Wie Tamara die Avocado kennenlernte

Sie war die Lieblings-Deutsch-Dolmetscherin des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow. Er forderte sie persönlich an, wenn er deutsch sprechende Gäste in seiner Stadt empfing, sei es aus Berlin, Zürich oder Wien. Die zuständigen Diplomaten flüsterten dem Polit-Neuling zu, dass es Gepflogenheit sei, dass jede Delegation ihre eigenen Dolmetscher mitbringen würde. Es nützte nichts, der stierköpfige Russe blieb bei seiner Tamara. Niemand ist besser, da können Sie sicher sein. Die kann nicht nur einfach Deutsch, sondern auch Berlinerisch, Schweizerdeutsch und Wienerisch.
Sogar die Schmähs. Alle Episoden und Witze, die Geschichte und die Literatur.

Luschkow war zu seiner Zeit kein Verhandler, sondern ein Durchsetzer, eine Dampfwalze.
Bald sprach sich die Mär über die kleine, zarte, fabelhafte Russin in allen Botschaften und Bürgermeister-Amtsstuben herum: Tamara ist wirklich die Beste! Sie ist klug, hübsch, elegant, charmant, witzig, schnell, diplomatisch, firm in jedem Bereich, bis zu den schnell unübersetzt gelassenen Altherrenwitzen und politisch-historischen Fettnäpfchen. Sie war einfach perfekt. Sie konnte Lippen, Blicke und in der Seele lesen, war Aug und Ohr ihrer Herrschaften, ja es schien fast so, als könnte sie sogar deren Willen lenken.

So kam sie einmal auch an Luschkows Seite nach Wien zum Amtsbruder Helmut Zilk. Der war schon seit seinem ersten Besuch in Russlands Hauptstadt ein Moskau-Fan, und auf Luschkows Übersetzerin freute er sich besonders. Sie war ja nicht nur eine beeidete Dolmetscherin und Übersetzerin, sondern im Hauptberuf Universitätsprofessorin für Linguistik, Translationswissenschaften und interkulturelle Kommunikation, alles ganz neu im Wende-Russland unter Jelzin. Vergesst das KGB, wir suchen uns unsere Leute jetzt selbst aus, nach unserem einfachen menschlichen Empfinden.
In Moskau hatte sie einen guten Ruf als Germanistin und Übersetzerin speziell österreichischer Literatur. Wie vielen Studenten hat sie den Blick auf Österreich und seine Kultur gelenkt, wie viele Diplomarbeiten und Dissertationen zu österreichischen Themen angeregt und Literatur-Übersetzungen veranlasst. Sie kannte Wien und seinen Bewohner wie ihre Handtasche, hatte sie doch lange auch in Wien Russisch unterrichtet.

Nun also der erste Gegenbesuch Luschkows bei seinem Freund Chelmut und dessen charmanter Frau, einer populären Schauspielerin. Am Rollfeld Luschkows angetraute Ehefrau Nadja Baturina zwei Schritte hinter ihm. Die Baufachfrau hat ein Firmenimperium aufgebaut und durfte halb Moskau zubetonieren. Tamara wäre in der Masse der bürgermeisterlichen Entouragen untergegangen, hätte sie Luschkow nicht an seiner Seite festgehalten, eng an ihm Händchen haltend, wie angeschmiedet. Die kugelige, blonde Nadja mit einer Figur wie eine sowjetische Hammerwerferin schritt in der zweiten Reihe, in einem strengen Kostüm wie eine sowjetische Zollbeamtin aus Brest-Litowsk.

Da kam es zum ersten Faux pas, den beileibe nicht Tamara begangen hat und auch nicht verhindern konnte. Nach der der Umarmung des Gastes mit dreifachem Wangenkuss durch moj drug, Chelmut, brachte er das gleiche Ritual bei Tamara an. Beide Entouragen erstarrten zu arktischem Eis, bis der Hausherr schnell reagierte und über Nadjas Hand elegant einen Handkuss andeutete und sie damit nach vorne zog. Die Wiener Bürgermeistersgattin war auch nicht von schlechten Eltern, wie sie elegant den Kartoffelsack umarmte und ihr das eingelernte „Dobro poschalowatj v Venje, dorogije druzja“ – herzlich willkommen in Wien, liebe Freunde – in beide Ohren flötete. Eine Holzflöte. Sie war ja schließlich auch Sängerin. Danach hängte sie sich bei ihr unter und ließ die Herren allein, allein mit Tamara zwischen ihnen. Alles eitel Wonne, das Besuchsprogramm wie immer, aber mit besonders herzlicher Stadtbruderschaft. Wenn man ein bisschen größenwahnsinnig sein wollte, sahen sie den beiden prominenten Paaren ähnlich, die im Frühling in Wien auf Staatsbesuch waren, eine witzige Karikatur dreißig Jahre später und nur auf Bürgermeister-Ebene.

Alles lief blendend und wie geschmiert, vieles sicher dank der gewandten Tamara. Das Zilk-Team schmolz dahin und wollte sie zur Wiener Ehrenbürgerin machen, die Luschkow-Begleiter samt Nadja schürten die nächste Intrige. Dabei war es stadtbekannt, dass hinter dem einmaligen Besuch Zilks im Kreml – damals saß Luschkow-Freund Jelzin drin – die Übersetzerin Tamara stand. Dass dem nachmaligen Präsidenten Klestil und seiner Gattin dies versagt blieb, brachte dieses Couple zur Weißglut und die Botschaft zum Routieren. Warum hat der Zilk das bekommen und wir nicht? Da saß aber schon Putin drin. Als Rache bekam er einen Köter geschenkt. Der Kremlherr ließ sich einmal, ihn streichelnd, mit ihm ablichten, dann hielt er es aber mehr mit sibirischen Tigern und Reitpferden.

