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Hexenlied

Wir schütteln uns beim Möhrenkochen
Und setzen unsre Röhrenknochen
Tief ins Gemüsebeet

Wir streichen Farbe, bis sie deckt
Dahinter ist der Sinn versteckt
Der sagt was, was kein Mensch versteht

Es liegt ihm doch sehr viel daran
Dass Schimmel weiß und Pferd sein kann
Das hat dem Sinn den Sinn verdreht.

(Schrilles Gelächter)

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 19045

 

Das Gehirn des Dmitrij Schostakowitsch

aus den „Russischen Kuriositäten“ von Veronika Seyr

In den Morgenstunden des 22. Juni 1941 überschritt die deutsche Wehrmacht mit der „Operation Barbarossa“ die sowjetische Grenze – für die Menschen der Sowjetunion der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges. Den damals schon weltberühmten Komponisten Dmitri Schostakowitsch erreichte diese Nachricht als Vorsitzenden der Prüfungskommission in der Klavierklasse des Leningrader Konservatoriums. Ohne Unterbrechung wurde der Wettbewerb weitergeführt, obwohl die ganze Stadt sofort massive Verteidigungsmaßnahmen traf. Später nahmen auch die Professoren und Studenten am Barrikadenbau teil. Anfang August erschienen die ersten deutschen Flugzeuge über der Stadt, es begannen die Bombardierungen und der Artilleriebeschuss. Von da an wurde die Stadt 900 Tage und Nächte bis Februar 1944 eingeschlossen und bombardiert, in der Leningrader Blockade starb fast die Hälfte der Bevölkerung, eineinhalb Millionen Menschen, sie wurden von der Artillerie getötet, verbrannten, verhungerten, erfroren oder fielen Seuchen zum Opfer.

Die allgemeine Mobilmachung wurde angeordnet. Jungen von siebzehn bis zu Männern von sechzig wurden einberufen. Schostakowitsch hatte sich zweimal freiwillig gemeldet, aber er wurde nicht eingezogen. Als die deutsche Luftwaffe begann, Brandbomben auf die Stadt zu abzuwerfen, organisierte das Konservatorium eine Art von freiwilliger Feuerwehr, die während der Angriffe auf den Dächern ausharren musste. Ein Augenzeuge berichtet, wie man Schostakowitsch einen Feuerwehrhelm aufgesetzt und ihm gesagt hat, er soll auf das Dach steigen und sich fotografieren lassen. Die ganze Welt kennt dieses Foto. Es sollte aufrütteln, Leningrad zu Hilfe zu kommen. Der international bekannte Komponist wurde als Sympathieträger für die Sowjetunion eingesetzt. Schostakowitsch war keine zehn Minuten auf dem Dach, trotzdem stand er ab jetzt im Mittelpunkt der sowjetischen Propaganda, die Stalin persönlich orchestrierte und dirigierte.

Am 19. Juli 1941, einen Monat nach dem Angriff, begann er mit der Komposition einer neuen Symphonie. „Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, dem Heldentum unseres sowjetischen Volkes, unserem Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad“, schrieb er auf die Titelseite. Er beging gerade seinen 35. Geburtstag, indem er nicht feierte, sondern fast 24 Stunden ohne Pause an einer neuen Komposition schrieb.
Die Musiksprache dieses Werkes ist stark vereinfacht, was nicht verwunderlich ist, da die Symphonie breiten Zuhörerkreisen die Idee des Kampfes und des Sieges über den Feind vermitteln sollte.

Die Gestalt des Künstlers, der vom Kampf inspiriert, mitten in der Verteidigung eine Symphonie komponiert, war ein großartiges Werkzeug der Kriegsanstrengungen. Außerdem entsprach das nationale Genie ganz und gar der russischen Psyche. Bald schon rankten sich viele Legenden um die Entstehung der 7. Symphonie.
Die abenteuerlichste entstammt aber nicht der sowjetischen Propaganda oder dem russischen Volksmythos, sondern den Forschungen des chinesischen Neurologen Wang Dajue. Er will wissen, dass Schostakowitsch nicht als Feuerwehrmann auf dem Dach verletzt wurde. Als Trümmeraufräumer auf dem Newski-Prospekt soll ihn ein Schrapnell in die Stirn getroffen haben. Die kaum sichtbare Wunde wurde von ihm selbst, der Familie und Freunden als so unbedeutend eingeschätzt, dass sie nicht mehr behandelt wurde als durch einen Kopfverband. Der Splitter blieb aber in der linken Gehirnhälfte, im Cornu inferius des linken Gehirnventrikels, stecken.

Viel später, erst nach dem Krieg, begann er über Kopfschmerzen zu klagen und ließ sich von Ärzten untersuchen. Dr. Wang Dajue pflegte in den 50er-Jahren engen Kontakt mit sowjetischen Neurologen und konnte den Metallsplitter in Schostakowitschs Gehirn mit Röntgenaufnahmen lokalisieren. Wenn er den Kopf nach rechts drehte und leicht abwärts wandte, strömte ihm eine Fülle von Melodien in den Kopf, die er aufschrieb und in seine Kompositionen einwob. Der Fremdkörper habe sein Gehirn stimuliert und mit Gedankenblitzen überflutet, behauptet der Neurologe. Nichts davon ist gesichert außer seine späteren Kopfschmerzen.

Wenn etwas an dieser Legende stimmen sollte, wäre es die unerträglichste Grausamkeit, dass ausgerechnet ein deutscher Bombensplitter verantwortlich sein soll für die besten Stücke der Weltmusikliteratur.

Es bedarf aber gar nicht der Legende des chinesischen Neurologen, um sich von Schostakowitschs ungewöhnlicher Komponierweise zu überzeugen. Es gibt viele Zeugnisse dafür, die meisten und besten vom Komponisten selbst. Es war 1927, also vierzehn Jahre vor der 7. Symphonie, als er beim Verfassen der Oper Die Nase ins Stocken geriet. Er hatte den ersten Akt unglaublich rasch geschrieben, in einem Monat im Sommer. Nach einer kleinen Pause machte er sich an den zweiten Akt, er schrieb ihn in drei Wochen nieder. Der dritte Akt machte ihm jedoch Schwierigkeiten. Gleichzeitig stieg der Druck, denn das Leningrader Maly-Theater hatte beschlossen, das Werk in das Programm der nächsten Spielzeit aufzunehmen.

In dieser Zeit hatte Mitja einen eigenartigen Traum.
„Ihm träumte, dass der Termin der Premiere seiner Oper Die Nase bereits festgelegt ist und er zur Generalprobe gehen muss. Aber es scheint sich alles gegen ihn verschworen haben. Mitja, der immer genau und pünktlich ist, verspätet sich aus unerklärlichen Gründen. Ob in der Straßenbahn oder im Bus, überall wird er aufgehalten. Endlich gelangt er ins Theater, von Weitem hört er schon die Vorwürfe des Dirigenten Samuil Samossud. Eiligst durchquert er das Vestibül und stürzt in den Saal. Das Orchester probt gerade den dritten Akt. Schostakowitsch setzt sich ganz nach hinten und hört zu, klar und deutlich hört er die Musik des dritten Akts, sieht und hört den Chor und die Sänger … Die Oper endet, der Vorhang fällt, Beifall. Das Publikum ruft nach dem Komponisten … Da wacht Schostakowitsch auf, ganz außer sich. Er läuft ins Nebenzimmer, erzählt den Hausgenossen aufgeregt von seinem Traum und der darin gehörten Musik. Er setzt sich hin und schreibt sie auf. Innerhalb von drei Wochen hat er den dritten Akt fertig komponiert und ihn zu Samossud gebracht.“ (M. Dolgopolow, In: Izvestija 13. 9. 1975, zit. nach Krysztof Meyer. Schostakowitsch. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, S 117f )

Zu den interessantesten Teilen der Oper gehört das Zwischenspiel zum zweiten Bild. Es ist das erste Musikstück, das ausschließlich für Perkussionsinstrumente geschrieben wurde. Das war damals eine absolute Neuheit. Edgar Vareses Ionisation wurde erst drei Jahres später geschrieben. Angeblich wussten die beiden Komponisten nichts voneinander. Ähnlich überraschend, dass einige Stellen im ersten und zweiten Akt verblüffend an Arnold Schönberg und Anton von Webern erinnern, obwohl Schostakowitsch sie nicht gekannt und nie deren Partituren gesehen hat.

