Schlagwort-Archiv: hardly secret diary

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Ich ertrinke wieder einmal

Etwas kriecht langsam hervor,
gerufen habe ich nicht danach
Den Regen draußen nehme ich nicht wahr
Im schummrigen Licht der Glühbirne
herrscht Gewitter

Den Klimawandel  in mir
kann ich nicht leugnen
die Antwort steht auf meinem Smartphone
seit Tagen lese ich dich nicht mehr

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20070

Metronom

Außer Rand & Band. Wie ist das, wenn man sich selbst nicht mehr kennt, der Tag die Nacht ist und die Nacht die Nacht bleibt? Schmal ist das Band, eng ist der Rahmen. Du verlierst dich, du wanderst um die Welt und bleibst gleichzeitig am selben Fleck. Weiter ist die Sonne entfernt als acht Minuten der Reise des Lichts, viel weiter, sie liegt an der Hülle des Universums. Kalt ist es, aber du frierst nicht. Weshalb nicht? Dein Herz ist aus Eis, du bist gemacht aus Schnee. Gefroren sind deine Augen. Was du siehst, hat keine Farben, nur schwarz und weiß und das dazwischen. Nach dem Ende kommt der Anfang, wiederholt, ohne Pause, immerzu. Der Kreis in sich geschlossen, die Bahn, die du beschreibst. Die Anziehungskraft hält dich, gefangen. Das Metronom ist kaputt, das schlägt deinen Takt, es rast, es hält an. Zu langsam ist es oder zu schnell, aus seiner Mitte gerückt. Worte willst du finden, doch krächzt du wie ein Rabe, hast verlernt die Menschensprache.

Das weiße Bogenfenster ohne Glas mit der beigen Schale mit vier gleichen Gesichtern

Das weiße Bogenfenster ohne Glas mit der beigen Schale mit vier gleichen Gesichtern

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20057

Geschichten, die das Leben speit IV – Bottrop

Ich hatte Jochen kennengelernt, als ich erst vierzehn war, sagt Britta. Er war mein erster Mann. Mein Mann verdient sehr gut, sagt Britta nicht ohne Stolz zu ihren Freundinnen, wenn die Rede auf Jochen kommt. Die beiden Söhne sind schon längst aus dem Haus und Jessica ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Jochen und ich schlafen dreimal die Woche miteinander, sagt Britta ganz im Vertrauen. Er ist ein ganzer Kerl und fast immer für seine Söhne da. Daß er ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hat, nimmt sie seit zwanzig Jahren in Kauf. Britta hatte in all den Jahrzehnten noch nie einen richtigen Höhepunkt mit Jochen erlebt, als die Coronakrise ihr Leben völlig auf den Kopf stellt.

Elmar Mayer-Baldasseroni
https://elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20051

(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text großteils im Original belassen.)

Geschichten, die das Leben speit – Bonustrack 1

Der damals amtierende Bundeskanzler verspürte seit geraumer Zeit ein leichtes, aber ansteigendes Gefühl der inneren Verstimmung. Er fragte sich, warum er sich all das seit frühester Jugend antat. Die Parteitage am Sonntag, während andere Rabauken Drachensteigen gingen, die bösen Karikaturen in der Zeitung, während andere privat ihre Ruhe hatten. Die vielen Sitzungen bis in die Nacht. Er wollte das Land retten, aber auch einfach Mensch sein, die Füße in den Sand stecken, mit seiner Gemahlin über den Lido bummeln. All die Verantwortung, all die Last. Er überlegte einen spontanen Rücktritt, aber den Lido gab es ebenso wenig mehr wie irgendeinen Staat oder sonst irgendetwas, von Flugzeugen oder Zügen ganz zu schweigen.

Elmar Mayer-Baldasseroni
https://elmarmayerbaldasseroni.wordpress.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20049

Der graue Mann

Ich bin der graue Mann.
Mir sind die Farben ausgegangen.
Als roter Mann war ich früher wütend,
als gelber ein Sonnenschein.
Grün war ich wie der Dschungel, blau wie das Wasser
und weiß wie der Schnee.
Als grauer Mann bin ich nichts mehr von alledem.
Ich habe keine spezifischen Eigenschaften mehr.
Nun bin ich der Mann, der übersehen wird.
Gehe ich auf dem Gehweg, bin ich jetzt ein Teil von ihm.

Der Bundesheerbus ALPIN 1

Der Bundesheerbus ALPIN 1

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20043

 

Erinnerungen an Vera

Er fand sich im Institut für Neurowissenschaften ein. Am Schalter nannte er sein Anliegen. Daraufhin wurde er von einer Krankenschwester in einen Raum geführt, auf dem außen an einem Schild „Erinnerungslabor“ stand. Er setzte sich auf den weißen Stuhl, praktisch alles war hier weiß, der zurückgekippt wurde, bis er fast lag. Die Krankenschwester legte ihm Elektroden an den Kopf, Computer starteten. Jetzt betrat die Ärztin den Raum. Ein paar Worte – „Sind Sie sich wirklich sicher?“ –, dann ging es los. Sein Kopf verschwand in einem Scanner. Vor seinen Augen wurden auf einem Bildschirm seine Erinnerungen abgespielt. Wollte er sie löschen, drückte er auf den Ball in seiner rechten Hand. Sie wurden dabei nur vorläufig gelöscht, man konnte die Erinnerungen wiederherstellen – so wie bei dem Papierkorb in Windows.