Dann kam das Bankett am Abend des letzten Tages. Lange, überladene Tische in den Hallen des Rathauses, Kerzen- und Blumenschmuck unter den neugotischen Spitzbögen, vorne auf einer Bühne ein kleines Orchester mit Strauß-Walzern. Zilk hatte sich ausgebeten, dass Tamara gegen alle Regeln der Diplomatie neben ihm saß. Aufgetragen wurde die erste Vorspeise. Die Übersetzerin war wahrlich keine Newcomerin, hatte ihr Stadtoberhaupt schon auf vielen Reisen begleitet, viele Verhandlungen über Städtepartnerschaften übersetzt, viele Gastmähler und tausende Toast-Sprüche überstanden. Aber was diesmal auf ihrem Teller landete, das hatte sie noch nie gesehen. Es war gurkengrün, aber keine Gurke, vielleicht eine unreife Birne? Aber warum war da so viel Grünzeug und Zitrone rundherum? Birne Helene war doch eine Nachspeise und sicher nicht geziert mit Kräutern, Muscheln und Krebsen, dazu Büschel von Petersil, geschnitzte Karotten, Berge von Majonnaise und Kaviar. Eine Wurzel oder eine Frucht? Oder irgendetwas dazwischen?
Wie findet man ein Wort für etwas, was es für sie nicht gab?
Ohne Wort keine Wirklichkeit, das ist das kleine Einmaleins ihres Berufes.
Wenn sich die Wirklichkeiten so sehr unterscheiden, gibt es auch keine Worte mehr.
Oh Gott, was war das? Ein Gewächs, so viel war sicher, kein Kunstprodukt.
Aber war es süß oder sauer? Die Nachspeise zur Vorspeise?

Die Fragen rasten durch ihren normalerweise gut sortierten Kopf. Sekunden wie Jahrhunderte, diese Verzweiflung, sie starrte auf diese ihr unbekannte Mixtur, glotzte sie an wie ein Untier – sie hatte keinen Namen dafür, das Schlimmste, was einer Übersetzerin passieren kann. Sprachlos, wortlos.
Da hob sie vorsichtig den Blick auf den Chelmut neben ihr. Augen rollen, Brauen hochziehen, unmerkliches Zwinkern, mit Mundwinkel zucken – diese Sub-Sprache beherrschte sie und operierte erfolgreich damit. Aber jetzt, angesichts dieser nie gesehen Frucht, war sie am Ende ihrer Weisheit.
Welches Gerät nehmen? Messer, Gabel, Löffel, Fischbesteck, Krabbenschere, Süß- oder Teelöffel? Die Reihen links und rechts vom Teller waren endlos, und vor ihren Augen schwirrte es.
Ja, und so hat sie es mir erzählt, genau so, in diesem Sommer 2017, als Tamara bei mir zu Besuch war, als ich ihr unschuldig so etwas für uns Selbstverständliches wie Avocados vorsetzte.

„Zilk hat die Situation sofort richtig erkannt, ein Genie, ein echter Gentleman, Diplomat höchster Schule, vor allem aber ein Mensch, ein so lieber Mensch. Er hat es nicht zugelassen, dass ich mich blamiere. Weißt du, was es bedeutet hätte, wenn ich Luschkow ... und seine Nadja ... die hatte ja noch weniger Ahnung als ich. Aber sie hatte die Gattin an ihrer Seite. Ich aber sah gar nichts.
Unter der Serviette auf dem Schoß legte mir Zilk seine Hand auf meine.
Ruhig, Schatzi, schau mir genau zu und mach, was ich mache. Dabei neigte er den Kopf aufrecht leicht in meine Richtung und murmelte mir ins linke Ohr.
Befreiende Worte, ich schaute nur noch auf seine Hände und imitierte seine Bewegungen vom Teller zum Mund und wieder zurück, ohne eine Sekunde auf das Übersetzen zu vergessen. Ich wusste nicht, was ich aß, und war nicht sicher, ob es mir schmeckte. Ich kam durch bis zur richtigen Birne Helene, vielleicht war es auch ein anderes Dessert, nicht wichtig. So kam die Avocado zu mir.“

Sie lobte meine Käseplatte mit Avocados und Tomaten, keine heimische Frucht, sondern eine aus Chile, bei Hofer gekauft mit einem Fair-Trade-Gütesiegel. Für Tamara kramte ich die Verpackung aus dem Mülleimer heraus und zeigt ihr, dass sie von der Firma Hass aus den USA stammten.
Hass-Avocados aus Texas. Nur ein Familienname wie Trump, ein Einwanderer aus Deutschland, wie Kraft und Heinz und Ochs. Da waren wir ganz schnell bei der aktuellen Politik. Inzwischen gibt es auch in Russland Avocados, sagt Tamara, aber sie kommen seit den Sanktionen nur noch aus Israel, sie sehen ganz anders aus, wie kleine, braune Kürbisse mit Schnäbeln und schmecken nach absolut goa nix.
Da können wir doch gleich bei unseren russischen Gurken bleiben, die schmecken ohne Wodka, Zwiebel und Schwarzbrot auch nach nichts, riechen aber wenigstens noch nach Erde.

Das war ein schöner, interkultureller Abend.

  1. 8.17

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Veronika Seyr
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