Der Mann, der sein Butterbrot nicht aufaß. Ein Kurzkrimi

Schon eine Woche zuvor, als noch Licht gebrannt hat, oben, im schwarzgewordenen Betonneubau. Die Nacht rauschte und einige vergrabene Gedanken flackerten klammheimlich zum Mond, dem einen. Über dem lieben langen Tag lag nun ein Schatten und deine Wünsche auf den Lippen, die dich aus dem Innersten durchstiegen, glucksten heraus aus dem Fenster. Eulenschlau dachtest du die halbe Nacht in irgendeiner Logik, die das Ganze aber zu ernst machen würde.

Neun Stunden später krachte regennass der Briefträger in das Haus und der schlaftötende Lärm machte mir deutlich, dass auch aus diesem Morgen ein Tag werden würde. Und zeitweilig hatte es ja so ausgesehen, dass dieser ganze Mummenschanz seine Daseinsberechtigung gehabt hätte mit einer Sprache, die das Ganze noch zusammenhalten sollte: Da lag sie nun, die Papierantwort auf die letzten Briefe von mir. Meine Augen begannen sich über deinen Brief herzumachen. Ich begann, meine Butterstulle anzubeißen, nebenbei öffnete ich das Salzfass und strich eine Prise heraus:

Einen Haufen Unsinn schreiben, den ich dir zum Lesen ausborgen werde: Aus meinen Worten spricht das ichgewordene Erzählen, das Erzweifeln nach dem Sinn, das Herausgraben der Wahrheit, das Abschälen des Schönen. Ach, und was war denn mit dir?

Deine zittrige Handschrift in dem Wutbrief, der deshalb seine Adresse knapp verfehlt hat. Doch ich hatte Glück. Glück, das ein anderer in dieser Situation nicht hatte. Unsere Nachbarin hatte unmittelbar nach dessen Lektüre gestern einen Nervenzusammenbruch und ist an den Rosinen erstickt, die sie dabei geknabbert hat.

Was dich beinahe überführt hätte: Das Durchstreichen deines Namens in der Liste. Die Graphitspur deines HB-Bleistiftes, einem Kardiogramm ähnlich, das auf ebenso eindeutige Weise dir zugeordnet werden könnte wie ein Fingerabdruck der rechten Hand.

Ein Messer ist keine Kneifzange, das sollte man als Erwachsener gelernt haben. Etwas, das da war, ließ sich nicht einfach aus der Welt schaffen, indem man es wegbrüllte. Die Zeilen, die dir nicht in den Sinn gekommen wären, hättest du zu deinem Leben das hinzugenommen, was auch ohne deinen Ehrgeiz zu erreichen gewesen wäre.

Du aber, du über den Bierkrug Gebeugter, dir fehlt es. Du kannst nicht den vertagten Tag heute, der nicht blau zu werden droht, in den ersten Abendstunden mit einer Flucht retten, die genauso schön zu sein verspricht wie die stille Anwesenheit des anderen. Gierte es dich zu mir hin? Du hast es in der Hand: das schönere Leben oder das verbrauchte Irgendetwas. Du armseliger, was dir dein Alter noch versüßt, sind zerstobene Erinnerungen und der Krimskrams, ohne den das Leben nicht geht: Schmerztabletten, Ausweis, Geldbörse, Erdnüsse, Schlüsselanhänger. Was dir dein achtunddreißigjähriges Leben beschert hat. Jeden Tag die gleichen Sonnenaufgänge und -untergänge in deiner Wohnung. Die leeren Worthülsen. Der Aktenstapel und Guten-Tag-Herr-Kollege-Alltag. Genauso wie sich die anderen Gleichaltrigen in der Zwischenzeit in ihrem Leben eingerichtet haben. Ein jedes Kind hat, glaube ich zumindest, einmal in seinem Leben gut malen können. Wie der Alltag jenen Idealen standhält von außen, dass immer noch alles so unzulänglich ist, nachdem ich seit dreiundvierzig Jahre lang das Licht der Welt erblickt habe. Die Zwischenzeit unseres Sehens, unseres Daseins und das alles unter dem blaugrauen Himmel. Gäbe es keine Zeit. Hätte es doch nie eine Zeit gegeben!

