Schlagwort-Archiv: anno

Adina

Kennengelernt habe ich sie im Oktober 2006 in der ersten Stunde des Sprachkurses. Sie saß neben mir und sprach mich unvermittelt an. Dabei wusste sie, dass ich gerade von einem Auslandsaufenthalt zurückgekommen war, und ich war verblüfft, dass sie das wusste, weil es niemanden gegeben hätte, von dem sie es hätte erfahren können.

An ihr Aussehen erinnere ich mich noch, dass sie die Haare lang trug und an diesem Tag eine schöne weiße Jeanshose mit bunten Streifen anhatte.

Ich erfuhr, dass sie im Hauptfach Anglistik studierte, aber nicht, aus welchem Grund sie diesen Sprachkurs besuchte.

An den weiteren Einheiten des Sprachkurses nahm sie nicht mehr teil und ich begegnete ihr auch an anderen Orten nicht mehr.

Ich fand Jahre später ihre Adresse im Internet, zögerte aber zuerst, bis ich ihr dann – einige Jahre später –einen Brief schrieb, in dem ich ihr meine Kontaktdaten mitteilte.

Eine Antwort blieb aus, aber ich sah es schon als Erfolg, dass der Brief nicht retour geschickt worden war.

Sehr viel später möchte ich gerne wissen, was ihre Motivation dafür war mich anzusprechen und ob sie Interesse an mir gezeigt hätte. Im Gedächtnis habe ich diese Begegnung wie eine Miniatur gespeichert, ohne einen genauen Verwendungszweck dafür zu haben.

Adina – ihr Name wie eine Spur, ein Rätsel. Im Internet erfuhr ich – was eine gewisse Unschärfe hat –, dass der Name aus dem Persischen stammt und ein an einem Freitag geborenes Mädchen bezeichnen soll.

Wie ich auch noch später feststellte, hätte ich ihr gerne etwas von mir gegeben als Erinnerung an dieses kurze Gespräch. Dabei fiel mir mein Kugelschreiber mit der Werbeaufschrift Menjačnica Miljun ein, ein kleines Andenken an meinen unlängst beendeten Auslandsaufenthalt, den ich an diesem Tag stolz wie eine Trophäe verwendet hatte.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26187

Das Nähkästchen

Eine Nadel!
Schnell!
Der Holzsplitter sitzt nicht tief,
ist nicht lang.
Nadel ansengen, Hand aufritzen,
Splitter herausziehen.
Mit einer Nadel oder einer Pinzette?
Wie hat Oma Martha das immer gemacht?
Ich kann sie nicht mehr fragen.
Ich habe mir den Splitter
aus ihrem alten Gartenstuhl,
der sie um Jahre überlebt hat,
in die linke Hand gerammt.
Selber schuld!
„Das kriegst du hin“,
hat sie immer gesagt.

Ihre Worte führen mich
schnurstracks in den Keller
zu ihrem alten „Nähkästchen“.
Eher ein ausgewachsener Nähkasten!
Aus dunklem Holz, uralt, unverwüstlich.
Wie viele Fächer er hat!
Keine Nadel in Sicht.
Stattdessen: fein säuberlich sortierte Knöpfe –
Knöpfe für jedes Kleidungsstück.
„Komm, Jung, gib mir …“
die Hose, das Hemd, die Jacke.
Oma Martha reparierte alles im Handumdrehen.
Darunter Wolle auf Rollen,
Wolle jedweder Farbe.
Oft sah ich ihr zu,
wie sie unsere Socken stopfte,
meine „Spiel- und Kletterhosen“ flickte.
Immer ruhig, konzentriert, entspannt
dabei plaudernd.

„Aus dem Nähkästchen“ plauderte sie nie.
Die harten Nachkriegsjahre,
ihre schwierige Ehe,
Alter und Krankheit –
alles hat sie erduldet
ohne ein Wort der Klage,
immer im Reinen
mit ihrem Herrgott,
immer im Hintergrund,
immer für mich da.

