Verfluchte Tage oder It’s war, baby!

„Dieses verwünschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar.“
Diese Sätze schrieb Ivan Bunin am 1. Jänner 1918 in sein Tagebuch, noch in Moskau, aber bald danach floh er vor der bolschewistischen Revolution über Odessa nach Paris und kehrte nie wieder zurück.
„Verfluchte Tage“ nannte der Nobelpreisträger von 1933 seine Aufzeichnungen über Revolution und Flucht vor 100 Jahren.
„… weil eines der auffälligsten Erkennungsmerkmale einer Revolution die ungezügelte Gier nach Spiel, Verstellung, Pose, Schaubude ist. Im Menschen erwacht der Affe.“
Odessa, 12. April 1919

Als mir im März 2020 beim Abstauben der Bücherregale dieses Buch in die Hände fiel, las ich es in einer schlaflosen Nacht in einem Zug durch und bemerkte, dass ich es schon mehrere Male durchgearbeitet hatte, wie ich an den unterschiedlichen Unterstreichungen und Anmerkungen feststellen konnte. Warum nur? Weil mich Umbrüche und Weggabelungen schon immer interessiert haben, sowohl bei mir, bei Menschen als auch in der Geschichte, vor allem, wenn sie zeitlich zusammenfallen. Und nun bin ich in einem von solchen Fällen Lebenszeitzeuge; da holte ich andere Exilliteratur aus dem Russenregal: „Teffy, Champagner aus Teetassen – Meine letzten Tage in Russland“ der Schauspielerin Nadeshda Lochwitzkaja; weiters die Autobiografie von Levon Aslanowitsch Tarassow, der sich im Pariser Exil Henry Troyat nannte und mehr als einhundert historische Romane schrieb; die Biografie von Olga Knipper-Tschechowa, und die von Lew Nussimbaum alias Kurban Said alias Essad Bey, der auf seiner Flucht mit seinem Vater ebenfalls in Konstantinopel hängengeblieben ist.
Dieses Warten, dieses Hängenbleiben und das Herausfallen aus der Zeit, ich glaube, es ging ihnen allen so wie dem Panther im Jardin des Plantes – und hinter tausend Stäben keine Welt. Die russische Psychoanalytikerin Sabina Spielrein erwischte der Kriegsausbruch in ihrem langjährigen Wohnort Berlin, und obwohl sie nicht ausgewiesen wurde, kehrte sie – aus übergroßer Heimatliebe? – nach Russland zurück. Dort geriet sie zuerst in die Stalin-Falle, die ihrer Karriere ein Ende setzte und später in die SS-Falle, die ihr Leben, das ihrer zwei Töchter, des Vaters und zweier Brüder auslöschte.

Als immer mehr Politiker, angefangen von Macron bis zu Trump, vom „Krieg“ gegen das Corona-Virus zu schwafeln begannen, kamen bei mir Erinnerungen auf an die vielen Emigranten, die auf der Flucht irgendwo strandeten oder sich bei Kriegsausbruch plötzlich in Feindesland wiederfanden. Sie wurden entweder expediert oder kehrten aus Patriotismus in ihre Heimatländer zurück. Das kann man in vielen Biografien aus den Zeiten vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nachlesen. Nicht wie jetzt bei der Corona-Krise holten sie ihre Regierungen in Luftflotten nach Hause, 250 000 in Deutschland, 34 000 in Österreich, sondern sie haben ihr Leben lang dieses Gestrandetsein nicht mehr vergessen und verwinden können. Immer war es ein Wendepunkt in ihren Leben.

Tschechows Witwe Olga befand sich mit der Truppe des MCHAT, dem Moskauer Künstlertheater, gerade auf Gastspiel in Odessa, als die Oktoberrevolution ausbrach.
Nach verzweifelten und „verfluchten“ Wochen, wie Ivan Bunin diese Zeit bezeichnet, gelingt es der Truppe, ein Schiff zu kapern, das sie die Donau aufwärts bis nach Wien bringt, wo es im Theater an der Wien sogar zu einer Aufführung von „Kirschgarten“ kommt, mit der berühmten Olga Knipper in der Rolle der Ranewskaja. Meine Bibliothek steht mir gerade in meinem Corona- Exil nicht zur Verfügung, um zu überprüfen, ob es nicht das „Nachtasyl“ von Gorki war.

