Mikro

Ich kenne eine, bei der ist alles Mikro. Es ist wichtig zu wissen, dass es sich um eine Frau handelt, die sich so ausdrückt.

Sie spricht
vom Mikrowadlbeißer
und von den Mikroerdbeeren,
vom Mikroofen, den man nicht mit der Mikrowelle verwechseln sollte, und von der Mikroschere,
vom Mikroauto und vom Mikroflaschl,
vom Mikroholzlöffel, den sie allerdings, weil er gar so mikro ist, beim Abspülen gern abbricht,
von der Mikropizza und vom Mikroreis aus Indien,
vom Mikromaoam, das man auch in der Fastenzeit ruhigen Gewissens schnabulieren darf, vom Mikrofrühstücksei und vom Mikroradler,
vom Mikroschlauchboot und vom Mikrofisch im Aquarium, der leider an einer seltsamen Krankheit gestorben ist,
von den Mikrobananen, die man auch Indianerbananen nennen kann, und von den Mikrofrühlingsblumen,
vom Mikrozündholz und von der Mikropinzette,
vom Mikrogeldtascherl und von den Mikrolockenwicklern,
vom Mikrorausch und vom Mikrohunger,
vom Mikrowochenendtrip und vom Mikrogehalt,
von der Mikroarbeit und vom Mikrokatarrh,
vom Mikrobikini und von den Mikrokatzen,
von einem Mikroproblem und mit unverhohlenem Bedauern vom Mikrobartwuchs mancher Männer.

Angesichts eines Glatzkopfs kann sie aber nicht umhin, den Haarausfall Makro zu nennen.

Dann spricht sie leidenschaftlich
von den Mikroziegen und von einer letzten Mikrozigarette auf dem Balkon,
von einem Mikro-Tiny-Haus, das sich wunderbar fürs Zigeunerleben eignet, und von einer Mikrosekunde, in der alles entschieden ist,
von einem Mikroknödel und einer Mikrosporteinheit, die man sich gleich sparen kann,
von der Mikroorganisation und der Mikrobelastung,
von einer Mikroparty und dem Mikrowurstradl,
vom Mikrofeuer im Kanonenofen, das gleich auszugehen droht, und von der Mikroüberschwemmung, die schon lang vergessen ist.
...

Und ich frage mich, was ist das für ein Mensch, der alles in sich und um sich herum so mikro sieht.
Ist das ein stiller Protest gegen den allgegenwärtigen Trend der Global Player?
Drückt sich darin eine bescheidene Sehnsucht nach überschaubaren Szenarien aus?
Ist es eine notwendige Reduktion auf lebbare Verhältnisse, um im Meer der überbordenden Giganten nicht zu zerschellen?

Wenn man sich nach Liliput sehnt, fängt man an, im Inneren zu wachsen und eine ungewohnte Perspektive einzunehmen. Man kann sich wahrscheinlich auch gut in die kindliche Seele hineinversetzen und sich darin wohlfühlen? Gibt es etwas Besseres als Mikro?

Von einem Mikrochip hat sie noch nie gesprochen und auch nicht von einem Mikroskop. Es gibt nichts, das auf Mikrodatenträgern gespeichert, geschweige denn bis in die kleinste Faser hinein ausspioniert werden müsste. Wenn man es nicht mit dem bloßen Auge erkennt, hat es das Recht, unbehelligt zu bleiben und sich die Scham zu bewahren.

Ihre Kaffeetasse ist aber alles andere als Mikro, sie ist Makromakro, ein Humpen, und auch ihre Schuhe sind nicht Mikro, sie lebt auf großem Fuß.

Wenn sie Mikrooliven kauft, liebt sie die Fünf-Liter-Dose aus dem Großmarkt. Ihre Liebe ist Mega, glaube ich, und hin und wieder ist auch das Mittagessen mega.

Sie gibt es nicht zu, aber sie mag es, wenn man an ihren Namen ein -chen anhängt.

Sie und all die Anderen, die leicht zu übersehen sind, verdienen einen Makroapplaus.

Februar 2020

Claudia Kellnhofer
www.bitterlemonverwunderung.de

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei |Inventarnummer: 20065

 

 

 

 

 

 

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *