Vielleicht in 200 bis 300 Jahren

„Von einem Druck des Romans kann keine Rede sein, nicht früher als vielleicht in 200 bis 300 Jahren.“ Diese Prognose für das Erscheinen seines Romans bekam der russische Schriftsteller Wassilij Semjonowitsch Grossman 1961 von dem ZK-Sekretär für Kultur Suslow im Jahr 1962 gestellt. Grossman hatte ein monumentales Buch über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, in dessen Zentrum die Schlacht um Stalingrad und die Wende im Verlauf des Krieges stehen. Er hat fast zwanzig Jahre daran geschrieben, die gesamte Kriegszeit verbrachte er als Reporter der Armee-Zeitung „Roter Stern“ an den Fronten. Er erlebte die Niederlagen im Westen zu Beginn der Invasion, die Schlachten um Moskau und Kursk, die fünf Monate des Kampfes blieb er in Stalingrad, und auch bei der Rückeroberung Weißrusslands, des Baltikums und beim Einmarsch in Berlin war er dabei.

Der studierte Chemiker, 1905 als Jossif Solomonowitsch im westukrainischen Berditschew geboren, schrieb vor dem Krieg Romane und Erzählungen, ganz entsprechend der vorgegebenen Linie des Sozialistischen Realismus; er zeichnete das Leben der sowjetischen Arbeiter beim Aufbau des Sozialismus nach. Gorki wurde auf ihn aufmerksam und führte den jungen Kollegen ins Literaturleben ein. Damit konnte er seine Arbeit in den Gruben von Donezk verlassen, ging nach Moskau, wurde veröffentlicht und hatte mit mehreren Erzählungs-Bänden und vielen Artikeln großen Erfolg. Den Großen Terror überlebt er angeblich unbeschadet, leiblich. Seine Frau Olga wird verhaftet, sein Sohn stirbt bei vormilitärischen Übungen, seine Mutter kommt im Getto von Berditschew ums Leben, so wie auch die anderen zwanzig- bis dreißigtausend jüdischen Bewohner. 1944 schreibt er als erster Augenzeuge detaillierte Berichte über die Vernichtungslager von Maidanek und Treblinka. Sie werden auch für den Nürnberger Prozess als Unterlagen für die Anklage herangezogen und im Wortlaut vorgelesen.
Aber Grosssman war auch nicht blind gegenüber der anderen Seite des Terrors. Gleich nach der Anklage Chruschtschows gegen Stalin begann er mit der Sammlung der Schicksale der im Großen Terror vernichteten Sowjetbürger. Das umfangreiche „Schwarzbuch“ wurde aber knapp vor seinem Erscheinen eingestampft und erschien nie.

Die Verhaftung eines Romans ist die höchste Auszeichnung, die die Staatsmacht einem künstlerischen Werk verleihen kann. Die Dichtung wird der Wahrheit gleichgestellt, die Erfindungen des Schriftstellers dem Verrat von Staatsgeheimnissen. Die Staatsmacht empfindet Angst vor erdachten Figuren und den Gedanken eines Autors, selbst wenn sich diese nicht in Druckseiten mit Massenauflage verwandelt haben, sondern im Schreibtisch des Schriftstellers oder in denen der Geheimdienstler ruhen bleiben.

Das Schicksal dieses Buches ist einzigartig und lässt sich in jeder einzelnen Etappe nachvollziehen. Grossman übergibt 1962 das Manuskript von eintausend Seiten der regimekonformen Literaturzeitschrift „Znamja“. Chefredakteur Wadim Koschewnikow liest es und reicht es an seine Stellvertreter Ljudmila Skorino und Alexander Kriwizki weiter. Sie erkennen die Explosionskraft des Buches und sind entsetzt. Auch nach dem XX. und XXII. Parteitag und dem Chruschtschow‘schen Tauwetters durfte man nicht so weit gehen wie Grossman: Sein Bild der sowjetischen Gesellschaft war zu schrecklich und vor allem zu wahrheitsgetreu. Gemeinsam beschließen sie die Denunziation und liefern das Buch an den KGB weiter. Dank dieser namentlich bekannten Handlager erscheinen kurz danach bei Grossman zwei Männer in Zivil, die sich als Major und Hauptmann des KGB ausweisen. Sie zeigen den Befehl zur Hausdurchsuchung vor und verlangen von ihm die Herausgabe aller Exemplare.

Sie nehmen nicht nur die maschingeschriebenen Kopien mit, sondern auch die Entwürfe und bei den Stenotypistinnen und Maschinistinnen die Farbbänder und die Blätter des Durchschlagpapiers, von denen man „gegen das Licht etwas hätte entziffern können“. Sein Monumentalwerk schien für immer vernichtet. Der Autor wurde nicht verhaftet, es blieb ihm das Schicksal von Mandelstam, Babel, Bulgakow, Chlebnikow und Antonow erspart, aber er erkrankte kurz danach an Krebs und starb drei Jahre später, nur neunundfünfzigjährig.
Was hatte die Erstleser von „Snamja“ und jene im KGB so erschreckt? Um die Beschlagnahme eines Manuskripts eines bekannten Schriftstellers zu beschließen, musste man es fürchten und hassen wie die Pest.

