Warum ich keine Putzfrau wurde

„Pensionistin sucht professionelle Hilfe für Haus und Garten. Gutes Zubrot.“
Und eine Festnetznummer.
Zubrot – was für ein herrlich altmodisches Wort! Brot zu was?

Diese Annonce stach mir in die Augen, als ich in der Bezirkszeitung die Kleinanzeigen studierte. Dabei suchte ich nicht wirklich Arbeit, sondern es war nur die alte Gewohnheit, das Kleingedruckte, oft unfreiwillig lustig oder irrwitzig, zu lesen. Vor allem die Kontaktanzeigen haben es mir angetan. Ich stehe zu meiner kleinen Perversion, ich sammle die besten, schneide sie aus und klebe sie in mein Journalheft.

Geile Oma nackt im Kuhstall.
Thai im Vulkan.
Türkin ohne alles.
Tel. Lausch dich geil!
Schülerin, 17, rasiert.
Domina macht alles.
Bussibär für die Ewigkeit.

Die schönsten sind die, die Romantik und Poesie erzeugen wollen, wenn Sterne, Mond und Wolken bemüht werden.
Dein Fels in der Brandung.
Zusammen für immer jung.
Gemeinsam in die Sterne schauen.

Ein Freund von mir war gerade vom Hausmeister zum „Facility Manager“ aufgestiegen.
Ich wollte ein bisschen Wallraff spielen für eine Hintergrund-Recherche. Wie fühlt es sich an, untertan und abhängig zu sein. Ich interessierte mich für die EE, die „Experten für Euphemismus“ in der Werbung, Politik und Wirtschaft. Ich wollte sehen, wer und was hinter der „professionellen Hilfe mit gutem Zubrot“ stand.

Eine Pensionistin sucht eine Putzfrau. Die EE sagen Seniorin und Raumpflegerin. Die sprachlichen Schönfärber und wendigen Wortverdreher sind so alt wie die Mythologie und Religion. Eigenverantwortung heißt mehr zahlen, Müllhalde ist Entsorgungspark, Krankenkasse – Vital- oder Gesundheitskasse, ein Haus mit Ausbaufähigkeit ist eine Bruchbude, ein verwachsener Garten – eine Gstätt‘n, deutsch: Brache. Hauptsache, es klingt gut.

Also rufe ich bei dieser Nummer an. Es meldet sich eine Frau Schmidt, Maria mit Fragezeichen in der Stimme noch aus der Zeit, als man fragte: Wer da? Ich berufe mich auf die Annonce und gebe mich interessiert, Frau Schmidt ebenfalls, schon ohne Fragezeichen. Sie nennt mir ihre Adresse und weist mir den Weg: mit der S-Bahn nach Liesing, dann über den Platz gehen, schräg rüber und am neuen Pensionistenheim in die Theodor-Haeckel-Gasse Nr. 11. Ja, die kenne ich, da komme ich oft vorbei auf dem Weg zu meinem Garten, vom Bus 256 aus, ja der fährt vorbei.

Sie sind Gärtnerin, das ist gut, denn sie braucht auch Hilfe in ihrem Garten. Fein. Ich bin eine begeisterte und geübte Gärtnerin.
Dann weist Frau Schmidt mich noch darauf hin, dass es der Ha-eckel mit ä ist, nicht der mit e, der Theodor und nicht der Erich. Als wären es ihre Verwandten. Ist das die Probe, die Prüfung? Da mache ich den ersten Fehler. Viel zu schnell sage ich, weiß ich.

Wir vereinbaren einen Termin. Am nächsten Mittwoch fahre ich zu Frau Maria Schmidt in die Theodor-Haeckel-Gasse 11. Eine schmale Kastanienallee mit vereinzelten Linden, einigen alten Villen und verunglückten Gemeindebauten. Punkt 17 Uhr läute ich an dem ebenerdigen Haus mit stumpfer Lehmfarbe, fünf Fenster zur Straße hin. Ich habe mich extra gestylt, was ich halt für putzfraumäßig in meinem Kleiderkasten hielt.
Die Gegensprechanlage schnarrt und fragt: Jabitte? Ich nenne meinen falschen Namen, Johanna Friedrich, wir sind verabredet, wegen der Anzeige. Es schnarrt noch einmal, und die kleine Tür in dem großen doppelflügeligen Tor öffnet sich in eine breite, dämmrige Einfahrt. Aha, ein ehemaliges Fuhrwerks- oder Weinhauer-Häuschen wie oft in den Vororten. An der Innentüre erwartet mich eine alte Frau in bunter Küchenschürze, weißhaarig mit kleinem Knoten, das spitze Mäuschengesicht gefältelt wie eine Dörrpflaume. Ich schätze sie auf rüstige achtzig. Bitte, hier herein. Frau Schmidt ist höflich.

