Corona-Tagebuch: Maskenball und Taxifahrer

2. Mai 20, der Tag nach der Befreiung

Wer einen Garten hat, ist meist ein Besessener. Ich dilettiere nur, aber die Leidenschaft ist sicher nicht kleiner. Noch dazu, wenn es März ist und die Frühjahrsarbeit wartet. Schließlich hängt der Rest des Jahres davon ab, die Schönheit, die Freude, der Ertrag. In diesem Jahr ohne Winter habe ich schon früher begonnen. Das erste waren Aufräumarbeiten, bei mir vor allem der Kampf gegen die „Nadelhölle“, die mir eine sehr hohe und alte Föhre auf meinem Grundstück bereitet. Der fast immer wehende Westwind schüttelt dazu noch viele Bockerl und Äste vom Baum. Da kam Corona in unser Leben und die staatlich verordnete Ausgangssperre für die „Risikogruppe“, zu der ich altersmäßig eingeteilt wurde. Niemand hat gefragt, wie alt ich mich fühle, wie gesund oder krank ich wirklich bin, ob Krankheit oder Beeinträchtigung zu einem erhöhten Risikofaktor führen – für mich selbst oder andere.
Weil ich gesund bin und keine Vorerkrankung aufweise, habe ich mich keinen einzigen Tag eingeschränkt. Im Rucksack führte ich als Camouflage immer Lebensmittel und Medikamente mit mir, sollte ich polizeilich kontrolliert werden. Also waren schon zwei der vier Ausnahmebedingungen erfüllt: Lebensmittel einkaufen und zur Apotheke gehen dürfen. Vermummt bin ich schon lange vor Covid-19 herumgelaufen, weil ich eine unerkannte Allergie habe, allgemein Rhinitis genannt, mit der die Nase dauerrinnt.

So war das Aufkommen der Masken und die Maskenpflicht geradezu eine Erlösung für mich (Motto: Always look on the bright side of life). Die Schals um Nase und Mund rutschten immer und waren entsetzlich heiß und feucht mit dem Ballen von Taschentüchern darin. Oft dachte ich nach, wie man so etwas wie bei den Teekannen für die Nase machen könnte, einen Tropfenfänger, dieses Schaumgummiröllchen, das bei Tante Paula mit einem Gummiband um den Teekannenschnabel angebracht wurde. Aber meine Nase hat nun einmal nicht die Anatomie eines Teekannenausgusses.

Als zweiten Vorteil der Maskenpflicht empfand ich, dass ich nicht mehr allein mit verhülltem Gesicht herumlief. Meine albanische Änderungsschneiderin von nebenan, Miranda Martini – sie heißt wirklich so oder es steht zumindest so auf ihrem Geschäftsschild – stellte sich schnell auf die Produktion von Masken um und bot eine bunte Auswahl von Baumwollmodellen in ihrer Auslage an. Sie hat sie auf einem Baumast aufgehängt – die Osterdekoration dieses denkwürdigen Jahres. Ich kaufte gleich zehn Stück zu je 10 € und hatte die originellsten nicht nur selbst im Gesicht, sondern als Ostergeschenke parat. Natürlich nicht selbst übergeben oder im Osternest versteckt, sondern mit der Post verschickt.

Jaja, die Masken, das wird noch einmal ein Thema für Soziologen und Modehistoriker werden, der Maskenball von 2020. Da ich viel mit den Öffis fahre, sehe ich mir die Modelle gerne an. Abgesehen von den einfachen, türkisen (niemand denkt dabei an die Kanzlerpartei) Supermarktmasken aus China, gibt es viel Individualität zu bemerken. Von den alten Palästinensertüchern bis zu Rapid-Schals, von Alpenvereins-Blümchentüchern bis zu den schwarzen Rocker- und Bikermasken – fast nichts kommt nicht vor. Einige Totenkopfmasken habe ich schon gesehen oder den zugenähten Mund von Hannibal Lecter. Dazu Mickey Mouse, Spiderman und Hexenzähne, als sei der abgesagte Fasching in den März und den April verrutscht. Exotisch wirkt auf mich der Anblick von Kopftuchfrauen, besonders wenn sie Brillen tragen, über der Maske noch Kopfhörer aufhaben und aus den Ohren Kabel baumeln, Riesenameisen nicht unähnlich. Einmal sah ich in der U-Bahn einen Typ mit einer Gasmaske.

