Man steht am Fenster 2

Oktober 1956, der Ungarn-Aufstand

Vielleicht war in dieser Zeit auch die Rede von Ungarn, vielleicht habe ich etwas aufgeschnappt von der bedrohlichen Situation im Nachbarland, 60 Kilometer von uns entfernt. Die Gefahren durch den Kommunismus waren im Bräuhaus und auch später bei uns in Tulln immer gegenwärtig:
Die Erzählungen vom Leben in der sowjetischen Besatzungszone, von der Zonengrenze auf der Ennsbrücke, die Onkel Klaus und seine Bierführer einmal in der Woche passieren müssen, vom Putsch der gefährlichen Kommunisten in der Tschechoslowakei. Alles nicht weit weg. Und jetzt ging es um Ungarn, noch näher. Sicher verstand ich nichts von der politischen Situation, aber nur das Wort „Kommunismus“ ließ alle Alarmglocken klingeln. Die Erwachsenen senkten ihre Stimmen und machten sorgenvolle Gesichter. Es hatte immer mit Krieg zu tun, mit Flucht, Gefangenschaft, Stalingrad und Sibirien. Das hatte ich mit meinen acht Jahren schon oft gehört und die Angst der Erwachsenen im Raum mitschwingen gespürt.

Nach dem Abendessen, dem gemeinsamen Rosenkranz und dem Singen verteilten wir uns auf unsere Zimmer. Hedi und ich bewohnten die „kleine Mansarde“. Sie war sechs, ich acht. Papa kam später noch zu uns herauf. Er sang Lieder und rezitierte Verse. Er machte Spompanadeln mit Worten und Gesten. Er konnte manche Kinderbücher im Ganzen auswendig aufsagen, in Reimen und mit Melodien unterlegt. Immer mit einem dramatischen Getue, das uns zum Lachen brachte. Er sprach keine tröstenden oder beruhigenden Worte direkt aus, sondern machte Spaß mit lustigen Wortspielen. Er war der erste Rapper aller Zeiten. Er konnte uns ablenken und verzaubern wie ein Kartentrickser, nur mit Worten. „Puckerl und Muckerl“ hatte er vertont, indem er es mit der Melodie von Hänsel und Gretel unterlegte. Hedi schlief meist schnell ein. Ich flüsterte noch lange mit meinem Vater, der am Bettrand saß.

Papa, kommt der Krieg zu uns? Nein, niemals. Warum? Weil sie nicht dürfen. Aber die Buben, die Brüder, machen oft etwas, was sie nicht dürfen. Ja, weil sie Kinder sind. Die Russen und die Ungarn, sind das große Kinder, die tun, was sie nicht dürfen? Nein, das sind Staaten, und da passen alle anderen auf, dass sie nichts tun, was sie nicht dürfen. So ging das hin und her, bis auch mir die Augen zufielen.
Aber ich schlief nie sofort ein. Ich hatte mir mit den Fingernägeln in der Wand Gräben ausgekratzt. Zum Teil durch den porösen Verputz, zum Teil entlang der hellgelben Kringel der Malerei. Als ich kleiner war, fuhr ich dort die Reisen des Florians über die Tapete von Franz Karl Ginzkey nach, die Papa sehr dramatisch und komisch vortragen konnte. Jetzt grub ich dort Tunnel und Höhlen aus, in denen ich mich vor den Kommunisten verstecken konnte. Aber ich war nirgends sicher, denn vom Bett meiner Schwester kam ein leises, aber ununterbrochenes Geräusch des Mahlens. Sie mahlte ihre Zähne aufeinander, dass ich dachte, in der Früh müsse Mehl neben ihrem Bett liegen.

Mein Vater war Katholik, Pazifist, Kriegsteilnehmer, der keine einzige Kugel abgeschossen hat, ein amerikanischer Kriegsgefangener und Spätheimkehrer. Altphilologe, Germanist, Philosoph, Lehrer und Autor, getragen von hohen Aspirationen im akademischen Leben, geschlagen mit sieben Kindern und einer psychisch angeschlagenen Frau, meiner Mutter.

