhiger Lage.
Zwischen Hasch und Mescalin
hört man auf die Musik hin.

In Bethel borgte ein Milchbauer
dreihunderttausend Fans, genauer
Hippies wie auch Musikern,
sein Weidefeld dafür recht gern.

Trotz Dauerregens riss Joe Cocker
alle Teilnehmer vom Hocker.
Janis Joplin’s no more pain
folgten Tränen, love in vain.

Statt Tenorhorn bläst die Anna
vor sich Schwaden aus Marihuana.
Lässt man diese Szenen tauschen,
hörte von fern man dumpfes Rauschen,
trotz des überlauten Trubels
das Tröten des Klarinettenmugels.

Die US-Hymne spielte Hendrix
nach Santana, als Appendix.
In Hintertupfing zwischen Ästen
serviert der Wirt den werten Gästen
eine Halbe und ein Schnitz
am Baumkronenweg, kein Witz!

Und im Schlafsack, nah der Bühne,
liebt ein langhaariger Hüne
eine hübsche Hippiebraut,
nach dem Motto Twist and Shout.

In Hühnerzipfl intoniert
am Flügelhorn, hoch motiviert,
Liebe böhmisch, mit Elan,
der Seppl, weil er’s so gut kann.

Doch Pete Townshend von  The Who
gibt am Verzerrer keine Ruh.
In Tupf am Wald dort quiekt die nette
Klarinette der Anette.

Vielleicht ist ein Vergleich nicht gut
und macht bei allen böses Blut?
Könnt man Marathon nicht sagen?
Man müsste bloß die Bläser fragen.
Fragt sich, gibt’s da was zu schmollen,
bei Festen, die nicht enden wollen?

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 26114

Klavierstunde lyrisch

Ungemach steckt schon im Namen,
Bösendorfer, mit Stahlrahmen.
Schwarz und mächtig anzusehen,
für mich gebaut zum Untergeh’n.

Für die Erzeugung, als Garanten,
sterben dafür Elefanten.
Darauf ist man auch noch stolz.
Fallen Tiere wie auch Wälder,
Elfenbein und Ebenholz!
Weit geöffnet steht sein Maul.
Hast geübt oder warst faul?
Achtundachtzig Tasten gieren
nach den Fingern, die sich zieren,
sie ganz leicht nur zu berühren,
bloß jetzt keine falsche Note,
denn wer weiß, vielleicht gibt’s Tote?

Klavier, du Tier!
Wenn ich an dich denke,
zittern mir die Handgelenke,
zittern mir die Knie!
Doch auf dir spielen
wollt’ ich nie!
Ich schwör’s. Tu ich’s wieder,
wär’s  pervers.

Sitz ich auf der Folterbank,
kramt die Lehrerin im Schrank.
Sucht nach einem Lineal
aus Holz, von anno dazumal.

Rammt es mir dann voll Entzücken,
wenn ich krumm sitz, in den Rücken.
Der Deckel auf die Finger knallt,
wutentbrannt und killerkalt.
Spielt man eine falsche Note,
gibt’s was auf die kleine Pfote.

Die Träne quillt,
die Nase rinnt,
Klaviermusik erfreut das Kind.

So billig kommt man nicht davon,
die Lehrerin spielt den Talon.
Du erkennst den jähen Schmerz,
und was weh tut, ist kein Scherz.
Gleich in Wirkung, allerort,
wenn sich der Pfahl ins Fleisch reinbohrt.

Hängt die Hand zu weit nach unten,
wird dagegen was gefunden
und des Bleistifts spitzes Ende
bohrt sich in des Schülers Hände.
Flugs hebt sich das Händchen wieder,
Tasten klappern auf und nieder.
Korrekte Stellung wieder da!
Sine misericordia.

Alljährlich steh’n aus bestem Hause
Söhne wie auch Töchter an,
sich im Wettbewerb zu üben,
wer’s besser und noch schneller kann.

Erstaunlich klingt mir eine Kunde,
beim Klavierspiel zum Befunde,
es demnach nicht nötig wär,
und schon gar nicht hinterher,
einem Mädchen voller Lust,
von hinten an die Brust zu fassen,
denn das wär zu unterlassen.

