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Little Caesar

Little Caesar ist der Sohn des Caesars, deshalb nennt man ihn so. Er ist ein Teenager, und als solcher hat er natürlich viele Flausen im Kopf. Er trifft sich gerne mit seinen Freunden, er genießt es, auf dem Sklavenmarkt zu wandeln und sich hübsche weibliche Sklaven und starke, schwarze männliche anzusehen – kaufen und nachhause bringen darf er keine, sonst würde er Ärger mit seinem Vater kriegen –, und, wie viele Burschen seines Alters, trinkt er gerne Wein mit Wasser gemischt.

Jeden Tag wartet er darauf, dass er endlich einmal an einer Orgie teilnehmen darf, aber stets verbietet es sein Vater. Doch er ist immer voller Hoffnung und glüht schon tagsüber mit einer gefüllten Amphore vor, nach der ersten kommt die zweite und so weiter.

Little Caesar

Little Caesar

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 19058

Kellerbar

Voll ist der Kopf,
das System verbal geköpft,
wie die Flasche Wein
Andere trinken,
Funk und Soul,
Wein so rot,
es wird emotional,
Köpfe leuchten,
Ampeln zu später Stunde

Am schwarzen Sofa,
entspannt,
von Getränken ohne Rausch,
Entfernungen werden weit
Fliege auf der roten Decke,
aus Kindheitstagen,
in Richtung nirgendwo,
Kurs gibt ein altes,
analoges Abspielgerät

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig| Inventarnummer: 19015

Warum warten?

Ich kann nicht länger auf dich warten
Mein Engel du, mein Satansbraten
Wenn ich noch länger auf dich wart
Bin alt und grau ich, hochbejahrt
Und wächst mein Bart zu langer Länge
Des Eifelturmes Flechtgestänge
Könnt ich glatt damit bestricken
Den tiefen Riss im Weltgepränge
Mit meines Bartes Wolle flicken

So stünd‘ es dann um meinen Bart
Wenn ich noch länger auf dich wart
Drum rette mich auf alle Arten
Mein Engel du, mein Satansbraten
Ich lief‘ ja schleunigst dir entgegen
Auf allen Straßen, allen Wegen
Dich in meine Arm‘ zu schließen
Von Kopf bis Fuß dich zu genießen

Ist mein brennend heiß Verlangen
Doch hindert mich, ich sag’s mit Bangen
Ein verfluchtes Hindernis
Ein Schicksalsschlag, ein Drachenbiss
Ein mörderisches Bergtrollkegeln
Das wider alle bessren Regeln
Durch meine armen Ganglien rollt.
Ich weiß, ich hätt es nicht gesollt
Doch nachdem du heimgegangen
Musst ich, um mich zu erfangen
Die eine oder andre Flasche köpfen
Ein wenig viel zur Brust mir schöpfen

Dieses also ist der Grund
Warum ich jetzt und hier zur Stund
Ziemlich hilflos festgenagelt
Habe mich schon selbst getadelt
Drum denk ich, dass du mir verzeihst
Da du jetzt ja alles weißt.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 18141

 

 

 

Liebestrunken

Mit der Stärke seiner Drinks
stieg auch sein Verlangen nach mir.
Wie abgestandener Alkohol
verpuffte die steinerne Miene.
In Litern maß ich
den richtigen Zeitpunkt „zu reden“.
Doch die wenigen Promille
reichten nicht mal für eine Nacht,
geschweige denn für ein Leben.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 18088

 

Verkalkt

Es sind wohl wahre Worte, die F. Scott Fitzgerald geschrieben hat, als er Folgendes zu Papier brachte: ‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’

Die Hellsicht dieses Satzes verblüfft mich, denn sein Schöpfer pflegte eine Lebensführung, welche meiner nicht unähnlich ist, und ich weiß, wie schwer es ist, einen so wahren Satz zu formulieren.
Nun, Mr. Fitzgerald, Sie hatten recht, wie auch mit Ihrer These, dass man eine Kurzgeschichte ohne Weiteres mit dem Glas in der Hand schreiben kann. Prost!

Meine Freundin, sie ist fünfundvierzig, ich noch nicht, ist eine Frau von festen Überzeugungen, welche mit meinem Lebenswandel hin und wieder kollidieren. Sie ist der Ansicht, dass unser Badezimmer jeden Freitag geputzt zu werden hat, was mir letzte Woche einfach nicht gelingen konnte.
„Michael, die Kalkflecken auf den Armaturen, die wohl nur von Spritzwasser herrühren können, sind mir ein Dorn im Auge!“, konstatierte sie, und ihr strenger Blick ließ mich vermuten, dass es mit dem vorehelichen Vollzug an diesem Abend nichts werden würde.

Verzweifelt ob dieser Tatsache, griff ich, ich gestehe dies, zu einer Lüge, um keine Not leiden zu müssen.
„Maria“, sagte ich, „ich habe das Bad gestern geputzt. Während du in der Fabrik am Fließband standest, um das Geld für unsere Lebensmittel zu verdienen, habe ich vier Stunden lang geputzt.“ Ich setzte meinen treuherzigsten Hundeblick auf und fuhr fort: „Ich weiß natürlich, dass es dir höchst unrecht ist, wenn ich das Badezimmer bereits am Donnerstag auf Hochglanz bringe, doch gestern überkam mich ein Anfall von Reinlichkeit. Danach war ich verschwitzt und habe geduscht, damit ich nicht übel rieche, wenn du nach Hause kommst, und dabei sind die Flecken wohl entstanden.“

Sie sah mich entgeistert an, dann sagte sie schroff: „Michael, für die Lebensmittel, die du konsumierst, kommt immer noch deine Frau Mama auf. Von meinem Geld kaufst du bloß Bier, und das in Unmengen. Außerdem“, nun wurde sie laut, „was faselst du von Donnerstag? Heute ist Samstag!“

In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich einen Tag verloren hatte. Ich lief zum Kühlschrank und leerte eine Flasche Bier in fünf Zügen. Dann sagte ich zu Maria: „Ich kläre die Sache auf und bin in dreißig Minuten zurück.“
In meinem Stammlokal fragte ich den Wirt, der wirklich so heißt: „Stief, sag, mein Alter, wie viel habe ich in den letzten Tagen getrunken?“
„Mehr als du bezahlen konntest, mein Alter“, lautete Stiefs Antwort. „Soll ich dir sagen, wie viele Biere du hast anschreiben lassen?“
„Nein, nicht heute“, gab ich zurück und dachte instinktiv an meine Freundin und deren Gehaltskonto.

Zerknirscht ging ich nach Hause, wo ein Badezimmer auf mich wartete, das nagelneu nicht besser ausgesehen hatte. Um weitere Misshelligkeiten mit Maria zu vermeiden, ließ ich mir ein armaturschonendes Bad ohne Schaum ein und legte mich dann zu ihr ins Bett.
Meine zarten Annäherungsversuche ließ sie zwar ins Leere laufen, doch als ich ihr von der ihrem Kontostand bevorstehenden Rechnung in meinem Stammlokal erzählte, begann sie doch noch zu stöhnen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 33, Februar 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17154

Der Jägermeister

für Erna Raminger

Peter Schröll ist der örtliche Jäger von Modriach, einem winzigen Dorf in der Steiermark. Diese Bezeichnung verdient er tatsächlich, denn er ist der einzige Jäger der Ortschaft, in der nicht einmal dreihundert Menschen leben.

Das Leben dort ist dementsprechend rustikal. Kontrolle von oben gibt es in ebenso geringem Maße wie vonseiten des Staates, denn der Pfarrer und der Polizist sind meistens an der Theke des Wirtshauses Zum Krug anzutreffen, das ihrem Vater gehört.

Schröll arbeitet nicht mehr. Nach einer Erbschaft hat er seinen Job als Zimmermann an den Nagel gehängt und ist nur noch Jäger, sogar einer mit eigenem Revier.
In diesem hat er bereits etliche Tiere erlegt, einen Rehbock zum Beispiel, oder einen Habicht und drei Schäferhunde. Mit den Wildschweinen jedoch hat er Probleme. Diese intelligenten Tiere lassen sich von Schröll einfach nicht erschießen. Dabei hat er schon fast alles probiert. Köder in Form von Futter haben die Wildsäue ebenso ignoriert wie Pheromone, die er überall im Revier ausgebracht hat.

In seiner Verzweiflung beginnt er, mit einer höheren Dosis Zielwasser zu experimentieren. Zielwasser nennt man in der Steiermark den Schnaps, der den Jäger davon abhalten soll, bei der Schussabgabe zu zittern - es sorgt also dafür, dass der Weidmann stets ausreichend Alkohol im Blut hat.

Drei Wochen nachdem Schröll angefangen hat, mehr Obstler zu sich zu nehmen als die übliche Flasche pro Tag, zeigt sich das Wildschwein. Es handelt sich um einen riesigen Keiler, der sich gut an der Wand von Schrölls Bibliothek machen würde, denn außer einem schmalen Regal, in dem Kataloge von Jagdwaffenherstellern liegen, befindet sich in diesem Raum bloß ein abgetretener Teppich.