Einen Monat nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion begann Schostakowitsch mit der Arbeit an der 7. Symphonie, der Leningrader. Beendet hat er sie am 27. Dezember 1941, nachdem er im Oktober mit der Familie nach Moskau, später nach Kuibyschew evakuiert worden war. Fünf Sätze in fünf Monaten, und zu welcher Zeit!
Am 17. September 1941 notiert Schostakowitschs Jungendfreund Walerian Bogdanow-Beresowski in seinem Tagebuch:
„Auf seine Einladung hin fuhren wir zu ihm hinaus in die Skorokodow-Straße.

Die enormen Partiturseiten, die auf dem Schreibtisch ausgebreitet lagen, machten den Umfang der Besetzung deutlich. Schostakowitsch spielte uns die neue Symphonie nervös und angestrengt vor. Er bemühte sich ersichtlich, alle Farbnuancen des Orchesters wiederzugeben. Der Eindruck war kolossal. Es ist ein erstaunliches Spiegelbild der gegenwärtigen Zeit, ein Widerschein der äußeren Ereignisse, der in eine sehr komplizierte musikalische Form umgesetzt wurde, ohne in irgendeiner Weise die Gattung zu verflachen. Diese Symphonie ist sowohl in ihrem Inhalt als auch in ihrer Form kühn und unerschrocken, vor allem im ersten Satz mit seiner langen Entwicklung nach der Exposition. (...)
Plötzlich drang von der Straße das gellende Heulen der Sirenen zu uns herein. Der Komponist kümmerte sich nach Beendigung des ersten Satzes darum, dass sich seine Frau und die beiden Kinder in den Schutzraum begaben, er selbst jedoch wollte das Spiel nicht unterbrechen. Begleitet von den dumpfen Explosionen der Flugabwehrkanonen, stellte er uns den zweiten Satz vor und zeigte Skizzen zum dritten Satz, schließlich spielte er alles noch einmal.
Als wir aus dem Petrograder Stadtteil zurückkehrten, sahen wir von der Straßenbahn aus den Feuerschein – eine Spur des zerstörerischen Werks dieser Barbaren der Lüfte. Unter dem Eindruck der Musik und des edlen Pathos der Symphonie verspürten wir die Sinnlosigkeit dessen, was um uns geschah, besonders eindringlich.“

Die Siebente wurde am 5. März 1942 in Kuibyschew vom ebenfalls dorthin evakuierten Orchester des Bolschoi Theaters unter Samuil Samossud uraufgeführt.
Am 22. März 1942 kam das Orchester in Moskau zusammen. Inzwischen hatten die deutschen Truppen die Ukraine, Weißrussland, die Moldawische Republik und das Baltikum in ihre Gewalt gebracht. Immer häufiger flogen sie Angriffe auf Moskau. Dennoch war das Konzert ein großes Ereignis, und nur mit Mühe fanden alle Besucher im Saal Platz. Ein Musikkritiker erinnert sich an die Moskauer Erstaufführung: „Vor Beginn des 3. Satzes trat der Leiter der Flugabwehr neben den Dirigenten. Er hob die Hand und meldete in ruhigem Ton, um keine Panik hervorzurufen, das Einsetzen des Fliegeralarms. Trotzdem verließ niemand seinen Platz, die Symphonie wurde zu Ende gespielt. Ihr mächtiges Finale, das den Sieg über den Feind ankündigt, schuf eine unvergessliche, mitreißende Atmosphäre. Die stürmischen Ovationen gingen über in eine leidenschaftliche Manifestation patriotischer Gefühle und in Begeisterung über das Talent unseres großen Zeitgenossen.“

Die Erstaufführung im belagerten Leningrad fand am 9. August 1942 unter der Leitung von Karl Eliasberg in der Philharmonie statt. Die Musiker wurden zum Teil von der Front geholt, andere aus ihren Kellerlöchern im belagerten Leningrad. Sie waren ausgehungert, ausgemergelt, in Uniformen oder Lumpen. Aber sie spielten die „Leningrader“. Auf Befehl des Kommandanten der Leningrader Front setzte man eine umfangreiche Militäroperation in Gang: Am Tag des Konzerts wurden die Deutschen mit einem wahren Sperrfeuer belegt; 3000 großkalibrige Granaten gingen auf sie nieder.

Danach zog die „Leningrader“ in einem unvergleichlichen Siegeszug um die ganze Welt, und ihr Erfolg hält bis heute an.

Dabei haben sowjetische Komponisten während der Leningrader Blockade insgesamt 192 Werke verfasst, darunter neun Symphonien, acht Opern, sechzehn Kantaten und fünf Ballette. Im Gespräch und im Gedächtnis blieb aber nur die Leningrader Symphonie, die Siebente von Schostakowitsch.

22.7.16

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 19009

Lautsprecherdurchsagen - Impressionen aus dem Gänsehäufel

Ein Badesonntag Ende Juli 18, die Marke von 35 Grad ist fast erreicht. Hitzepol wie immer in Hohenau an der March. Ich in den Wochenend-Zeitungen lesend, lagernd im löchrigen Schatten von mageren Pappeln und Erlen. Wenn die Sonne durchs Laub kommt, muss ich mit meinem Tuch in einen anderen Schatten wandern. Herrliche Ruhe, die FKKler sind dezente Leute. Ein leichter Wind, die wirklich blaue Alte Donau in Blickweite, Schwäne und Nil-Gänse schaukeln leicht auf den Wellen, Möwen darüber, eine Entenmutter watschelt mit drei Jungen angstlos durch den Dschungel aus Decken, Taschen und Floaties. Ich muss immer öfter ins Wasser rein und danach lange unter die kalte Dusche. Das Wasser der Alten Donau ist badewannenwarm, 28 Grad. Vom kühlen Nass kann schon lange keine Rede mehr sein. Wann kippt sie? Eine Frage der nächsten Tage. Das Wasser ist schlierig, wirft verdächtige Bläschen, und das Wassergras schwappt einem durch Mund und Zehen.

Danach schreckt mich in der Zeitung eine Kleinmeldung auf:
Die Korallenriffe der Ozeane von Sonnencreme und Kinderlulu zerstört! Ich bin alarmiert. Ähnlich wie die Verdauungspuhs der Kühe. Endlich die größten Feinde erkannt! Kleine Erlösung, nicht das Erdöl und das böse PVC sind‘s. Ein Glück, die Alte Donau hat keine Korallenriffe, aber sicher viel vom anderen. Mehr Idylle als im Gänsehäufel-FKK geht nicht. Für alle Sinne. Wer im Sommer Wien verlässt, ist ein Idiot. Selber schuld.

Da bricht die Realität über uns herein. Gegen zwei Uhr kracht und rauscht es aus dem Lautsprecher:
Ach-tung- Ach-tung (Betonung auf U mit einem K am Ende) - hch- eine Durch-sakee (Betonung auf A- was für eine Sage wird das noch?) - die vierjährige Jolana - sucht- seinen- Papa. Hch. Papa - kommen - bitte - zur Info. Danke! Ihre Info!
Jeweils zweimal hintereinander. Wiederholung nach 10 Minuten. Beim Ausschalten wieder Krachen. Es ist kein Sprechen, sondern ein Zerhacken von Silben, als würde sie einen ihr unverständlichen Text herunterbuchstabieren, so wie wenn ich etwas auf Rumänisch oder sonstwas, das ich nicht kann, vorlesen müsste.

Diese Frauenstimme bömakelt in echt, perfekter, als es sich Fritz Muliar je für Braver Soldat Schwejk antrainiert hat. Dabei dachte ich immer, er ist genial. Er ist genial, aber von der Durchsagefrau hätte er noch etwas lernen können. Sie hat die Funktion einer Kartenabreißerin und Kasterlschlüsselausgeberin am Eingang (ich liebe Wien besonders für solche Posten. Die Badewaschel sind fast alle Ex-Jugos, die Masseurinnen Philippininnen). Ich habe die Info-Frau persönlich gesprochen, als ich einmal bei ihr eine verlorene Sonnenbrille abgegeben habe. Sie ist wirklich eine Tschechin, eine neue Österreicherin.

Im Abstand von 10 Minuten wird die Durchsage je zweimal wiederholt, mit Varianten. Da ist die Jolana einmal dreijährig und sucht ihre Mama. Dann wieder den Papa. Zum Glück irgendwann die ganzen Eltern. Gespickt mit Fehlern und Pausen, in denen man Seufzer und Räusperer hört, warum auch immer. Welche Tragödie sich bei der Info abspielt, mag ich gar nicht wissen. So geht das ungefähr eine Stunde lang. Zweimal dazwischen etwas Neues: Die fünfjährige Lena sucht seinen Papa, Ausgang bitte kommen.