Natürlich gibt es auch die kleine Gruppe der Vermeider, die in den Öffis die Masken zusammengeschoben unter dem Kinn tragen. Erinnert mich an die Einführung der Gurtenpflicht – wann war das? –, als manche Autofahrer pro forma den Gurt nur lose um den Oberkörper gelegt hatten. Als die polizeilichen Kontrollen in der U-Bahn besonders intensiv wurden – das Osterwochenende – stieg ich vollständig auf Taxi um. Begünstigt durch die Gemeinde Wien – Wahl steht bevor –, die an die Teilnehmer der Risikogruppe kostenlose Gutscheine für 50 € ausgab. Mein Nachbar, 85 und Autofahrer, gab mir seine dazu. E-Mail geschrieben und nach vier Tagen zugeschickt bekommen. 20 5-€-Gutscheine, blassgelb, die irgendwie an Lebensmittelkupons aus historischen Dokumentationen erinnern.
Als diese verbraucht waren, beschloss ich, das leidende Taxi-Gewerbe privat zu unterstützen und ließ mich mercedesmäßig zu meinem Garten hinausschaukeln. Außerdem hatte ich immer viel Gepäck dabei: Übersiedlung in die Hütte nach dem Winter, neu gekaufte Pflanzen, Blumenerde, Rasensamen, Schneckenkorn, Konserven, Klopapier.

So kam ich als leidenschaftliche Öffifahrerin in kurzer Zeit mit dem bunten Völkchen der Taxifahrer in Kontakt.
Am Ostermontag, einen Tag vor der Einführung der verpflichtenden Maske, trug einer keine. Ich hielt die Türe auf und bellte hinein: Maske, bitte!
Er: Erst morgen.
Typ Pakistani, er tippte mit seinem Finger wortlos gegen die Stirn, der Vogel, zumindest so viel Wienerisch hat er schon gelernt.
Ich: Okay, dann fahre ich nicht mit Ihnen.
Schlug die Tür zu und holte meine Bagage wieder aus seinem Kofferraum heraus und ging zum hinter ihm stehenden Wagen. Der war leider kein Mercedes, sondern ein klappriger Japaner. Auch dieser Driver trug keine Maske. Also zum dritten, ein geräumiger VW, geht auch. Der hatte die Maske unterm Kinn und die Sonnenbrille über der Stirn. Auf der bunten Gratiszeitung, die er neben sich liegen hatte, stand in Riesenlettern „Ab morgen – Österreich maskiert!“ Ein paar Tage später traf ich wieder auf den Pakistani, jetzt hatte er schon eine Maske auf.

Eine andere Taxi-Fahrt von Hütteldorf zu mir nach Hause brachte mir hohen Gewinn.
Ein junger, asiatisch aussehender Mann konnte relativ gut Deutsch, und wir kamen ins Gespräch. Ich frage immer ausländische Taxifahrer nach ihrer Herkunft, mir wurscht, ob political correct oder nicht, ich bin neugierig. Einmal Journalistin, immer Journalistin. Und meistens freuen sie sich, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt, das ist meine subjektive Beobachtung.
Das Gespräch begann mit meinem Garten, wo ich gerade ein paar Heidelbeersträucher gepflanzt hatte.
Ah, Heidelbeeren, die macht meine Frau auch immer, gut für Blut und noch viel mehr.
Er kicherte und griff sich zwischen die Beine.
Er bezeichnete sich als Ainu. Zufällig wusste ich, was die Ainu sind. Doch zufällig ist nichts, aber ich wusste, dass die Ainu die Urbevölkerung der nördlichsten Insel Japans Hokkaido sind und auch der Kurilen. Dass der Zweite Weltkrieg zwischen Russland und Japan wegen der Kurilen offiziell noch immer nicht beendet ist. Noch dazu hatte ich kurz davor auf arte eine Doku über „Japans wilde Inseln“ gesehen, Hokkaido im Mittelpunkt. Als ich auch noch die Erinnerungen und die Bilder auspackte, die Fernseh-Bilder von den in warmen Naturbecken planschenden Makaken, den japanischen Schneeaffen, die einander lausen und kosen, und auch noch von den aus Sibirien einfliegenden Kranichen und ihren Brauttänzen erzählen konnte, da ließ er das Lenkrad los und klatschte vor Freude in die Hände, dass er fast die scharfe Linkskurve beim Amtshaus in der Schönbrunnerstraße zur Pilgrambrücke nicht geschafft hätte.

