Loblied auf eine Zwergenbahn I (Italien 1)

Lecce, 14.2.18, 16 Uhr 50, Bahnsteig 6

Jetzt fahre ich also in den Stiefelabsatz hinein, ins äußerste Spitzerl im Südosten. Nicht Fahren, sondern Schlüpfen ist mein Vorgefühl, wie mit den Fingern in einen Handschuh oder mit einem Schuhlöffel. Mühsam. Ich bin aufgeregt und angespannt wie vor einer Himalaya-Expedition, obwohl nichts auf ein Abenteuer hindeutet. Alles spielt sich nur im Kopf ab, in alten Bildern. Der schmale Bahnsteig ist gefüllt mit Schülern und Pendlern, darunter viele Afrikaner. Einer verkauft Regenschirme. Kann man brauchen, es beginnt zu nieseln. Die Bahn besteht aus einem einzigen Waggon, außen blau-grün-türkis gestreift, drinnen 32 abgewetzte Plastiksitze, fast vollbesetzt. Das Bähnlein muss der Traum eines jeden Kleinbahnliebhabers sein, eins zu eins. Der könnte sie in seinem Garten um die Zwerge kreisen lassen.

Außer mir und einem jungen Liebespaar sind alle Passagiere mit ihren Handys beschäftigt. Das Bähnlein fährt im Schritt hinaus aus den öden Vororten von Lecce auf die Halbinsel Salento, in den Stiefelabsatz zwischen Adria und Ionischem Meer. Weißgekalkte Trulli, Masserien und Trockensteinmauern säumen den Weg, Scharen von Elstern flattern darüber, lassen sich auf Oliven- und Feigenbäumen nieder und schrecken ohne sichtbaren Anlass wieder auf. Ohne sie hören zu können, weiß ich, dass sie genauso hysterisch kreischen und in Schwarz-weiß flattern wie ein alter Stummfilm. Viele Olivenbäume sehen krank aus oder sind schon gefällt. Lange Reihen am Boden wie Grabhügel auf einem Friedhof. Das böse Bakterium Xylella hat sie befallen. Obwohl Abgase in den Waggon gelangen, dringt der säuerliche Geruch von den ausgepressten Oliven der jüngsten Ernte herein; sie liegen in dunklen Hügelgebirgen links und rechts der Strecke. Wie heißen Olivenreste, Trester? Die blühenden Mandel- und Pistazienbäume besprenkeln in weißen und rosa Tupfern die Landschaft.

Das Bähnchen tuckert, pfaucht, rattert und stinkt wie ein alter Steyrer Traktor. Aber es ist sehr musikalisch. Wenn es hält, tutet es wie ein Ozeandampfer; solange die Türen offen sind, rasselt und scheppert es wie ein Blechwecker, und wenn es abfährt, ertönt ein Martinshorn. Aber manchmal musiziert sie auch unterwegs, ein lauter Knall – Fehlzündung, langgezogenes Pfeifen – Anfahrt, klingt wie ein Tuberkulosepatient. So klein es ist, will es doch alles gleichzeitig sein.
Es hat sogar einen Schaffner. Der kontrolliert aber nicht die Fahrkarten, sondern schaut ab und zu aus dem Führerhaus bei den Passagieren vorbei, fragt, wie es geht, va bene? und plaudert mit dem einen oder anderen familiär. Nach einer Stunde Fahrt beginnt es zu regnen, und ein dunkler Abend zieht heran. Für die Strecke von 60 Kilometern braucht das Züglein zwei Stunden und zehn Minuten, fährt also mit 30 Stundenkilometern. Da es aber die Hälfte der Zeit steht, in den Stationen, aber auch unterwegs, werden es nur 15 Stundenkilometer sein. Ein Radfahrer könnte daneben mithalten. Und ich mit meinem Notizbuch kann eins zu eins mitschreiben, was ich sehe, höre und rieche. Analoger geht‘s nicht.

Jetzt weiß ich es, es ist ein „Triebwagen“! Ich habe lange nachgesonnen und hineingefühlt, es ist ein Triebwagen wie an der Donauuferbahn meiner Kindheit, dieses Gemisch aus Geräuschen und Gerüchen, das leise Erzittern aus dem tiefen Inneren des Dieselmotors heraus beim Halten und Anfahren in Weißenkirchen oder Spitz, Persenbeug oder Sarmingstein – ein langsamer Express in die Zeit zurück. Wenn man die Farben weglässt – sie verblassen ohnedies immer mehr – kann man die schwarz-weißen Filme des italienischen Verismo hier ansiedeln, im Mezzogiorno. Einige Bahnhofsgebäude sehen so aus, als hätten sie schon im „Leoparden“ mitgespielt.

Zwei Besonderheiten fallen mir auf: In jeder Station stehen Männer herum, die nicht ausgestiegen sind und nicht einsteigen; die winterliche Gegenwart der Dörfer ist so ereignislos, dass die Ankunft des Bähnleins begrüßt wird. Und jedes Mal, bevor das Bähnlein in eine Station einfährt, bleibt es rasselnd stehen, wie um Atem zu holen, putzt seine Kehle durch, um sich dann langsam an den Bahnhof heranzupirschen. Vielleicht spielt es so etwas wie „Räuber und Gendarm“ auf Apulisch? Ich horche ihm ins Herz hinein, ob es sich nicht etwas von der Tarantella angeeignet hat.

Irgendwann muss ich eingenickt sein, der Schaffner hebt mein zu Boden gefallenes Notizbuch auf, ich sitze mit zwei Frauen allein im Abteil, und das Bähnlein lässt ein endloses Martinshorn ertönen – Endstation Gagliano del Punto. Rocco holt mich ab und bringt mich zu Klaras Wohnturm in der Via Monte Grappa. Schöne Adresse, vor dem Haus kreuzen sich die Via Settembrini und die Via Galileo Galilei, stelle ich am nächsten Morgen fest. Was kann da noch schiefgehen?

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 18122

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