Eine italienische Nacht in der Casa Franca (Italien 2)

Als ich in Gagliano del Punto aus dem Zug steige, bin ich genau 24 Stunden unterwegs gewesen. Rocco, der frühere Besitzer des Hauses, holt mich pünktlich vom Bahnhof ab und fährt mich an die Adresse mit dem schönen Via Monte Grappa gleich hinter dem Dom. Von der Stadt sehe ich fast nichts, es regnet und ist stockfinster. Es geht durch kaum beleuchtete, menschenleere Straßenzüge, glatte, abweisende Mauern ohne Fenster, über einen mit Kugelbäumen gesäumten Boulevard und zwei städtische Plätze, die von Kandelaber-Lampen schwach beleuchtet sind. Menschen sind keine unterwegs, obwohl es erst kurz nach sieben ist.

Rocco weist mich in die Casa Franca ein, zeigt mir alles Nötige, die zwei Zimmer, Heizung, Wasser, Herd, Kühlschrank, Geschirr, Toilette, den Bettzeugkasten, den Ausgang zum kleinen Balkon und den Aufstieg zur Dachterrasse – alles klar, vabene, ich verabschiede ihn schnell und bin allein.

Eine Küche mit offenem Kamin, ein Esszimmer, ein Schlafzimmer mit zwei schmalen Betten. Mehr kann ich vorerst nicht wahrnehmen. Ich bin fast ohnmächtig vor Müdigkeit. Ich habe im Schlafwagen von Wien nach Bologna nicht geschlafen und im Zug nach Lecce nur wenig nachgeholt. Außer dem Mosaikboden nehme ich vorerst keine architektonischen Schönheiten wahr und die bunten Steine nur deswegen, weil es von dort verdammt kalt auf die Füße zieht. Die Schuhe werde ich hier wahrscheinlich höchstens unter der Dusche ausziehen. Zwei Paar Socken, an Hausschuhe habe ich nicht gedacht. Ich packe den Koffer sofort vollständig aus, schlichte die Sachen in den Kasten, richte mich in Bad und Küche ein und stelle einige Stühle um.
Eine Manie von mir, mich sofort häuslich niederzulassen, den Raum besetzen, markieren, wie ein Tier seinen Bau oder sein Terrain.

Dann krame ich aus den Tiefen des Rucksackes den Rest meines Reiseproviants hervor und breite ihn auf den großen Esstisch: ein Weckerl mit Salami, von Mayonnaise, Tomaten- und Zucchinischeiben durchnässt und labbrig, eine Ecke Gouda, zwei Mandarinen, ein Sackerl getrocknete Maroni von „ja! Natürlich“, je eine Packung Mannerschnitten und Reiscracker. Scharfe Fishermans friends Mint-Zuckerl. Nicht gerade üppig, aber ein Genuss ohnegleichen. Seligkeit sickert langsam in den Körper ein, zusammen mit dem Rest von Mineralwasser und lauwarmem Kaffee aus der treuen Thermoskanne. Dieser Platz an dem großen, alten Holztisch unter der Lampe mit einem abstrakten Bild gegenüber, das ich sofort mag – das wird meiner werden für den Rest der dreizehn Tage.

Ohne mich auszuziehen oder zu waschen, schlüpfe ich unter die Decke. Das Licht am Nachtkästchen ist zum Lesen nicht optimal, die Kissen auch nicht. Aus der Mauer strömt Kälte, also binde ich mir mein großes Tuch um die Schultern und knüpfe es auf der Brust fest.
Großmutter, babuschka. Die mitgebrachten Bücher – ein Viertel des Kofferinhalts – staple ich auf dem Nebenbett, griffbereit, auch die Tag- und Nachtbücher, Kulis und Bleistifte ebenfalls.
Verdammt, ich habe in den Vorgesprächen mit der Vermieterin nicht nach Bettlicht und Kissen gefragt, obwohl genau das immer schon und überall die wichtigsten Elemente meiner Nächte sind.
Mein aktuelles Buch „Unter der Drachenwand“ habe ich in der Bahn begonnen und es fasziniert mich von der ersten Zeile an. Irgendwie laufen zwei Filme gleichzeitig ab, in einem zusammengeschmolzen – draußen die Adriaküste von Ancona nach Süden, wenn ich hinausschaue, und im Buch steht das Salzkammergut im Jahr 1944 vor mir. Der Held friert die ganze Zeit in seiner Dachkammer am Mondsee, das Heizen ist eine der wichtigsten Überlebensfragen. Im Rapido war es wohlig warm. Ich suche im Kasten nach einer zweiten Decke, rotes Fleece, jetzt schon schwer wie eine Ziegeldecke, aber ohne echte Wärme. Der Berg um meinen Körper wird größer, ich versuche, nicht in den Spiegel des Schrankes gegenüber zu schauen.