Ein so bedeutendes Ergebnis
ist mitnichten ein Erlebnis.
Wenn man dafür einen bestellt,
der die Sache erst erhellt.
Einen Professor für Klavier
braucht es für die Sache hier.
Unter Eid, dass ich nicht lache,
als Verständigen der Sache.

Das Drama dieser Episode
um den Wert der Drahtkommode
endet hiermit mit dem Schluss,
dass man vieles kann, nicht muss.

Wie auch immer,
ich spiel nimmer,
nicht con brio, bloß sordino
oder tacet, mihi placet.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25074

Carlos der Goldfisch

                 Ring – ring.

Bernd:     Hallo Spatzi!

Monika:  Ich bin nicht mehr dein Spatzi. Was willst du?

Bernd:     Ich bin hier, um Carlos zu besuchen.

Monika:  Carlos?

Bernd:     Den Goldfisch.

Monika:  Du spinnst wohl! Umdrehen und zu dir nachhause gehen, aber pronto!

Goldfische im Botanischen Garten

Goldfische im Botanischen Garten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25007

Richard Milhous Nixons Frisur

Nenas Sohn Sakias:
Mama, ich möchte zum Friseur gehen.

Nena:
Nein, Sakias, das geht nicht. Als Musiker musst du lange Haare haben.

Sakias:
Aber meine Haare sind viel länger als deine.

Nena:
Na und? Ist doch gut.

Sakias (denkt:)
Ich würde so gern ordentlich aussehen. Die Frisur von Richard Milhous Nixon würde mir doch super stehen.
(spricht:)
Nur die Spitzen schneiden, Mama?

Nena:
Kommt nicht infrage!

Nenas Sohn Sakias auf der Schlosswiese in Moosburg am 5. Juli 2018

Nenas Sohn Sakias auf der Schlosswiese in Moosburg am 5. Juli 2018

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25010

Geräusche

Die wenigen Geräusche hinter dem Fenster,
Vogelgezwitscher, selten Stimmen,
manchmal ein Auto, Rehe im Unterholz.

Im Haus Schritte, die Klospülung,
summend der Fernseher, die Dusche, der Föhn,
Geräusche fern von ihm.

Im Raum die leisen Geräusche,
das Feuerzeug, das die Zigarette anzündet,
das Ausatmen, das Rascheln von Papier.

Das Morgenrot hinter dem Europapark am 10. April 2024

Das Morgenrot hinter dem Europapark am 10. April 2024

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25024

Tonfilm

„Du bist eine wunderschöne Frau, my dear“, sagt der Regisseur zu ihr, „und die geborene Schauspielerin. Wie du mit den Augen rollst, die Arme bewegst, wie du dir an die Stirn greifst und dann ohnmächtig wirst, da braucht man keinen Text einblenden, man weiß auch so, was du sagst. Das ist wirklich Weltklasse. Aber deine Stimme, weißt du“, spricht er weiter, „die scheppert wie eine alte Lok. Es tut mir leid, meine Blume, aber einen Tonfilm kann ich nicht mit dir besetzen.“

Film - Food - Fun - CineCity BOWLING ARENA

Film – Food – Fun – CineCity BOWLING ARENA

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25018

Moskauer Musikgeschichten 1

Die Rache der Philharmoniker

Mein Chef, Botschafter Dr. Franz Cede, pflegte mich als seine Stellvertreterin zu Veranstaltungen zu entsenden, bei denen er verhindert war oder die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagten. Seinem eigentlichen Stellvertreter, dem jungen, unbedarften Botschaftsrat K., traute er das offenbar nicht zu; er nannte ihn nach dem alten Diplomatenwitz einen „Geschickten, nicht Gesandten“.

Dass K. sich nur gebeugt und im Rückwärtsschritt aus dem Botschafterkabinett entfernte, imponierte dem geradlinigen Cede nicht. Dabei unterließ er jeden Tadel, sondern seufzte nur einmal vor sich hin: „Wo hat der K. diese Unsitte gelernt? Hat der schon am Kaiserhof gedient?“ Ich bemerkte, wahrscheinlich habe er zu viele Sisi-Filme gesehen.