Die letzte Nadel
liegt ganz unten.
Die Wunde in der Hand –
nicht der Rede wert.
Eine Wunde anderer Art
versetzt mir Nadelstiche ins Herz,
bis ich das Pflaster dafür finde:
meine bleibende Erinnerung
an Oma Martha.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26133

Souvenirs in meinem alten Schulbuch

Das einzige Schulbuch,
das ich aufbewahrt habe,
ist randvoll mit wohlbekannten
Geschichten, Gedichten,
teils lustig, teils spannend.
Beim Durchblättern rieseln
drei Klatschmohn- und zwei Kornblumenblüten
heraus, sorgsam gepresst,
sowie ein dunkelgrün verfärbtes
vierblättriges Kleeblatt. –
Unerwartete, willkommene Souvenirs,
die mich die gedruckten Seiten vergessen lassen:
Vor meinem geistigen Auge
erscheinen Schnappschüsse
meiner Jungen-Jahre in hellen Farben –
die Wildblumen lassen mich noch einmal
mit meinen Cousins und Cousinen spielen
im Weizenfeld hinter Großvaters Garten;
das vierblättrige Kleeblatt
wird wieder mit schmutzigen Händen
feierlich überreicht
von meiner Sandkastenliebe. –
Es hat mir Glück gebracht.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25235

 

Die kleine Stadt an der Moldau

Eines Tages las ich von der früheren jüdischen Gemeinde in dem kleinen Ort Rosenberg – tschechisch Rožmberk –, der idyllisch an der Moldau liegt, überragt von der Burg. Bald darauf fuhr ich mit dem Auto hin. Ich nahm Elsbeth mit, die auch daran interessiert war, den Ort und den kleinen jüdischen Friedhof kennen­zulernen. Sie ist eine zarte Frau, die den Eindruck erweckt, als wäre sie aus Papier oder einem anderen Leicht­stoff und als könnte sie schon ein sanfter Hauch davonschweben lassen. Wenn es darauf an­kommt, kann sie allerdings ziemlich hartnäckig, fast widerspenstig sein. Dann schmollt sie lange.

Hat man die Eichenalleen an der Moldau erreicht, wird die Fahrt nach Ro­senberg romantisch, wie über­haupt die Fahrt bis Krumau. Smetana klingt im Ohr, und die Wellen der Moldau scheinen sich nach seiner Leitmelodie und deren Rhythmus zu bewegen. Die an­gesichts des kleinen Ortes große Burg Rosenberg übt eine fast autoritäre Dominanz aus. Der Ort selbst scheint ausgestorben und menschenleer bis auf Autos, die nach Krumau weiter­fahren, und Radfahrer, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor allem aus Österreich und Deutsch­land in ihren Taucheranzü­gen ähnelnden Bekleidungen über die Straßen fe­gen. Sonst sieht man dort nur we­nige Menschen, Einheimische scheinen sich kaum blicken zu las­sen, sie bleiben in ihren Häu­sern und kleinen Gärten. Und in der Moldau bewegen sich die Paddelboote, Rafter und Ka­jakfahrer.

Der Friedhof liegt links neben der Straße in Richtung Krumau, etwas nach Ro­senberg, und er fällt, wenn man ohne Kenntnis vorbeifährt, gewiss niemandem auf. Oberhalb des Friedhofs konnte ich parken, und ich wunderte mich, dass dort ein Auto stand, hatte ich doch Elsbeth und mich für die einzigen interessierten Besucher gehalten. Wir konn­ten von oben auf den Friedhof schauen und sahen einen Mann, korpulent und nicht sehr groß, mit einer Kappe oder einer Schirmmütze, keiner Kippa – aber vielleicht diente sie als Kippaersatz –, eine alte Frau und zwei Kinder, auf die der Friedhof of­fensicht­lich keinen Eindruck als Ort des Innehaltens oder der Besinnung machte. Sie lie­fen herum und spielten Fangen. Der Mann mahnte sie mehrmals laut zur Ruhe, seine Sprache ver­stand ich nicht, erkannte aber, dass es weder Deutsch noch Englisch war.

