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Geschichte einer Annäherung

Eine Liebesgeschichte sollte es werden. Ja, so war es geplant. Und dass alles etwas aus dem Ruder gelaufen ist, tja, dafür kann ich bestimmt nichts. Also das soll jetzt keine Rechtfertigung werden oder so, dass das gleich von Beginn an klar ist. Ich bin nicht der große Erzähler, eher ein Mann weniger Worte. Aber das muss jetzt sein, das muss aufgeschrieben werden, vor allem für mich selbst, weil ich immer noch nicht glauben kann, was alles geschehen ist, und warum das ausgerechnet mir so passieren musste.

Vielleicht hab ich zu Beginn unserer Beziehung ein bisschen zu viel von meiner Ex erzählt, das kann durchaus sein. Dass sie meine erste große Liebe war. Und wie gut sie mir gefallen hat. Was sie immer gesagt hat, wie sie mich zum Lachen und auch zum Nachdenken brachte. Ich hab vermutlich geschwärmt von ihr, weil ich noch nicht ganz drüber hinweg war, dass sie gegangen ist, einfach davon. Und mich sitzen gelassen hatte, wie man so unschön sagt.

Ich kann mir auch vorstellen, dass das für die „Neue“, also jene, mit der sich danach etwas anbahnte, nicht so angenehm war, diese Vergleiche, das Schwärmen von vergangenen Zeiten. Aber trotzdem. Das alles hätte nicht sein müssen. Und ich hatte mit Mona viel vor, echt. Ich konnte mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Und sie auch, das sagte sie mir immer wieder. So weit schienen wir uns also einig zu sein. Aber was weiß ein Mann schon? Ich hab versucht zu ergründen, was  in ihr vorging, doch sie war und blieb mir ein Rätsel.

Die richtigen Merkwürdigkeiten begannen damit, dass Mona eines Tages (wir wohnten noch nicht zusammen und sahen uns alle paar Abende nach der Arbeit und gelegentlich für Spontanunternehmungen am Wochenende) mit einem neuen Tattoo auf ihrem rechten Schulterblatt erschien. Es war ein eher gängiges Motiv: ein Schmetterling mit ein paar Schmuckgirlanden oder Zweigen drumherum. Solche hübschen bunten Tierchen waren damals auf den Körpern vieler junger Frauen gelandet; auch meine Ex hatte eine ähnliche Tätowierung gehabt. Ich war wohl genau deshalb etwas irritiert, ließ mir aber nichts anmerken, denn woher sollte Mona davon wissen; und so heftig, wie sie inzwischen auf meine Geschichten über meine ehemalige Freundin reagierte, sagte ich lieber nichts über die mir nicht ganz unbekannte Zierde. Ich war mir auch sicher, dass ich ihr nie von dem Schmetterling erzählt hatte, und zwar aus einem einfachen Grund: Er hatte mir nie wirklich gefallen; er war ein bisschen kitschig für meine Begriffe und die Farben eher pastellig und nicht besonders naturgetreu gehalten. Darum hatte er auch in meinen Erzählungen keinen Platz gefunden.

Zum zweiten Mal also war ich nun mit einem solchen Körperschmuck konfrontiert, der mir wie sein Vorgänger nicht besonders gut getroffen erschien, und murmelte etwas eher nicht so begeistert Zustimmendes auf die Frage, ob er mir denn gefalle.
Um keine Missverständnisse zu erzeugen: Damit kann ich leben. Mir muss nicht alles gefallen. Es reicht, wenn es ihr gefällt und ich es nicht allzu hässlich finde, sodass ich mich nicht zu sehr verbiegen muss bei der Antwort. Nun, der Fall war also erledigt, meinte ich damals.

Der Schmetterling wurde allerdings mehr Thema, als mir lieb war. Am Anfang war er noch mit einer Art Folie abgedeckt gewesen, die am äußeren Rand mit Heftpflaster fixiert war, denn die Tätowierung war ja frisch gestochen und die Stelle sollte sich nicht entzünden. Später trug Mona noch zwei, drei Wochen lose Shirts darüber, denn die Haut sollte nicht gleich Sonnenbrand abbekommen. Und bei den Gelegenheiten, an denen ihre Haut unbedeckt war, wusste ich anderes zu fokussieren als ein noch so buntes Insekt. Belanglos, das war das Ding für mich.