Bunin, der die Bolschewisten verachtete, glaubte noch einige Zeit lang an die Umkehrbarkeit der Revolution und arbeitete in Odessa an einer antibolschewistischen Zeitung mit.
Geschichten vom Hängenbleiben, von Schiffbrüchen und Rettungen hatten in den letzten Wochen auch die Medien zu bieten. Ein Segler vor der türkischen Küste, der nicht anlegen darf, andere mussten von der Karibik aus den Atlantik überqueren, Touristen in Neuseeland und Peru wollten nicht gerettet werden und blieben in Wellington und Medellin.
Besonders amüsant finde ich die Episode mit Kaiser Wilhelm II., der sich trotz der drohenden Kriegsgefahr im Juli 1914 nicht von seinem alljährlichen Urlaub auf seiner Segeljacht „Kiel“ abbringen ließ und um ein Haar zur eigenen Kriegserklärung zu spät nach Hause gekommen wäre. Oskar Potiorek, Oberbefehlshaber der k. u. k Balkanstreitkräfte und Verantwortlicher für das verhängnisvolle Manöver vom 27. Juni 1914, weilte gerade zur Kur in Karlsbad, als der Krieg ausbrach und musste eiligst in einem plombierten Zug an die Front gebracht werden.

Wissen diese Kriegserklärer von Macron (den ich bis dahin für ziemlich intelligent gehalten habe) bis Trump, wem die da gerade was erklären?
Krieg. Wo sind die Heere? Wo die Linien? In welchen Formationen? Mit welchen Waffen rücken sie an? Wie groß ist die jeweilige Truppenstärke? Wen haben sie gegenüber? Wie sieht der „Feind“ aus, den sie vernichtend schlagen wollen? Wie schön dagegen noch die Frontlinien in der Drei-Kaiser-Schlacht von Leipzig. Wie am Reißbrett. Oder die gedrechselte Epik des „An meine Völker“.

So unsichtbar war noch nie ein Feind seit der Pest, als man vor allem die Juden und Frauen/Hexen für die Epidemie verantwortlich machte und sie als Brunnenvergifter, als Milch- und Viehverhexer und Seuchenverbreiter und Wetterhexen verfolgte. So macht es auch Trump, wenn er – mit Augenbrille – vom chinesischen Virus oder Wuhan-Virus redet. Da man das Virus nicht zwischen die Finger kriegt, es nicht feuern und ihm nicht den Hals umdrehen kann, auch Kanonenkugeln und Grenzmauern nichts bringen, warum eigentlich nicht stellvertretend die Schuppentiere, Fledermäuse und Schlangen, die Zibethkatze und alle Hunde und wer weiß welche Tiere noch bestrafen, die auch Zwischenwirte sein könnten? Die Liste ist lang: Schleichkatzen, Marderhunde, Nerze, Frettchen für Operation Sündenbock. Besonders beliebt bei allen Verschwörungstheoretikern, Populisten, Nationalisten und Rassisten.
Aber ein Gutes hat die Corona-Krise auch: Sie zeigt überdeutlich, dass diese Leute, wenn sie in der Politik mitmischen, nichts drauf haben. Keine Lösungen, nur dumme Phrasen, vielfältiger Schwachsinn und Popanz. Wenn nicht das Gedächtnis der Menschen so kurz und lückenhaft wäre, könnten wir sie dank Corona endgültig loswerden. So ist es unwahrscheinlich, dass sich die Kurve der Dummheit schnell abflachen wird.

Mir kam einmal bei der Aufzählung all der möglichen Schuldigen die Erinnerung an das Lieblingsbuch meiner Kindheit, an Kästners „Konferenz der Tiere“ hoch, an den Löwen Alois, den Elefanten Oskar und die Giraffe Leopold: „Es geht um die Kinder!“ Die Tiere schlagen zurück. Ihr habt uns gefressen und ausgerottet, jetzt seid ihr dran!
Wahrscheinlich Corona-verseuchte, nächtliche Gehirngespinste. Wer wäre in unserer Gegenwart der erfolglose Sonderermittler Zornmüller, den die Tiere in die Flucht schlagen?
In der FAZ lese ich ein Interview mit dem Berliner Inselmakler (so was gibt’s) Farhad Vladi, der von seinem derzeit florierenden Geschäft schwärmt, und meine Buchhändlerin erzählt mir, als ich wieder ins Ladeninnere reindarf und nicht mehr durch den Türspalt die Bücher gereicht bekomme, dass ewige Ladenhüter wie Decamerone und Robinson Crusoe hoch im Kurs stünden.