Elsbeth und ich betraten den Friedhof und waren gleich bei der Gruppe, so klein ist das Gelände, vielleicht dreißig mal dreißig Meter, nicht viel mehr. Wir kamen ins Gespräch, der Mann sprach eng­lisch mit uns. Wir stellten uns vor. Er heiße Charlie Kalech, sagte der Mann, und die Frau an seiner Seite sei seine Mutter, die seit einigen Jahren in Kalifornien lebe, ursprünglich aber aus dieser Gegend komme. Charlie setzte fort, er lebe mit seiner Familie in Israel, und die beiden Kin­der, die keine Ruhe gäben, seien seine Söhne. Die beiden sprächen Hebrä­isch, das heutige Alltagshebräisch oder Neu­heb­räisch, das man in Israel spreche, Ivrit heiße es.

Jetzt war mir klar, warum mir die Wörter, die ich bei unserer Annäherung gehört hatte, fremd gewesen waren. In der Schule lernten seine Söhne Englisch, sagte Charlie. Viel­leicht lasse er sie Deutsch lernen, die Sprache ihrer Großmutter, seiner Mutter. Was ihn hier­her führe, fragte ich ihn. Das Grab, vor dem er stehe, sagte Charlie Kalech, trage den Na­men Holzbauer, und so habe seine Mutter mit ihrem Mädchennamen geheißen. Ihre und somit seine Vorfahren seien hier begraben. Mir war der Name Holzbauer, der einen kaum an einen jüdischen Zusammenhang denken ließ und an mehreren Grabsteinen zu lesen war, gleich aufge­fallen, zumal einige mit mir befreundete Leute die­sen Namen tragen, ohne jüdi­scher Her­kunft zu sein, zu­mindest nicht meines Wissens. Seine Mutter, setzte Charlie fort, sei zur Zeit des Ein­marsches der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei ein Mädchen von etwa zehn Jah­ren gewesen. Sie stamme aus Oberhaid, dem tschechischen Horní Dvořiště, und habe mit ihrer Familie flüchten müssen, besser gesagt, sie hätten gerade noch flüchten können. Sie landete schließlich in New Jersey, arbeitete als Haushaltshilfe, lernte ihren Mann kennen, den sie bald heiratete.

Die alte Frau, die einen sehr rüstigen Eindruck machte, sprach – falls sie Charlie zu Wort kommen ließ – noch ungebrochen Deutsch mit uns, sie sprach ein paar Brocken des deutschen Dialekts, den vielleicht einige sehr alte Leute Südböhmens noch heute beherrschen und mit dem es wohl die eine oder andere Überschneidung im nördlichen Mühlviertel gibt, kaum mit Ak­zent. Über ein paar ihrer Wendungen, an die sie sich erinnerte, lachten wir, zum Großteil aber spra­chen wir englisch, damit Charlie folgen konnte. Einmal im Jahr, meist im Sommer, komme sie hierher in die Gegend ihrer Herkunft, sagte Charlies Mutter, immer mit ihrem Sohn, sie besuche den Friedhof, wo ihre Vorfahren liegen, und ihren Geburtsort Oberhaid, den sie habe verlassen müssen. Diesmal hätten sie ihre Enkel mitgenommen, deren Inter­esse an der Historie, nicht nur an der genealogischen, mit Si­cherheit noch erwa­chen werde, wenn sie erwachsen und erst recht, wenn sie älter seien. Char­lie hinge­gen habe immer – schon in den Vereinigten Staaten, später in Israel – großes Interesse an der Familiengeschichte und an der Geschichte dieser Gegend gezeigt. Ihr Mann, Charlies Vater, sei vor einigen Jahren gestorben. So habe sie die Grausamkeit der Ge­schichte in die Vereinigten Staaten versetzt und ei­ner Welt entrissen, die sie, wären die Zeiten ruhig verlaufen, wohl kaum verlassen hätte.