Anscheinend war bei ihr das Gegenteil der Fall: Immer wieder kam er zur Sprache, ihr geflügelter Freund, irgendwie wirkte sie geradezu fixiert auf das Thema. So tat ich ihr den Gefallen und sah mir das Tattoo einmal genauer an, um es anschließend (ja, das hätte ich auf mich genommen, um wieder meine Ruhe zu haben …) ausführlich zu loben. Damit erhoffte ich, das Thema zu beenden.

Ich merke gerade, dass ich dabei sehr lange verweile, diese Episode zu erzählen, aber irgendwie war dieser Moment der Anfang von etwas Größerem, Eigenartigerem, das ich bis heute nicht ganz verstanden habe. Jedenfalls, der genaue, nachträgliche Blick zeigte: Der Schmetterling war nicht das gleiche Motiv wie bei meiner Exfreundin, sondern es war dasselbe. Das identisch selbe, um genau zu sein. Und da blieben mir meine geplanten Komplimente im Halse stecken. Ich überlegte: derselbe Tätowierer, der zufällig diese eine Vorlage zweimal fürs Stechen genommen hatte? Konnte das sein? Immerhin lagen Jahre dazwischen. Oder ich irrte mich, und Romanas Schmetterling hatte doch etwas anders ausgesehen? Es war lange her, dass ich diesen gesehen hatte, und ich war kaum jemals näher daran interessiert gewesen. Romana hatte ihn damals schon am Leib getragen, als wir uns kennengelernt hatten, keines ihrer herausragendsten Merkmale jedenfalls.

Schließlich brachte ich doch ein paar zusammenhängende Worte heraus, und Mona, schlau, wie sie war, merkte genau mein Zögern. Glücklicherweise konnte ich das Thema wechseln, und der Abend verlief dann doch noch ganz angenehm.
Mir ließ da aber etwas keine Ruhe: Am darauffolgenden Tag checkte ich das Facebook-Profil meiner Ex. Es war ewig her, dass ich das getan hatte (ich war seit dem Beziehungsende abgemeldet), und es gelang nur über einen Umweg: Mein Arbeitskollege war seit vielen Jahren mit ihr befreundet, und als ich ihn bat, mal kurz seinen Account benutzen zu dürfen, deutete ich an, ich wäre hinter einer anderen Frau in seinem Umfeld her und wollte ihren Beziehungsstatus checken, und er nannte mich einen „tollen Hecht“. Er argwöhnte also nichts und nahm seine Pause, und ich sah mir in Ruhe beziehungsweise ein paar Minuten lang das Facebook-Profil von Romana an. Auf einem der Urlaubs-Bikini-Fotos wurde ich fündig: Wenn auch aus leicht seitlicher Perspektive zu sehen, gab es keinen Zweifel: Romanas Tätowierung glich der von Mona wie ein Ei dem anderen.
Die Freundesliste von Romana förderte noch Erstaunlicheres zutage: Sie war mit Mona befreundet. Was im Falle von Romana nicht viel hieß: Besaß sie doch einige hundert „Friends“, von denen sie den allergrößten Teil nicht persönlich kannte, oft waren es Bekannte von Bekannten, denen die Frau einfach gefiel und die ihr Leben interessant fanden. Romana hatte auch früher schon beinahe alle Freundschaftsanfragen von Frauen und die der meisten Männer bestätigt. Mich haute diese Verbindung aber beinahe noch mehr aus den Socken als die Schmetterlingsentdeckung.

Mona damit zu konfrontieren, ließ ich lieber sein. Dann meinte sie womöglich, ich würde ihr nachspionieren, und eine Richtigstellung konnte auch nicht gelingen: Denn dass ich eigentlich nach Romana gesucht hatte, machte die Sache nicht besser.

Ich wurde argwöhnischer, beobachtete Mona genauer. Und plötzlich fiel mir auf, dass sie sich ähnlich wie Romana kleidete. Darauf wäre ich ansonsten niemals gekommen, aber der Profil-Check mit der Sichtung der vielen Fotos hatte meine Aufmerksamkeit anscheinend geschärft. Und damit nicht genug: Die Bücher, die Mona las, waren alle in Romanas Liste; die Filme, die sie schaute, waren Favoriten von Romana. Die Musik, die Mona hörte, hatte Romana in ihrem Profil bei den Lieblingsbands angegeben, … Es gab nichts, was Mona nicht von ihrer Vorgängerin kopiert hätte.