Irgendwann bemerke ich, dass der Regen stärker wird und hart an die Scheiben der Balkontüre schlägt. Irgendwelche Dinge am Balkon klappern ständig aneinander, rasseln und quietschen? Sind das gequälte Katzen unten auf der Straße? Als ich so an die zwei Kissen gegen die Wand gelehnt sitze und in der Drachenwand lese, bemerke ich, dass sich die Buchseiten von selbst bewegen. Die Zugluft kommt von der Balkontüre her. Ich steige auf einen Stuhl und versuche, mit einem Leintuch den fingerbreiten Spalt von oben nach unten auszustopfen. Es rutscht immer wieder herunter, ich bin zu klein für diese italienische Tür, Abendgymnastik hatte ich nicht vorgehabt.

Auf dem Fußbodenmosaik breitet sich eine Wasserlache aus. Ich wische sie auf und klemme einen Stuhl unter die Türklinke. Ok, unten ist es dicht und trocken, oben versuche ich weiter, auf einem Stuhl balancierend, das Leintuch in den klaffenden Spalt zu drängen. Da gibt es einen furchtbaren Knall, und vor Schreck falle ich fast vom Stuhl. Der Regen ist in ein Gewitter mit Donner und Blitz übergegangen. Nachdem ich mich aufgerappelt habe, stopfe ich das Leintuch in den Ritz. Nach einigen Versuchen – erfolgreich. Wieder im Bett, stelle ich fest, dass sich die Buchseiten der Drachenwand nicht mehr eigenwillig bewegen. Aber immer noch Frösteln unter den zwei Decken. Eine dritte aus dem Kasten. Da kommt ein Durcheinander auf. Also löse ich das Bergungetüm auf und ziehe Schicht für Schicht die Decken und Laken von der Matratze ab. Weil ich noch die Lesebrille vor den Augen habe, nehme ich kleine, dunkle Punkte wahr.

Da hätte ich nicht so gut hinschauen sollen. Aber weil ich vom Land bin, erkenne ich sofort, was das ist – Mäusedreck, Bämmerl hieß das in meiner Kindheit. Mir graust nicht wirklich, aber erfreut bin ich auch nicht. Das zweite Bett untersuchen, es ist sauber, trotzdem darunter Besenkehren, alles ab- und frisch überziehen, Unterbett, Leintuch auf der Matratze, Leintuch unter der ersten Decke nach außen umschlagen, vier Fleecedecken drauf und Kissen aufschütteln. Mir ist kalt und gleichzeitig rinnt mir Schweiß über den Rücken und zwischen die Brüste.

Es ist klar, ich werde bestraft, und ich frage mich, wodurch ich den Zorn Gottes auf mich gezogen habe. Eindeutig, ich zähle nach, die Reste der Mäuseinvasion sind die fünfte Plage. Nach der biblischen Erzählung würde es noch fünf brauchen bis zum glücklichen Exodus. Die sechste herrscht ohnedies ständig, die undurchdringliche Finsternis der Nacht. Von nun an bleibt EXODUS an der Wand stehen. Was war geschehen? Wie war ich in diesen göttlichen Rachefeldzug geraten? Ich horche in mich hinein und kann keine Schuld finden.
Im „Falter“ die Annonce gefunden, die Vermieterin Klara kontaktiert – spontane Wärme und Sympathie – und im Reisebüro Ruefa die Bahnreise gebucht, glücklich über die günstige Sparschiene. Alles hat sich so richtig angefühlt. Keine bösen Vorzeichen, Warnungen oder Träume. Ich bleibe uneinsichtig, werde pathetisch, trotzig und wehleidig. Mir fehlt ein Adressat für Schuldzuweisungen. Und noch zeigt nichts auf mich.