Bei Info. Die sechsjährige Jolana sucht tringent ihren Papa. Bitte melden.
Was sind das für Energieüberschneidungen? Gerade als die Jolana (ein populärer tschechischer Name) lautsprechermäßig gesucht wird, lese ich in Pavel Kohouts genialer Echtzeit-Politsatire Wo der Hund begraben liegt von seiner wilden Nichte Jolana. Ich habe das 500 Seiten starke Buch aus dem Jahr 1988 am Tag davor in einer Wühlkiste am Hohen Markt um 2 Euro erstanden. Geniere mich, dass ich es nicht früher gelesen habe. 30 Jahre Genuss-Verlust. Das Buch ist gespickt mit Schwejk-Zitaten, die ich lese wie einen Kommentar zum Lautsprecher.

Dann sehe ich, dass der vor genau 50 Jahren, zehn Jahre nach der sowjetischen Invasion, von den Neostalinisten nach Österreich ausgebürgerte Tscheche in diesen Tagen 90 geworden ist. Ich habe, hoffe ich, alle seine Stücke in Theatern gesehen, in verschiedenen Ländern, in verschiedenen Sprachen. Dieses Buch kannte ich nicht. Das treibt mir einen Sonnenbrand vor Scham über den Körper.
Hoffentlich hat dem Bundespräsidenten AVDB ein geschichtsbewusster Mitarbeiter eingesagt, dass man Pavel Kohout gratulieren muss. Gelesen habe ich nur einen Artikel in den Salzburger Nachrichten.
Vom jetzigen Bundeskanzler erwarte ich das eher nicht. Der damalige hieß Bruno Kreisky. Er hat die tschechoslowakische Charta 77 offen unterstützt, hat Pavel Kohout und seine Mitstreiter nach Österreich eingeladen.

Bei jeder der Doppeldurchsagen wird die Stimme abgehackter, lauter und dringlicher, fast gehetzt, zuletzt kippt sie ins Hysterische mit einem Hustenanfall der Stimme und des Lautsprechers. Arme Frau, womit kämpft sie mehr, der deutschen Sprache oder leidet sie mit Jolanas Schicksal mit oder geht ihr in der Hitze, so wie uns allen, die Luft aus? Es ist ja heute wirklich sehr heiß. Dann klingt die Lautsprecherdurchsage nur noch wie ein verzweifelter Schluckauf. Bömakeln mit Schnackerl! Gott, wie hätte das den seligen Muliar inspiriert! Jemand hat mir erzählt, dass nicht das legendäre Prager-Deutsch, sondern das Bömaklerische die lingua franca in der k. u. k. Monarchie gewesen sein soll, zumindest in Wien.
Bei Josef Roth beschwert sich ein Feldmeister mit schwerem Pinzgauer Dialekt, dass die alle nit Deutsch kennen.

Ich gehöre nicht zu denen, die über Bucklige lachen und Blinden ein Bein stellen. Aber wer vom Bömakeln seinen Lachreiz gekitzelt fühlt, muss sich dafür nicht genieren (Neudeutsch: fremdschämen), er befindet sich in bester Gesellschaft. Bei Stefan Zweig böhmelt oder serbelt es häufig. Er rät der deutschen Sprache, sich zu rächen, indem sie zurückböhmelt, wobei ich im Moment der Lautsprecherdurchsage nicht weiß, wie das geht. Soll er ein Vorbild sein, wie er das in fast rassistischer Manier macht, zum Beispiel in der Schachnovelle, wo er das verhunzte Dötsch der Ungarn und das Deitsch der Slawen in der Monarchie auf die Schaufel nimmt.
Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis der Oberst Bubenic in aufrichtigster Political Correctness aus Ungeduld des Herzens rausgesäubert wird.

Besonders gespenstisch wird es, weil ich da, wo ich im durchlässigen Schatten einer Pappel sitze, den Lautsprecher mit Echo höre. Also ungefähr so: Achtachtuntung, einne Dudurchsaage, didie viervierjährigejährige Jolanana suchtsucht ihrihren Papapapa. Bittebitte meldmelden beibei Ininfo! Dandankeee! Wobei das Bömaklerische das letztendende e besonders in die Länge zieht.
Schwejk mit seinem Seufzer klingt im Ohr: Deitschee Sproch, schweree Sproch.

Apropos Verdoppelung. Vor kurzem im Zug von Wien-Hauptbahnhof nach Bratislava-Petržalka. Kurz nach Gramatneusiedl ertönte aus dem Lautsprecher die kryptische Ansage: Sehr geehrte Damen und Herren! Aufgrund des Verkehrsaufkommens wird in Bruckanderleitha der Zug verdoppelt. Knapp und präzise, diese Information. Ohne Bömakeln, echt Burgendländerisch. Trotzdem hatte ich Schwierigkeiten, mir eine Verdoppelung des Zuges vorzustellen. Und von wegen Verkehrsaufkommen? Was spielt sich da ab? Kommt uns der zweite Zug entgegen, schleicht er sich von hinten an, biegt er in Bruckanderleitha einfach so auf unser Gleis ein und verdoppelt unseren Zug? Und müssen wir den verdoppelten oben auf dem Dach als zweistöckigen Zug bis nach Bratislava-Petržalka mitschleppen? Und überhaupt, was sollen wir mit dieser Information machen? Sitzenbleiben, aussteigen, nachschauen, mithelfen bei der Verdoppelung?

Zurück ins Gänsehäufel. Rund um meinen Platz heben die Lagernden die Köpfe und schauen, so wie ich, fragend und belustigt umher. Vielleicht geht bei ihnen so etwas herum wie in meinem Kopf: Na, was für Eltern sind denn das, die nicht nach ihrer Jolana suchen? Wer mögen der Papa und die Mama sein, denen ihre Jolana so lange nicht abgeht? Die diese Durchsagen nicht hören? Schauen oder hören sie ihr Smartphone mit Stöpseln in den Ohren? Vielleicht verstehen sie die Tschechin am Mikro nicht?
Welche Sprache spricht die drei- oder vierjährige Jolana? Gemeinsame Sprache ist immer etwas Gutes. Oder, oh Gott, sollen sich diese Rabeneltern insgeheim gefreut haben, auf elegante und unauffällige Weise ihre abenteuerlustige Tochter loszuwerden? Eine Kindesentsorgung? Auf so elternlästerliche Gedanken kann man bei solchen Durchsagen kommen.
Und was muss sich erst bei der Info abgespielt haben?
Tränen, Verzweiflung. Vielleicht war die Polizei schon da und suchte mit einer WEGA-Hunde- oder Kickl-Pferdestaffel nach den Jolana-Eltern?

Gegen drei Uhr dürfte die Familie wieder zusammengefunden haben, denn die Tschechin von der Info macht eine neue Durchsage, wieder mit dem wunderbaren Bömakeln, diesmal aber ruhig, mit der Ankündigung des Kasperltheaters. Wie immer an Sonntagen, genau um 15 Uhr. Hoffentlich kann Jolana dieses genießen, und – wiedervereint mit ihren Eltern – den Trennungsschmerz vergessen. Beim Kasperl, seinem Prügel und dem Krokodil. Der Kinderchor der entzückten Angstlustschreie dringt herüber bis zum FKK-Strand. Seid ihr alle daaa? Jaaa! Alles in Ordnung. Kasperl funktioniert noch. Vielleicht war das mit Jolana und ihren Eltern nur ein dramatisches Vorspiel zum Kasperltheater?

Gegen fünf ziehen im Westen dunkle Wolken auf, es grollt immer bedrohlicher, und der Wind raschelt lebhafter mit den Pappel- und Eschenblättern. Meine Zeitungen flattern. Der Himmel in den anderen drei Richtungen ist noch strahlendblau, gesprenkelt mit herzigen Schäfchenwölkchen. Zieht vorbei. Ich bleibe, bin ja nicht aus Zucker. Da rauscht es wieder aus dem Lautsprecher, und eine weibliche Stimme erschallt verdoppelt heraus, diesmal eindeutig auf Donaustädterisch: Aufgrund einer Gewitterwarnung bitten wir um besondere Vorsicht! Ihre Info.
Geheimnisvoll. Vorsicht gut, aber wie? Raus aus dem Wasser, nicht unter die Bäume stellen? Schwierig, im Gänsehäufel sind überall Bäume. Deswegen geht man ja hin. Schnell einpacken und heim? Wenn das alle 25 000 Besucher machen, gibt‘s ein Massaker. Alle Köpfe wenden sich nach oben, dunkelschwarz im Westen. Bald ist genau abgegrenzt der Regenvorhang zu sehen, wie die Silhouetten der Brücken, Türme und Schlote verschwinden und wieder auftauchen – ein schnell ziehendes Gewitter. Der Wind gewinnt Sturmstärke. Ich stehe im Wasser, und eine Frau neben mir fragt, mit Blick in den geteilten Himmel: Kummt‘s oda kummt‘s ned? Das Gewitter.