Fast hätte sie es zu einem perfekten Abschluss gebracht, doch ich kam ihr zuvor.
Ich sah Mona an und sah Romana in ihr – entdeckte plötzlich die große Ähnlichkeit, die gleiche Haarfarbe, die Art, sich zu schminken, den abgestimmten Schmuck, die Kleidung, Schuhe … Nur eines sah ich nicht: ihre Persönlichkeit.

Dass es Mona „nur beinahe perfekt“ gelungen wäre, Romana nachzufolgen, stimmt eigentlich doch nicht, fällt mir jetzt gerade, wo ich es niedergeschrieben habe, auf. Mona hat schlussendlich doch geschafft, was sie immer wollte: meine Exfreundin zu sein.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19089

Gottesfürchtig

Ein Hörstück

Der Mann steht neben den Zuggleisen. Die ländliche Gegend ist von Nebel verhüllt. Es ist Nacht. Der Mann trägt einen Anorak. Die fast schon kahlen Bäume bieten kaum noch Schutz gegen den Regen.

 

Tracks

Tracks

Mann:
Gott, wo bist du? Ich rufe dich.

Gott:
Ich bin da, Mensch. Ich bin bei dir. Sprich, was ist dein Begehr?

Mann:
So oft habe ich an dich gedacht, Gott. So oft habe ich nach dir verlangt. Warum kommst du erst jetzt?

Gott:
Ich habe viel zu tun, war anderwärtig beschäftigt. Also nun, Mensch, wo du mich am notwendigsten hast, steh ich dir bei. Wie kann ich dir helfen?

Mann:
Ich habe zu dir gebetet, Gott. Weißt du denn nicht, wie es um mich bestellt ist?

Gott:
Doch, Mensch, du bist für mich ein offenes Buch, in dem ich lese. Aber ich will aus deinem Mund hören, was dich plagt.

Mann:
Ich seh keinen Sinn mehr in meinem diesseitigen Leben, Gott. Ich bin entschlossen, es zu beenden. Jetzt möchte ich dich fragen:  Was geschieht mit mir danach?

Gott:
Das werde ich dir nicht sagen, Mensch. Du wirst es erfahren, wenn es so weit ist. In meinen Akten steht, dass du dich stets hast bemüht. Das soll dir zum Wohle gereichen. Nur so viel verrate ich dir. Du hast noch viele Jahre auf Erden zu verweilen.

Mann:
Aber wozu denn, Gott? Ich habe keine Arbeit, meine Frau geht fremd, meine Kinder wollen nichts von mir wissen. Ich habe meine Schuldigkeit getan. Was gibt es denn, was ich noch vollbringen könnte?

Gott:
Lass Hilfe angedeihen den Bedürftigen, Mensch. Auch wenn sie nicht danken werden,  in deiner Lebensstatistik wird es positiv vermerkt.

Mensch:
Es mangelt mir an Kraft, Gott. Ich lebe in einer winzigen Kammer. Ich esse im Stehen. Meine      Träume handeln von Verderben und Tod. Die Hoffnungslosigkeit hat sich in mir breitgemacht. Und ich habe Angst vor jedem neuen Tag.

Gott:
Nun ja, Mensch, du hast doch etwas zu sagen, schreibe einen Roman.

Mann:
Danke für den Rat, Gott, doch auch dies hat keinen Zweck. Sollte ich die Worte finden, wer würde mein Buch denn lesen? Das schreibe ich doch für den Keller.

Gott:
Da fällt mir etwas anderes ein, Mensch. Vielleicht ist es dir gar nicht bewusst, doch dein Blick war alle Zeiten auf das Wesentliche gerichtet. Fotografiere. Schenke deinen Mitmenschen Bilder.

Mensch:
Fotos gibt es doch zuhauf, Gott. Heute hat doch jeder ein Smartphone und damit Internet. Wer wird denn da noch auf das, was mein Auge sieht, warten?

Von der Ferne hört man das Rauschen eines Zuges.

Gott:
Du bist ein schwieriges Geschöpf, Mensch. Was habe ich mir wohl gedacht, als ich dich erschuf? Du bist doch früher gerne in Ausstellungen gegangen. Wie sieht es denn mit Malen aus?

Mensch:
Ich kann den Pinsel nicht nach meinen Vorstellungen bewegen, Gott. Auch das ist nichts für mich. Nun ist es an der Zeit. Es naht der Endpunkt meiner Reise. Ich muss mich fertigmachen, Gott.

Der Zug kommt näher.

Gott:
So schwer es mir fällt, ich verstehe dich. Eines will ich dir noch sagen, Mensch, spitze deine Ohren: Es gibt mich gar nicht. Ich bin nur die Stimme in deinem Kopf.

