Kamele

Ich saß mit Jakob in der kleinen Küche. Es war Sonntagabend im frühen Herbst. Wir hockten auf zu hohen Stühlen am niedrigen runden Tischchen, in die Ecke gedrängt. Über das Tischchen war die wunderschön handbestickte und etwas fleckige Decke gebreitet, die ich im Sommer mit Nadja in Berlin am Flohmarkt gekauft hatte. Ich saß mit angewinkelten Beinen, eingezwängt zwischen Speisekammertür, Spülmaschine, Tisch und Fensterbrett im Rücken. Jakob saß etwas komfortabler. Er hatte Beinfreiheit und war nur von drei Seiten beengt, wobei der kolossale kirschrote Bosch Kühlschrank zu seiner Rechten einen mächtigen, sanft surrenden Schutzwall bildete. Wir tranken Kaffee.

Jakob sollte aus Regensburg kommen, weil wir das Esszimmer haben ausweißeln lassen. – Robert, der Maler, hatte mit den Mäandern, die ich als Umrahmung für den Durchgang zur Küche wollte, seine liebe Not. Er gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass er nie mehr einen derartigen Auftrag annehmen werde. – Blödes Muster! – Keine Kundschaft außer mir will diese greißliche Bordüre an der Wand haben. Zur Besänftigung der hinuntergeschluckten Flüche serviere ich ihm einen Kaffee nach dem anderen, was die Situation nur geringfügig entschärft, bis er schließlich auch keinen Kaffee mehr mag und immer einsilbiger wird. Das mit den Mäandern will und will einfach nicht hinhauen. Er macht wortlos fertig, packt um Punkt fünf sein Zeugs zusammen und räumt das Feld. Ich sehe es ihm an, er denkt: Auf Nimmerwiedersehn! Ich kann es ihm nicht übel nehmen.
Ein paar Tage später kam die Sigrid, seine Chefin, übermalte die windschiefen Mäander und zauberte rechtförmige darüber. Wir waren uns einig, dass Robert diese Schmach nie erfahren soll. – Jetzt gleicht mein Eingang zur Küche einem griechischen Tempel. Vielleicht hätte ich doch auf Roberts Einschätzung der Lage hören sollen.

Diese Vorgeschichte erzähle ich nur nebenbei. Robert hat es auch verdient, einmal in einer Geschichte vorzukommen. Und ich entschuldige mich bei der Gelegenheit auch für den ekelhaften Auftrag und den vielen starken Kaffee!

Jetzt kehre ich aber zu Jakob und mir in der Küche zurück. Aus diversen, hier nicht näher zu erklärenden Gründen hat es Jakob erst am frühen Nachmittag geschafft, nach Hause zu fahren. Die Hauptarbeit, das Einräumen des Esszimmers, war bereits erledigt, und so reichte es aus, dass Jakob eine symbolische Tat vollbrachte, beim Kanapee mit anpackte, und sich anschließend kaffeetrinkend davon und von manch anderen Strapazen des Studentenlebens erholte.
Gleichzeitig pflegte er eine gehobene Unterhaltung mit mir. Die zentralen Themen AfD, Conti, einen wirklich nur ganz kurzen Exkurs zu den geschriebenen Klausuren in den verschiedenen Studiengebieten. Schließlich bereicherte Jakob unsere gepflegte Konversation wesentlich, indem er mir seine neue App vorstellte. Die Kamel App! – Das traf natürlich sofort mein Interesse, und ich vergaß blitzschnell alle Fragen das Studium betreffend. – Wie hat man sich nun so eine Kamel App vorzustellen? Sie bietet dem Nutzer die Möglichkeit, den Wert einer Person durch die Eingabe bestimmter Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Haarlänge und Haarfarbe, Brustumfang, Bildungsgrad, Alter usw. zu ermitteln. Interessanterweise ist die dafür verwendete Währung weder Euro, Rubel, Schekel noch Dollar, sondern Kamel. Zugegeben für unsere Region ungewöhnlich, aber im Sinne der Globalisierung durchaus innovativ und zukunftsträchtig.

Warum sollte man sich eigentlich nicht – angesichts der fortschreitenden Inflation – auf altbewährte und zudem wertbeständige Tauschgüter zurückbesinnen. Kamele gefallen mir, obwohl ich ehrlich gesagt abgesehen vom Tierpark noch kaum ein lebendiges zu Gesicht bekommen habe. Auch auf der Israelreise habe ich vom Bus aus in der Ferne Kamele erahnen können, und einmal bei einer Tankstelle eins von der Nähe bestaunt. Es stand dort als beliebtes Fotoobjekt für Touristen bereit.
Ich schämte mich aber angesichts meiner Körperfülle, vom zierlichen Kameltreiber auf den Rücken des armen Tieres gewuchtet zu werden. Deshalb lehnte ich das Angebot ab, mich auf dem schmucken Kamel sitzend fotografieren zu lassen. Das war damals dumm von mir. Wie schön wäre es doch jetzt, so ein Foto neben dem Bosch Kühlschrank hängen zu haben. – Eine verpasste Gelegenheit!

Nun aber wieder zurück zur Kamel App. Jakob erzählt mir, dass seine Freundin Aysun laut App einem Gegenwert von 83, in Worten dreiundachtzig, Kamelen entspricht. Ich bin beeindruckt und spüre meinen eigenen Wert sinken.

„Woher nehmen?“, frage ich. „Ja mei, die muss der Papa auftreiben!“ Oh mei, das wird schwierig. Alles könnte der Papa auftreiben: Kaffeemaschinen, Kühlschränke, Küchenherde, original Schreibtischlampen und Telefonapparate im Nazi-Design, vielleicht sogar eine Waschmaschine, aber ein Kamel? – Das erscheint mir unmöglich. Aber wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Schließlich will Aysun gefreit werden. Ich halte meine Augen offen.

PS: Mein Wert beläuft sich laut App übrigens trotz meines fortgeschrittenen Alters immer noch auf stattliche 53 Kamele. Ich möchte nicht versäumen, abschließend noch darauf hinzuweisen.

PS: Am Weihnachtsfeiertag hat übrigens eine Neuberechnung vor Zeugen ergeben, dass sich bei der ersten Kalkulation ein Fehler eingeschlichen haben muss. Der Wert von Aysun beträgt nach eingehender Prüfung 73 Kamele. Auch sehr beachtlich!

Weihnachten 2017

 Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18012

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