Ich musste kurz nachdenken, dann wusste ich nicht nur den Nachnamen, auch der Vorname fiel mir ein: Alfred. Alfred Schnittke hieß der Komponist, nach dem mich Konstanze am Telefon gefragt hatte.
In der Stiftskirche St. Florian, sagte sie, werde Schnittkes zweite Sinfonie, die Schnittke St. Florian genannt habe, vom Bruckner Orchester Linz gegeben. Sie habe zwei Freikarten bekommen, aber ihr Mann Matthäus sei verhindert, er müsse seiner Funktion als Diakon nachkommen. Und, setzte sie fort, sie habe gleich an mich gedacht, weil sie wisse, dass mich Musik nicht bloß interessiere, sondern dass ich dafür auch Leidenschaft zeige.
Das stimmte. Ich zögerte nur kurz, weil ich im Kopf überschlug, ob ich an diesem Sonntag Zeit hatte, dann schaute ich zur Sicherheit in meinem Stehkalender nach, ob ich etwas eingetragen hatte. Da stand nichts, also stimmte ich zu und bedankte mich bei Konstanze, dass sie an mich gedacht hatte.
Ich fragte sie, ob sie mit dem Zug nach Linz komme. Sie bejahte. Sie sage mir noch die genaue Zeit, und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Auto vom Bahnhof abholen würde, dann könnten wir in St. Florian vor dem Konzert einige Zeit verbringen und je nach dem Wetter spazieren gehen oder einkehren oder beides. Ich stimmte zu.
Ich fragte mich, wie Konstanze nach dem Konzert nach Hause nach D. oder nach Lambach, wo ihr Elternhaus stand, kommen würde, und befürchtete, dass sie daran dachte, bei mir zu übernachten, was mich unangenehm berührt hätte. Als hätte sie sich an meinem Unbehagen ein paar Sekunden erfreut, sagte sie, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, sie appelliere nicht an meine Gastfreundschaft. Sie nehme ein Gästezimmer im Stift und habe am Montag in der Diözese in Linz zu tun. Eine Kollegin aus St. Florian nehme sie nach Linz mit. Sie lachte und sagte, sie spüre meine Erleichterung, und ich war in der Tat erleichtert.
Ich holte Konstanze am Sonntagnachmittag vom Linzer Hauptbahnhof ab. Sie trug ein festliches Dirndlkleid, das ich von früher kannte, und sie hatte einen kleinen Koffer mit den Utensilien für die Übernachtung im Stift bei sich. Wir fuhren ein Stück auf der Autobahn, dann auf der Straße bis in den Markt. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang der 1970er Jahre ein paar Mal mit meinem Vater mit der Florianerbahn von Ebelsberg in den Markt gefahren war und wir im Stift das eine oder andere Orgelkonzert gehört hatten. Die romantische Bahn stellte man 1973 ein. Viel später, mein Vater war schon lange tot, hatte ich im Marmorsaal des Stifts ein Violinkonzert mit Lidia Baich gehört. Sie hatte Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll op. 64 gegeben, und ich war sowohl von der musikalischen Darbietung als auch von der Attraktivität der Geigerin angetan.