Gemma oder bleima? Sehr philosophisch. Wie der Roseggerische Regenschirm. Mitnehma oda dolossn. Niminmit, lossindo. Mir wär‘s recht, dann muss ich heute nicht gießen. Ich denke eher praktisch.

Jetzt tragen die Wellen der Alten Donau weiße Kronen, laufen gegeneinander und brechen sich, und das Wasser ist so dunkel wie das Schwarze Meer. Ich frage mich, wo ich bin. Die Schwäne, Enten und Nil-Gänse lagern in der Bucht hinter der Mazzes-Insel. Die Badewaschel laufen gekonnt gelassen die Ufer entlang und pfeifen die Schwimmer immer heftiger aus dem Wasser. Nebenbei: Ich entdecke dabei die erste (1.!) Badewaschlerin, Badewaschelin, Badewaschleurin, ich weiß nicht, wie man sie richtig gendert, auf jeden Fall eine braungebrannte Frau in der weißen Uniform der Wiener Bäder mit der Trillerpfeife um den Hals. Sieg! Wieder eine Bastion erobert! Ah, auf Hochdeutsch Bademeisterin.

Noch einmal dieselbe Durchsage mit dem Aufruf zur Vorsicht aufgrund der Gewitterwarnung. Danke! Ihre Info! Weil ich noch immer nicht weiß, wie man aufgrund der Gewitterwarnung im Gänsehäufel Vorsicht walten lässt, die Blätter der Pappeln und Erlen trotzdem immer lauter rauschen – ich im Kopf: Pappeln – schlechtes Holz, sie biegen sich nicht, sondern splittern oder fallen gleich als Ganzes um. Decken, Handtücher, Pappteller und Nylonsackerl fliegen durch die Gegend, über dem Eskimo-Eis-Stand segelt ein Reklame-Plakat für das heurige Mode-Eis Grande durch die Luft, gleich danach wird der ganze Ständer von einer Böe ausgehoben. Wie die Nackerten jeden Alters und jeder Form ihren Sonnenschirmen und Handtüchern nachjagen, ist ein besonders köstlicher Anblick.

Da fallen die ersten Tropfen auf meine Wochenendbeilage EXTRA der Wiener Zeitung (schlechter, hingeschluderter Artikel über den monarchistischen Widerstand gegen Hitler von dem renommierten österreichischen Historiker M. R.). Wegen meiner Abneigung gegen Pappeln im Sturm entschließe ich mich, wie sehr viele andere auch, zum Aufbruch. Klar, danach Staus allüberall. Im Bäderbus wienerisches Motschgern und Gedrängel.
Die könnten a mea einstönn. Anstatt dankbar zu sein, dass es überhaupt so ein kostenloses Bäderservice gibt. Autos sperren den Bäderbus. Die Eiskäufer beim Italiener ebenfalls. Die U1 übervoll.
Als ich deswegen erst eineinhalb Stunden später daheim aus der U-Bahn steige, stehen die lieblichsten Schäfchenwolken am Himmel über der Favoritenstraße, rosa-goldumrahmt von der untergehenden Sonne, wie zum Hohn. Und der Boden ist staubtrocken. Für mich heißt das eindeutig: Gießen!

Wien, 30.7. 18

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 18140

Die Ohrfeige der Tante Fritzi

Sie war die älteste Schwester meines Vaters und meine Taufpatin. Eine Auszeichnung für das ganze Leben. Ich war sehr stolz auf sie, weil sie eine von allen hochgeachtete Person war. Sogar mein Vater hörte auf sie. Und ihr Mann, mein Onkel Franz Puchberger, war nicht nur ein Riese von Gestalt mit einem großen, immer roten Kopf, sondern der respektierte und gefürchtete Herr Direktor, Direktor der einklassigen Volksschule von St. Nikola. Er unterrichtete alle Kinder der acht Klassen in allen Gegenständen. Meinen älteren Geschwistern, die noch in seine Fänge gerieten, war er der Albtraum ihrer Kindheit. Aber davon redeten sie erst viel später, als sie schon nicht mehr in seiner Gewalt waren. Es gab nichts, worum wir nicht konkurrierten, vom Kirschkernweitspucken, vom Skabiosen-Köpfe-Abreißen und -Weitschießen bis zum Sauerrampfer- und Brennnesselschlucken, dem Einsammeln von Kartoffelkäfern, Schwammerln und Beeren aller Art bis zu Zwetschkenknödelessen und dem Weitpinkeln – das betraf natürlich nur die Brüder und Cousins.

Aber wichtiger war die Hierarchie der Taufpaten und -patinnen. Hedwig, zum Beispiel, hatte die Tante Sefi, Vaters jüngste Schwester, das Fräulein von der Post, nicht sonderlich hochgestellt in der Hierarchie, weil sie als Jüngste und Unverheiratete die Dienerin und der Blitzableiter der Großmutter war. Die Kinder entwickeln schnell ein gutes Gefühl dafür, was unter den Erwachsenen läuft, von oben nach unten. Liesl hatte Tante Liesl als Taufpatin, die war abenteuerlich und lieb, aber fast immer weit entfernt. Sie lebte in New York und kam nur einmal im Jahr auf Besuch.
Agnes hatte Tante Paula, mir die allerliebste von allen, aber keine richtige Tante, nur eine Freundin der Familie. Und dazu nur im Lehnstuhl, alt und schrullig. Ich mochte Tante Liesl sehr, aber meine Schwester bedauerte ich. Ähnlich gelagert war der Fall des ältesten Bruders Helmut. Er bekam Franz König als Taufpaten, der später Kardinal wurde, einen Jugendfreund meines Vaters, sicher die höchstgestellte Persönlichkeit unter den Taufpaten.
Am meisten beneidete ich Bernhard. Sein Taufpate war Onkel Klaus. Er war der Chef der Großfamilie, in die ich geboren wurde. Alleinerbe des Bräuhauses und Inhaber der Firma, besaß zwei Lastkraftwagen, viel Grund und Wald, hatte zweieinhalb Angestellte und eine strenge Frau, meine Tante Sofie, die später meine Firmpatin wurde. Wen Franzi zum Taufpaten hatte, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Vielleicht den Sohn von Tante Liesl in New York, von dem ich nur wusste, dass er Franz Kuno hieß und als Brother David ins Kloster Mount Savior ging und später als Jesuit und Buddhist sehr berühmt wurde.

Wir hatten nicht nur eine Regierung der Eltern, sondern eine Unterregierung der Taufpaten. Die Firmpaten rangierten etwas weiter dahinter. Weil im Firmungsalter war man entweder schon ein guter Christ oder es waren Hopfen und Malz verloren. Gab es eine Hierarchie der Sakramente? Konkurrenz? Würde mich in dieser Familie nicht wundern.
Mir kommt vor, dass diese Onkel und Tanten mächtiger waren als die Eltern, weil diese sehr vieles, was sie selbst nicht bewältigen konnten, auf Erstere abschoben und sie in die Pflicht nahmen. Sie hatten ja bei der Taufe ein Gelübde abgelegt, darüber zu wachen, dass wir gute Christenkinder wurden.

Von meiner Tante Fritzi habe ich nur Gutes in Erinnerung. Ich fand sie himmlisch schön und elegant. Ich glaube, dass sie mich mochte, obwohl sie sehr streng zu mir war. Ihre beiden Kinder Inge und Wolf waren um vieles älter und schon aus dem Haus. So nahm sie mich wie ein spätes Kind an. Ich habe mehr frühkindliche Erinnerungen an sie als an meine Mutter. Sie war eine richtige Dame, wohnte in ihrem eigenen Haus, hatte einen Garten und bekam viele vornehme Besuche. Tante Fritzi gab Klavier- und Gesangsunterricht. Wenn ich wie ein Mäuschen von der Küche aus ihren Unterrichtsstunden zuhörte, glaubte ich mich im Himmel, so schön waren ihre Stimme und ihr Spiel. Gestorben und im Himmel zu sein, das waren in meiner Kindheit gute Zustände.