Der Zug rauscht vorbei.

Stille.

Schritte.

Ein Auto wird gestartet.

Johannes Tosin
(Text und Bild)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19002

 

 

 

 

So war es eben

Am Morgen des achten November 2014 verließ Egon Pichler sein Haus am Rande eines Dorfes namens Gratwein. Es war kalt und der Wind wehte eisig, dennoch setzte sich Egon unter einen Apfelbaum auf seinem weitläufigen Grundstück. Vor genau einem Jahr war seine Ehefrau im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Karla, so hatte sie geheißen, war sieben Jahre jünger gewesen als er.

Den Besuch an ihrem Grab hatte er bereits am Vortag hinter sich gebracht. Seine Tochter Helene hatte ihn dorthin gefahren. Er hatte einen Strauß rote Rosen auf die Grabplatte gelegt und mit Helene über die beiden Toten gesprochen, die im Grab lagen. Neben seiner Frau ruhte sein Sohn Heinrich, dessen Leben im Alter von neununddreißig Jahren geendet hatte.

Helene hatte ihrem Vater ein schweres, in weiches Tuch gehülltes und mit festem Garn verschnürtes Bündel ausgehändigt.
„Das ist alles, was ich von Heinrich habe. Ich habe es über die Jahre aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit gerät; und auch um ihn nicht zu vergessen“, hatte sie gesagt.
„Warum hast du es mir nicht schon früher gegeben?“, hatte Egon gefragt. Verständnislosigkeit hatte in seinem Blick gelegen.
„Weißt du, ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich dir und Mutter das zumuten kann.“
„Aber natürlich hättest du es uns zumuten können! Ich verstehe nicht, warum du so lange damit gewartet hast. Nun ist Karla tot und hat nichts mehr davon!“
„Ich denke, so ist es besser. Was Heinrich hinterlassen hat, hätte ihr bestimmt das Herz gebrochen, glaube mir.“
„Worum handelt es sich denn?“
Helene, Heinrichs Schwester, hatte plötzlich Tränen in den Augen.
„Einfach um die Wahrheit. Um nichts anderes als die Wahrheit.“
„Ich verstehe“, hatte er gesagt.
Seine Tochter hatte den Tonfall in seiner Stimme bemerkt. Es war der für ihn typische, mit dem er auf ebenso unangenehme wie unabänderliche Tatsachen zu reagieren pflegte.

Nachdem er von seiner Tochter wieder nach Hause gebracht worden war, hatte er das Bündel geöffnet und zu lesen begonnen, was sein Sohn geschrieben und dessen Schwester chronologisch geordnet hatte.
Er hatte mit dem Ende begonnen, mit dem letzten Blatt Papier, das von Heinrich beschrieben worden war. Es war der Abschiedsbrief seines Sohnes. Er war an Helene adressiert und ihr wurde darin freigestellt, ihn ihre Eltern lesen zu lassen.

Heinrich Pichler war im Alter von neununddreißig Jahren gestorben. Ein Unglück unter Alkoholeinfluss, hatte es geheißen, ein unglückliches Ausrutschen, ein tiefer Fall und vorbei war es. Heinrichs Mutter Karla hatte eine Weile an dieser Version gezweifelt. Ihr war die Not, unter der ihr Sohn gelitten hatte, durchaus bewusst gewesen und sie hatte den Verdacht, dass er keinem Unfall zum Opfer gefallen war. Nach einer gewissen Zeit jedoch hatte sie ihrer Tochter gerne Glauben geschenkt, die nie auch nur ein Jota von der Version eines Unfalls abgerückt war. Auf diese Weise konnte sie den Verlust ihres Erstgeborenen leichter verkraften.
Egon Pichler, der nie ein besonders gutes Verhältnis zu Heinrich gehabt hatte, war sich über all die Jahrzehnte nicht sicher gewesen, ob es ein Unfall gewesen war. Jedenfalls hatte er den Tod seines Sohnes als unveränderliche Tatsache akzeptiert und im hintersten Winkel seines Gehirns abgespeichert. Selten nur hatte er die Erinnerung an sein Kind daraus hervorgeholt und vor sein geistiges Auge geführt.
Diese Erinnerung war bald nach Heinrichs Tod verblasst.