Wir kommen in ein angeräumtes Vorzimmer, das rechts als Garderobe dient und ein Fenster zum Garten hat. Der linke Teil ist Küche und Speisekammer. Eine Tür geht in das Wohnzimmer mit zwei Fenstern zur Straße, die Bäume machen es schattig, ich sehe fast nichts, irgendwo flimmert ein TV-Gerät hinter einer Kunstleder-Couch. Skai, modern in den Siebzigern. Zwei Fenster nach hinten, wovon das eine auch Tür ist. Das Schlafzimmer ist beherrscht von einem massiven hölzernen Doppelbett, auf dem aber nur eine Seite aufgebettet ist. Witwe, schließe ich daraus. Darüber kein Hirsch, sondern eine riesige Reproduktion von Botticellis Frühling in einem Goldrahmen aus Gips. Den Luster an der niedrigen Decke aus sechs weit ausgespreizten Lampenschirmen, den kenne ich, weiß nicht woher. Tante Paula? Wir gehen wieder ins Vorzimmer zurück. An einem kleinen Tisch mit buntem Wachstuch nehmen wir auf zwei Sesseln gegenüber Platz.

Eine Limonade ist vorbereitet, zu der sie mich einlädt. Bitte, Holler. Mögen Sie?
Jagerne, danke. Ein Glas nur für mich. Frau Schmidt weiß genau, was sie will und braucht. Zweimal in der Woche vier Stunden, also acht Stunden, wovon zwei Stunden dem Garten gewidmet sein sollen. Den zeigt sie mir auch gleich. Von der Türe im Wohnzimmer führen drei Stufen auf eine Rasenfläche, die an der Rückseite von einem Holzschuppen abgeschlossen ist. Der muss gefegt und abgesaugt werden, damit die Katzen nix reinbringen. Da wird sie emotional. Immer alles sauber absaugen. Nix reinschleppen.

Verstehen Sie? Ich verstehe nichts. Mäuse, Vögel, Spinnen, Igel, hhä? Viel Getier rundumadtum. Und die Vögel werden auch immer frecher. Wie? Die pecken nach den Katzen. Nur zwei Stunden Garten, wundere ich mich kurz, ob sich das ausgeht? Naja, kommt drauf an, was sie alles will. Blumen und Gemüsebeete hat sie nicht. Nur einen kleinen Fleck mit Kräutern neben den Stufen. Der Garten im Stil von Thujen und Veitschi. Im Vorzimmer stellt sie mir ihre Mitbewohner vor, ein Katzenpärchen, das gerade über die Katzenstiege durch das Fenster hereinkommt. In der Küche hinter dem Kühlschrank stehen nicht gezählte Schüsselchen und Tassen auf einem Wachstuch.

Wir sitzen wieder am Esstisch mit dünner Holler-Limonade. Frau Schmidt checkt mich ab, auf Herz und Nieren. Eher schielt sie auf meinen Körperbau, Muskeln und so. Also, Johanna Friedrich, fünfzig plus, geborene Wienerin, Frühpensionistin, wohnhaft in Wien 12. (Von meinem vierten Bezirk verrate ich nichts!) Warum ich den Job machen will, wo und wie ich wohne, wo mein Garten ist und wie groß? Wo bin ich, auf der Polizeiwache?
Von sich verrät sie nur, dass sie eine pensionierte Gemeindebedienstete ist und seit 27 Jahren Witwe. Ob ich nicht selbst genug Arbeit habe? Wie groß meine Pension ist? Na, das geht sie aber wirklich nichts an. Da werde ich konkret und erfahre, was sie mit „gutem Zubrot“ meint. Sechs Euro bietet sie pro Stunde. Ich schlucke und trinke schnell den Hollersaft.
Also, bei acht Stunden wären das 42 Euro in der Woche, 168 Euro im Monat, in etwa so viel, wie ich in meinem Garten für die Miete zahle, rechne ich schnell um. Also, zum Verdienen ist dieser Job nicht. Wer macht so etwas? Eben Zubrot. Ich zahle meiner eigenen Putzfrau/Raumpflegerin, einer slowakischen Studentin, aktuell zwölf Euro pro Stunde. Das kann sich nicht ausgehen. Aber man muss halt seinem Job Opfer bringen.