So hat eine jede Krise punktuell auch ihre guten Seiten. „Always look on the bright side of life“. Wegen übergroßer Nachfrage geht Mexicos Brauereien das Corona-Bier aus, und das idyllische Dörfchen St. Corona am Wechsel schafft es sogar auf CNN mit einem Reporter-Bild vor der Ortstafel. Wie sie Wechsel wohl übersetzt haben?

Aber eines der größten Opfer in Kriegs-, Revolutions- und Corona-Zeiten ist die Sprache.
Karl Kraus lässt grüßen, hätte seine Freud gehabt und ganze Fackeln damit füllen können. In meinen Containment- und Social-Distancing-Wochen habe ich es mir zum Sport gemacht, bei den Nachrichten mitzuschreiben. Als Erstes bekamen wir english lessons: News, Topnews, Morning News, BREAKING NEWS schreit es in abscheulicher Dekoration mit dicken, alten, hässlichen Männern und dümmlichen, spärlich bekleideten, oft piefkinesisch mit piepsenden Stimmen sprechenden TV-Schnepfen in Lockenpracht. Echt sexy, trotz shutdown, lockdown, containment, social distancing, cluster, no kiss, no hug, no stop, just go and keep distance.
Oh Gott, wie sind die gebildet. Je mehr geredet, erklärt, kommentiert werden musste (Einschaltquoten!), desto mehr kommt die deutsche Sprache unter die Räder.

Die medialen Erklärer haben es zustande gebracht, die sehr, sehr wortreiche und variable deutsche Sprache – der Horror aller Deutsch-Lernenden – zu einem pigeon-german verkümmern zu lassen.
Bitte sehr, eine kleine Auswahl aus den sprachlichen Folterwerkzeugen, manche unfreiwillig lustig:
Man soll die Lanze nicht auf die Goldwaage legen.
Das Rennen um die Impfstoff läuft.
Corona kommt der Natur sehr zugegen.
Waren die Warnungen übergeschossen? Als Variante im Bericht gab’s noch:
Haben die Warnungen übergeschossen?
Eine Pandemie oder Hyperinflation gab es ebenfalls mit dem Wort: Zukunft.
Wir müssen die Zukunft neu ausrichten.
Die Zukunft wird neu.
Wir brauchen mehr Zukunft!
Meine Zukunft gehört mir!
Geht jetzt die Zukunft in den Ruhestand?
Wann kehrt meine Zukunft zu mir zurück?
Die Reparatur der Zukunft.
Den Enttäuschten schlägt es jetzt Hohn und Spott in die Augen.
Es hungert uns nach Haut.
Griechisch-orthodoxe Kirche verschiebt Ostern.
Afrika schottet sich von Europa ab.
Sommmersaison der Wiener Bäder fällt ins Wasser.
Die Intensivbetten gehen zur Neige.
Meine Brille (ein Pferd?) wird beschlagen.
Die Politiker sollen Zuversicht schüren.
Notre Dame (der Wiederaufbau) liegt auf Eis.
Obertilliach hegt auch das zweite Standbein Landwirtschaft.
Die K-Zeitung verrät am Ostersonntag in dicken Lettern am Titelblatt, warum „sich das Ostergeheimnis auch von schweren Zeiten nicht unterkriegen lässt“.

Unter einem mittelalterlichen Gemälde eines dornengekrönten Christus. Das nenn ich Pornographie, grenzt schon an Poesie, poetische Pornografie, überhaupt wenn man noch einmal hochschaut auf die Großbuchstaben mit AUFERSTEHUNG, die das ursprüngliche I.N.R.I. verdecken und erklären, „warum uns in diesen Zeiten unser Glaube besonders wichtig ist“. Welcher Glaube ist damit gemeint? Der des Pakistani? Des Trump an sich selbst?
Des Hofer Norbertl an die „leichte Grippe“?
Nachdem ich wahrscheinlich zum gefühlt 3000stenmal „Herausforderung“ und „herausfordernd“ gehört habe, in Zeiten wie diesen, das Hochfahren der Wirtschaft, eines Theaters oder sogar des ganzen Landes, hat mich das erste der vier Corona-Frühsyndrome erfasst – Brechdurchfall. Erst lief ich hin und her, dann stellte ich einen Kotzkübel neben meine Fernsehcouch und gesundete erst, als ich die Echtwörter für die Verschleierungs- i. e. Maskenwörter beisammenhatte. Hochfahren, das bringe ich seit circa 30 Jahren mit dem Computer in Verbindung, mit einem oder einigen wenigen Tastendrückern das Ding wieder zum Laufen zu bringen. Was für ein verblödetes Wortbild. Ein hochfahrender Mensch, ein altertümliches Wort aus Goethe, Theodor Fontane vielleicht, oder Jean Paul. Und da gibt’s noch das „zum Hochfahren bringen“, „das Hochfahren erleichtern und befördern“. Das erst bringt einen wirklich zum Hochfahren, überhaupt als unfreiwilliges Mitglied der Risikogruppe.