Der Botschafter bekam natürlich immer die interessantesten Einladungen, wollte doch jeder den obersten Repräsentanten der Republik bei sich haben und nicht unbedingt das dritte Glied. Außerdem war mein Allround-Service für ihn sehr bequem: Ich brauchte keinen Dolmetsch und keinen Chauffeur, ich kaufte das Blumenbouquet selbst ein, ich hielt Reden und überreichte Grußbotschaften, machte Taxi-Dienste und ging zur Not noch mit einem einsamen Besucher auf einen Absacker ins Kempinski oder National. Meine Tage schienen 48 Stunden zu haben.

Warum mich der Botschafter damals zum Konzert der Wiener Philharmoniker ins Tschaikowski-Konservatorium geordert hat, weiß ich heute nicht mehr. Aber es war mir „eine große Freude und besondere Ehre“ – mit diesen Worten begannen üblicherweise die Botschafterreden, die er nach zwei Jahren schon auf Russisch vom Zettel ablesen konnte –, die Philharmoniker begrüßen und anhören zu dürfen. Beim Dirigenten Valerij Gergijew hatte ich so meine Zweifel, bzw. wohlgenährten Vorurteile. Der Putin-Protégé hatte zwar schon Gastauftritte in Wien absolviert, aber noch nie mit den Philharmonikern.

Als ich vom Gartenring in die Alexander-Herzen-Straße – neuerdings in Bolschaja Dmitrowka umbenannt – einbog, geriet ich in eine Demonstration: Eine Menschenmasse schob sich auf beiden Seiten die Straße hinunter, auf der Fahrbahn stand der Autoverkehr. Je näher ich dem Konservatorium kam, desto klarer wurde mir, dass es sich um keine Demonstration handelte, sondern um Menschenmassen, die alle dem Konzert zustrebten. Ich konnte mich nur mit Mühe und mit Hilfe von zwei Milizionären zum Eingang durchkämpfen, das Riesenbouquet über meinem Kopf balancierend. Die Moskauer hätten ihre Großmutter verkauft, um an eine Karte der Wenskije Filgarmonisti zu kommen. Ich beobachtete tumultartige Szenen rund um die Türen. Unter Polizeischutz gelangte ich zur Künstlergarderobe, wo ich die Blumen endlich ablegen konnte, rote Rosen und weiße Lilien in einem Nest aus Philodendrenblättern, staatstragende Farben.

Als Staatsgast hatte ich einen Platz in der sechsten Reihe fußfrei, reserviert für die Prominenz. Er befand sich direkt unter dem Dirigentenpult. Die Philharmoniker marschierten unter dem frenetischen Applaus des Moskauer Publikums ein, gefolgt von Valerij Gergijew. Ohne einen Ton gehört zu haben, waren die Menschen schon außer Rand und Band, klatschten stehend und stampften mit den Füßen, dass es klang wie eine heranrückende Panzerarmee, unter der der Boden bebte. Die erste Hälfte war der Strauß-Dynastie gewidmet, die bekanntesten Ohrwürmer von der Blauen Donau, über Radetzki-Marsch, Kaiser-Walzer bis zu Polka schnell, Prater, Wienerwald, Champagner-Serenade und einigen Stücken, die Johann Strauß Sohn in Zarskoje Selo geschrieben hat.

In Moskau war es damals üblich, in Ermangelung eines Programmheftes, eine Ansagerin auftreten zu lassen, die in der übelsten Pathetik des Staatsfernsehens die Nummern ansagte, meiner Meinung nach eine unsäglich barbarische Sitte. Als der Vorschuss-Applaus endlich verstummt und Ruhe eingekehrt war, nach unzähligen Verbeugungen der 72 Männer (es gab damals noch keine Musikerinnen bei den Philharmonikern) alle Platz genommen hatten, erklangen die Walzermelodien.
Eine zweite Unsitte hatte in russischen Konzertsälen und Opern Einzug gehalten: Bei besonders bekannten Stücken mit hohem Erkennungswert auf offener Bühne zu klatschen und durch anhaltenden Applaus eine Wiederholung zu erzwingen. Aber die Wenskije verweigerten dies, da konnte Gergijew noch so sehr fuchteln und strampeln. Sie blieben ruhig sitzen und schauten in Pokerface-Manier ungerührt vor sich hin.