Sein zweites Kind, Helene, hatte ihm vom Tage ihrer Geburt an näher gestanden, als sein Sohn dies je vermocht hätte.
In der Schule war sie strebsam gewesen, hatte danach Klavier studiert und dank der Beziehungen ihres Ehemannes eine einigermaßen respektable Karriere als Pianistin gemacht.
Heinrich hatte zwei Klassen wiederholen müssen, sein Studium abgebrochen und sich in Wien als Schriftsteller versucht.
Zeit seines Lebens waren ihm Ruhm und Erfolg versagt geblieben, erst nach seinem Tod hatte sein Werk ein wenig Anerkennung erfahren.
Für Egon Pichler war das nur allzu verständlich gewesen.
„Was Helene an Kunst erschafft, wird Heinrich in fünf Leben nicht zustande bringen!“, hatte er oft zu seiner Frau gesagt.
„Ja, leider“, hatte diese geantwortet.
„Welche Stücke sie spielen kann, und in welcher Perfektion – das ist allerhand! Sie wird eine große Karriere machen, da bin ich mir sicher!“
In der Tat hatte sie eine große Karriere gemacht, aus Gratweiner Sicht.

In kleinen Dörfern zählt es mehr, wenn ein Mensch aus der Mitte der Dorfgemeinschaft ein von einem anderen Menschen komponiertes Musikstück exakt zu spielen vermag, als wenn ein Mensch kraft seiner Kreativität ein noch nie dagewesenes Werk erschafft. Ersteres ist für Dorfmenschen sowohl leichter nachvollziehbar als auch nachprüfbar.
So war es auch bei Heinrich und Helene Pichler gewesen.

Diesen Umstand hatte Heinrich in seinem Abschiedsbrief sehr wohl angeführt, jedoch ohne Neid auf seine Schwester oder Vorwürfe an seine Eltern. ‚So war es eben‘, hatte der entsprechende Absatz im Brief geendet.
Nachdem er diesen zu Ende gelesen hatte, war Egon Pichler in seine Küche gegangen, um sich Gin einzugießen. Das Glas neben sich, hatte er die Kurzgeschichten gelesen, die sein Sohn kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Sie waren allesamt düster und, wie die Handschrift erkennen ließ, in angetrunkenem Zustand geschrieben worden. Sie handelten von Todesahnungen und von Verlust, jedoch legten sie nicht offen, worin Heinrichs erlittener Verlust bestanden hatte.
Egon hatte versucht sich vorzustellen, wessen sein Sohn verlustig gegangen war, doch keine Person oder Sache war ihm in den Sinn gekommen.
Nach dem Abendessen hatte er Heinrichs Texte weitergelesen.
Er war bald dahintergekommen, dass sie, je älter sie waren, desto lebensbejahender und voller Hoffnung auf eine gute Zukunft geschrieben worden waren.
In vielen Erzählungen hatte Egon Pichler sich und seine verstorbene Ehefrau erkannt, auch wenn sein Sohn seine Eltern niemals mit ihren wirklichen Namen erwähnt und sie auch nie an den Pranger gestellt hatte. Er hatte zwar sehr wohl Begebenheiten aus seiner Jugend angeführt, doch hatte er stets so formuliert, dass seine Verwandten deswegen nicht hätten böse sein können.
Die frühesten Texte seines Sohnes hatte Egon nur überflogen, denn es war bereits spät und er war müde.
Am nächsten Morgen las er auch diese. Sie waren ungelenk geschrieben, hatten keine klare Botschaft und bereiteten Egon keine große Freude beim Lesen.
Er war auf dem Gebiet der Literatur wenig bewandert, hatte nie viele Bücher gelesen, und nur selten die von seinem Sohn verfassten Texte. Dennoch war es ihm unmöglich, eine gewisse literarische Qualität zu negieren, vor allem in den Werken aus Heinrichs mittlerer Schaffensperiode, also jenen, die nach seinen dilettantischen frühen Werken entstanden waren.

Er las diese Texte ein zweites Mal und erkannte, dass sich zwischen den Zeilen einiges verbarg, was ihm bei der ersten Lektüre entgangen war. Das, was darin verborgen war und ihm nun mitgeteilt wurde, führte Egon vor Augen, wie wenig er seinen Sohn gekannt hatte. Er erfuhr, wer Heinrich Pichler wirklich, was für ein Mensch sein Sohn gewesen war.
Er schämte sich.
Er fand viele Parallelen zu sich selbst, was Gedanken, Gefühle und Handlungen anging. Er hätte in den entsprechenden Situationen auf die selbe Weise gedacht, gefühlt und gehandelt wie die jeweiligen Personen in den Kurzgeschichten, hinter welchen sich, wie er erkannt hatte, niemand anderer als sein Sohn Heinrich verbarg.

