Weihnachten im Schatten der Eiche

Manchmal, wenn es im Juli kochendheiß und der Nachmittag leer war, trafen meine jüngere Schwester, unser kleiner Bruder und ich im tiefen Schatten der Eiche zusammen. Wir waren unserer Sommerspiele überdrüssig, waren müde und sprachen dösend von Weihnachten. Der kleine Bruder saß oben im Baumhaus, und wir sangen zu dritt Weihnachtslieder. Es wird scho glei dumpa, Wer klopfet an, In dulci jubilo-oho, Adeste fideles, Maria durch ein Dornwald ging, Sti-hille Nacht, Alle Jahre wieder, Jingle bells, Vlesustojalajolotschka, Es hat sich heut eröffnet, das himmlische Tor, die Engelen, die Bauzelen, die kugelen hervor, O Tannenbaum. Das war das Stichwort. Die Eiche begann zu rauschen und warf ihre Eicheln auf die grasenden Schweine herab.

Das Rauschen und das Abwerfen kühlte die Luft, und mich überkam das erste Staunen über das Geheimnis der Physik. Und das Geheimnis der Zeit. Jetzt und später, in vier Monaten ist Weihnachten. Und wer bin ich dann?

Hedi und Franzi hatten Scharlach gehabt, und ich war gerade vom Keuchhusten genesen.
Die vier älteren Geschwister überstanden in diesem Sommer den unabsichtlichen Vergiftungsversuch der Mutter. Sie hatte Waldmeistersekt angesetzt, der zwar wie abgestandenes Blumenwasser schmeckte, aber offensichtlich fermentiert war und alle zu ruhrartigem Brechdurchfall brachte. Im September gelang es ihr wieder nicht, denn unser Vorkoster, der Vater, entdeckte in einem Schwammerlgulasch einen bitteren Geschmack. „Mama, da stimmt etwas nicht! Kinder, Finger weg!“ Unter die essbaren braunen Baumstämmlinge hatte sich offenbar ein gleich aussehender, aber giftiger Blauröhrling geschummelt.

Im Oktober öffnete die Mutter den großen Mottenkasten auf dem Treppenabsatz und holte die Winterkleidung hervor. Wir probierten die Wintersachen, und es stellte sich heraus, dass unsere Krankheiten und der Sommer uns soweit gutgetan hatten, dass wir aus allem herausgewachsen waren. Das war nichts zu machen. Es gab niemand Jüngeren mehr in der Familie, der das Zeug erben könnte, es wurde an die jüngeren Cousinen in St. Nikola geschickt.

Im Dezember ging meine Mutter mit uns in die Stadt zum Kaufhaus Frank und kleidete uns neu ein. Was Hedi und Franzi bekamen, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich nur an den Kauf meiner unglückseligen Schihose. Wir waren nicht häufig Käufer beim Frank, weil es wenig Geld für Einkäufe gab. Aber immerhin waren wir zehn Personen, die selten, aber ab und zu doch etwas Neues brauchten. So kam uns der alte Herr Frank mit freudigen Schritten und offenen Armen entgegen und begrüßte meine Mutter. Der junge Herr Frank, Joe genannt, ging mit meinem zweitältesten Bruder in eine Klasse und durfte manchmal auch schon bedienen. Gnä Frau, Frau Professor, Frau Doktor, Frau Direktor … Meine Mutter winkte wie immer mit den Armen wild wedelnd ab, sie mochte die ihr zugedachten Titel nicht und sagte uncharmant griesgrämig: Seyr genügt.

Was brauchma denn, etwas fürs gnä Fräulein? Das gnä Fräulein hatte schon sieben Weihnachtsfeste hinter sich und freute sich auf das achte Christkind. Seit dem Sommer mit den Weihnachtsliedern unter der Eiche war ich damit beschäftigt, einen Brief an das Christkind zu entwerfen.

Meinen eigenen Karl-May-Band Der Schut, meine eigenen Klassischen Sagen des Altertums von Gustav Freytag, meinen eigenen Band mit den nacherzählten Shakespeare-Stücken, und der dritte Band der Hochreiterkinder von Marlene Haushofer - das stand ganz oben. Ich sah sie schon im Flammenschein unter dem Christbaum liegen und mich im tiefsten Winkel meines Bettes lesen, allein und unendlich lang, ohne das Buch in einer bestimmten Frist auslesen und weitergeben zu müssen. An Spielzeug wünschte ich mir eine neue Babypuppe, da ich die alte, meine geliebte Lotte, den ungarischen Flüchtlingskindern von Rädda Barnen in Judenau gespendet hatte. Ein Säckchen mit neuen Murmeln wäre schön und eine ganze Tafel Bensdorp-Schokolade, die man nur zu Weihnachten und zum Geburtstag nicht durch sieben teilen musste.

Was ich mir sonst noch wünschte, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich war das ohnedies schon sehr viel. Einen Indianeranzug für den Fasching hätte ich mir wünschen können und vielleicht auch Schlittschuhe in einem Stück, nicht die Schraubendampfer, die ich bisher fuhr und immer mit Abneigung und Scham im Aufwärmbunker des Eislaufplatzes unter den Augen der reichen Kinder anschrauben musste. Aber wahrscheinlich hätte ich mir nicht getraut, so viele Dinge und solche Extravaganzen in den Brief ans Christkind zu schreiben. Wir hatten als Kinder den Trick, etwas besonders Gewünschtes, Begehrtes, Ersehntes nicht in Worten aufzuschreiben, sondern zu zeichnen.

Das wirkte nicht so unverschämt und war immer mit einem Prickeln verbunden, ob das Christkind klug genug war, den Wunsch zu erkennen.