Ach, Gergijew, wie konnte man ihn nur den Philharmonikern vorsetzen? Wer hatte diese unsägliche Idee? Die Manager von Gazprom, die das Konzert gesponsert hatten? Aber von den Wienern wusste man, dass sie nicht nur sehr gut spielten, sondern auch gut rechnen konnten. Gergijew mochte noch so sehr rudern, die Philharmoniker spielten, wie sie immer und überall spielen. Sie brauchten auch überhaupt keinen Dirigenten, sie bildeten immer den gleichen genialen Klangkörper. Sie hätten auch im finstersten Verlies genauso gespielt. Gergijew, ein ossetischer Hüne von Gestalt, mühte sich redlich ab mit ausladenden Gesten und kam so sehr ins Schwitzen, dass die Schweißtropfen aus seiner langen Mähne und dem Gesicht bis in die sechste Reihe spritzten.
Ich hatte den Eindruck, dass die Musiker sich sogar den Spaß machten, ihm davonzugaloppieren wie eine Reitertruppe des Tschingis Khan oder in Ton und Tempo zurückzufallen zum zartesten Pianissimo, unabhängig davon, welche Anstrengungen und Verrenkungen er unternahm.

Aber, um Gottes willen, welcher Teufel hatte Gergijew geritten, sich nicht an die Kleidungstradition der Philharmoniker anzupassen, sondern in einem violetten Langhemd aufzutreten, in dem silbrige Lurex-Fäden glitzerten? Schon bald war es schweißdurchtränkt und zeigte dunkle Flecken auf dem Rücken und unter den Achseln. Er streckte sich oft so sehr in die Höhe, dass es hochrutschte, oder er ging so heftig in die Knie, dass die Mittelnaht der Hose zu platzen drohte. Sein Dirigat beschränkte sich nicht nur auf die Arme, sondern er setzte auch seine Füße ein, stampfte auf, schlenkerte sie so heftig vor und zurück, dass ich fürchtete, seine Hose würde gleich herunterrutschen, und er würde sich wie ein Riesen- Rumpelstilzchen in der Mitte auseinanderreißen und im Podium versinken.

Auch ich als unbeteiligte Zuhörerin war von dieser atemberaubenden Akrobatik schon schweißgebadet. Vielleicht nahm das alles nur mein böser Blick wahr, das Publikum jedenfalls war außer Rand und Band. Von den Gesichtern der Musiker konnte ich keine Gefühle ablesen, sie schauten stoisch vor sich hin, eine Phalanx aus gepflegter Langeweile – fadesse oblige. Nur ab und zu meinte ich, Anzeichen von unterirdischen Blitzen wahrzunehmen, ein lautloses Zucken wie in einer von weitem heranrollenden Gewitterfront. Welche Nervenstärke! Vielleicht standen sie das einzig beim Gedanken ans Konto durch, so wie eine fromme Ehefrau beim Beischlaf an die Jungfrau Maria.

Vielleicht ging ihnen gar nicht mal dieser Clown am Dirigentenpult am meisten auf die Nerven, sondern das noch kulturferne Gazprom-Publikum der Neureichen, das dem Gebrauch der gerade aufkommenden Handy-Kultur frönte. Geklingel, Gepiepse, Gespräche, kleine Blitze und blau leuchtende Bildchen zwischen den Reihen. Wer zahlt, schafft an. Ich habe vor Jahren einmal im Musikverein erlebt, wie sich das Orchester beim ersten Huster wie ein Mann erhob und abzog. Leicht benommen überstand ich die erste Hälfte und konnte in der Pause mit weichen Knien den Blumenstrauß an den Kapellmeister loswerden, zusammen mit den Grüßen des Botschafters, im Namen der Republik. Maestro Gergijew bekam von Gazprom ein noch dreimal größeres Bouquet, überreicht von einer wunderschönen jungen Frau, hart an der Grenze zur Edelnutte, wie man sie neuerdings in den Moskauer Hotel-Lobbys herumsitzen sieht.

Die größte Sünde haben aber meiner Meinung nach die Programmgestalter begangen – nach den Strauß-Melodien ein Tschaikowski-Potpourri anzusetzen. Und wieder erlaubten sich die Philharmoniker einen musikalischen Scherz: Wenn sie zeitweise den Strauß wie Tschaikowski gespielt hatten, schlugen sie bei Tschaikowski Strauß-Töne an. Gegen den Strich. So schaut die Rache der Philharmoniker aus, eleganter, lustiger und genialer geht es nicht. Auch nicht bösartiger und schräger, Strauß wie Tschaikowski und Tschaikowski wie Strauß klingen zu lassen!