Sie leitete den Kirchenchor und war die Organistin der Kirche des Heiligen Nikolaus. Nur die Stimme von der Kranzer Liesi war noch schöner, engelsgleich. Aber die ließ man nicht immer singen, weil sie sich nicht an die Noten hielt und vor lauter Begeisterung über die eigene Stimme zu improvisieren begann und damit nicht mehr aufhörte. Das fanden nicht alle schön und es störte den streng geregelten Ablauf der Messe doch erheblich.
Auch Tante Fritzis Tochter Inge und Tante Sefi waren mit Engelsorganen gesegnet.
Diese vier machten den Großteil des St. Nikolaer Kirchenchores aus. Das Schönste war aber doch die Orgel der Tante Fritzi. Meine Liebe zur Musik geht sicher auf die Kirchenmusik in der Dorfkirche zurück.
Dieses Brausen, diese Fülle, diese Macht, die Lautstärke und dann wieder die Zärtlichkeit wie von einer einzigen Flöte. Ich lernte als erstes Instrument Flöte.
Vor den Hochämtern ging Tante Fritzi im Pfarrhof aus und ein, hatte Gespräche mit dem Pfarrer, Hochwürden, zu denen ich sie begleiten durfte, natürlich nur bis in den Vorraum. Die Pfarrersköchin Nannerl kümmerte sich währenddessen um mich. Ich bekam Himbeersaft und Kekse. Es roch dort immer nach einer Mischung aus Vanillekipferln, Weihrauch und Mottenpulver. So stellte ich mir das Vorzimmer zum Himmel vor.

Für das Glockenläuten waren die Buben zuständig. Die Seile hingen im Vorhaus der Kirche aus dem Turm herunter.
Sie zogen daran, ließen sich hochziehen, baumelten eine Zeitlang an ihnen und kamen wieder auf den Boden. Stießen sich ab und ließen sich wieder nach oben tragen. Das ging so lange, bis draußen das ganze enge Donautal überschallt war und drinnen in der Kirche das Bimmeln der Ministrantenglöckchen erklang. Das Hochamt konnte beginnen. Der Pfarrer kam in vollem Ornat von rechts aus der Sakristei und bezog seine Position vor dem Altar. Vom Chor die Orgel, Vorspiel, schwoll an und breitete sich aus.
Ich mochte alles in der Kirche und an dem Gottesdienst, der Mesner hielt an einer langen Stange den rotsamtenen Klingelbeutel in die Bankreihen hinein und murmelte immer sein Vagösgod, Godvagöds. Lange Zeit glaubte ich, er sei ein Finne oder Ungar, zurückgeblieben vom Krieg, der war ja noch nicht so lang vorbei, weil ich ihn nicht verstand. In den hölzernen Heiligen Nikolaus auf einem Podest links vom Altar war ich verliebt und wollte ihn später heiraten. Weil er doch der beste Mensch war und die Kinder beschenkte.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr: Vielleicht war ich fünf, höchstens sechs Jahre alt. Nach langem Betteln erlaubte mir Tante Fritzi einmal, den Blasbalg zu bedienen. Treten hieß das. Etwas so Feierliches wie das Hochamt am Ostersonntag. Sie intonierte die Intrada der Schubert-Messe.
Die Orgel war sehr alt. Ihr Blasbalg war eine Art von beweglicher Stufe, die je nach Menge der Luft rauf und runter ging. Man musste das gleichmäßig machen, damit die Orgel nicht ins Stottern kam. Rauf ging es von selbst, die Luft hob die Stufe empor, war man aber oben, musste man Druck ausüben, damit sich die Stufe wieder senkte, damit der Blasbalg zusammengedrückt wurde.

Ich liebte dieses Aufwärtsschweben auf der Luft. Zum Runterdrücken stützte ich mich mit beiden Händen am Rahmen ab, ging in die Knie und drückte mit aller Kraft nach unten. Aber es passierte: Ich weiß nicht mehr, warum, ging mir die Kraft aus, war ich abgelenkt vom Hochamt unten? Der Orgel ging die Luft aus, sie schnaufte, röchelte, krächzte, rasselte und versickerte dann in einem quietschenden Seufzer, die Tonleiter abwärts. Eine Art von langgezogenem Furz, Schas, Boller, Pu, wie auch immer, ziemlich unheilig in einem Hochamt. Jeder in der Kirche dachte an das Gleiche, im Hochamt Gehörte. Dann Stille. Drei Sekunden oder drei Ewigkeiten.
Die Gesichter drehten sich zurück und hinauf zum Chor. Stille, nie war sie tiefer. Füßescharren und Räuspern. In diese Stille hinein klatschte eine Ohrfeige. Eindeutig eine Ohrfeige. So kann nur eine Ohrfeige klingen. Hart, kurz, fett und schmatzend, auch sehr körperlich wie auf ein nacktes Hinterteil. Die zarte, sanfte Tante Fritzi hat ungeahnte Kräfte.

Bei mir klingelte es in den Ohren und vor den Augen tanzten die Sternchen. Ist das jetzt der Himmel? In jeder Kirche ist man ihm immer näher, und dann auch noch auf dem Chor neben der göttlichen Orgel. Ich glaube bis heute, dass mir Tante Fritzi nicht wirklich eine Ohrfeige geben, sondern mich nur aus meiner misslichen Lage oben auf dem Blasbalg befreien wollte. Schnell eilte der Mesner Sepp die Stufen herauf auf den Chor, schubste mich vom Blasbalg weg. Mit neuer Luft aus dem Blasbalg setzte Tante Fritzi ihr Orgelspiel fort bis zum feierlichen Brausen des letzten Stücks, das mir so gut gefiel, dass ich immer weinen musste:
Großer Gott, wir lo-o-ben dich! Herr, wir preisen dei-ei-ne Stärke.Vor dir nei-ei-gt die Erde sich und bewundert deine Werke.

Nur wie sich die Erde – eine Kugel – vor Gott verneigt und ihn gleichzeitig bewundert, dieses Bild konnte ich nie zusammenbringen.
Es war übrigens die einzige Ohrfeige meines Lebens. Bis jetzt.

Wien, 24.3.18

Veronika Seyr
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Klagelied der Kettensäge

Ich Säge, säge, säge
Und liege schwer in deiner Hand
Als ob mir daran läge
trenn ich jeden Holzverband

Du sagst, so sei ich gewollt
Ein Zeug zu einem Zwecke eben
Nichts, dem man weiter Achtung zollt
Ist das ein Leben?

Oh Mensch, du töricht’ Allzerschneider
Ich fühle in mir fein’re Züge
Zum Beispiel nähte ich gern Kleider
Ist dies Wünschen nichts als Lüge?

Ich werde nicht vergeblich hoffen
Kraft der Evolution
Steh’n mir alle Wege offen
Und den meinen kenn ich schon!

Mag sein, mir selbst ist’s nicht vergönnt
In höh’re Sphären vorzudringen
Doch die Glut, die in mir brennt
Werd ich auf meine Kinder bringen

Dort soll sie weiter wachsen, strahlen
Und was in mir den Anfang nahm
Wird in fern’ren Erdenjahren
Laptop, Mischpult, Eisenbahn

(Dafür also leide ich
Und darum vermeide ich
Selbst wenn er mir die Kette strich
Einen jeden Sägerich)

Und siehe, wie das Warten lohnt
Meinen künftig’ Herrn und Meister
Hast du selbst an mich gewohnt
War Wäschetrockner, Eugen heißt er

Du legtest mich schon oft auf ihn
Seit er außer Diensten ist
Ich fleh dich an, tu’s weiterhin
Kann sein, dass er mich sonst vergisst

Hörst du, Mensch, verstehst du nicht?
Ach dieser Lärm! Oh, dieser Schmutz!
Verraten ist, wer zu dir spricht!
Verflucht sei er, dein Ohrenschutz!

Zornig werd ich (‚) Kettensäge
So viele Bretter mir vor’m Hirn
Treff ich, trenn ich mir die Wege
Werd triumphal mich kultivier’n!

Bernd Remsing
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plugged

Die funkferngesteuerte Hybrid-Spray-Fogger-Nebelmaschine qualmt wie wahnsinnig vor sich hin. Was es nicht heutzutage alles gibt! Man sieht die eigene Hand nicht vor den Augen. Nur so zur Probe. Es riecht stark nach Öl. Die Bühne, die zwölf mal vier Meter misst und aus düsteren, schwarz lackierten Spanplatten zusammengebaut ist, wird mit allerlei Gerät bestückt. Die Beleuchtung ist auf Schlafmodus gestellt, man sieht schon wegen des Nebels kaum, und doch gerade noch das Notwendigste. In der hinteren linken Ecke steht ein Keyboard, ein altes Yamaha aus den Siebzigern, das schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. In der Mitte der Bühne, nach hinten gerückt, ein noch älteres „Ludwig“-Schlagzeug. Auch in Schwarz, aus den sechziger Jahren, links und rechts von Messingbecken, deren Glanz schon längst irgendwo verloren gegangen war, auf wackeligen Ständern flankiert.

