Von Mäusen und Menschen – und Geschwistern

Vor Kurzem fiel mir auf einem Bücherflohmarkt eine alte Ausgabe des Klassikers Of mice and men von John Steinbeck in die Hände. Vorsichtig blätterte ich in den vergilbten Seiten, die einst eine ungeliebte Englischhausaufgabe dargestellt hatten.

Als Sechzehnjährige lehnte ich solche Pflichtaufgaben natürlich schon im Vorhinein ab, so wie alles andere, das von Nichtgleichaltrigen an mich herangetragen wurde.
Aufgrund dieser inneren Sperre fand ich nur schleppend den Zugang zu dieser Novelle, die mein Lebensverständnis für immer auf den Kopf stellen sollte.
Zögernd begann ich zu lesen …

Die einsame, bildgewaltige Landschaft des amerikanischen Southwestern im Hochsommer erschien nach den ersten Zeilen vor meinem geistigen Auge. Träge und schläfrig kämpfte ich mich durch die Seiten, so wie die Protagonisten durch das staubige, heiße Kalifornien der 30er Jahre.
Plötzlich wurde ich jedoch von einem unsichtbaren Sog in das Buch hineingezogen, und die Erkenntnis einer emotionalen und geistigen Parallele zu meiner Realität traf mich unvorbereitet und mit der vollen Brandbreite von Gefühlen: Verwirrung, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Verständnis und Sehnsucht.

Ich hatte noch nie so mit einem Charakter mitgelebt, mitgeliebt und mitgelitten wie damals, als ich als europäischer Teenager Einblicke in das raue Leben eines amerikanischen, vom Leben gezeichneten Wanderarbeiters in den 1930ern bekommen hatte.
Ich fühlte mich verstanden. Endlich.
Beschämt und gleichzeitig erleichtert nahm ich wahr, dass auch andere mit der Verantwortung, die ihnen das Leben aufgetragen hatte, nicht zurechtkamen, ja, sich sogar dagegen wehrten, und trotzdem alles taten, um dieser Verantwortung letzten Endes gerecht zu werden.

Die Novelle fußt auf dem Thema des great american dream und der Hilflosigkeit der Charaktere, ihn aufgrund äußerer Umstände zu erfüllen. Sie erzählt von der großen Depression der 30er Jahre, von Rassismus und Standeszugehörigkeit, von der Einsamkeit der Landschaft und der Seele, und vom Unverständnis der anderen Menschen.
Für mich allerdings symbolisiert sie vor allem die Beziehung zwischen meinem Bruder und mir: gezeichnet von Hilflosigkeit, Überforderung und von Ablehnung – und doch hauptsächlich getragen von bedingungsloser Zuneigung.

Er war wie einer der Protagonisten - Lenny: groß, unendlich stark und geistig zurückgeblieben. Ich, nur ein Jahr jünger, war wie George, der für Lenny die Verantwortung übernommen hatte, weil er sich dazu verpflichtet gefühlt hatte.  So wie er fühlte ich den Drang, mich für meinen Bruder zu rechtfertigen, ihn zu verteidigen, ihn zu beschützen und vor allem Bösen zu verstecken.

God a'mighty, if I was alone I could live so easy – Gott allmächtiger, wenn ich allein wäre, wäre das Leben so viel leichter …
George traute sich, das zu sagen, was ich nie auszusprechen gewagt habe. Was ich so viele Male meiner Familie ins Gesicht schmettern wollte und nie, niemals getan habe oder tun werde.
Diesen einen Satz immer wieder und wieder zu lesen, ließ mich begreifen, dass auch ich das Recht hatte, wütend und frustriert über meine selbstauferlegte Verantwortung  zu sein. Es war, als ob eine jahrelange Last endlich von mir fiel, und mit ihr flossen die Tränen der Erleichterung in Sturzbächen hinunter.

Auch fand ich die Antwort, warum ich mir stets auf die Zunge gebissen, mich immer zurückgehalten habe, wenn die Frustration über meine eigene Hilflosigkeit überzukochen drohte, und ich alles und jeden um mich herum in ein schwarzes, tiefes Loch ziehen wollte:
Try to understand each other, if you understand each other you will be kind to each other Versucht euch zu verstehen, denn sobald ihr euch gegenseitig versteht, werdet ihr liebevoll miteinander umgehen.

Ich las das dünne Drama an einem Abend durch, und es ließ mich völlig aufgerieben zurück.
Steinbeck war vor gut achtzig Jahren ein Werk gelungen, das meine Welt als Teenager völlig aus den Angeln gehoben hat und bis heute eines meiner liebsten Bücher ist.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: about | Inventarnummer: 17087

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