Er legt an, seine Hand ist ruhig dank der Extradosis Zielwasser, drückt ab und es macht Peng.
Zwei Sekunden später macht es noch einmal Peng.
Schröll erschrickt und geht in Deckung. Da er keine Schmerzen hat, folgert er jagdmesserscharf, dass der Keiler, so wie er selbst, wohl immer noch zu wenig Zielwasser intus hat, um zu treffen.

Erleichtert schießt Schröll zum Spaß noch einmal in die Richtung der Wildsau, doch antwortet diese nicht mit einem zweiten Schuss, sondern, so folgert Schröll, wirft ihre Flasche Zielwasser gegen einen Baum, denn er vernimmt das Geräusch von zerbrechendem Glas. Das Wildschwein, so weiß er jetzt, ist böse, weil es den Jäger nicht mit dem ersten Schuss erlegt hat.

Er nimmt einen großen Schluck Zielwasser und schläft auf dem Hochstand ein.
Als er aufwacht und nach Hause fahren will, muss Schröll zu seinem Ärger feststellen, dass die Wildsau seinen Geländewagen zerschossen hat. Den rechten Vorderreifen und die Windschutzscheibe hat sie getroffen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 31, September 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17158

Wohnzimmer

Heute Morgen erwachte ich auf der Bank in meinem Wohnzimmer.
Sie ist mit braunem Leder überzogen und bietet einigen Menschen Platz. Eigentlich bietet sie recht vielen Menschen Platz.

Ich verfüge über drei Tische vor meiner Bank. Zwei von ihnen sind rund, einer rechteckig und alle haben sie steinerne Tischplatten. Die beiden runden sind so dimensioniert, dass man bequem an ihnen essen kann, selbst mehrere Personen finden ausreichend Platz dafür.
Der rechteckige Tisch ist als Esstisch für eine Person gut geeignet, zwei dagegen finden nur unter Aufbietung bester Tischmanieren und großer Toleranz den anderen gegenüber in ihm einen geeigneten Esstisch.
Den beiden runden Tischen ist jeweils ein hölzerner Stuhl ohne Armauflagen vorangestellt, dem rechteckigen deren zwei. Auf jedem Tisch befindet sich ein Aschenbecher ohne Aufdruck, beispielsweise eines Firmennamens, und über jedem Tisch hängt eine runde Lampe alten Stils, die von einer Fünfzehn-Watt-Birne illuminiert wird.

Die Lampen sind mit schwenkbaren Auslegern an der Wand befestigt. Das Wohnzimmer verfügt über fünf Fenster. Diese sind vertikal zu öffnen, also Schiebefenster. Zu beiden Seiten jedes Fensters befindet sich ein zylinderförmiges Gewicht, das erlaubt, die Fenster millimetergenau so weit zu öffnen, wie es gerade erforderlich ist. Die Fensterrahmen bestehen aus Mahagoni, so wie der Rahmen einer der drei Türen des Wohnzimmers. Die beiden anderen Türen sind aus Glas gefertigt.

Der Boden aus Stein ist von unten beheizbar, die Wände und ein Teil der Decke sind leicht ockergelb. Der andere Teil der Decke ist von dunkel weinroter Farbe. Drei der vier Wände tragen Spiegel mit runden Lampen, welche in die oberen Leisten der hölzernen Spiegelrahmen eingelassen sind. In einer Ecke des Raumes ist ein Fernsehgerät angebracht, und zwei Stumme Diener befinden sich ebenfalls im Wohnzimmer.

In der Mitte, also im Zentrum des Wohnzimmers, steht eine Bar. Die Form dieser Bar greift die der Kolonnaden des Petersdoms in Rom auf, natürlich maßstäblich verkleinert.
Die Höhe der Bar ist so bemessen, dass bequem an ihr gestanden, gesessen, sowie auf ihr gegessen und geschlafen werden kann. Sie verfügt über einen Umlauf aus Messing, der sowohl im Sitzen als auch im Stehen eine angenehme Auflage für einen Fuß oder beide Füße bietet, sowie über vier Barstühle. Die Bar wird von einer zu tief hängenden roten Lampe erleuchtet, die auch in ein Boudoir  passen würde. Die Bar ist mit Flaschen sowie Gläsern verschiedener Art beräumt, eine Kaffeemaschine und eine Zapfanlage für Bier und Sodawasser fehlen ebenso wenig wie eine Musikanlage und ein Gläserspülgerät.