Die nicht mehr sooo ganz jungen Musiker in ihrer nostalgischen Sixty-Bühnenkleidung, mit Glockenhosen und T-Shirts, in sinnigen Sprüchen allerlei auf Brust und Rücken dokumentiert, mit Peace-Zeichen und allem was dazugehört, eine Amateurband also, versuchen mühsam, ihr Equipment einigermaßen professionell aufzubauen. An die rückwärtige Bühnenwand ist ein mächtiges Che-Guevara-Porträt etwas schief angenagelt. Schön, dass er hergefunden hat.
Den Hobbykünstlern zur Seite gestellt, ist ein trauriges Häuflein tätowierter Junkies und Ex-Motorrad-Freaks, von denen keiner unter fünfzig ist und die von der Stadtgemeinde für diese Arbeiten engagiert worden sind, Beschäftigungstherapie, damit sie nicht n u r auf dumme Gedanken kommen. Die sind die Profis, wie sie unschwer zu vermitteln wissen. Allesamt schwere Jungs mit ausgeprägter Häfen- (sprich Gefängnis)-Erfahrung, wird gemunkelt. Jeder für sich ein Unikat.

Damals noch – ja, damals waren sie Mitglieder so manch einer wilden Gang. Hatten nur Unsinn im Kopf, wie man einen langen Tag erfolglos hinter sich bringt. Zugedröhnt bis zum Geht-nicht-mehr. Man war ganz vorn. Vor der Bühne. Bei allen Events. Von den Stones bis zu den Who. Bühnenarbeiter - ganz nah bei ihren Idolen. Sie sind mit ihnen in Würde gealtert. Aber die hier, die Band, die zählt noch zu den Lebenden, beinahe zumindest. Bloß kennt sie keiner. Das ist eben Schicksal. Einer von denen hatte vor zig Jahren tatsächlich selbst einen Hit gelandet, einen einzigen. Das ließ ihn gewissermaßen irgendwie zum Profi werden. Und genau das haben die Bühnenhackler (Hackler = Arbeiter, Wienerisch) irgendwie mitbekommen. Aber es fehlt ihnen anscheinend am nötigen Respekt, denn sie gehen sehr rüde mit dem Alt-Star um. Als der Hitlander sein Bierglas auf einer der Lautsprecherboxen vergisst, kippt das Glas samt Inhalt auf einen der Hackler, als der die Box soeben mit dem Handstapler wegheben will. Du bist a Profi!, meint der Hackler emotionslos ironisch, von oben bis unten nass, den Kopf schief haltend und ihn von oben bis unten musternd, um sich anschließend, ein angewidertes Ausspucken andeutend, kopfschüttelnd vom Hitlander abzuwenden. Womit das Kapitel des Profis neu geschrieben werden muss.

Draußen vor den Toren warten, chromblitzend in der Sonne funkelnd, die Bikes der Bühnencrew, wie zurückgelassene Hunde, angekettet, geduldig auf ihre Besitzer. Unschwer zu erkennen, wer zu welchem „Ofen“ gehört. Der Dickste von denen zur fettesten Harley. Rot-métallisé, mit Windschirm und Seitenboxen. Fat Boy. Der Fahrer ist auch so einer. Sie sehen sich ähnlich.
Der Schmalspurrocker mit dem ausgemergelten Gesicht passt eher zur mageren Variante, zu der mit dem hohen Lenker, Variante Easy Rider. Man ist tätowiert.
Noch muskulöse Arme schimmern grünlich im diffusen Rampenlicht, ragen aus verwaschenen ärmellosen Jeansjacken, deren Rückenteile das Emblem ihres Motoradclubs zeigen. Von den Hosentaschen baumeln verchromte Ketten an deren Enden Geldbörsen vermutet werden. Es könnte auch das eine oder andere Messer darunter sein. Der Bühnenraum ist eigentlich ein finsteres Loch, gelinde gesagt. Es riecht stark nach Zigarettenrauch und Bier. Und die Typen dazu? Mit denen wäre nicht gut Kirschen essen, sagt man. Gegen die Ledernen nehmen sich die Bandmitglieder wie Priesterseminaristen aus.

Wo ist denn das Licht?, fragt einer der Musiker. Was für ein Licht?, antwortet einer der Rocker geistesabwesend. Er steht auf einer Leiter und schraubt eben eine Glühbirne in die leere Fassung. Sein Gesicht ist tief zerfurcht, sein Körper ausgezehrt. Die Haut scheint vertrocknet wie bei einem Klippfisch. Die Haare hängen lang und fett in Strähnen bis an die Schultern und berühren die Lederjacke. Ein Zigarettenstummel glimmt emsig wie ein Glühwürmchen in seinem Mundwinkel. Sein Oberarm zeigt die Tätowierung eines Totenkopfes, dem sein Träger irgendwie ziemlich ähnlich sieht. Die Hose des Klippfisches schlottert um die dünnen Beine. Der Musikus bemerkt dessen grimmige Miene und belässt es bei der Frage. Niemand wagt, weitere Fragen zu stellen.

Irgendwann wird es hell, die Scheinwerfer sind an, blenden, werden gedreht und neu justiert. Mikrofonprobe. Sing du für mich, sagt einer der Musiker zum anderen. Alle lachen. Aber es ist doch dein Mikro! Wurscht. Sind eben nicht alle für die Bühne geschaffen. Heute fehlt irgendwie die Motivation. Man fühlt sich beobachtet. Von Profis. Wie viele Mikrofone?, fragt einer der Höllenengel. Fünf, lautet die Antwort. Samma a G´sangsverein?, brummt der. (Ein Gesangsverein ist keine Rockband, versus „Dienst ist kein Bärenfell“, aus „Vierzig Wagen westwärts“.)
Dann geht es los. Die Band intoniert oder interpretiert, je nachdem, Satisfaction. Jeder kennt das. Die Rocker blicken skeptisch. Sehen einander schweigend an. Keiner verzieht eine Miene. Sie haben die Nummer schon x-ten Mal original gehört, haben schon unterm „Original“ gedient, haben vierzig Jahre Wiener Stadthallenerfahrung. Denen macht man nichts vor. Und dann das! Einer schüttelt den Kopf, greift nach seiner Zigarettenpackung in der Brusttasche seiner ausgefransten Jeansjacke. Das Schlagzeug scheppert penetrant nach alten Topfdeckeln. Die Basstrommel klingt nach schlecht gespannter Lederhose und die Mikrofone quietschen erbärmlich infolge einer ungewollten Rückkoppelung. Bühnenleben macht Spaß.

Der Keyboarder erzählt in der Pause, er hätte einen aus so einer Motorradgang gekannt und ihn einmal zu seinen Schwiegereltern eingeladen, die hatten einen Heurigen am Land, und er selbst half am Wochenende dort aus, als Servierkraft und auch hinter der Schank. Aber der wäre nicht alleine gekommen, nein, ganz und gar nicht. Irgendwann war ein infernalischer Lärm auf der Gasse zu hören. Man stürmte zum Tor um nachzusehen. Das gibt’s nicht! An die dreißig Motorräder, Harleys, Hondas, Kawasakis, alle aufgemotzt und mit kunstvollen Bildern versehen, luftgepinselt und verchromt, wo es nur möglich war, versuchen, in beeindruckender Phonstärke die Parklätze vor dem Lokal für sich einzunehmen. Einer fährt über den Gehsteig, dann von dort über den gepflegten beblumten Grünstreifen auf das Gässchen und zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Ein anderer hatte eine Regenpfütze entdeckt und rollt mit dem überdimensionalen dicken Hinterreifen seiner Maschine rückwärts in dieselbe, wobei sich das Rad unter entsprechendem Gasgeben immer wieder munter durchdreht und der Dreck fensterhoch heftig auf die Hausmauer des gepflegten Anwesens spritzt. Der Keyboarder ahnte längst, was ihm bevorstand und wollte wegen des unangenehmen Ereignisses schon in einem Erdloch versinken, aber noch war es nicht so weit. Die Zeit war noch nicht gekommen.