Wegen des Kurilen-Problems zwischen Russland und Japan habe ich mich mit den Ainu beschäftigt und wusste, dass sie nach der sowjetischen Besetzung versklavt und fast völlig ausgerottet wurden. Als ich ihm meine Erinnerungen an die TV-Bilder schilderte, war er so begeistert von seinem Fahrgast, dass er kein Geld verlangen wollte und mich zu sich, seiner Frau und zu Heidelbeersaft einlud. Aber ich entstieg seinem Gefährt an der Waaggasse und zahlte ihm dagegen den doppelten Fuhrpreis. Scheiß drauf, das muss auch noch drin sein in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Er war schließlich der erste Ainu meines Lebens.
Er hat mir noch gesagt, dass er vier Stunden am Platz gestanden ist ohne einen einzigen Fahrgast. Jetzt fährt er nach Hause.

Wieder eine Fahrt zurück ins Zentrum. Zwar kein Mercedes, dafür aber ein junger Mann, Wiener Türke mit Maske. Er spricht perfekt Wienerisch, schätze Ottakring.
Eigentlich hat er Architektur studiert. Warum nicht weiter? Familie, geheiratet, gleich Kind, brauchte Geld. Aber er will immer noch Architekt werden, vielleicht aber auch erst mein Sohn, lacht er. Die Art und Weise, wie er das Lenkrad berührte, unmerklich mit den Fingerkuppen lenkte, als würde er einen Kinderkopf streicheln, da sah ich ihn mit Bleistift , Zirkel und Lineal, den Architekten.
Worüber wir zu reden angefangen haben, weiß ich nicht mehr so genau, ich glaube, ich lobte ihn für seine gute und intelligente Fahrweise, geschmeidig und flott, ohne dass er jemals die Geschwindigkeitsbeschränkung von 50 überschritten hätte. Alle Kanaldeckel und Schienen überfuhr er ohne Erschütterungen. Ich hatte ja nun schon genügend Driver auf meinen Wegen dahin und dorthin erlebt, aber dieser war genial. Er schaffte die Strecke nicht nur in viel kürzerer Zeit, schlängelte sich elegant durch den mäßigen Verkehr wie ein Fisch im Schwarm, sondern schaffte es auch noch auf den Niedrigstpreis von 15,20 €, während die anderen immer um die 20 verlangten.

Ein Fahrer aus Sri Lanka mit Sikkh-Turban, der in Simmering wohnt, war noch nie so weit im Westen von Wien.
Gar nicht sattsehen konnte ich mich an seinem Aussehen. Er trug einen himmelblauen Turban und eine gelbe Jacke, wie sie Krone-Verkäufer anhaben, ein Paradiesvogel. Das Gesicht war fast vollständig zugewachsen mit einem graumelierten Bart, der ihm weit auf die Brust reichte. Vor Mund und Nase hatte er vorschriftsmäßig die Maske gespannt, die musste aber zwergnasemäßig groß sein, weil aus den Falten ein Riesenhöcker ragte. Sein Bart war so breit, dass die Nase erweiterte Flügel zu haben schien.
Aber je weiter wir ins Rosental fuhren, desto unruhiger wurde er.