Ich habe mich für ein Wohnzimmer mit Bar entschieden, da ich so stets mit Getränken versorgt bin. Ich pflege nämlich meiner Arbeit im Wohnzimmer nachzugehen.
In diesem erwachte ich heute und war eingesperrt, denn die Türe nach draußen war verschlossen und ich ohne Schlüssel. Ich sah aus den Fenstern und etliche Menschen auf der Straße. Ich fühlte mich nicht weggesperrt, eher frei. Und glücklich, sehr glücklich sogar.
Ich nahm eine kleine Flasche Weichselsaft aus einer der Kühlladen der Bar, zündete mir eine Zigarette an und schaltete das Fernsehgerät ein, um zu erfahren, was sich im Laufe der Nacht auf der Welt zugetragen hatte. Abgesehen von gewöhnlichen Vorgängen wie Morden, Vergewaltigungen und Kriegen hatte sich nichts ereignet. Ich selbst hatte keine mich persönlich betreffenden Neuigkeiten zu gewärtigen, hatte keine Kurznachrichten erhalten und auch keine Anrufe nicht beantwortet.

Ich schlenderte im Wohnzimmer umher, rauchte und beobachtete einen Pennbruder, der die Straße nach Münzen abzusuchen schien. Anzunehmenderweise um diese leichter zu entdecken, bewegte er sich auf allen Vieren. Ich brühte mir einen Kaffee und verrichtete meine Notdurft. Nachdem ich vom Abort zurückgekehrt war, lehnte ich an der Bar in meinem Wohnzimmer und beobachtete Straßenszenen durch die Fenster.
Alte Frauen schleppten schwer an ihren Einkaufstaschen, ein Polizist drohte einem Afrikaner mit erhobener Hand offensichtlich Maulschellen an und ein junger Mann verfolgte eine ebenso junge Frau. Nachdem er sie eingeholt hatte, packte er sie am Oberarm und verabreichte ihr zwei offenkundig kraftvolle Ohrfeigen. Die junge Frau flehte ihn erkennbar an, kein weiteres Mal zuzuschlagen, doch ihr Begleiter hatte, wie ich bemerkte, keine große Lust, ihrer Bitte nachzukommen. Kein guter Start für die junge Frau in einen Julitag, der sonnig zu werden versprach.

Ich gähnte und überlegte, mich wieder auf die Bank im Wohnzimmer zu legen und noch einige Minuten zu dösen, als dessen Türe aufgesperrt und geöffnet wurde. Eine Frau mittleren Alters betrat das Wohnzimmer und forderte mich nonverbal, dafür mit bösem Blick auf, dieses auf der Stelle zu verlassen. Ihrer Kleidung konnte ich ansehen, dass sie mein Wohnzimmer zu reinigen gedachte. Widerwillig kam ich ihrer Aufforderung nach und wankte auf die Straße.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17118

Ein loses Band

Einleitung

Konrad, so hieß der Mann, von dem diese Erzählung handelt, war sowohl ein Alkoholiker als auch ein Befehlsempfänger allererster Güte. Zum Zeitpunkt seines Todes war er zweiundsechzig Jahre alt.
Diese Erzählung gibt die letzten drei Tage seines Lebens wieder.

1

„Diese Ware ist unbrauchbar!“, fauchte Konrad. „Sie ist eine Missbildung der Natur!“
„Ich sehe das anders“, gab sein Vetter zurück. Miro, so wurde er gerufen, war der Besitzer der Firma, bei der Konrad beschäftigt war. „Die Ware ist durchaus in Ordnung! Du bist bloß wieder einmal zu betrunken, dies zu erkennen. Wie so oft in letzter Zeit.“
„Was sprichst du da?“, fragte Konrad in einem Tonfall, der sowohl Beleidigung als auch Unverständnis zum Ausdruck brachte.
Doch dieser verfing nicht. Miro kannte seinen Vetter ein Leben lang, die beiden waren schließlich gemeinsam aufgewachsen, sie hatten sogar im selben Haus gewohnt. So war es kein Wunder, dass er diesen Tonfall oftmals gehört hatte, wenn sein alkoholkranker Verwandter versucht hatte, Tatsachen, die ihm unangenehm waren, aus dem Weg zu gehen.