Charlie sei in New Jer­sey zur Schule ge­gangen, habe in New York studiert, dann habe er ein zionisti­sches Bewusstsein entwi­ckelt. Nein, das habe er schon früher gehabt, aber nach dem Studium habe er es umge­setzt und sei nach Israel gegangen, wo er in Jerusalem eine Inter­netfirma aufgebaut habe, etwas, wovon sie gar nichts verstehe. Dazu sei sie zu alt. Charlie sei ein gemachter Mann, man könne sagen, er sei reich, sagte die Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes sei sie von New Jersey nach Kalifornien gezogen, wegen des milderen Klimas.

Die Kinder hielten mit dem Herumlaufen inne, unser Kommen hatte ihre Neugier geweckt und sie hatten sich zu uns gesellt, vielleicht konnten sie einige Wörter der Unterhaltung in englischer Sprache verstehen. Charlie fragte mich, warum wir den kleinen jüdischen Friedhof besuchten. Elsbeth schwieg, nicht so sehr wegen ihrer Schüchternheit, sondern weil sie kaum englisch sprechen konnte und gesprochenes Englisch nicht verstand.

Ich setzte Charlie die Gründe unseres Interesses auseinander, etwa meines an der Geschichte der Familie und der Firma Spitz, die – in Linz gegründet – zu einem weltweit bekannten Unternehmen für Getränke und Lebensmittel geworden war. Und die Geschehnisse im Nationalsozialismus bedürften immer noch einer Aufarbeitung, da es kaum eine Region gebe, die nicht kontaminiert sei. Dieses Interesse, das ich mit Elsbeth teile, habe mich einer verschwundenen, einer ausgelöschten Welt nahegebracht. Dabei stoße man, wenn man sich im regionalen Bereich bewege, unweiger­lich auf Rosenberg, auf den kleinen Friedhof und Reste ei­nes älteren im Ort, den ich noch nicht kenne.

Charlie fragte mich, ob ich ihm Informationen zum Judentum in Südböhmen und Linz zukommen lassen könne. Er gab mir eine Visitenkarte mit seiner E-Mail-Adresse. Die Visitenkarte bestätigte, dass Charlie ein Unternehmen für Internet-Services in Israel hatte, in Jeru­salem genauer gesagt. Später recherchierte ich im Inter­net und fand den Auftritt von Charlies Firma.


Charlies Söhne hatten ihre Neugier an den fremden Personen längst gestillt, Charlie oder seine Mutter mussten sie wieder regelmäßig ermahnen, sich der Würde des Ortes gemäß zu betragen. Das hatte kurze Zeit Erfolg, dann liefen sie wieder lär­mend umher. Schließlich verabschiedeten wir uns, und ich versicherte Charlie, ihm Informationen zu schicken.

Ich fuhr mit Elsbeth nach Rosenberg zurück. Wir spazierten in dem kleinen Ort, der von der Burg und der Straße nach Krumau dominiert wird und verlassen und trist wirkte. Nur selten ließ sich ein Auto sehen, auch die Radfahrer hielten sich zurück. Parallel zur Straße nach Krumau, aber höher gelegen, verlief eine Gasse, der entlang früher ein kleiner jüdi­scher Bereich lag, und in einem Garten erkannte man einige Relikte jüdischer Gräber. Als wir auf den zentralen Platz zurückkehrten, sahen wir in einiger Entfernung Charlie Kalech, wie er sich, sprachlich unterstützt von seiner Mutter, mit jemandem an der Haustür unterhielt. Die Mutter konnte neben Deutsch wahrscheinlich noch ein paar Brocken Tschechisch, wahrscheinlich genug, um die Kommunikation ihres Sohnes mit den Einheimischen zu unterstützen.