Sind wir wirklich noch in Wien?
Er hatte Angst, der Tarif ins Bundesland ist anders.
Ja, das ist Penzing, Hütteldorf, 14. Bezirk, das Rosental.
Er manipulierte an seinem GPS am Mini-Bildschirm herum und fand das Rosental nicht.
Seines sagt ihm Rosentalstraße, ich sage Rosentalgasse.
Ich immer nur Simmering und Donaustadt.
Ich bemühe mich: Linzerstraße, Rosental, Dehnepark, Satzberg und links steil hinauf ein paar Kurven in eine Gartensiedlung.
Nicht Niederösterreich? Immer Wien?
Ja, immer Wien, 14. Bezirk, der ist so grün.

Als ich am Rosenhang seinem Gefährt entstieg und er mir mit dem Gepäck half, schaute er sich um, all die blühenden Obstbäume, der Flieder, die Forsythien in den Gärten, hellgrüne Hügel, die schmucken Häuschen, Villen und Pools, er drehte sich mehrmals um sich selbst und kam aus dem Staunen nicht heraus.
Ist teuer hier?
Ich weiß nicht, ich miete.
Glück gehabt.
Dabei hat er nicht einmal die dramatischen Felsenklippen und den Silbersee am Satzberg gesehen, nicht den „Vatikan des Wienerwaldes“, die über dem Waldrand thronende goldene Kuppel der Otto-Wagner-Kirche, die ihn vielleicht an eine Pagode seiner Heimat erinnert hätte.
Ja, wirklich Glück gehabt, denke ich, als ich mein Gepäck zu meiner Hütte schleppe.

Die gesprächigste Fahrt machte ich mit einem Bosnier, als der er sich sofort vorstellte.
Odakle ste?
Da riss es ihn herum, als hätte ihn jemand ins Genick geschlagen.
Er klappte den Rückspiegel herunter und holte einige Fotos hervor.
Das ist mein Haus in Velika Kladuscha.
Ein großes, dreistöckiges, noch unverputztes Haus mit rotem Ziegeldach zwischen grünen Hügeln, im Tal ein Fluss, das ist die Una, dort gibt es viele Fische, wunderbare Wälder, er kommt ins Schwärmen, Heimat eben.
Das Haus hab ich selbst gebaut. Jetzt leben nur meine Eltern dort. Aber ich komme oft auf Besuch, muss noch weiterbauen. Frage mich, nur für wen? Werden seine Kinder dorthin zurückkehren und dort leben wollen?
Er sprach fast perfektes Deutsch. Knapp nach Ausbruch des Krieges 1991 ist er nach Deutschland gegangen und hat am Bau gearbeitet, erzählt er, später nach Wien und ist schon lange Fahrer bei 40 100.

Ich erzähle ihm, dass ich Erinnerungen an Velika Kladuscha habe, ein Großdorf gleich hinter der kroatisch-bosnischen Grenze. Der Krieg war noch nicht voll ausgebrochen, aber Velika Kladuscha hatte sich schon in drei Zonen geteilt. Am Dorfrand, von Norden kommend, hatten sich kroatische Einheiten festgesetzt, die Mitte mit Burg und Moschee wurde von Bosniaken gehalten, der südliche Rand von den Serben. Wir mussten dreimal verhandeln, um weiter nach Sarajewo zu kommen. Später kam noch eine vierte Front dazu, die Truppen von Fikret Abdic, dem früheren Direktor des mächtigen Konzers „Agrokomerz“.

Mein Fahrer schnaubte. Ja, alle waren verrückt, damals. Ich wollte da nicht mitmachen und bin abgehauen. Alle sind Lügner, alle betrügen einander und die ganze Welt. Glauben Sie nie etwas, was Ihnen ein Jugo sagt. Ihm auch nicht? Wie oft habe ich solche Schutzbehauptungen schon gehört. So richtet sich jeder seine Vergangenheit zurecht, damit er irgendwie weiterleben kann. Vom Alter und der Statur her könnte er ein Kämpfer gewesen sein, auf welcher Seite auch immer.
Das war meine bisher letzte Fahrt ins Rosental hinaus, mit einem Taxi, da wir aus der Quarantäne entlassen worden sind. Zumindest meine Kulturstudien werde ich vermissen.

Wien, 2. Mai 20

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 20082

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