Schließlich war das ganze Geschwader samt den heißen Bräuten, den Klammeraffen – (Beifahrerinnen) abgesessen und hatte sich, die meisten in enger Lederkluft steckend, streckend und reckend, cowboybestiefelt und krummbeinig in Richtung Innenhof bewegt, als auch schon der streng blickende Hausherr erschien, der Schwiegervater höchstpersönlich in Spencer und Loden, der mit den Worten – eis (ihr) kriagt´s do nix - eine klare widerspruchslose Ansage zu deponieren gedacht hatte, woraufhin ihn die Ledernen schräg ansahen. Und sie warfen auch gleich einen zutiefst verunsicherten Blick auf ihren Obmann und Leithammel, der auf den entzückenden Namen „Baby“ hörte, in dessen Bezeichnung jedoch schon allein wegen seines athletischen Körperbaus ein Widerspruch per se zu liegen schien und der er auch aufgrund seines Auftretens in keinster Weise gerecht wurde.

Besagter „Baby“ wiederum erwartete jetzt ganz offensichtlich eine dringende Stellungnahme des Keyboarders, von dem er wohl eine Korrektur der negativen Formalitäten erwartete, die die Stimmung des Hausvaters entsprechend zu wandeln imstande gewesen wäre. Jetzt war es für diesen also höchst an der Zeit etwas zu sagen, zu intervenieren, schließlich ging es irgendwie dabei auch um sein Fell, um seine Reputation, denn so sattelfest war er in der Familie noch nicht verankert, um Folgendes eben richtigzustellen, was schiefzulaufen schien, was sich dann also ungefähr so anhörte - Öh, die – die gehören zu mir, krächzte er nervös und räusperte sich verlegen. Und, ja, jetzt allerdings schien die Zeit für das Mauseloch gekommen.
Aus den benachbarten Häusern lugten verschreckte Augenpaare aus spaltgeöffneten Toren. Kinder versteckten sich hinter den Kitteln der Mütter. Hunde winselten wegen des immer wieder aufbrüllenden Motorenlärms, und die dunklen Wolken des sich bis vor Kurzem entladenden Gewitters standen immer noch drohend am Horizont, ergiebige Pfützen auf Gehsteigen und Gasse hinterlassen habend. Aber es war nicht ganz so schlimm wie erwartet.
Ah so?, reagierte der Hausherr knochentrocken, hob kurz die Brauen, verschwand ohne ein weiteres Wort zu verlieren, außer einem wirkungsvoll kryptischen - Naaa jo! - wieder in Richtung Weinkeller. Dem Tastenbezwinger standen die Schweißperlen an der Oberlippe. Heut wäre wohl kein guter Tag, um ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten. Morgen vielleicht auch noch nicht.

Wie auch immer. Die Begrüßung zwischen Keyboarder und Motorradclub verlief relativ nüchtern und emotionslos. Es arbeitete fieberhaft in des Klimpermaxis Gehirn. Der sogenannte berittene Freund stellte die Kumpane und deren Beifahrerinnen artig vor. Die hatten scheint‘s jede Menge Spaß dabei, so offiziell aus ihrer gewohnten Anonymität katapultiert zu werden. Dann bewegte sich der Tross lärmend über den Innenhof die Kellerstiegen hinunter. Die Schwiegermutter hinterm Tresen stand zunächst wie angewurzelt da, und - nie um ein Wort verlegen - blieb ihr jenes, welches sie eben noch auf den Lippen hatte, wohl unvermutet im Halse stecken, als sie die illustren Neuankömmlinge in ihren Nonkonformistenuniformen sah, mit mosaischen Bärten, in Lederjacken mit Nieten dran und drin, mit klirrenden Ketten wie zu Krampus und das im Mai, wo nichts, aber auch schon gar nichts auf einen Rückfall in dunkle Dezembernächte schließen ließ. Diese Art Heurigenpublikum war ihr grundsätzlich fremd. Und schließlich waren da all die Miniröckchen, oh Gott!, von denen kürzere Varianten wohl kaum noch möglich gewesen wären, wollte man dabei nicht gänzlich auf das letzte Bisschen Stoff verzichten. Die Mutter, die gute, fasste sich jedoch bald wieder und lächelte scheinbar wohlwollend über den seltsamen Kostümverein, der da dieses heiteren Samstagnach-mittags so mir nichts dir nichts über ihre Treppe in die heiligen Katakomben hereingeschneit war, und sie tuschelte irgendetwas mit der älteren weiblichen Hilfskraft an der Schank. Dann kicherten die beiden und kriegten rote Gesichter.

Die angehende Gattin des Keyboarders, Tochter des ehrbaren Winzerehepaares und ewige Studentin, zupfte dienstbeflissen ihr weißes Servier-Schürzchen über ihrem züchtigen Dirndlrock zurecht und wedelte sogleich mit Stift und Schreibblock bewaffnet an die sechs von derbem Rockervolk beschlagnahmten Tische herbei, um die Bestellung der guten Leutchen aufzunehmen, bemüht, die ätzenden Bemerkungen der kichernden Auspuffbräute wegen ihres konservativen Dresscodes tunlichst zu ignorieren. Indes ließen sich die Ledernen nicht lange lumpen, denn sie hatten ganz offensichtlich jede Menge Appetit mitgebracht und auch bezüglich ihres Durstes blieben sie den Erwartungen der Wirtsleute nichts schuldig. Neun Doppelliter und jede Menge Mineralwasser für den Anfang. Und, bloß so nebenbei - welcher biedere Landgendarm hätte es schon auf eigene Faust gewagt, diesen röhrenden und gefährlich aussehenden Pulk der oftmals nebeneinander oder sogar zu dritt nebenher Fahrenden, noch dazu mit Wiener Kennzeichen, selbständig und ohne Verstärkung angefordert zu haben, anzuhalten und nach den Papieren zu fragen? Dir Sauoasch zag i meine Papiere sicher net, soll einmal einer von denen zu einem Polizisten gesagt haben, und so was spricht sich herum. Und man hatte schließlich Familie.

Alsdann kredenzte die Serviermaid aufgekratzt und unermüdlich eine Weinhauerjause (auf dem runden Holzbrett versteht sich) nach der anderen. Darauf befand sich üblicherweise ein Potpourri aus Blunzenrädchen, dürrer Knoblauchwurst, Schinken und Käse, Radieschen, Leberpastete und Tomaten, Pfefferoni und Senf und Brot und weiß der Teufel was noch alles. Der Tastenakrobat konversierte in der Zwischenzeit mit dem hünenhaft blonden Anführer der Gang, der überdies sein Klavierschüler war und den er seit Jahren, bislang mit vergeblicher Müh´, in die Kunst des Boogie-Woogie-Spielens einzuweihen versucht hatte, was sich bei dessen rauen, rissigen und riesigen unbeweglichen Würschtelfingern zu guter Letzt ja auch als sinnloses Unterfangen erwiesen hatte. Aufgrund seiner eigenen schnellen Finger, aber leider selbst kein Biker, diese Zeit kam erst viel später, genoss er trotzdem ein Quäntchen Ansehen bei ihm, wenn auch bloß innerhalb einer geduldeten Toleranzschranke der sonst so überkritischen Benzingenossenschaft bei der Auswahl neuer Freunde, wenn es generell um bürgerliches Gehabe oder gewissermaßen um Andersgläubige ging. Schließlich war man darüber hinaus seiner Ehre und Gesinnung verpflichtet, Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten und damit aller verdammten Bürgerlichkeit und Scheinwelt soweit es ging, aus dem Wege zu gehen, um eben anders zu sein. Dazu zählten durchaus auch chevalereske Kavaliersdelikte wie etwa in unbeobachteten Augenblicken schon mal die Freundin eines Freundes flachzulegen. Diese Art der Moral galt ihnen als dehnbarer Begriff und beschreibt eindrucksvoll und nachhaltig, deskriptiv eben, eine Handlungsregelung, die für diese Gesellschaft leitend ist oder eben die in ihrer Gemeinschaft üblichen Verhaltensregeln. Mal rein empirisch festgestellt, eine Handlung dieser Art nimmt eine gewisse moralische Qualität an, wenn und soweit sie menschliche Achtung oder Missachtung zum Ausdruck bringen soll. Öh, was auch immer damit gemeint ist.