Bald nach dem Verlassen der Autobahn erstand das Stift, das sich diskret in die Landschaft fügt, vor unseren Augen. Es wird von Augustiner Chorherren bewirtschaftet, die altern, sterben, aber kaum Nachfolger finden. So teilen sich wachsende Aufgaben auf immer weniger Chorherren auf. Parkplätze gab es um das Stift noch genug, wie üblich würden die Besucher erst knapp vor dem Konzert anreisen und nach Parkplätzen suchen, je näher beim Stift, desto besser, damit sie so wenig wie möglich zu Fuß gehen mussten. Der Himmel war bedeckt, aber es regnete nicht, nur manchmal riss die Wolkendecke auf und ließ die Sonne hervorschauen. Die Temperatur war angenehm für einen Aufenthalt im Freien, und so beschlossen wir, uns zunächst im Literaturgarten die Füße zu vertreten. Dieser kleine Garten, mit Blumen und Pflanzen dicht bewachsen, lag ganz nahe beim Stift und war dessen ehemaliger Gemüse- und Gewürzgarten. Man hatte kleine Schilder in die Beete gesteckt, die die Pflanzen benannten, Tontafeln trugen vorwiegend religiöse Sentenzen, von Augustinus etwa, auch Adalbert Stifter mischte sich ein. Neben einer Büste Anton Bruckners gab es eine Tontafel mit einem Zitat, das man Bruckner zuschrieb: „Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.“ Tulpen waren die dominierenden Blumen. Zwischen den Gewächsen öffnete sich der Blick auf die Landschaft, und aus den unterschiedlichen Grüntönen leuchtete der Raps. Sein kräftiges Gelb blendete beinahe.
Eine Ruhe breitete sich in uns aus, die uns angesichts des Konzerts innere Kraft sammeln ließ. Nach einer Weile der Kontemplation regte Konstanze an, in der Stiftsgärtnerei auf Kaffee und Mehlspeise einzukehren. Das Café der Stiftsgärtnerei lag zu ebener Erde eines großen Gewächshauses. Es war ein Gartengroßmarkt, und die Leute stellten die ausgewählten Blumen und Pflanzen in Einkaufswagen, die sie scheppernd ins Café fuhren. Eis schleckende Kinder liefen umher. Eine olivgrüne Decke schützte ein auf einem Podest stehendes Klavier, davor zeigte ein Plakat das nächste Konzert mit leichten Melodien an. Wir saßen zwischen exotischen Pflanzen, als wären wir in der Südsee, die Blätter einer Palme oder eines Strauches kitzelten uns im Gesicht. Zwischen den Gewächsen schauten manchmal Figuren nach antiken Vorbildern und mit künstlicher Patina hervor. Es war heiß, und die hohe Luftfeuchtigkeit erzeugte ein lokales tropisches Klima, das einem den Schweiß aus den Poren trieb. Einige Sitzgelegenheiten gab es draußen im Freien, um einen Springbrunnen herum und vor einem Pavillon. Sie waren alle besetzt. Der Springbrunnen plätscherte laut und übertönte jede Unterhaltung, saß man in seiner Nähe. Die exotische Umgebung im Gewächshaus und das intensive Vogelgezwitscher ließen uns wie an einem entfernten Ort fühlen. Nur das Meer fehlte oder wenigstens der Blick darauf von der Hotelterrasse.
Langsam war es an der Zeit, uns in die Stiftskirche zu begeben. Wir erhielten jeder ein Programmheft, das ich aufmerksam durchlas, unterbrochen von der einen oder anderen Unterhaltung mit Konstanze. Schnittke hatte 1977 die Stiftskirche St. Florian besucht. Der Zugang zu Bruckners Grabstätte war schon geschlossen. Er hörte damals einen unsichtbaren Chor, der die Abendmesse sang. Er nannte sie eine missa invisibilis. Die Kirche, der unsichtbare Chor, das Geheimnisvolle des Raums beeindruckten ihn so sehr, dass er für einen Kompositionsauftrag des BBC Symphony Orchestra auf Anregung Gennadij Roshdestvenskys ein Werk zu Ehren Anton Bruckners und St. Florians schuf, seine 2. Sinfonie, die er St. Florian nannte und nach der Messordnung strukturierte. In Erinnerung an den unsichtbaren Chor hatte er eine gleichsam unsichtbare Messe komponiert, eine sakrale Sinfonie für ein großes Orchester vor einem Choralhintergrund. Der Charakter dieser Messe ist zurückhaltend, macht sich meist nur am Anfang eines Satzes bemerkbar. So tritt zum Gregorianischen Choral das Orchester hinzu, das eigenständig ist und mit dem Choral nicht direkt etwas zu tun hat, sondern dessen Weiterführung ist, zitierte das Programmheft Schnittke.