Miro bewunderte Konrad auf der einen Seite für den stets gleichen Versuch, sich mit gespielter Kindlichkeit herauszureden, aber auf der anderen Seite verachtete er ihn auch dafür. Er selbst war nämlich Geschäftsmann, musste also nüchtern kalkulieren und oft auch harte Entscheidungen treffen, somit hatte er gar kein Verständnis für solch infantile Verhaltensweisen, die bloß verhindern sollten, sich wichtigen Dingen zu stellen und sie aus der Welt zu schaffen. Vor allem wenn er getrunken hatte, verfiel Konrad in diese Unart.
„Lass das, Konrad!“, sagte Miro barsch. „Die Ware ist in Ordnung und wird uns gutes Geld einbringen. Du hast also keinen Grund - nicht den geringsten! - dich über sie zu beschweren!“
„Ich bin schon lange in diesem Geschäft!“, protestierte Konrad und versuchte vom Tisch, an welchem beide saßen, aufzustehen. Da er jedoch stark alkoholisiert war, brachte er dies erst beim zweiten Versuch zustande, nachdem er sich mit einer Hand auf der Tischplatte abgestützt hatte. „Ich weiß schon selbst, wann die Ware gut ist, und wann nicht!“ Er wurde laut. „Und überhaupt - wie sprichst du mit mir?!“

Den Hang zum Poltern hatte Konrad schon immer in sich gehabt. Sobald er bemerkte, dass er mit seiner gespielten kindlichen Unschuld nicht durchkommen würde, wurde er laut, und ab und zu sogar gewalttätig. Dann konnte es durchaus vorkommen, dass er Ohrfeigen verabreichte oder gar Faustschläge austeilte.
Miro wich einen Schritt zurück. Er war bereits einmal von seinem Vetter geschlagen worden. Diesem Vorfall war ein Streit über die strategische Ausrichtung der Firma vorangegangen, aus welchem deren Besitzer trotz der Ohrfeigen als Sieger hervorgegangen war.
„Wie ich mit dir spreche, fragst du?“
Nun wurde auch Miro laut. „Wie der Boss mit einem Angestellten, der sich nicht auskennt! Wie der ältere Cousin“, nun brüllte er „mit dem jüngeren, den er einfach nicht rauswerfen kann! Weil er dessen Mutter“, nun schrie er, „seiner lieben Tante“, nun gestikulierte er auch noch wild mit seinen Armen, „versprochen hat, auf ihren Buben“, nun überschlug sich seine Stimme, „der ein Al-ko-ho-li-ker ist“, er betonte jede Silbe, „auf-zu-pass-en!“ Dann schnappte er nach Luft.

Konrad blickte betreten drein und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.
Sein Vetter ließ seine Faust auf die Tischplatte krachen und schnaubte: „Nein, mein Herr! Du bleibst jetzt hier! Ich bin noch nicht fertig mit dir!“
Konrad zögerte ein paar Sekunden, setzte sich aber wieder an den Tisch. „Was gibt es denn noch?“, seufzte er.
„Abgesehen davon, dass du wieder einmal zu besoffen bist, um die Qualität der Ware richtig einzuschätzen: Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, in die Personalpolitik meiner Firma einzugreifen? Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“
Seinen Unterkiefer hatte Miro weit nach vorn geschoben, was Konrad zeigte, dass sein Vetter fürchterlich böse war.

2

Konrad hatte sich zwei Wochen zuvor erdreistet, personelle Umstrukturierungen vorzunehmen, ohne Miro, den Besitzer der Firma, um Erlaubnis zu fragen.
„Du warst ja nicht da“, sagte Konrad schnell. Und dann, mit Unschuldsmiene: „Also musste ich tätig werden.“
Miro lief purpurrot an. „Weil ich im Urlaub war!“, schnaubte er.
„Eben. Du warst nicht da. Wieder einmal!“
Wieder begann Miro zu brüllen. „Wieder einmal? Wieder? Ich habe in den letzten vier Jahren keinen Urlaub nehmen können, weil ich dich nicht alleine lassen konnte!“
„Aber warum denn nicht?“ Wieder die Unschuldsmiene.
„Weil du ein völliger Alkoholiker bist!“ Faust auf den Tisch. „Und wenn du gesoffen hast“, er verdrehte die Augen und seine Stimme gellte, „was täglich zweimal vorkommt, bist du nur sehr bedingt einsatzfähig“, wieder die Faust, „und zurechnungsfähig!“
Konrad schwieg.

„Wie kommst du eigentlich auf die Idee, Maria zu kündigen und zwei neue Arbeiterinnen einzustellen? Wo ich dir doch ausdrücklich aufgetragen hatte, den laufenden Betrieb in der Firma bloß zu überwachen, und ja nicht in diesen einzugreifen!“
„Aufgetragen - wie das klingt!“
Mit sanfter Stimme pflichtete Miro seinem Vetter bei: „Du hast recht, Konrad, das klingt nicht gut“, um gleich darauf wieder zu brüllen: „Befohlen habe ich es dir! Be-foh-len!“
Konrad war in der Tat der geborene Befehlsempfänger. Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, war er im Betrieb seines Vetters untergekommen. Er war Angestellter ohne eigentlichen Aufgabenbereich, sozusagen das Männchen für alles. Er verdiente gut, wenigstens gut genug, um sich jeden Tag zwei Räusche finanzieren zu können.
Einmal hatte er geheiratet, doch nach bereits zwei Jahren wurde die Ehe geschieden, denn er hatte sich in deren Verlauf mehrere Male als gewaltbereit erwiesen.