„Leben und Schicksal“ erforscht die sowjetische Realität am Höhepunkt ihrer Geschichte, im Kampf um Stalingrad. Gleichzeitig ist hier die schwerste Niederlage der Roten Armee, die bis zur Wolga zurückgewichen war, mit dem überragenden Sieg über den Feind dargestellt. Stalingrad als die größte Hoffnung auf den Untergang des Nazismus und die Einsicht, dass es keinen Triumph der Demokratie geben wird. Grossman erlaubt uns, tiefe Einblicke in den Erkenntnisprozess einer großen Anzahl von Personen nachzuvollziehen.

Zwischen Rassen- und Klassen-Fanatismus besteht kein grundsätzlicher Unterschied. Ein erstaunliches Paradox: Gerade in Stalingrad wird offenbar, dass die Regime, die einander bekämpften, endgültig wie Spiegelbilder einander ähnlich waren. Grossmann begeht das schlimmste Verbrechen, er dringt sogar ins Hinterland des Hinterlandes ein und stellt Gulags und Konzentrationslager einander gegenüber. Nach seinen Erfahrungen mit dem Stalinismus kommt Grossman persönlich zu christlich anmutenden Folgerungen, die er wie ein Evangelium in den Mund des inhaftierten Popen Ikonnikow legt:
„Wenn das Gute nicht in der Natur, nicht in den Predigten der Propheten, nicht in den Lehren der großen Soziologen und Volksführer und nicht in der Ethik der Philosophen liegt, wo dann? - Es liegt in den Herzen der einfachen Menschen, in der Nächstenliebe. (…)
Die Geschichte der Menschheit ist nicht die des Kampfes zwischen Gut und Böse, sondern die des Kampfes zwischen dem sogenannten Guten und jenem Körnchen Menschlichkeit. Wenn selbst unter den heutigen Bedingungen das Menschliche im Menschen nicht abgetötet werden kann, dann wird das Böse niemals den Sieg davontragen.“ (Leben und Schicksal, S. 341)

Auch daran wird deutlich, dass sich Grossman niemand Geringeren als Lew Tolstoj zum Vorbild genommen hat. Wie in „Krieg und Frieden“ gruppiert er die Menschen – es sind bei ihm an die zweihundert auf Hunderten Schauplätzen – in mehreren Familien. Im Zentrum steht die weitverzweigte Familie des sowjetischen Atomphysikers Viktor Pawlowitsch Strum und der angeheirateten Schaposchnikows. Strum gelingt der Durchbruch zu den entscheidenden Erkenntnissen und damit der sowjetischen Wissenschaft der Anschluss an die westliche Physik. Gerade als Strum den Stalin-Preis und die Glückwunschtelegramme von Einstein und Fermi erwartet, gerät er in den Strudel des Stalin‘schen Antisemitismus. Er sieht sich umgeben von einer Heerschar von Speichelleckern, Heuchlern, Karrieristen und Antisemiten. Er, der immer nur der sowjetischen Wissenschaft gedient hat, wird ins Gefängnis geworfen mit der Anklage nach dem berüchtigten Artikel 58 / Absätze 10 und 8 wegen antisowjetischer Agitation und terroristischer Tätigkeit. Ein Urteil, das seit dem Großen Terror von 1937 an viele Hunderttausende von Sowjetbürgern in die Lager gebracht hatte. Oder gleich in den Tod in der Lubjanka oder auf den Transporten.

Der Viktor P. Strum im Roman wird noch einmal entlassen, weil man sein Gehirn zur Glorie der sowjetischen Wissenschaft noch brauchen konnte. Aber der jüdisch geborene, sowjetisch sozialisierte Schriftsteller Grossman selbst wird nie wieder loskommen von der Judenvernichtung durch die Nazis und der Verfolgung durch Stalin.
Ein enger Freund schreibt später, er hatte damit seinen Knacks weg. Seine strenge, heilige, lichtbringende, sowjetische Kathedrale Stalin war eingestürzt.

Pasternaks Dr. Schiwago und Solschenizyns Archipel Gulag lösten gewaltige Skandale aus und hatten für die Autoren schwerwiegende Folgen. Pasternak starb nur zwei Jahre später an gebrochenem Herzen, Solschenizyn wurde des Landes verwiesen. Aber die Romane, so wichtig und aufklärerisch sie auch waren, bedeuteten Kinderspiele im Vergleich zu Leben und Schicksal. Sie waren für das Zentralkomitee und die Geheimdienste viel weniger gefährlich als Grossmans Buch. Es greift alle Probleme des Stalinismus offen auf und an, stellt die Verbrechen ungeschönt dar, alle in der Partei, in der Armee und sogar das proletarische Volk selbst, das gar nicht so glorreich ist, sondern auch arbeitsscheu, versoffen, devot und kriecherisch, ein Volk von Tätern und Opfern, nicht klar getrennt, sondern oft beides in einer Person. Bei allen Parallelen, die er sonst zwischen den Diktaturen zieht, ist das der große Unterschied zum anderen Totalitarismus, den Grossman herausstellt.
Das muss ihm bewusst gewesen sein, als er sein Manuskript der „Snamja“ übergab.
Er muss gewusst haben, dass man ihm das nicht durchgehen lassen wird.

Später geschah doch noch ein Wunder, nachdem das Manuskript von „Leben und Schicksal“ zwanzig Jahre lang in Haft gesessen war. Grossman hatte damals zwei Exemplare seines Manuskripts bei Freunden in Moskau verstecken können, die auf geheimen Wegen in den Westen gelangten, übersetzt und veröffentlicht wurden, das russische Original zuerst 1980 in einem Exil-Verlag in Lausanne, deutsch 1987 bei Ullstein.

26.8.17

Veronika Seyr
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