Touché – oder: Wie ein Blechschaden zum stillen Triumph wurde

Um den Hergang dieser herrlichen Geschichte zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen:
Erstens, mein Vater, mittlerweile in Pension, war sein Leben lang Mechaniker. Zuerst als Lehrling, dann als Geselle und schließlich als Meister. An Autos und Traktoren schraubte er sich durch sein Berufsleben, stets beschäftigt im schönen Raiffeisen-Lagerhaus in einer idyllischen Kleinstadt im Weinviertel. Er war also in Sachen Autos und Fahrstil die unbestrittene Autorität in der Familie und erklärte mir nur zu oft, was ich im Umgang mit dem fahrbaren Untersatz zu ändern hätte und warum.
Zweitens, die Einfahrt meines Hauses hat eine sanfte S-Krümmung, zur Straße hin begrenzt durch eine Betonmauer auf beiden Seiten, hinter der rechts ein kleines Auto Platz hat. Um daher korrekt ein- und bequem wieder ausparken zu können, muss man die S-Kurve im Rückwärtsgang meistern, also: von der Hauptstraße links kommend ein Schwung zur anderen Straßenseite links, beim Zurückfahren in die Einfahrt zielen, dann rechts einschlagen und schließlich links. Alles mit Gefühl und im richtigen Winkel, sonst kracht man nämlich entweder gegen die Hauswand oder zerkratzt den Autolack an den Sträuchern, welche die Einfahrt auf der anderen Seite säumen.

An diesem Tag hatte ich Besuch von meinen lieben Eltern. Während mein Vater mit meinem alten Elektrorasenmäher den riesigen Garten mähte, hütete meine Mutter die Kinder, und ich konnte einige Besorgungen machen.
Endlich war alles getan, und ich setzte vor der Einfahrt zum Einkehrschwung an. Doch was war das? Mein Vater hatte sein Auto hinter der Betonmauer geparkt, Kilometer an Kabeln lagen auf dem Asphalt der Einfahrt, und die zugehörige Trommel stand dort ganz hinten.
Die schon längst gewohnten Bewegungen ausführend, starrte ich im Rückspiegel auf die Kabel. Würden sie sich um die Reifen wickeln? Nein? Sicher nicht?

Als ich das Tor passiert hatte, begannen die Abstandssensoren zu piepsen. Und wenn ich nun gegen die Kabeltrommel ganz hinten fuhr? Das Auto vielleicht sogar dort aufsaß und mein Vater dann kopfschüttelnd zu mir sagte: „Mensch, hearst … “ Wie würden wir das Auto da wieder runterbekommen?
Die Sensoren piepsten lauter. Aber die Rolle war doch noch so weit weg? Wieso sah ich dann im Rückspiegel meinen Vater händeringend angelaufen kommen?
Krach. Wieso Krach, da war doch nichts im Rückspiegel?
Nein, aber im Seitenspiegel hätte ich das von ihm heiß geliebte kleine Coupé meines Vaters gesehen, in welches ich gerade eine riesige Delle in die Verkleidung über dem Hinterreifen gerammt hatte, während mein wuchtiger Kombi völlig unbeschädigt geblieben war.

Es folgte ein ziemlich wort- und gestenreicher Vortrag meines sonst eher stillen Herrn Vaters, unterbrochen durch zischende Fluchlaute, einigen „Mensch hearst …“ seinerseits und verlegen gestotterten Erklärungen bezüglich der Kabeltrommel meinerseits, der schließlich in väterlichem Kopfschütteln und betretenem Schweigen von mir endete. Mein Angebot, ihm den Schaden zu bezahlen, schlug er natürlich aus.
Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich sozusagen in der Büßerstellung, bis ein unerwarteter Vorfall den Spieß umdrehen sollte.

Wieder waren meine Eltern auf Besuch, und diesmal borgte sich mein Vater mein großes Auto aus, um eine Ladung Strauchschnitt zur Mülldeponie zu bringen, bis zum Mittagessen wäre er wieder zurück.
Das Essen war gerade fertig und Mutter und ich machten uns gerade ans Tischdecken, als mein Vater hereinkam, kopfschüttelnd, blass und mit reuigem Blick. „Dass an  so was passier’n kann ...“
Oh Gott. Welch Schock. Aber was war überhaupt passiert?
„I bin mit dein’ Auto auf da Betonmauer ang’foan ...“

Es folgten väterliche Erklärungsversuche, wahrscheinlich hätten die Sensoren nicht angeschlagen und deshalb sei es passiert – vielleicht waren sie ja kaputt? –, gefolgt von Beschwichtigungen und Beruhigungen meinerseits. „Des kann ja mal passieren. Siechst eh“, erklärte ich achselzuckend, redlich bemüht, mir die Schadenfreude nicht anmerken zu lassen. Man würde jetzt erst einmal was essen und dann weitersehen.
Bei der anschließenden Besichtigung stellte sich heraus: Sensor kaputt, Rücklicht kaputt, Stoßstange eingedrückt. Kann man wieder richten. Ich schob die fertige Waschmaschine vor, um endlich im Keller einen stillen Freudentanz aufführen zu können.

Natürlich kümmerte sich mein Vater auch um die Reparatur meines Autos, fiel dies ja schließlich direkt in seinen Kompetenzbereich. Man kann ja auch nicht von einem erst 34-jährigen Töchterlein verlangen, zu einer Werkstatt zu fahren, um von einem wildfremden Mechaniker den Schaden begutachten zu lassen und dann auch noch einen Termin zu vereinbaren.

Und so fuhr ich bis zum Reparaturtermin weiter mit meinem Auto, im Rückwärtsgang noch immer der schrille Alarm der Sensoren, die ich manchmal zwecks Belustigung einschaltete.
Selbstverständlich bekam ich auch, während mein Kombi in der Werkstatt weilte, das spritzige Coupé meines Vaters. Er konnte mich doch nicht so im Regen stehen lassen – ganz allein, einsam, hilflos, ohne Auto!
Papa ist halt einfach der Beste!
Seitdem musste ich über mich auch nie wieder Vorträge über das richtige Autofahren ergehen lassen.

Fazit:
Reparatur 1. Auto (in der Fachwerkstätte): ca. 1.200 Euro.
Reparatur 2. Auto (ebenso in der Fachwerkstätte): auch ca. 1.200 Euro.
Die väterliche Einsicht, dass selbst dem großen Meister ein Fehler unterlaufen kann: unbezahlbar.

Lydia Kellner

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 20083

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