Einige Tage nach meiner Rückkehr schickte ich Charlie via E-Mail mehrere Hinweise und Dokumente und wies ihn auf einen Historiker der Universität Linz hin, Michael John, der sich unter anderem mit jüdischer Geschichte befasste, etwa mit Enteignungen, Arisierungen und Restitutionsfragen. Charlie antwortete mir, einige Ge­schäftsleute, die er kenne und die ihre Wurzeln in Rosenberg und der weiteren Umge­bung hätten, wollten der Geschichte des Dorfes intensiver nachgehen, im Besonderen der jüdischen. Eine Veröffentlichung sei geplant. Erfahren habe ich darüber nichts, aber vielleicht kommt noch etwas, falls Charlie Zeit dafür findet und nicht vergisst. Wenn ich zu lange warten muss, erinnere ich ihn.

Günther Androsch

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25198

Das Lächeln des Delfins

um dein Lächeln zu verstehen
junge Holikin
Tochter von Holifin
muss ich den Riesenrochen kennen
und den Hieb seines Schwanzes
der direkt ins Herz trifft
wie das Messer
das den Abschiedsbrief
meiner Geliebten öffnet

auch muss ich die Haie
hier in der Bucht
von Monkey Mia sehen
und die Narben die sie
auf den Flossen deiner Mutter
hinterlassen haben
Tapferkeitsmedaillen
die sie nie wollte
für die ihr nicht
töten würdet
die euch aber
unterscheiden
von allen anderen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25194

FRIENDS NOT FOOD

Du siehst ihn an, nur kurz, wie er, verschwitzt zwischen der Mischmaschine und dem Thomas stehend, in die Leberkässemmel beißt, wie er schnell kaut, wie er mit Bier hinunterspült, siehst sekundenlang auf sein Uralt-T-Shirt mit der Aufschrift FRIENDS NOT FOOD, schwarz auf weiß steht es da geschrieben, siehst schnell wieder weg, weißt aber, die paar Momente haben gereicht, dies wird zu einem jener Bilder, die immer wieder auftauchen, unvermutet, es wird auftauchen, während du euer Baby stillst, oder während du mit der Anna joggst und so tust, als ob du ihr zuhörst, wenn sie sich wieder beklagt über den Thomas, ihren Mann, über jenen Thomas, der grad ebenfalls eine Leberkässemmel verschlingt und Bier trinkt, der Thomas, von dem er jetzt immer wieder anerkennend sagt, auf den Thomas ist Verlass, der kennt sich aus beim Hausbau, der Thomas, über den ihr gelästert habt, noch vor kurzem, über ihn und über seine Anna, kleinkariert seien die beiden, wart ihr euch einig, nicht fähig, über den Tellerrand zu schauen – und jetzt fachsimpelt er mit dem Thomas neben der Mischmaschine, und du bemerkst, dass quer über dem END auf dem FRIENDS NOT FOOD-Schriftzug ein Riss ist, und denkst, damals ist es neu und sauber gewesen, das Shirt, auf der Demo, die quasi der Beginn war von euch beiden, FRIENDS NOT FOOD auf Transparenten, Flyer und Shirts, FRIENDS NOT FOOD habt ihr geschrien und, ja, auch gelebt, und was einst ein Statement war, trägt er jetzt nicht mal als Scherz, sondern aus dem simplen Grund, weil es noch zwei-dreimal zum Arbeiten taugt, bevor es entsorgt werden wird, das T-Shirt, und jetzt sagt er, so, wir müssen weitermachen mit dem Betonieren, das muss schnell gehen in der Hitze, und du nickst verständnisvoll, und innerlich steigt Wut in dir auf beim Weggehen, denn würde er das FRIENDS NOT FOOD T-Shirt nicht tragen, hättest du diese piekenden Gedanken jetzt nicht, und du würdest auch bestimmt nicht etwas golden glänzen sehen in dieser zähen, schweren Zement-Sand-Wasser-Masse da drinnen in der Mischmaschine, und würdest nicht derart Unsinniges denken wie: Da erstickt grad einiges da drinnen, da erstickt grad unser goldener Wohnwagen-Traum, wir wollten doch reisen, wir zwei, und dort bleiben, wo es uns gefällt, und würdest nicht denken müssen, dass diese erstickten, einbetonierten Träume das Fundament eures Hauses bilden werden, auf dem zuerst der Keller entsteht, in dem ihr, davon gehst du aus, die sogenannten Leichen verstecken werdet, und du hoffst inständig, dass du und er gemeinsam eure gemeinsamen Leichen versteckt, und nicht jeder für sich allein seine eigenen Leichen vor dem anderen versteckt, so wie es der Thomas und die Anna tun, und du setzt dich in dein Auto, schnell, denn die Anna wartet schon im Fitnessstudio auf dich, die Anna, die zwar nicht verstehen wird, aber immerhin so tun wird, als ob sie dir zuhört, wenn du ihr erzählst, wie sehr du dich ärgerst über ihn, denn es ist ja auch zu blöd, hätte er das FRIENDS NOT FOOD T-Shirt heute nicht angezogen, dann würde dir jetzt sicher nicht auffallen, dass du heute das rosa SUPERGIRL Top anhast und dass du derartiges nie getragen hättest in Demo-Zeiten, und du startest, und wirfst noch einen bösen Blick zu ihm auf die Baustelle, und siehst, wie er sich den Schweiß abwischt, sich das FRIENDS NOT FOOD T-Shirt auszieht, es achtlos unter die Mischmaschine wirft und nun wie der Thomas mit nacktem Oberkörper schaufelt, und du atmest tief ein und aus, und hupst langgezogen, als du staubaufwirbelnd wendest, Gas gibst und wegfährst.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25189