Die übrigen Gäste kriegten also alle lange Hälse und tuschelten hinter vorgehaltener Hand, was sie da nicht alles zu sehen bekamen, aber alles hatte seine Ordnung, und jeder hatte seinen Spaß. Der Hausherr (der Wirt) himself jedoch schielte in ihm günstig scheinenden Momenten mit geübtem Jägerblick, nämlich dann, wenn sein virtuoses (wirtuoses) Ziehharmonikaspiel es zwischendurch erlaubte und seine Frau an der Vitrine beschäftigt war, wo es galt, den Kümmelbraten zu filetieren, so unauffällig wie möglich, immer wieder nach den kurzberockten Rockerbräuten und auf deren knackige halbnackte Oberschenkel und die hinaufgerutschten Miniröckchen, die im Sitzen für den Betrachter kaum mehr wahrnehmbar waren, wodurch schließlich auch er, nach seiner mehr als enttäuschenden Rolle als Empfangschef und trotz aller ursprünglicher Skepsis, auf seine Rechnung zu kommen schien.

Alles war bis dato friedlich und harmonisch verlaufen, wäre da nicht der haltlos verfressene schwarze Kater Seppl gewesen, der, weil dies seit Jahren sein Revier, gewohnt war, auf den breiten Abschlussholzleisten der Sitzbänke hinter den Rücken der Gäste herumzustolzieren und sich von dort aus mit den leckersten Abfällen verwöhnen zu lassen. So drehte er auch diesmal erfolgsgewöhnt seine kulinarischen Runden, umschwanzte den einen oder die andere Gönner/In und schnurrte zum Dank und zum Jubel aller hier katzenliebenden Anwesenden um die Gunst weiterer Nachmittagsgaben abseits der Futterschüssel und ihrer geregelten Füllzeiten.
Die Fresstour musste gezwungenermaßen und logischerweise auch an den Lehnen der Benzinbrüder und -schwestern vorbeiführen, von wo es aufgrund der üppigen Fülle an Essbarem möglicherweise ganz besonders anziehend gerochen haben mochte, als einer der am wildesten aussehenden Outlaws, er hatte ganz unspektakulär einen verchromten Stahlhelm (Zweiter Weltkrieg) vor sich liegen, was die Sache jedoch enorm dramatisierte, das hinter ihm herumstreunende Vieh bemerkte, es mit seiner Pranke am Hals ergriff und mit dem Kopf quer auf sein vor ihm liegendes Schneidebrett knallte, unter frenetischem Jubel der anderen Ledergenossinnen und -genossen. Anschließend demonstrierte er eindrucksvoll, für jeden aufmerksamen Beobachter der skurrilen Szene unschwer zu erkennen, als wolle er mit dem Brotmesser den Kopf der malträtierten Kreatur vom Leibe trennen, um ihn anschließend zusammen mit Senf, Pfefferoni und Salatgurke zu verspeisen. Ein jäher Aufschrei der Hausfrau, die just in diesem Augenblick ihre wohlwollenden Blicke über die schmatzende Gesellschaft schweifen ließ, durchbrach die allgemeine Monotonie ausgelassener Weinlaune und Jausenstimmung.
Der angehende Katzenmörder ließ mit breitem Grinsen Katze und Messer fahren und lehnte sich mit zufriedener Miene ob seiner spontanen Performance mit einem Glas in der Hand entspannt zurück. Einer der Gäste hatte vor Schreck sein Weinglas in der Hand zerbrochen und blutete leicht. Der Schwiegermutter jedenfalls zitterten noch Stunden danach die Knie, leichtgläubig wie sie war, hatte sie vielleicht wirklich angenommen, der unzivilisierte Wüstling würde tatsächlich ihren geliebten Kater verspeisen. Und es war eine Zeit, als just Jimmy Carter Präsident der Vereinigten Staaten war, und der Wüstling lachte laut und rief dem Tier nach, Kater, Jimmy Kater!, als sich Seppl nach seiner wunderbaren Befreiung mit gesträubtem Schwanz, aus Protest lautstark miauend, rasch aus dem Staube gemacht hatte. Rein optisch wäre es dem Kerl durchaus zuzutrauen gewesen, so von Mimik und Gestik her, ihn zu … Die Geschichte hatte noch lange Zeit auch unter den übrigen Gästen Bestand.

Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der Ledernen lasst uns wieder zurückkehren auf die Bühne, auf der soeben wie verrückt gecovert und dabei gerockt und gerollt wurde. Die röhrende Sechziger-Band zog alle Register, und das spärliche Publikum, welches so nach und nach hereingetröpfelt war, war bemüht, so gut es eben ging, in allem mitzugehen, zu schreien und zu johlen und heftig und ausgiebig das Tanzbein zu schwingen. Kaum zwei Stunden dauerte der Auftritt der provinzialen semiprofessionellen Rockathleten und schon, kaum war der letzte Ton verhallt, zückten die grimmig aussehenden Roadies ihre zweirädrigen Schubkarren, hoben die Boxen an und transportierten den ganzen Kram in Windeseile von der Bühne, um neuen Platz zu schaffen, Platz für die anderen, denn vor den Eingangstüren standen schon die nächsten musikalischen Selbstdarsteller in den Startlöchern.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 17093

 

Der bessere Kandidat

In Palmström hebt sich manchmal vage
Eine Frage, eine zage
Denn blickt er grenzenlos verwundert
Aufs junge 21. Jahrhundert

Nein, so war das nicht gedacht
Das war anders abgemacht
Das Ziel, der Torlauf sollt‘ es sein
Allen Menschen Brot und Wein

Freude schöner Götterfunken
In welchem Mist bist du versunken?
Statt deiner Krieg und Sklavenhandel
Raubbau, Armut, Klimawandel

Ein Tag reicht nicht, um aufzuzählen
All die Übel, die uns quälen
Ach Mensch, seufzt Palmström bitterlich
Sorgen mach ich mir um dich

Was, wenn dies die Schlussklausur
Prüfungsvorsitz: die Natur
Prüfungsthema: Überleben
Du wärst um Antworten verlegen

Die Natur würd rasen, toben
Der Prüfling, spräch‘ sie, hat verschoben
Mehrmals, bis zum Letzttermin
Nun endlich, tritt er vor uns hin

Und ist, ich sag’s naturgemäß nicht froh
Trotzdem dumm wie Bohnenstroh!

Pflichte bei, knurrt das Atom,
Will nicht, dass man ihn verschon.
Zwar fühl ich mich bei ihm gespalten,
Doch grade darum ungehalten

Auch praktisch also eine Schmach!
Setzt erbost der Vorsitz nach
Und theoretisch ist‘s ein Graus
Ruft die Weltenformel aus

Nach hoffnungsvollem Anbeginnen
Will ihm gar nichts mehr gelingen
Und politisch-sozial
ist’s ein kosmischer Skandal!

So hat der Prüfling nichts verstanden
Setzen Prüfling, nicht bestanden.
Dir, der sich meine Krone nennt,
Setz ich Natur mithin ein End.

Wie konntest du’s nur so verpatzen?
Nächster Candidatus: Katzen

So, seufzt Palmström, würd’s dir gehen
Die Katz auf dich heruntersehn
Wie sie das ja schon immer tat
Als der bess‘re Kandidat.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? und unerHÖRT!| Inventarnummer: 17090

Palmström wagt‘s

Neue Seite, neues Glück
Denkt Palmström und verfasst ein Stück
Von Königen und ihren Huren
Von Schurken, die in Kutschen fuhren

Von presserischer Fürstenlast
Vom Volk, das ängstlich duckt und hasst
Und er schildert lang und breit
Die ganze Ungerechtigkeit
Der feudal’n Vergangenheit:

Tyrannei drückt brave Bauern
Die Haus und Hof und Wald und Feld
In Sonne und in Regenschauern
Seit Urgedenken schon bestellt

Mit immer neuer Last und Steuer
Reibt das fürstlich Ungeheuer
Ihm das Fett aus seinen Gliedern
Dem Bauernstand, dem allzu bieder‘n

Und entehrt noch obendrein
Das kaum erwachs‘ne Töchterlein

Furor packt nun Palmström hart
Und er verlässt die Gegenwart
Um das Schlimmste zu verhindern
Um das Greuel abzulindern

Und ein Stück wär’s auch geworden
Alles, was bis heut verdorben
An der Wurzel wär‘s gepackt
Des Drachen Häupter abgehackt

Leicht möglich, wir wär’n heut befreit
Aus all uns‘rer Unmündigkeit:

Denn Palmström ist gar weit gegangen
Er hielt den Kaiser schon gefangen
Als er im Großen Bauernkrieg
Kämpfte für der Freiheit Sieg

Da trat Korf in seine Kammer
Und ach, es ist und bleibt ein Jammer
Auffahrend aus seinem Stück
Vergaß er’s
Und ließ es irgendwo
Im sechzehnten Jahrhundert
Zurück.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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www.verdichtet.at | Kategorie: anno und unerHÖRT! | Inventarnummer: 17089