Nach einigen Minuten tauchte Vera auf, zuerst alleine, dann mit ihm. Um sie löschen zu lassen, war er hergekommen, sie hatte ihn verlassen, schon vor eineinhalb Jahren, und er konnte das nicht verwinden und sie nicht vergessen. Er sah Vera immer wieder auf dem Bildschirm, tolle Erlebnisse, innige Momente – wahre Liebe. Die sollte er vergessen? Was wäre er dann – ein Tongefäß ohne Inhalt? Nein, er löschte nicht eine Sekunde. Denn sonst hätte er das Wichtigste überhaupt vergessen.

Die Schaufensterpuppe mit Schirmkappe und Arbeitsjacke

Die Schaufensterpuppe mit Schirmkappe und Arbeitsjacke

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20023

Seitenwechsel

Es hatte sich mit so einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit ergeben, eines Nachmittags im Sommer. Ich hatte Martin einfach ein paar Werkstücke vorbeigebracht und erklärend gemeint, dass ich ohnedies zufällig in seine Richtung unterwegs gewesen war. Und schon war ich in seiner Wohnung, in der er die Werkstatt hatte, in der er mich dann auch gleich herumgeführt hat … Martin fertigte für unsere Praxis die Zahnspangen, die er fast täglich bei uns ablieferte. Er gefiel mir und ich wollte ihn privat kennenlernen.
Wir waren ein fröhliches Pärchen, in ungezwungenem Verhältnis zueinander, eine Sommerliebelei.
Meine Kollegen in der Ordination wussten davon nichts, was mir recht war, ich wollte mich nicht fix binden. Martin sah das vermutlich auch so. Ich hatte mich noch nie festlegen wollen, hatte tiefe Gefühle zu keiner Zeit in Aussicht gestellt.
Meist war er es, der sich meldete, der per WhatsApp ein Treffen vorschlug, und oft passte das auch zu meinen Plänen. Es blieb angenehm unverbindlich und leicht.

Eines Tages – ich saß am Empfang in der Ordination – erschien ein auffallend attraktiver Patient. Auch seine Art fand ich auf Anhieb ansprechend. Und Samuels Deutsch mit französischem Akzent war ein betörender Singsang. Dazu seine unergründlichen Augen, deren einzige Absicht zu sein schien, meinen Blick zu bannen.
Immer noch war Sommer und wolkenlose Unkompliziertheit war bald auch zwischen Samuel und mir die unausgesprochene Basis.

Für Martin hatte ich jetzt weniger Zeit, eigentlich gar keine mehr. Auf seine Vorschläge, uns zu treffen, antwortete ich zuerst vertröstend, bald gar nicht mehr. Manchmal bedachte er mich mit einem betroffenen Blick, wenn wir uns beruflich begegneten, wenige Male sandte er per WhatsApp so etwas wie „Alles klar?“ oder auch nur „???“. Als ich einmal später zur Arbeit kam, trafen wir auf der Straße aufeinander. Ich tat rasch einen Blick in mein Handy, gab vor zu telefonieren und wechselte die Straßenseite.

Samuel war Künstler, erfolgreich und charismatisch, weshalb sich auch andere für ihn begeisterten. Das stellte ich bald fest. Meist war ich es, die sich bei ihm meldete, die per WhatsApp ein Treffen vorschlug, und gelegentlich passte ein solches auch in seinen Terminplan. Ich wünschte mir bald ein wenig mehr Innigkeit. Er ließ sich nicht festlegen und sprach kein einziges Mal von Beziehung oder Zuneigung.
Nach ein paar Wochen beantwortete er meine Anfragen oft ausweichend und eines Tages gar nicht mehr. Dann schickte ich ein „Ist alles in Ordnung?“ oder ein insistierendes „Was ist los?“ hinterher, später auch ein ratloses „Hallo?“.

Seinen nächsten Zahnarzttermin hatte Samuel für einen Tag vereinbart, an dem ich keinen Dienst hatte, also versuchte ich, ihm en passant in der Nähe der Praxis zu begegnen. Ich sah ihn schon aus der Ferne. Er sah kurz auf, danach in sein Handy und wechselte die Straßenseite.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19117

Die sich entfaltende Rose

Gedankenfetzen.
Wenn ich nur einen Faden hätte,
sie zu einem Anzug zu vernähen,
der mir passen würde!

Erinnerungsbruchstücke.
Wenn ich nur Mörtel hätte,
um mir aus ihnen ein Haus zu bauen,
in dem es sich behaglich wohnen ließe!

Rastlose Hast.
Wenn ich doch nur Einhalt gebieten könnte
meinen Beinen, die sich bewegen wollen,
meinem Gehirn, das nur in Scherben denken kann!

Nein, es gelingt mir nicht.
Der Stein ist am Rollen.
In den Abgrund so tief.
Und ich spüre gar keine Angst.

Stillleben mit roten Rosen

Stillleben mit roten Rosen

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20004

Nachts bei dir

Ein ganz übler Denker
sitzt dir gegenüber,
Sätze gesprochen
wie auf 50 A4-Seiten
Stunden vergehen
verfange mich in immer mehr
suche immer wieder nach neuen Themen,
Bin egoistisch
ich sitze dir gerne gegenüber
eine Zumutung
mir tut es leid,
Du magst mich aber,
Alles halb so wild
ich bin selber nicht ganz koscher
ja und ich Meschugger

Sieben Stunden vergehen
wir finden Eigenschaften
dort und dort
bis die Augen müde werden

Draußen klatschen Regentropfen auf den Asphalt
schwere Tage werden etwas weggespült

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20006