3

Konrad hatte Maria gekündigt, und das ohne Grund. Sie war die Leiterin der Arbeitsgruppe 1 in Miros Firma gewesen, und das seit dreiundzwanzig Jahren.
Eines Tages hatte Konrad sie an ihrem Arbeitsplatz aufgesucht, mit ihr zu brüllen begonnen und sie aufgefordert, ihre Papiere zu holen.
Miro hatte in seinem Urlaubsdomizil Wind von der Sache bekommen, jedoch nicht darauf reagiert.
Konrad hatte nach Marias Rauswurf zwei junge und durchaus attraktive Frauen an den freigewordenen Arbeitsplatz gesetzt, die er im Zuge einer ausgedehnten Tour durch etliche übel beleumundete Bars kennengelernt hatte.

4

„Ja, befohlen hast du mir stets etwas!“, fauchte Konrad. „Einfach, weil ich der Kleine bin!“
„Das ist keineswegs der Grund, und das weißt du ganz genau! Ich musste dir stets Befehle geben, ansonsten hättest du einfach nicht funktioniert! Weil du gänzlich unzuverlässig bist, wenn du trinkst. Und das bist du ständig, unzuverlässig.“ Wieder brüllte er. „Weil du ständig besoffen bist, mein Lieber!“
Konrad erhob sich schwerfällig und verließ den Raum. Im Hinausgehen wandte er sich um, zeigte mit dem Zeigefinger auf Miro und sagte grinsend: „Wenigstens hat einer von uns beiden begriffen, worum es im Leben wirklich geht!“
Der Angesprochene sah erbost auf und schleuderte die Schnapsflasche, die Konrad ausgetrunken hatte, in dessen Richtung. Konrad zog schnell die Türe hinter sich zu, sodass die Flasche an dieser zerbarst.
Er ging schnurstracks nach Hause und öffnete eine weitere Flasche Schnaps, die er in einem Zug zur Hälfte leerte. Er drehte sich zwei Haschischzigaretten, rauchte sie und ließ sich, angezogen wie er war, auf sein Bett fallen.

5

„Warum rufst du mich schon um sechs Uhr an?“, fragte Konrad mit belegter Stimme.
„Komm sofort ins Lager!“, befahl Miro barsch.
Der Empfänger dieses Befehls sah an sich herab, stellte fest, dass er immer noch bekleidet, und sogar beschuht war, verrieb etwas Zahnpaste auf seinen Zähnen und verließ seine Wohnung.
Vor dem Lager wartete Miro bereits auf dem Parkplatz auf seinen Vetter. Als er dessen Wagen kommen sah, wurde seine Miene finster, sein Kopf hochrot und er begann, wild mit den Armen um sich zu schlagen und sprang sogar zweimal in die Luft, um seinem Ärger Ausdruck zu verleihen.

Konrad zündete sich eine von sechzig Zigaretten an, deren Rauch er täglich in seine Lungen sog, und blieb vorerst im Auto sitzen, was Miro nur noch wütender werden ließ.
Er lief zum Wagen, trat ein paarmal gegen dessen rechtes Vorderrad, veranstaltete mit seinen Fäusten eine Art Trommelwirbel auf der Motorhaube und riss die Fahrertüre auf.
Konrad, der eben seine Zigarette zum Mund geführt hatte, um an ihr zu ziehen, vergaß vor Schreck, sie wieder aus dem Mund zu nehmen, und sah seinen Vetter aus weit aufgerissenen Augen an, während die Zigarette aus der Mitte seiner Lippen ragte, von diesen fest umschlossen.