Probleme, verdammt viele Probleme, Schwierigkeiten an allen Ecken und Enden, koste es, was es wolle, niemand wird zurückgelassen. Warum reden sie nicht Klartext, es ist alles viel schlimmer, als es darzustellen ist. Und am Ende kriegen, wie in der Finanzkrise, wieder die Großen das ganz große Geld. Alles echte, tiefe Scheiße, in der wir alle bis über die Ohren sitzen, die keine Insel besitzen, keine atlantiktaugliche Jacht oder ein Landhaus in der Toskana. Russische Millionäre wollen sich im Permafrost von Sibirien einfrieren lassen, berichtet neuerdings die Ex-Außenministerin, die im Dirndl knicksende Karin K., auf dem ganz neutralen, objektiven TV-Sender RT. Das Tauen des Permafrosts samt Methan kommt früher, als ihr erstes Gehalt eintrifft. In welches Höllental uns der Kapitalismus hineingeritten hat. Ich kann nicht garantieren, ob ich beim nächsten Mal nicht einen Schreikrampf kriege und alle Blumentöpfe aus dem Fenster werfe. Das ist die eigentliche Qual der Quarantäne. Der Tsunami an schiefem und fauligem Wortmüll.

Besonders hübsche Ausreißer liefern die Corona-Maulhelden Trump, Lukashenko und Bolsonaro. Der erste rät mit Plexiglasbrille vor den Augen, Desinfektionsmittel einzunehmen und Haarbleichmittel zu injizieren (vielleicht spricht er aus eigener Erfahrung und macht das ja schon länger?); Luka empfiehlt Wodkatrinken, Feldpflügen und Fußballspielen. Bolsonaro meint, dass er als ehemaliger Militärathlet vom Virus nichts spüren würde, außerdem sei sein zweiter Vorname Messias (mit dem ersten hat’s aber kein gutes Ende genommen). B. leugnet, dass die Todesfälle etwas mit Corona zu tun hätten. Womit denn? Mit gepanschtem Schnaps? Erdogan wiederum singt ein Loblied auf den Raki. Also wieder eine Kriegserklärung: Raki gegen Wodka. „Behaltet euren Virus“ (ihr im kapitalistischen, imperialistischen, dekadenten Westen) schreit der kleine, dumme Luka unter seiner wagenradgroßen Militärmütze im vollbesetzten Fußballstadion von Minsk hervor, der in seinem früheren Leben nie Militär war, sondern Friedhofsverwalter. Idiotie kennt keine Grenzen, Nationen oder Religionen, wie mir ein aus Pakistan stammender Taxifahrer in der Waaggasse bewies, der sich am 13. April, einen Tag vor der Pflicht, weigerte, eine Maske aufzusetzen. Er braucht sie nicht, Allah schützt die Muslime. Ich bin nicht bei ihm eingestiegen, weil ich offenbar den falschen Glauben habe und trotz Corona nicht konvertieren werde.