Er wurde sich einer Tatsache schmerzlich bewusst: Nämlich der, dass er sich mit Heinrich zwar unterhalten hatte, dies sogar oft, doch niemals mit ihm gesprochen hatte. Er hatte ihn in beinahe jedem Gespräch spüren lassen, dass er im Gegensatz zu seiner Schwester die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllte, jedoch ohne dies offen auszusprechen. Das wäre auch nicht notwendig gewesen, Heinrich hatte auch so verstanden, dass er weniger wert war als Helene, wie Egon einigen von Heinrichs Texten entnehmen konnte.
Sein Sohn hatte auf die selbe Art und Weise reagiert wie viele junge Männer in einer ähnlichen Situation. Er hatte es, wann immer das möglich war, vermieden, mit seinem Vater über Dinge zu sprechen, die nicht Wetter, Sport oder Politik betrafen. Egon Pichler war das nicht entgangen, doch hatte er einfach keine Lust gehabt, etwas daran zu ändern.

Das Telefon klingelte, Helene war am anderen Ende der Leitung.
„Wie geht es dir, Papa? Hast du Heinrichs Texte gelesen?“
„Ja, Helene, das habe ich. Einige sind wirklich gut.“
„Hast du schon alle gelesen?“
„Ja.“
„Was sagst du zu seinem Brief?“, fragte sie.
„Ich habe immer gewusst, dass er sich etwas angetan hat. Der Brief ist nur der Beweis, dass ich recht hatte.“
„Und seine Kurzgeschichten?“
„Nun.“ Egon Pichler zögerte. „Er hatte recht, in vielerlei Hinsicht.“
„Ja, das hatte er wohl. Siehst du ihn nun mit anderen Augen?“
„Ich sehe ihn zum ersten Mal so, wie er wirklich war. Also ja, ich sehe ihn mit anderen Augen.“
„Dann hat es etwas gebracht, dass ich dir die Texte gegeben habe.“

Egon Pichler saß unter seinem Apfelbaum und dachte erst an seine Ehefrau Karla und dann an seinen Sohn Heinrich. Nach etwa dreißig Minuten seufzte er „So war es eben“ und ging in sein großes einsames Haus zurück.
Er stieg auf den Dachboden und kramte in einer verstaubten Kiste. Darin hatte seine Frau die wenigen Literaturzeitschriften, die Texte ihres Sohnes abgedruckt hatten, verwahrt. Er zog sie heraus, wischte den Staub mit dem Ärmel seines Pullovers ab und ging mit den Heften unter dem Arm ins Wohnzimmer. Dort las er jene Kurzgeschichten von Heinrich, die von den Redaktionen für veröffentlichungswürdig befunden worden waren. Sie gefielen ihm gut, weit besser als vor vielen Jahren, als er sie das erste und bis zu diesem Tag einzige Mal gelesen hatte.
Er ging mit den Magazinen wieder auf den Dachboden, doch brachte er es nicht fertig, sie in die staubige Kiste zurückzulegen. So schuf er Platz auf seinem Nachttisch. Auf die frei gewordene Fläche legte er die Zeitschriften mit Heinrichs Beiträgen.
Dadurch war er seinem Sohn näher, als er es zu dessen Lebzeiten je gewesen war.

An sechzehnten Dezember schloss Egon Pichler seine Augen für immer.
Er hatte seinen Tod kommen sehen und entsprechende Vorkehrungen getroffen.
Als seine Tochter das Schlafzimmer ihrer Eltern betrat, fiel ihr sogleich der niedrige Stapel Magazine auf, der auf dem Tisch neben dem Bett lag. Darauf lagen, in ein Tuch eingewickelt, Heinrichs Texte, die sie ihrem Vater gegeben hatte, und auf dem Bündel ein Blatt Papier.
‘Liebe Helene!’, stand darauf. ‘Ich bitte dich um einen Gefallen: Lass in den Stein des Grabes, in dem ich mit Karla und Heinrich ruhen werde, folgende Worte einarbeiten: ‘So war es eben.’ Danke! Papa’

Leider ist es oftmals eben so, dass Nähe erst dann Eingang in das Leben eines Menschen findet, wenn ein anderes Leben bereits zu Ende gegangen ist.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 18131

Vertraut!