Von den blauen Bergen kommen wir

Ach, was für eine schöne Zeit!
Das begreifen wir erst heut.
Wie auch immer, viel’ Skandale
prägten viel zu oft die Male.
Hat Cartoonisten reich gemacht,
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Was wirklich war, das übertrifft
der künstlerische Zeichenstift
in spitzer Reproduktion.
Und wahr ist’s doch, na und, wenn schon?

Wer auf der sel’gen, uns’rer Insel,
in den Achtzigern gelebt,
vom „Alles super ist“-Gewinsel
weiß, man hat nach Höherem gestrebt.

Soziale Sicherheit und Wohlstand
prägten lange Zeit das Land,
bis, weg’n der Defizite,
dies mit einem Mal verschwand.

Beschäftigungsrekorde weg, Neurosen!
Düst’re Arbeitsmarktprognosen.
Der Schuldenstand im Praktischen, normativ,
die Kraft des Faktischen.
Ach, was für eine schöne Zeit!
Willkommen in der Wirklichkeit.

Loyalitätsbedingt dem Alten
muss man den Staat nun neu gestalten.
Es stampft und dampft, die nicht ganz vife
Populär-Lokomotive.

Von Krisen zeigt das Land, geprägt, sich
liberal sozial zersägt.
Die grüne Au wird zum Konflikt,
das Land zur Skandalrepublik.

Waluliso predigt mahnend
Frieden!, weil schon Unheil ahnend.

Den Wein, den panscht der Winzer listig,
ihn trinkt kein Mensch mehr, weil er mistig.
Ein Reiter sitzt am hohen Ross
Und rüttelt stark am Opfermythos.

Ein neuer Geist irrt jetzt umher.
Den alten Weg, den gibt’s nicht mehr.
Zunehmend wird man jetzt globaler,
medial und digitaler.

Der Privatisierung heller Schein
dringt in die Politik hinein.
Medien stören Prominente
im intimen Ambiente.
Skandale nehmen ihren Lauf,
der Journalismus deckt sie auf.
Das Budget wird immer dünner,
jedoch das Parlament wird grüner.

Alles frönt dem Hedonismus,
der Yuppie zählt zum Organismus
erfolgsgewohnter Börsianer.
Die Hofreitschul’ zeigt Lipizzaner.
Alles happy, alles da,
weil I am from Austria.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25118

 

 

 

CARTOON EINFÜGEN

Der große Wohltäter

Gestern trug man ihn zu Grabe, ohne große Ehren.
Und nicht am Willen lag es, ihm sie zu verwehren.
Im Stillen ward’ er, hierorts, leis’ zu Grab getragen.
Ein großer Mann, das darf man wahrlich über diesen sagen.

