Erwachen auf Rabatt

Als ich’s am wenigsten gedacht
Da bin ich plötzlich aufgewacht
Und lag in einem Blumenmeer
Die Gloriette grüßte von oben her

Die Sonne schien schon ziemlich kräftig
Und badete im Himmelsblau
Die Spatzen stritten ziemlich heftig
Die Luft war warm und mild und lau

Im Blumenbeet vor Schloss Schönbrunn
War‘s also, dass ich erwachte
Um mich standen Statuen rum
Eine zwinkerte und lachte

Staunend grub ich mit den Händen
In der schwarzen Blumenerde
Wie wird das alles mit mir enden
Wär’s möglich, dass ich Säufer werde?

Stöhnend fiel ich auf den Bauch
Um dann auf allen Vieren
Zu vomitieren
Ja, das auch.

Sucht‘ mir eine saubere Stelle
In der bunten Blumenpracht
Starrte in des Himmels Helle
Jetzt mal gründlich nachgedacht!

Wo, verdammt, bist du gewesen?
Wann wirst du davon genesen?
Nein, wieviel Wein, du Schuft
Hast du verschlungen?
Gelungen!

Doch wie sehr ich’s bedacht und bereut
Zwischen gestern und heut
Klafft eine Kluft

Ach, dacht‘ ich
Wie jämmerlich
Sind doch diese Zeiten
Auf die Freuden der Rebe
Folgt die autoritäre Rede
Und dazu noch innerlich!

Und übersieht, was wesentlich
Ignoriert die bange Frage
Wie kam ich denn eigentlich
Nach Schönbrunn, in diese Lage?

Kann der Rausch mit seinen Schwingen
Ohne nur zuvor zu fragen
Mich von Linz nach Wien vertragen
Und hier in Blumenbeete bringen?

Da zerriss die Grübelei
Ein gellender Altweiberschrei
Ah, Polizei, Betreten verboten!
Bruch von Gesetzen und von Geboten!

Mein Kopf schien schier zu explodieren
Beim Versuch dorthin zu stieren
Von wo der infernalisch’ Lärm
Mir zerschnitt das Hirngedärm

Da stand sie, altbekannt und alt
Eine Wiener Urgewalt
Man kennt sie schon von früher her
Die selbsternannte Bürgerwehr

Du Schwein, schrie sie, verrohtes Tier
Was nicht Sitte noch Regel hat!
Wälzt sich hier im Blumenrabatt!
Warte nur, ich zeig es dir!

Solcherart ernstlich bedroht
Ein Schwein, ein Tier
Und auch noch verroht
Richt‘ ich mich auf auf meine Vier

Beginne zu graben zu ihrem Entsetzen
Zu rüsseln und grunzen mit sabbernden Lefzen
Und Paarungstrieb ihr vorzugaukeln
Mit gar wildem Hüftenschaukeln

Und sieh, es wirkte, das Possenspiel
Ich sah, wie sie vor mir verfiel
Erst zögernd, dann panisch zum Schlossausgang lief
Und nicht mal mehr schrie oder irgendwas rief

Seltsam, dacht‘ ich, nichts fürchten sie mehr
Diese Männlein, die saub‘ren und tristen
Diese Sittlichkeits-Xanthippen
Dieses ganze Ordnungsheer
Als die Erfüllung der heimlich vermissten
– ein wenig banalen – Stereotypen.

Herrlich senkte sich daraufhin wieder
Die Schlossparkruhe auf mich nieder.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 16025

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Erwachen auf Rabatt

  1. Martina

    Herrlich - auch mein Wohlbefinden beim Lesen dieses Textes! Der Stadt Wien mit meinem Herzen stark verbunden genoss ich das Blumenmeer ganz besonders!

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