Dreiundzwanzig Sommer gemeinsam verbracht,
das Ja-Wort laut gegeben, nicht nur gedacht.
Unseren Töchtern ein behütetes Nest gebaut,
Familienbande – so vertraut.

Mein Fels in der Brandung, ich schmiege mich an,
Gewohnheiten, die man nicht erklären kann.
Unsere Liebe, sehr achtsam erbaut,
Berührungen – so vertraut.

Manchmal stürmisch Worte gesprochen,
doch niemals das Vertrauen gebrochen.
Humor und Witz, in uns zweien verstaut,
Alltagsleben – so vertraut.

Hände, die trösten und halten,
Träume dürfen sich frei entfalten.
Jeder für sich und doch nicht verstaubt,
Eigenständigkeit – so vertraut.

Wertvolle Mitsammen-Zeit in der Natur,
gibt Kraft und Fröhlichkeit pur.
Der Zukunft immer freudig entgegengeschaut,
Zweisamkeit – so vertraut.

Für alle Probleme eine Lösung gefunden,
Verlässlichkeit immer empfunden.
Wir haben uns vieles getraut,
Symbiose – so vertraut.

Wie viele Sommer wird es noch geben,
in unserem gemeinsamen Leben?
Berührung, Verlangen, Friede!
Ein Segen, unsere Liebe!

Zum 23. Hochzeitstag, mein Schatz!

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com/

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 18118

Abgrundtiefe Freundschaft

Spiel weiter, Alessandro, lass deine Finger weiterhin so anmutig über den Hals der Gitarre gleiten. Lass es mich nochmals hören, dieses scharfe Glissando, und dazu der kurze Aufschrei deiner rauen Stimme. Nicht satt kann ich mich an dir sehen, dein feines Antlitz gelöst wie selten, und nicht satt wird meine Kamera, dich abzubilden trotz des spärlichen Lichtes, das uns umgibt, hervorgerufen von ein paar funzeligen Kerzen auf dem Tisch zwischen uns im Kampf gegen das Dunkel des toskanischen Nachthimmels.

Denn wieder einmal ist einer unserer Abende in den Zustand der Zeitlosigkeit abgetaucht, einzig durchflutet von unserer abgrundtiefen Freundschaft, dem Durchfluss blinden bedingungslosen Vertrauens zueinander, der vor gefühlten Jahrhunderten seinen Anfang genommen hat. Du weißt schon, damals in Udine, als du mich Unbekannten, mich Fremden von jenseits der Alpen an deinen Tisch in Paolos Taverne geladen hast, und wir uns mehr mit Händen und Füßen als mit Worten unterhalten haben, so erbärmlich ist mein Italienisch damals gewesen, aber in der Kunst der Handbewegungen spielst du als Italiener sowieso in einer eigenen Klasse.

Sing weiter, Alessandro, stimme nochmals diesen melancholischen Refrain des Lebensglücks an, der so gut zu dem toskanischen Hügel passt, auf dem wir hier sitzen, wir beide ganz alleine, umgeben einzig von stummen Olivenbäumen, die sonderbare Schatten werfen.

Sonderbar auch der Zufall, als ich dich einige Monate später zur erbarmungslosesten Winterzeit in Wien aufgelesen hatte, der Stadt, die du nicht ausstehen kannst, und die du nur besucht hattest, um es mir gleichzutun, im Springen über die Alpen – und das gerade du, der so heimatverwurzelt in seiner udinesischen Ebene ist. Und wie du deinem Ärger über das bitterkalte Wien Luft gemacht hast, im Kaffeehaus nebenan bei unserem vergeblichen Versuch einer Partie Schach, als du ausgezogen bist, deine Bauern gegen ihre eigenen Reihen aufzuhetzen, sie zur Revolution aufzuwiegeln gegen das altersschwache Adelsgeschlecht hinter ihnen mit dem verkalkten König, der hochnäsigen Königin und den anderen zu Kreuze kriechenden Vasallen. Und als sie deinem Ruf des unheilbaren Anarchisten nicht folgen wollten, hast du nach der nächst erreichbaren Zeitung gegriffen und dich trotzig in das Kleingedruckte eines Artikels vertieft, verfasst in einer Sprache, von der du kein Wort verstehst. Keinen einzigen Schachzug haben wir an diesem Tag zustande gebracht.