Erfinder war er keiner, und auch kein Weltverbesserer,
so einfach war er, herzensgut, und sonst auch kein Besessener.
Sein Wunsch, alles ins rechte Licht zu rücken.
Es lag ihm fern, womöglich alle zu beglücken.

War’s angebracht, hielt er den Mund und hielt auch keine Reden.
Kein unnütz’ Wort, es lag ihm mehr am Geben.
Hat nichts entworfen oder gar erfunden,
wollt’ gern der andern heimlich’ Wunsch ergründen.

Nie war sein Ding, über and’re zu bestimmen.
Er wollte nie zu hohe Berge selbst erklimmen.
Nahm weder teil an Treffen noch Konferenzen,
und nie versetzte er den Stein an fremden Grenzen.

Hat lieber geschwiegen, als selber große Reden zu halten.
Nie von sich reden machen, nichts zwischen ihm und andern spalten.
Kein Reporter musst’ ihn je besuchen.
Kein Kommentator wegen ihm Termine buchen.
Nur ein einzig’ Mal hat man von ihm vernommen,
sei er, der gold’nen Hochzeit wegen, in ein Wochenblatt gekommen.

Vor Bewund’rung steh’n wir, ehrfurchtsvoll beseelt,
an dieser Bahre hier und hör’n, was man von ihm erzählt.
Ein Mann, der vieles unterlassen hat, bei Gott, jedoch nicht lahm,
weil er vor lauter Pflichterfüllung zu gar nichts and’rem kam.

Da war seine Familie, die Kinder und der Garten.
Bäume pflanzen, Steuern zahl’n, auf bess’re Zeiten warten.
Nur selten war Gelegenheit, ein Gläschen Wein zu trinken,
nach der Arbeit, die getan. Die Sonne schon im Sinken.

Vielleicht deshalb ein großer Mann, ein Vorbild für die Jungen?
Eher von anno dazumal, hätt’ man ein Lied auf ihn gesungen.
Was soll auf seinem Denkmal stehn? Dem Wohltäter der Menschheit?
Der niemanden gequält, verletzt oder vielleicht gelangweilt.
Heut reicht es kaum zum Denkmal hin, was wird denn so erwartet?
Der Mann, der war zu gut, zu brav, ja, beinah schon entartet.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25115

In der Vergangenheit

Ich kann den Mann angreifen,
aber ihn wegzustoßen oder ihn zu mir zu ziehen ist unmöglich.
Das Bild von ihm zittert.
Denn der Mann ist nicht bei mir, sondern nur sein Bild,
und das liegt in der Vergangenheit.

Die Eisenbahnunterführungen in der Villacher Straße bei Schneefall am 23. Januar 2023, von Westen gesehen

Die Eisenbahnunterführungen in der Villacher Straße bei Schneefall am 23. Januar 2023, von Westen gesehen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25105

Die Wohlgerüche deines Gartens

(in Erinnerung an meinen Großvater Johann Franzen)

Der Geruch nach Schuhcreme
an allen deinen Fingern
weicht nach und nach
den Wohlgerüchen deines
gut gehüteten Gartens,
während du tiefer und tiefer
in die geliebte Erde
deines Zuhauses eintauchst
mit deinen schwieligen Händen,
die aussehen wie Leder.

Pflanzen, Beschneiden, Jäten
in deinem riesigen Nutzgarten
bereitete dir immer
das größte Vergnügen
nach einem langen Arbeitstag,
an dem du Schuhe machtest
für jedermann, sogar mich,
und die Gartenarbeit ließ
ein Frühlingslied erblühen
auf deinen spröden Lippen,
das deinen Frohsinn
bis zu Haus und Hof trug.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25084