Mit beiden Händen packte Miro Konrad an den Schultern und riss ihn mit einer ruckartigen Bewegung aus dem Fahrersitz, um ihm sogleich zwei Maulschellen zu verabreichen.
„Also!“, setzte der Geschlagene zu einem Protest an, wurde jedoch von Miro jäh unterbrochen.
„Was habe ich dir gesagt?“
„Ich weiß gerade nicht, worauf du anspielst!“, gab Konrad mit nervöser Stimme zurück.
„Ich habe dir aufgetragen, das Lager zu reinigen!“
„Das habe ich doch gemacht!“
„Und wie hast du das gemacht, wenn ich fragen darf?“
„Ich habe erst den Boden gefegt und dann die Waren gereinigt.“
„Womit hast du den Boden gefegt?“
„Mit dem Hochdruckreiniger.“
„Gut. Du hast also“, Miro wurde laut, „den Boden meines Lagers mit Wasser gereinigt?“
„Ja. Ich wollte Zeit sparen.“
„Also auch die Zeit, dir in Erinnerung zu rufen, dass sämtliche Waren im Lager leicht verderblich sind?“
„Miro, ich habe den Boden mit Wasser gereinigt. Was ist daran verkehrt?“
„Was daran verkehrt ist?“ Miros Stimmlage näherte sich der Grenze zum Gebrüll. „Dass sämtliche Waren in Stoffsäcken gelagert werden, das ist verkehrt!“ Er begann mit den Augen zu rollen. „Und dass diese Stoffsäcke nun einmal auf dem Boden stehen. Das ist auch verkehrt!“ Nun hatte seine Stimmlage die Grenze überschritten. „Mehr als die Hälfte der Ware ist verdorben! Verfault, oder gerade am Verfaulen! Das ist am verkehrtesten!“
„Dann ist das Wasser eben nicht abgeflossen!“, versuchte Konrad sich zu verteidigen.
„Wie hätte es denn abfließen sollen, Konrad?“
„Na, durch den Abfluss!“
„Hast du einen solchen ausgehoben?“
„Nein.“
„Dann hatte und hat dieses Lager keinen Abfluss!“
„So teuer ist die Ware auch wieder nicht!“
„Teuer genug war sie jedenfalls!“
„Wir werfen sie einfach weg und bestellen neue. Was hältst du davon?“
„Bestellen werde ich sicherlich neue Ware! Und die Ware, die noch brauchbar ist, wirst du zum Marktplatz bringen und dort verhökern! Und zwar du selbst!“
Konrad murrte, doch fügte er sich.

6

Auf dem Marktplatz bot Konrad die Ware, die nicht völlig verdorben war, zu einem Spottpreis feil, doch konnte er bloß wenig davon an den Mann bringen.
Aus Furcht vor dem neuerlichen Zorn seines Vetters legte er eine Summe eigenen Geldes in die Handkasse. Den Großteil der Ware entsorgte er in den Mülltonnen des Marktes.
Als er Miro die Kasse aushändigte und dieser das Geld darin zählte, bemerkte dieser den Schwindel sehr wohl, doch verlor er kein Wort darüber.
„Konrad, du hast den Schaden, den du angerichtet hast, wenigstens zu einem Teil wieder gutgemacht! Vergessen wir den Vorfall. Für den Rest des Tages gebe ich dir frei.“
Konrad fuhr nach Hause und trank Schnaps, bis er bewusstlos auf den Boden fiel.

7

„Du bist zu spät!“
„Ich musste mir noch die Zähne putzen.“
„Eine Dusche hätte dir auch nicht geschadet!“
Konrad sah Miro fragend an.
„Du stinkst nach Schnaps wie ein Pennbruder!“
„Ich habe gestern noch einen Drink genossen, was ist daran verkehrt?“
„In deinem Fall nichts mehr, mein lieber Vetter. Aber heute besucht ein wichtiger Kunde meine Firma, also hättest du dich beim Alkohol ruhig etwas zurückhalten können.“
„Ich werde einen Kaugummi kauen.“
„Ich fürchte, der wird deine rote Nase nicht verdecken können.“
„Also was soll ich tun?“
Miro zog seine prall gefüllte Geldbörse hervor, entnahm ihr sechs Scheine, reichte Konrad diese und sagte: „Geh in deine Lieblingsbar und mach dir dort einen schönen Tag.“
Konrads Miene erhellte sich. Er nahm das Geld, steckte es in die Hosentasche und fuhr zum einzigen Nachtclub der Umgebung, in welchem man auch am Tag verkehren konnte.