Nur wenige Plätze blieben frei. Die Leute redeten miteinander, meist leise, viele flüsterten angesichts der Aura der Stiftskirche. Dann betraten der Dirigent und die Solisten den Kirchenraum, es folgte das Orchester. Einige Instrumente und Stimmen nahmen ihren Platz auf der Empore ein. Ein letztes kollektives Räuspern und Husten kamen auf, das Publikum gab diesem Reflex noch hastig Raum, während das Orchester die Instrumente stimmte. Dann kehrte Stille ein und alle warteten auf das Einsetzen der Instrumente, auf den Beginn des 1. Satzes, des Kyrie. Eine gleichsam himmlische Klangfolge entstand, ich empfand sie in der Tat so, als sänken die Klänge vom Himmel herab. Die sechs Sätze entfalteten sich im mystischen Raum der Stiftskirche. Nach dem Kyrie das Gloria, gefolgt vom Credo, dem Crucifixus, dem Sanctus Benedictus und schließlich dem Agnus Dei. Die Stimmen des Chors und des Countertenors erreichten mein Ohr, verzauberten mich. Letzterer – gleichsam dem Himmel näher – sang auf der Empore, für mich war er unsichtbar wie früher der unsichtbare Chor, der Schnittke beeindruckt hatte. Es wirkte, als käme die Stimme, nachdem sie zur Erde gesunken war, aus dem Kirchenraum selbst, losgelöst von einem menschlichen Ursprung. Der Gregorianische Choral bemächtigte sich nach und nach des sakralen Raums, und die Mystik des Mittelalters ergriff von der Stiftskirche Besitz.
Da mischte sich, zunächst nahezu unhörbar, dann sanft anschwellend, eine virtuose orchestrale Melodik ein, die langsam an Kraft gewann und schließlich wie ein Gewitter explodierte. Ich blickte kurz zu Konstanze, die versunken der Musik lauschte und das musikalische Gewitter, da war ich mir sicher, wie den Unwillen Gottes fühlte, und selbst ich, der sich als Atheisten, höchstens als Agnostiker sieht, bekam beinahe Angst, der göttliche Zorn könnte sich wegen meines Unglaubens über mir entladen und, ohne Rücksicht auf die zahlreichen gottesfürchtigen Menschen, die Stiftskirche zum Bersten bringen und die Menschen unter sich begraben. Und für einen Augenblick flammte Zweifel in mir auf ob meines Atheismus angesichts der räumlichen Macht der Stiftskirche, angesichts der überwältigten schweigenden Menschen und angesichts des Geheimnisses, der Mystik und der Wucht der Schnittkeschen Musik.
Ich spürte die Wirkung dieser sakralen Musik, ihrer religiösen Sprache noch lange, nicht nur emotional, auch körperlich, sie erschöpfte mich, sie schmerzte, als hätte ich eine physische Anstrengung überstanden. Und es blieb nach dem Konzert, nach diesem Erlebnis der musikalischen Totalität eine Betroffenheit, die Schnittkes 2. Sinfonie in mir, in Konstanze, in den stillen Menschen erzeugt hatte und die parallel zur Vernunft bestand und sich nur langsam verflüchtigte.
Konstanze und ich waren wie die meisten lauschenden Menschen ergriffen. Wir schwiegen, Worte wären der Sinfonie nicht gerecht geworden. Konstanze war erschöpft und wollte sich gleich ins Gästezimmer zurückziehen. Wir verabschiedeten uns, und Konstanze sagte, wir sollten uns bald wiedersehen. Ich nickte. Ich hatte noch die Rückfahrt vor mir, bei der ich aufpassen musste, nicht zu sehr im Schnittkeschen Kosmos zu verharren, um dem Verkehr gewachsen zu sein.
Günther Androsch
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