Sieh es dir heute noch an, zweiundzwanzig Jahre später. Das Getane einiger weniger Stunden, das über dich noch immer einen so langen Schatten wirft. Hereinbrach in unsere Welt, als ich nur aufgrund deiner Fiktionen Deutsch zu lernen begann und du eventuell meine Ergebnisse brauchtest, um ernst genommen zu werden als Mensch. Du kamst herein damals, schon nach einer Weile und meine Sinne waren mit etwas ganz anderem beschäftigt. Die vergehende, vergangene Zeit. Mir kam die Gewissheit, dass die Welt ihre ganze tausendjährige Existenz nur für diesen einen Moment ausgehalten hat. Das andere, vormals laut Niedergeschriebene: Ich gierte noch nach allem. Wie Perlen die Erfahrungen auf eine Kette reihen, ich gierte nach der Welt, nach dem Leben.

Armut, äußere, die ich als Bereicherung verstand von meinem Für-sich-Sein, und es waren immer die Nächte und das andere Sein der Nacht. Du konntest es, ich meine nicht, wofür man dir Geld in die Hand drücken konnte, du konntest dich noch frei artikulieren: Ein Baum war für dich ein Baum, ein Haus war für dich ein Haus. Manche Ziele waren noch klar und unverrückbar.

Sieh dich doch an! Dir, dem, der so oft keine Worte benötigt und dem, der doch noch einfache Worte findet, wo anderen längst Zweifel gekommen wären, dir würde ich sagen, dass das Leben mehr ist als das in seine scheinbare Ordnung Gebrachte. Wenn alles auf Deutsch gelesen werden müsste, müsste das hier ein Deutschlehrbuch sein! Man gibt seinen Fingern keine Namen, sondern ist jemand, der die in der Postmoderne abgeschnittenen Zungen sammelt. Polyphonie. Bewusstsein, dass sich auch die letzten Gewissheiten in Staub reden ließen.

Warum nicht jeder Mensch dazu verpflichtet wäre, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben? Genauso wie er Ausweis, Steuerkarten und Ähnliches besitzen würde. Nicht nur die, die es schlussendlich taten: die großen Menschen und wer sonst auch immer den ganzen Alltag gemacht hat, den stummen, den gehassten, den gewohnten.

Als der Singsang noch anderen überlassen war: Erzählgöttinnen, Zornesgöttinnen. Sprache, unsere Achillesverse imitierte tatsächlich noch Geräusche: Vögel, Donner, menschliche Stimmen. Geräusche: Schritte. Ausdruck, sprachlicher Ausdruck in irgendwelchen Farben. Du kannst es nicht beschreiben wie damals noch, 1998. Farben, die immer noch dieselben sind. Manche Wörter, die sich nicht mehr als dieselben identifizieren lassen und dazwischen das Ganze.

Wie viel Farbe das Leben heute noch lässt. Du hättest dir selbst gegenüber konsequenter sein müssen und genau das Gegenteil davon ist der Fall geworden. Du in den Erscheinungen Vertiefter. Du unter Sternenzelten Behüteter. Schon die alten Griechen pflegten ja bekanntlich zu behaupten, Rettung und Schutz für das Ganze sei demnach nur zu bekommen, wenn die Sprache auch schön sei. Was mir der heutige, zugegebene sehr warme und sonnige Tag versprochen hat am Morgen. Vergangen ist seitdem dieser Akt meines Lebens: besser für dich, besser für uns. Das innewohnende Produktive dieser Zeilen: Trost für vieles, Trost für alles!

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 23125

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