Sogar die coolen Briten haben sich an der Kriegsrhetorik vergriffen, von Boris Johnson bis zur Queen haben sie zumindest an den Krieg erinnert mit dem very charming „Keep calm and carry on“, als es galt, einen sehr bösen, mächtigen und sichtbaren Feind zu besiegen.
Und Peng! Dann hat’s ausgerechnet Johnson und Prince Charles erwischt, der unsichtbare Feind hat hinterhältig zugeschlagen. „Prince Charles coronatet, finally“, titelte die Sun. Bösebös. Orban führt die Riege der Unmenschen an: Er schafft gleich das ganze Parlament ab, regiert per Dekret und lässt Kritiker von der Polizei abführen.
Wenn aus Brüssel wieder einmal eine halbwarme Mahnung kommt, lacht er sich eins, weil er weiß, dass Ungarn nicht aus der EU geworfen werden kann. Vielleicht sollte man ihn doch einmal mit der finanziellen Zange anfassen.
Was uns die Touristiker so gerne verkauften, die Bilder von der trauten Einsamkeit am Strand von Mont Saint Michel im Sonnenuntergang, in Hallstatt, vor dem Tadsch Mahal oder am Times Square – nun sind sie plötzlich Wirklichkeit geworden und für sie zum Albtraum. Denn die Touristiker leben auf Teufel komm raus nicht von der individuellen Einsamkeit, sondern von den Massen. Und schon fangen sie wieder an zu hyperventilieren und schwafeln von Luftbrücken an die kroatischen, griechischen und ballermännerischen Strände. Mit und ohne Gutscheine, mit und ohne Mittelplätze. Luftbrücken? Wie die Rosinenbomber, die Berlin halfen zu überleben, als Stalin es zu erwürgen drohte.

Fast demütig buhlt die Touristikministerin um österreichische Touristen, die lieben Landsleute – wenn die Piefkes ausbleiben, ohne deren Geld gar nichts geht –, doch in Österreich Urlaub zu machen. Die Heimat ist doch auch schön, nicht nur die Malediven, der Strand von Antalya und Luxor. Die unübersehbaren Reihen von Flugzeugen am Boden sprechen ihre eigene Sprache und strafen die munteren Lockangebote Lügen.
Wien macht das großartig, zuerst die Taxigutscheine für Risikogrüppler, jetzt bekommt jede Familie Gastrogutscheine. Es sind schließlich nicht nur Corona- sondern auch Vorwahlzeiten.
Neben dem realen, aber unsichtbaren Virus meine ich auch eine Seuche der Geistesverwirrung wahrzunehmen. Man kann auch political incorrect Schwachsinn sagen. In der Kindheit sangen wir gerne einen Reim: „Schwachsinn, oh Schwachsinn, du mein Vergnügen. Schwachsinn, Schwachsinn, du meine Lust!“ und lachten und brüllten dabei, bis wir heiser waren.
Angesichts der zunehmenden Anti-Corona -Demonstrationen habe ich mich schon gefragt, ob bei denen, die andere „Covidioten“ nennen, neben Bronchien und Lungen nicht auch ein höher liegendes Organ angegriffen ist. Haben die alle Trumps Treatments ein- und seine Taktik angenommen?
Und dazu Umarmen und Händeschütteln, was das Zeug hält.

Der schlimmste Angriff aller Zeiten, schlimmer als Pearl Harbour und 9/11 zusammen, nuschelt der Idiot im Weißen Haus. Aber die Botschaft ist klar: It’s war, baby.
Was ist drin für mich? Zum Teufel mit allen anderen. Egoismus und Feinddenken können auch eine Pandemie sein, konstatiert der immerkluge Ex-Präsident Obama.
Nachgelesen habe ich das in den letzten Wochen wieder einmal in Manzonis Großroman „Die Verlobten“, der die Pestzeiten in der Lombardei (!) vor etwa 400 Jahren so gut wie kein anderer beschreibt. Natürlich auch Decamerone in der Toskana.
Also: It’s war, baby!
Der neueste Gesundheitsschrei, habe ich gerade gelesen: eine Kurkuma-Kur mit Goji-Beeren.
Oje, ob das gut geht? Das eine kommt aus Persien, das andere aus China.
Zusammen mit Allah, Wodka/Raki und Bleichmittel. Alles Gute!

Nachsatz: Was ich hier mit meinem Corona-Tagebuch betreibe, ist Paläontologie, Urzeitforschung, vielleicht auch Archäologie.
Denn was gestern geschehen ist, entzieht sich uns schon heute, geht ein ins Geschichtliche, in eine Vorzeit. Das Vorgestern ist schon blasse Vorgeschichte, die vergangenen Wochen sind schon Mythologie.
„Ich muss mir auf der Spur bleiben. Ich merke es sogar schon im Jetzt, dieses Verrieseln, das Murmeln der Nornen und Schamanen, unaufhaltsam und unerbittlich.
Dass etwas gewesen ist, davon zeugt einzig, was sich davon erzählen lässt. Alles Gewesene ist gewesen wie die Saurier. Es war einmal.“ Gregor von Rezzori in „Mir auf der Spur“

13.5. 20
(Zufall? Am 13. Mai 1914 wurde Gregor von Rezzori in Czernowitz geboren.)

Veronika Seyr
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