Wiesel und Weide

Zwischen Heide und Getreide
Stand die alte Trauerweide
Hielt sich im Stamm dramatisch krumm
Seufzt´ dann und wann und war sonst stumm

Ein Wiesel, dieses spielte gern
Im Bach, dort sah’s der Morgenstern
Doch der Weide Trübsalblasen
Stieg dem Wiesel in die Nasen

Und so verließ das tapf’re Wiesel
Eines Morgens Bach und Kiesel
Und stellt’ sich vor den Weidenbaum –
Kaum anzuschau’n im Morgengrau’n

Weide, sprach’s voll Energie,
Dein Trauerspiel ist Blasphemie!
Kann natürlich sein, du bist
Ein gottverlass’ner Atheist

Doch schon aus Gründen der Moral:
Verdirb uns nicht den Frohchoral
Denn Lobgesang auf die Natur
Ist Schöpfungspflicht der Kreatur!

Die Weide aber rückt nur stumm
An ihrem Trauerflor herum
Das Wiesel kann das gar nicht leiden
Und springt nun wütend in die Weiden

Siehst du nicht, du toller Baum
Wie alles herrlich anzuschau’n?
Wie alles ineinander greift
Das Gras dem Rind entgegenreift?

Ja, selbst der Mensch fährt Diesel
Zu wärmen und zu nähr’n das Wiesel
Der Beweis, dass alle Leben
harmonisch ineinander weben!

Mit Gott oder ohne Gott
Es ist ein perfektibler Pott
Du findest nicht das kleinste Loch
Verstockter Baum, so rede doch!

Da, unter Ächz und Krächz und Kroch
Knarrt die Weide: noch!
Und versinkt darauf in Trauer
Ob der Schöpfung kurzer Dauer.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: Kleinode – nicht nur an die Freude und unerHÖRT! | Inventarnummer: 15150

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