Da merke ich, dass ich mental nicht perfekt vorbereitet bin und ganz schnell schummeln muss. Der zweite Fehler. Ich beginne schnell, sie zurückzufragen. Wer ihr denn bis jetzt professionelle Hilfe geleistet hat? Das war die Slavica, eine Serbin, eine gute Seele, die ist schon lange bei ihr gewesen, seufzt sie. Aber in letzter Zeit ist sie nachlässig geworden bei der Arbeit, die Katzen hat sie schlecht behandelt, ihr Widerworte gegeben, unpünktlich geworden, aber vor allem hat sie angefangen zu stehlen. Oh Gott, stehlen, Geld? Nein, aber andere Sachen, auch aus dem Kühlschrank. Mundraub. Sie lässt kein gutes Haar an ihrer Slavica, naja, eben doch eine vom Balkan. Und ganz sauber war sie auch nicht, persönlich und so, verstehen Sie.

Na, das geht gar nicht, denke ich, schüttele aber nur mitfühlend den Kopf. Ungemütlich, peinlich, ich lenke ab und bringe die Rede auf Haeckel versus Heckel. Da mache ich den wahrscheinlich entscheidenden Fehler: Ich bin zu gut informiert für eine Putzfrau in spe. Ich kann‘s halt nicht lassen und den Mund nicht halten. Jaja der, wie auf der Tafel. Warum mich das überhaupt interessiert? Schweigen. Nur so. Sie hat ja das ae betont. Oje, Widerworte. Nun hat es Frau Schmidt plötzlich sehr eilig. Sie muss noch einkaufen gehen. Also, Frau Friedrich, ich kommen am nächsten Montag um acht Uhr, kommen, anfangen und dann wieder am Donnerstag kommen. Da hat sie mich mit ihrer Slavica verwechselt. Fein, dachte ich, gelungen, mein Wallraff-Versuch. Mord im Putzfrauen-Milieu.

Aber am Sonntagabend kommt ein Anruf von Frau Schmidt. Sie hat sich‘s anders überlegt, sagt sie resolut, ganz ohne Bedauern oder Entschuldigung. Sie kehrt zu ihrer Slavica zurück, die kennt sie immerhin schon viele Jahre. Und die war immer so dankbar für das Geld, die hat das wirklich gebraucht.
Die serbische Gastarbeiterin wurde mir vorgezogen! Ich begann sie zu hassen, obwohl ich sie gar nicht kannte. Aber es kamen die Bilder von ihrer beider Hassliebe, Maria und Slavica, jahrelang im Kampf zusammengeschweißt.

Was kann ich daraus lernen? Zumindest lernen, wenn schon kein Gehalt, nicht einmal Zubrot, ganz zu schweigen von meiner Recherche. Auch Tarnen und Täuschen will gelernt sein. Frau Schmidt wollte nicht nur die Arbeit ordentlich und billig getan haben, sondern auch ein gutes Gewissen, sie tut auch noch Gutes – Geld nur für den, der es braucht, weil der dann dankbarer ist. Was war‘s? Das Outfit kann‘s nicht sein. Vielleicht meine Sprache? Möglich, obwohl ich mich bemühte, einsilbig zu blieben. Muskelkraft zeigt mein Körper auch noch genug. Daran konnte es nicht liegen.
Der Sonntagabend war voll von tiefschürfenden Gedanken.

Nein, letztendlich bin ich überzeugt, es war der Haeckel mit ä, nicht der Heckel mit e, der Theodor und der Erich, die ich auseinanderhalten konnte. Dabei kam in ihr der Verdacht auf. Wahrscheinlich fühlte sie sich von mir gehäckerlt. (Oder heißt es heckerln oder hekerln?) Eine Putzfrau kann das einfach nicht wissen und wissen wollen. Und so wurde ich keine. Eine niederschmetternde Erfahrung. Ich machte keinen zweiten Versuch. Aber ich schaute noch einmal bei Wikipedia nach und entdeckte einen dritten: den Theodor Heckel. Bin ich froh, dass auch Frau Schmidt den nicht gekannt hat. Da wäre ich noch früher aufgeflogen.

Auflösung: Theodor Haeckel war ein umstrittener Evolutionsbiologe im 19. Jahrhundert, Erich Heckel ein Maler der Künstlergruppe „Die Brücke“ und Theodor Heckel ein protestantischer Bischof in München. Und Frau Schmidt ist bei der Gemeinde wahrscheinlich für die korrekte Schreibung der Wiener Straßentafeln zuständig gewesen.

Wien, 2.10.17

Veronika Seyr
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