Wieder einmal nur mein lange gepflegtes Vorurteil, dass ein einziger Strauß-Walzer mehr musikalische Einfälle enthält als eine ganze Tschaikowski-Symphonie? Er hat eine nette, eingängige Idee, die er dann vier Sätze hindurch variiert und auswalzt. Ich sehe immer den jungen Tschaikowski mit glühenden Ohren im Musikpavillon von Zarskoje Selo stehen, seine ersten Werke in den Händen drehend und auf einen Moment wartend, sie dem Maestro aus Wien übergeben zu dürfen.

Die Russen liebten und verehrten natürlich ihren Tschaikowski grenzenlos, sahen aber auch in Strauß einen Fast-Russen mit seinen 13 Saisonen in St. Petersburg und seiner angebeteten Fast-Verlobten Olga Smirnitzkaja. Da macht es nichts aus, dass deren Offiziers-Vater im weltberühmten Konzertmeister und Kompositeur Strauß einen dahergelaufenen ausländischen und ungläubigen Zigeuner sah und als Ehemann ablehnte. Einmal fiel das Gastspiel fast aus, weil die russischen Zöllner die Strauß-Truppe als zwielichtiges Gesindel, vermeintliche Landstreicher festhielten und nicht in dieses kultivierte Land lassen wollten. Nur durch die Intervention aus dem Sommerpalast trafen sie doch noch rechtzeitig zur 10. Saison in Zarskoje Selo ein.

Was sollte ich machen gegen meine in Wien trainierten Ohren, angefangen von der Familienmusik über die ungezählten Konzerte der Jeunesse musicale bis zu den Abonnementkonzerten das ganze Leben hindurch, ganz zu schweigen von allen Neujahrskonzerten seither. Man kann das Gehör, das genealogisch tiefste und älteste Organ, nun mal nicht ummodeln, das ist eine physiologische Tatsache, Vorurteile hin oder her. Das ist wie eine DNA.

Erinnert und aufgeschrieben nach dem Neujahrskonzert 22 mit den Wiener Philharmonikern unter Daniel Barenboim und am 2.1. unter der 9. Beethoven auf Ö1.

1./2.1.2022

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 22014

 

Das Anstrengendste auf der Welt ist Happiness

Der alten Frau im Park
sind nur die Tauben geblieben
und wenn die Krumen aus sind
werden sie wegfliegen.

Der Clown im Zirkus lässt sich
mit Popcorn beschmeißen,
ungeschminkt fehlt ihm das Geld
für etwas zum Beißen.

Das Anstrengendste auf der Welt ist
Happiness.
Das Anstrengendste auf der Welt ist
Happiness.

Die Lehrerin steht in der
Schule im Mittelpunkt,
doch zuhause wartet nur
Schnaps und der Hund.

Und der fliegende Fisch will
sich in die Lüfte erheben,
doch die Schwerkraft zwingt ihn
zurück ins Meeresleben.

Das Anstrengendste auf der Welt ist
Happiness.
Das Anstrengendste auf der Welt ist
Happiness,

besonders wenn du
zu den unhappy People zählst,
besonders wenn du
zu den unhappy Fischen zählst.

Der Bademeister ruft
zur Ordnung im Hallenbad,
die Kinder geben ihm zur Auskunft.
„Sei doch nicht so fad!“

Die Kassiererin in der Drogerie
HASST es zu sagen:
„Heute gibt’s Aktionsklopapier,
sogar mit drei Lagen!“

Das Anstrengendste auf der Welt ist
Happiness.
Das Anstrengendste auf der Welt ist
Happiness.

Zombie Cash

Dieser Text ist auch als Song zu hören.
www.zombiecash.at

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 21131

Der abwesende Gott

Wo war er,
als all das Böse, Schlechte und Gemeine auf die Erde niederkam?
Er war nicht hier.

Gott hat mich verlassen.
War er denn überhaupt jemals bei mir?
Nie spürte ich doch seine Anwesenheit.

Der Heiland über der Eingangstür

Der Heiland über der Eingangstür

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 21010