Eigentlich mochte ich den alten Herrn Frank gern. Er war immer lustig und sah lustig aus: Er war klein, hatte volles, dunkles Haar, hielt sich leicht gebückt und schritt mit breiten Schritten aus, wobei er mit den Beinen schlenkerte, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er die Füße überhaupt auf den Boden stellen sollte. Zu uns Kindern war er aufmerksam und sagte witzige Worte. Besonders mochten wir ihn dafür, dass er uns, abgesehen von den Einkäufen, den Besuch in seinem Kaufhaus versüßte. Bei der Kasse stand ein Körbchen mit Heller-Zuckerln – das waren langgezogene, mit Marillenmarmelade gefüllte Köstlichkeiten - in das wir die Hand hineinstecken und uns auch mehr als ein Zuckerl herausnehmen durften.

Da sah ich, wie Mutter dem alten Herrn Frank etwas ins Ohr flüsterte, und der laut und strahlend zurück: „Ah, eine Schihose zum Christkind! Schön, kommen Sie, gnä Frau, schauma, was ma ham.“

Ich stand wie vom Donner gerührt, was brauchte das Christkind eine Schihose? Ging das Christkind auch auf Schulschikurs? Ich verstand anfangs gar nichts, und es schüttelte mich bei der Vorstellung vom Christkind auf Schiern oder auf der Rodel im tiefen Schnee.
Sein weißes Spitzenkleidchen, die goldenen Locken, den Heiligenschein mit den Sternchen darüber - und darunter eine Schihose, eine Pudelhaube, Fäustlinge und Goiserer mit Norwegerpullover und Hubertusfleck?

Pures Entsetzen packte mich, ich war getroffen, ich war versehrt und stand so in Flammen, dass ich mich weigerte, die von Herrn Frank präsentierten Schihosen zu probieren. Übrigens gab es eh nur ein einziges Modell in verschiedenen Größen, eng geschnitten aus schwarzem, dehnbaren Lastex mit einem Steg an den Beinen unten, wenn ich mich richtig erinnere. Ich war so störrisch, dass mich meine Mutter nicht einmal mit Gewalt in die Probierkabine zerren konnte. „Gut, wir nehmen die, entschied die Mutter, die passt sicher, aber zwei Nummern größer, bitte, damit sie die Hedi nächstes Jahr auch noch tragen kann.“

Was war der größere Schock? Dass es kein Christkind gab oder dass die Schihose so groß war, dass sie sofort von der Hausschneiderin Frau Trofeit Hosenträger und zweifache Stulpen aufgenäht bekam? Dieser Operation fielen auch die rutschfesten Stege, die mich eventuell mit dieser Schihose versöhnen hätten können, zum Opfer.

Peinlicher und qualvoller habe ich vier Jahre später nur den Kauf des ersten BHs in Erinnerung, noch immer mit Mama und im Kaufhaus Frank. Da hat der junge Herr Frank, Bruder Bernhards schnittiger Freund Joe, schon ständig bedient, wenn auch nur in der Männerabteilung. Wahrscheinlich bekam Mama beim Frank mehr Prozente, Großfamilienrabatt. Ich wäre so gerne zum Kaufhaus Stift gegangen, die hatten eine Palmers-Abteilung mit geschulter Damenbedienung. Beim Frank bekam ich ein untragbares Gerüst Marke Stalingrad, das ich sehr schnell verschwinden und mir von der ältesten Schwester Agnes einen ihrer amerikanischen Spitzen-BHs schenken ließ.

Der ganz große Skandal kam kurz nach Weihnachten. Ich war in den Ferien zu Besuch in St. Nikola, bei Tante Sofie und Onkel Klaus und ihren vier Kindern. Ich überredete einmal meine gutmütige Cousine Michaela, mit mir Kleider zu tauschen, also meine Schihose anzuziehen. Sie sah nicht nur zu mir auf und war mir hörig, weil ich älter war, sondern weil ich aus der Stadt (oö. Schdott) kam, auch wenn Tulln damals kaum diesen Namen verdiente. Aber wer und was von dort kam, galt den St. Nikolaern (o.ö. Nigloan) geradezu als überirdisch. Gerade am Dreikönigstag gab es einen schrecklichen Unfall.
Michaela geriet zu weit über die Rodelpiste am Danzer-Bergerl hinaus und brach in das Eis des Dimbaches ein. In letzter Sekunde zog Tante Sofie sie heraus. Ich sehe es noch vor mir, wie die Rodel unterging und Michaela am Bachrand hing. Im Trubel, der diesem Unfall folgte, in dem sogar ein Gendarm ins Bräuhaus kam und überprüfte, ob Tante Sofie ihrer Aufsichtspflicht nachgekommen sei, ging meine Schihose irgendwie verloren, und Hedwig kam im nächsten Winter nicht in den Genuss dieser Erbschaft. Ich nehme an, dass sie, sonst immer meine nächste Rivalin, über den Verlust nicht traurig gewesen sein wird.

Ob meine alte Babypuppe Lotte eine Nachfolgerin bekam, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Aber an das kränkelnde Herz mit der Erkenntnis, dass das Christkind und das liebe, kleine Jesulein nicht die Leute waren, für die ich sie gehalten hatte, daran erinnere ich wie an gestern. Lange Zeit konnte ich mich nicht entscheiden, wem ich mehr grollen sollte, meiner Mutter oder dem alten Herrn Frank, ob er mir das Christkind geraubt hat, es entzaubert, verstoßen oder ob er mich davon erlöst hat? Ich entsagte und genas, indem ich mich für einen Trick entschied, dass sich das Christkind wahrscheinlich auf diese Weise von mir verabschiedet hat. Es war ja schließlich allmächtig und allwissend. So wurde meine Schihosen-Geschichte doch wieder ganz rund.

8.12.16

Veronika Seyr
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