Einmal spielte ich mit den jüngeren Geschwistern Hedi und Franzi im Garten. Fangen, Verstecken, Nachlaufen, Bäumekraxeln. Ich war ziemlich weit oben im Weichselbaum, er war schon kahl im Oktober. Ich hing in einer bequemen Astgabel mit einem Querast, an den ich mich mit den Händen klammerte. Da schwebte über mir plötzlich ein Fluggerät. Ein Hubschrauber oder ein Flugzeug, eines oder viele, geräuschvoll oder stumm, kreisten sie oder standen über mir, bereit zum Angriff, uns zu vernichten. Das weiß ich nicht mehr. Jetzt sind die Russen da, die Gewissheit, und ich ließ den Ast los. Ein kurzes Empfinden von Segeln, und dann war ich schon tot. Den Aufprall auf der Wiese unter dem Weichselbaum spürte ich nicht mehr.

Ich lag wie ein Käfer auf dem Rücken, stocksteif. Wassergüsse und Wangentätscheln, Rückenklopfen und Pulsfühlen, alle Geschwister sprachen auf mich ein, die Kaninchen des ältesten Bruders schnupperten an meinem Gesicht herum, seine Barthaare kitzelten. Die Eltern wickelten mich in eine Decke und verfrachteten mich ins Bett. Tee, Honigmilch, Suppe, Gesänge und Gebete, Puckerl und Muckerl und die Reise des Florian über die Tapete, das Zähnemahlen meiner Schwester. Alles vermischt und weit entfernt. Die Familiengeschichte sagt, ich habe drei Tage und Nächte geschlafen und danach einige Zeit nicht gegessen und nicht gesprochen.

Da war schon alles vorbei, der Ungarn-Aufstand und die Ungarn-Krise. Die Flugzeuge und Hubschrauber hatten nicht die Russen in Ungarn über uns kreisen lassen, sondern sie kamen vom „Fliegerhorst Langenlebarn“ fünf Kilometer entfernt. Das österreichische Bundesheer hatte sie aufsteigen lassen, damit sie nicht am Boden zerstört werden konnten. Also war ich damals nicht die Einzige, die vor den Russen Angst gehabt hatte. Das verstand ich erst viele Jahre später. Der „Flughafen Langenlebarn“ lud zu jedem „Tag der Fahne“ am 26. Oktober zu einer Schau ein. Wir Kinder durften auf Panzer klettern, Flugzeuge und Hubschrauber besichtigen und bekamen Gulaschsuppe aus der Gulaschkanone. In meiner Erinnerung gibt es bis heute keine bessere Gulaschsuppe auf der Welt.

Danach kamen die Flüchtlinge. Ins Haus, in die Schule, ins Pfarrheim und ins Judenauer Schloss. Redda barnen, mit vielen fröhlichen blau-gelben Wimpeln. Die Schweden waren so freundlich, dass ich ihnen meine Lieblingspuppe, mein einzige Puppe damals, die Lotte, überließ, für die Ungarn-Kinder. Sie sagten bei jeder Spende, die wir ins Schloss brachten: Jegelskedeg, so wie der Mesner in der Kirche mit dem Klingelbeutel sagt: Vergelts Gott, Gott vergelts. Meine Schwester trennte sich von ihrer Kuscheldecke, mein kleiner Bruder von seinem Matador-Baukasten. Wir waren sieben Kinder in einem nicht übergroßen Haus, aber Zsuzha wohnte bei uns, und sie blieb mir fast bis zur Matura die „beste Freundin meines Lebens“.

Ich war sehr unglücklich über den Verlust meiner Lotte und malte mir aus, dass sie auf eine schöne, weite Reise gegangen ist, vielleicht bis ins freundliche Land der Schweden. Redda barnen und jegelskdeg, das war Schweden. Das hab ich nie vergessen, und erst sehr viel später erfahren, was jegelskedeg bedeutet. Zumindest so habe ich das gehört. Mehr Schwedisch habe ich nie erlernt und bin leider noch nie dort gewesen.

Teil 2: 28.2. - 1.3.22

Veronika Seyr
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