Der Mann mit dem Spatzenkäfig

Köhler passierte das gusseiserne Tor in der alten Stadtmauer und trat in den Rosengarten; in der Hand trug er einen Vogelbauer. Die Luft war frisch, und er spürte die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Er setzte sich auf die Bank neben dem Steinbrunnen, wo er jeden Morgen saß, und öffnete das Türchen. Nicco tschilpte und blickte ihn fragend an.

„Flieg nur“, ermunterte ihn Köhler und lehnte sich zurück. Er schob sich den Hut aus der Stirn. Der Brunnen plätscherte.

Nicco hüpfte aus dem Käfig und nahm zwischen den Beeten ein ausgiebiges Staubbad. Köhler lächelte. Wenn es dem kleinen Dreckspatz nur gut ging. Er sah seine Frau, wie sie an einer pfirsichfarbenen Rosenblüte roch; wunderbar lieblich war ihr Duft. In seiner Brust brannte es.

Der Spatz war zum offenen Fenster hereingeflogen, als Köhler am Bett seiner Frau gesessen und ihre kälter werdende Hand gehalten hatte. Er war auf seiner Schulter gelandet und seither bei ihm geblieben. Drei Jahre waren vergangen, und jeder Tag war ein Geschenk seines kleinen Freundes gewesen. Köhler hatte ihn Nicco getauft, da er zu Paganinis Geigenmusik zwitscherte; jeden Abend hörten sie sich eine Schallplatte an.

Nicco flog auf und schaukelte auf dem Ast eines leuchtendroten Ahorns. Zwischen den Zweigen schimmerte der Fluss in einem silbrigen Licht, das unter der Brücke hindurchfloss wie durch ein Tor zur Ewigkeit. Wenn nur der Spatz immer wieder zu ihm zurückkam; es war sein einziger Wunsch.

Um den Vogelbauer herum ließ sich ein Grüppchen Spatzen nieder und beäugte neugierig die hölzerne Konstruktion; jeder von ihnen war anders gezeichnet. Der Frechste sprang als Erster hinein und wühlte im Futternapf, dann wechselten sie sich ab. Köhler ließ sie gewähren, er hatte noch genug Sonnenblumenkerne zu Hause. Es war ein lebendiges Treiben, und bald war kein Körnchen mehr übrig.

Nicco landete auf dem Brunnen und trank von dem kühlen Wasser. Plötzlich machten die Spatzen ein Gezeter, doch er beachtete sie nicht. Als hätte er ihren Zorn provoziert, stürzten sie sich auf ihn. Köhler wollte die Angreifer vertreiben, doch ein stechender Schmerz raubte ihm den Atem. Er fasste sich ans Herz. Der kleine Vogel wehrte sich tapfer, obgleich er keine Chance hatte. Sie schrien, johlten und kreischten. Kalter Schweiß trat auf Köhlers Stirn, sein Herz stolperte wie ein elender Heimkehrer aus dem Krieg, und die bezwingende Enge in seiner Brust versetzte ihn in panische Angst. Mit aller Kraft kämpfte er dagegen an, bis der Lärm um ihn herum abebbte und sich in der Stille flirrende Geigenklänge und eine grenzenlose Leichtigkeit ausbreiteten. Unvermittelt stand ein strahlender Paganini im Gehrock vor ihm; er nahm die Geige vom Kinn und verneigte sich. Das Letzte, was Köhler sah, war ein zerzauster Spatz, der sich auf seine Hand setzte. Er schmiegte sich in die Kuhle seiner Handfläche und schloss für immer die Augen.

Angela Kreuz

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 18011

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