8

Dort wurde er mit zwei ukrainischen Mädchen schnell handelseins und folgte ihnen in das mit einem Whirlpool ausgestattete Luxusséparée.
Die drei saßen in der geräumigen Wanne und waren gerade dabei, sich gegenseitig mit Badeöl einzureiben, als Konrads Mobiltelefon klingelte.
Er sprang aus dem Wasser, kramte das Telefon aus seiner Jackentasche und nahm den Anruf entgegen.
„Konrad, du Idiot! Was hast du dem Kunden letzte Woche in Aussicht gestellt?“
„Ich habe ihm Rabatt angeboten.“
„Und warum gleich vierzig Prozent?“, schnaubte Miro.
„Ich habe mir eben gedacht, er kauft seit drei Jahren bei uns ein, also wäre ein bisschen Entgegenkommen nur fair.“
„Fair? Das Doppelte des üblichen Rabatts?“, brüllte Miro.
„Dann sage ihm eben, dass er doch nur zwanzig Prozent bekommt!“
„Das habe ich!“
„Dann ist doch alles in Butter.“
„Ja, in ranziger Butter! Er ist abgesprungen.“
„Das tut mir leid, ehrlich.“
„Es ist mir egal“, brüllte Miro, „womit du gerade beschäftigt bist, oder mit wem! Du kommst sofort her, damit ich dir eine Abreibung verpassen kann!“, und beendete das Gespräch.
Konrad verabschiedete sich hastig von den Mädchen, zog sich an und lief die steile Treppe, die zu den Zimmern führte, hinab.

Sein offenes rechtes Schuhband bewahrte ihn vor der ihm drohenden Abreibung durch seinen Vetter und auch vor allen weiteren Abreibungen, die in den nächsten Jahren gewiss noch erfolgt wären.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17062

 

An der Bar

Der Stammgast lehnt lässig an der Bar seiner Lieblingskneipe und versucht, die hübsche Frau, die er in diesem Lokal nie zuvor gesehen hat, dazu zu bewegen, die Nacht mit ihm zu verbringen.

Er schmeichelt ihr, erklärt ihr, dass an dieser Theke noch nie eine Frau gestanden hätte, deren Schönheit der ihren geglichen hätte. Er bietet ihr an, noch am selben Abend Gulasch für sie zu kochen. Bislang hätte sein Gulasch jeder Frau gemundet, er würde es nämlich in solcher Perfektion auf den Tisch bringen, dass es den Geschmack aller Menschen träfe. Es würde selbstverständlich kein Problem für ihn darstellen, wenn sie den Wunsch äußerte, bei ihm zu übernachten. Er lebte zwar mit seiner Mutter in einem Haus, doch der von ihm bewohnte Bereich wäre großzügig angelegt, sodass sie ungestört wären. Sollte ihr der Sinn nach erhöhtem Alkoholkonsum stehen, so würde ihn dies freuen, Schaumwein der besten Provenienz hätte er stets reichlich zu Hause, und darüber hinaus auch ein hervorragendes deutsches Auto, mit welchem er sie am nächsten Morgen gerne heimbringen würde, und wegen der Abgaswerte bräuchte sie sich keine Sorgen zu machen.

Die attraktive Frau steht in aufrechter Haltung an der Bar und versucht, ernst zu bleiben. Sie befindet sich zum ersten Mal in diesem Lokal. Vor drei Wochen ging sie eine Beziehung mit dem Barkeeper ein und wurde vor ihrem ersten Lokalbesuch über den Stammgast aufgeklärt, und auch über dessen tatsächliche Lebensumstände.

Sie erfährt, dass sie die schönste Frau ist, die der Stammgast in den letzten drei Tagen zu Gesicht bekommen hat. Es schmeichelt ihr, der Veganerin, auf ein Gulasch eingeladen zu werden. Dass dieses Gericht aus seinem Kochtopf den Geschmack der meisten Menschen trifft, erscheint ihr nicht verwunderlich - nicht umsonst ist die Firma, die die von ihrem Verehrer bevorzugten Konservendosen befüllt, so erfolgreich. Sie weiß, dass sie ohne Weiters bei ihm übernachten könnte. Die beiden müssten dem Liebesspiel bloß leise frönen, denn das Kinderzimmer, das er im winzigen Häuschen seiner Mutter noch immer bewohnt, liegt neben deren Schlafgemach. Die alte Frau schätzt Damenbesuch keineswegs, und es kam bereits einige Male vor, dass sie den weiblichen Frühstücksgästen ihres Sohnes eine Standpauke bezüglich unentgeltlicher Prostitution hielt.

Der jungen Frau, die nur wenig Alkohol trinkt, graut bei der Vorstellung, eine Flasche billigsten Sekt nach der anderen mit ihm zu leeren, doch lässt sie sich nichts anmerken. Als ihr auch noch angeboten wird, im kleinsten Modell aus dem Hause Opel nach Hause gefahren zu werden, beginnt sie zu lachen.

Der Stammgast blickt sie erschrocken an und will sich Hilfe suchend an den Barkeeper wenden, der den Monolog mitgehört hat. Doch dieser befindet sich mittlerweile in der Küche des Lokals, aus der schallendes Gelächter zu hören ist.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17064