Ja doch, Alessandro, ich schenke uns noch den Rest der Flasche nach, und die nächste ist ebenfalls bereits offen, aber du mach weiter mit dem Drehen der Kräuterzigarette für uns anstatt so viel zu quatschen. Ja, allen erdenklichen Schabernack werden wir treiben, wir Lausbuben allein unter uns, die ohne Obhut sich selbst überlassen sind, nichts davon werden wir bereuen und schon gar nichts werden wir daraus gelernt haben, am nächsten Morgen.

Es tut mir leid, Alessandro, dass mir über die Lippen gekommen ist, du würdest zu viel reden, gut hat es uns getan, dass wir die Sache mit Filomena zwischen uns aus der Welt schaffen haben können, dass du nicht – wie von mir angenommen – es mir übel genommen hast, dass ich mich damals mit deiner Schwester so tief eingelassen hatte. Sondern im Gegenteil, dass du es ihr zum Vorwurf gemacht hattest, mich so unentrinnbar in den Bann gezogen zu haben, so gefährdet und gefährlich wie sie war, keinem noch so hässlich gähnenden Abgrund abgeneigt. Und dass ich endlich die Gelegenheit habe wahrnehmen können, dir die Wahrheit zu erzählen, was sich auf Staglieno, dem Friedhof von Genua, tatsächlich zugetragen hat, dass ich gezwungen gewesen war, deine Schwester zurückzulassen, Filomena sich nicht mehr von mir finden hatte lassen wollen, am Ende ihres lebensmüden Weges war sie gewesen. Und wie knapp es auch für mich gestanden hatte, für immer dort zu verbleiben, ebenfalls hinter der Kurve in der Straße zu verschwinden, hinter der man nicht mehr gesehen werden kann. Hoch hatte das Schicksal damals mit mir gewürfelt, einem Wunder gleich, dass wir beide, Alessandro, jetzt und hier in einer nachtverträumten Toskana bei zu viel Wein sitzen und uns in die Arme fallen können, nun, da unser letztes Missverständnis aus dem Weg geräumt ist.

Komm schon, Alessandro, ein letztes Lied noch, auch wenn ich bereits so berauscht bin, von all den Dingen, die wir zu uns genommen haben, und besonders von der endlosen Wertschätzung dir gegenüber sowie der hemmungslosen Zuneigung zu dir, denn wahrlich abgrundtief auch unsere Freundschaft, die uns fast aufgezehrt und umgebracht hätte, in der Sehnsucht, der eine im anderen zu sein.

An diese eine sizilianische Klippe kannst du dich bestimmt noch erinnern, Alessandro, zu deiner bleiernen Zeit, in der es dir so schlecht gegangen ist, dir die Seele aus dem Ruder gelaufen ist, und du mich in Fesseln geschlagen und mich unbarmherzig zu treten und zu steinigen begonnen hast, während dir die Tränen unaufhaltsam aus den Augen liefen. Ja, diese schroff überhängende Klippe, das Meer tosend unter ihr, von der du uns beide beinahe in den felsigen Tod gestoßen hättest, in deiner maßlosen Verzweiflung, wäre es mir nicht gelungen, an dein Herz des Italieners zu appellieren: dass ich nicht weit von hier einen Gastwirt kenne, der den besten tonno des gesamten Mittelmeerraums zuzubereiten weiß. Und wie hatten wir diesen Paolo zum Staunen gebracht, als wir blutüberströmt in seine Taverne eingekehrten und aßen wie die Löwen. Überhaupt, ein letztes Geheimnis zwischen uns wirst du mir eines Tages noch lüften müssen: warum alle Gastwirte in deinem Land auf den Namen Paolo hören.

L’alba, der Ausdruck dafür, was als Einziges unser Band zu zerschneiden vermag, das Morgengrauen, das uns aus unserem Zwillingsgefühl reißen, und dessen hartes Licht uns jeweils in die Einzelhaftigkeit entlassen wird. Ach, wie liebe ich dein ansatzloses Auflachen, während ich dir die Doppeldeutigkeit der deutschen Übersetzung erkläre, dieses Lachen, das meine Kamera als letzte Aufnahme zur Unvergesslichkeit dieses Abends stempeln wird – mit einem letzten unvergesslichen Klick.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 18114

Meeresrauschen

Die Flut ebbt ab.
Die Kälte schwillt in brüchigen Wellen.

Nackt und frierend liege ich.
Sand um mich,
will mich nicht zum Himmel drehen.

Schmiege mich in warme Erinnerung.
Noch ein kurzes Bisschen.

Bis ich wiederum zurück
ins kalte Wasser muss.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 18108