Nach der Putzorgie kehre ich unter den Schutz der Drachenwand zurück und gerate wieder in ihren Sog. Der Mondsee ist doch meine zweite Kindheitsheimat, mal sehen, wie der Vorarlberger Arno Geiger mit meinem Lebensjuwel umgeht. Soweit sehr einfühlsam. Ich habe bisher nichts auszusetzen. Fast nichts. Nur, warum erwähnt er das Loch in der Drachenwand nicht? Das hätte er doch leicht verwenden können in seinem Plot, geradezu symbolisch. Immer muss ich die Schriftsteller verbessern, eine unsympathische Lehrer- und Lektoren-Krankheit, aber nicht abzulegen wie der Radiergummibleistift in der Hand beim Lesen.

Während ich überlege, wie er die Sage vom Jungfrauen verschlingenden Drachen verarbeiten hätte können, gibt es in den Tiefen des Gemäuers einen furchtbaren Rums, der mich ich aus dem Bett springen lässt. Eine Explosion? Gas, Wasser, hier, in der Nachbarschaft, Terror? Was habe ich bei Roccos Erklärungen nicht verstanden? Na gar nichts. Ich stehe wie versteinert da und erwarte mein Todesurteil. Danach gibt es ein leichtes Nachtuckern, das zusammengekrampfte Herz erleichtert sich – es war das An- und Abschwellen des Heizungsthermostats, das Geräusch ist mir vertraut. Aber was ist das wieder? Erst nach dem dritten Klogang verstehe ich, dass es für den Wassertransport eine heulende und röchelnde Pumpe gibt. Ich wohne schließlich in einem mittelalterlichen Turm. Irgendetwas klappert noch immer, es kommt vom Balkon, zum Glück, es sind nicht meine Zähne. Ich werde es hoffentlich am Morgen erfahren.

Da durchfährt es mich heißkalt – habe ich hinter Rocco abgeschlossen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich wollte ihn nur so schnell wie möglich loswerden und habe immer nur zu allem si, si, vabene, grazie gestammelt.
Sofort springt das rassistische Gedächtnis an. Die Massen von Afrikanern auf den Bahnhöfen von Bologna an allen Stationen bis nach Lecce. Ich tappe die enge, gewundene und steile Treppe nach unten in die Eiseskälte, schlotternd vor Angst und Schlaftrunkenheit. Die eiserne Eingangstüre ist tatsächlich nicht abgesperrt, drehe den Schlüssel zweimal herum und sinke kurz auf die Steinstufe. Durchatmen, aus, ein, aus, ein, Hände aufs Sonnengeflecht.
Als wäre dort wirklich ein schwarzer Mann gestanden, mit üblen Absichten, so sehr klopft das Herz, als ich wieder unter die Decken krieche und mit Hilfe von Lektüre einzuschlafen versuche. Der Dumont-Reiseführer Apulien mit seinen vielen bunten Bildern von sonnigen Stränden, Olivenhainen und Blumenwiesen hilft ungefähr so viel wie ein Märchenbuch als Trost und Wahrheitsquelle.

Lustig war diese Nacht gewiss nicht, trotzdem erwache ich erst mitten am Vormittag, ungewöhnlich erfrischt und fröhlich. Ausnahmsweise ist kein Alptraum in der Erinnerung hängengeblieben. Es gibt kein Aalen und Schlunzen, Herumdrehen im Bett. Die Glocken von San Rocco bimmeln beharrlich, und ihre zwei Uhren schlagen hintereinander jede Viertelstunde zweistimmig, also fast die ganze Stunde hindurch. Ich trete mit dem ersten italienischen Espresso auf den Balkon – ein Hoch auf Klara, sie hat einen Kaffee-Vorrat und fünf verschiedene Größen von Alessi-Maschinen – und stelle fest, dass der Regen aufgehört hat und eine bleiche Sonne durch die Wolkenfetzen scheint.
Allerdings muss ich die Tasse am Tischchen abstellen und mich mit beiden Händen am Geländer festhalten, damit der Sturm mich nicht in die Via Monte Grappa hinunterweht. Rund um mein Haus ein Gewirr von weißen Flachdächern, dazwischen Palmen und Eukalyptusbäume, vom Wind wild gebeutelt. In der Ferne winken das grüne Kap von Maria della Leuca, der weiße Leuchtturm und am Horizont ein blassblauer Streifen, die Adria. Hallo, Italien, ich bin angekommen am finis terrae. Ich schöpfe Hoffnung. Riecht es nicht schon nach dem italienischen Frühling? Und vergesse sofort die nächtliche Wandinschrift. Flucht aufgeschoben. Welch eine Hybris!

Wien, 1./2.März 18

Veronika Seyr
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