Internationaler Sockentag

Meine Bettler-Galerie – 4. Dezember, internationaler Sockentag

Dass der 4. Dezember als internationaler Sockentag eingetragen ist, war mir bis gestern nicht bekannt. Ich bin damit groß und alt geworden, dass das der Barbara-Tag ist. Aber ich bin ja immer offen für das Neue.

Genau an diesem 4. Dezember 2020 ging mir die rumänische Bettlerin vor meinem Spar-Gourmet so sehr auf die Nerven, dass ich zur Tat schritt.
Ich kaufte aus dem Laden alles heraus, was ich für die nächsten vier Tage zu brauchen glaubte.
Fast alles Unsinn, das heißt so viel, dass ich das nicht verkochen, geschweige denn alles allein verdrücken würde können. Gäste? No chance.
Eine Riesenscheibe vom Hokkaido-Kürbis, Zwiebel, Knoblauch, Salat, Paradeiser in jeder Form, dazu Gewürze, Trockenfrüchte und einige Konserven für die nächsten zwanzig Jahre.
Ich bin keine Trümmlerin, sondern wollte nur über meine Grippeperiode drüber kommen, ohne auf die Straße gehen zu müssen.

Als ich mit den Taschen aus dem Spar-Gourmet auf die Wiedner Hauptstraße heraustrat, begrüßte mich diese Bettlerin wieder mit ihrem Danke, guten Tag, alles Gute. Ich habe es mir seit langem zur Gewohnheit gemacht, nur direkt an Projekte zu spenden oder ehrenamtlich Hand anzulegen.
Diese Frau sitzt nun schon drei Jahre vor meinem Laden, immer, ob Sommer oder Winter, in Fetzen eingehüllt, grässlich, abstoßend, unansehnlich, mit einer unangenehm blechernen Stimme sagt sie ihre eingelernten Sprücherl auf. Natürlich habe ich beobachtet, dass immer wieder Männer vorbeikommen, die sie wahrscheinlich abkassieren.
Ich habe ihr noch nie Geld gegeben, wie andere die Wechselmünzen in ihren ausgestreckten Becher reinwerfen. Gar nicht so wenige Wiener machen sich so ihr Gewissen leichter.
Ich denke viel darüber nach, warum sie und ich nicht.

Was mich packte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls lief ich in einiger Gefühlsaufwallung in meine Wohnung schräg gegenüber und packte alles, was ich für die nächste Lieferung zur Caritas-Sammelstelle am Mittersteig ausgesondert hatte. Ein eigener Sack war eine Sammlung von Socken, zum teil historische, aus Russland, Bosnien, Albanien, der Türkei und Mazedonien. Die meisten Frauen, mit denen ich als ITV-erin in Berührung kam, beschenkten mich mit ihren Handarbeiten: Socken, Satteltaschen, Pölster, Kissen, Decken und gestickte Deckchen, Stick- und Strickwerk. Das meiste habe ich selbst getragen, gepflegt und hochgehalten, sogar ausgelegt, zum Teil bis heute. Zum Beispiel Deckchen von vergewaltigten Frauen aus dem Moraca-Lager.

Die CARLA ist seit dem Lockdown leider auch geschlossen.
Wurscht, dachte ich mir, und lief wieder auf die Straße zum Spar-Gourmet, zur hässlichen, schlecht tönenden, alten Bettlerin. Ich stellte die zwei Taschen vor ihr ab und ging wieder in den Spar hinein, weil ich Eier, Obers und Topfen vergessen hatte. Eine Tasche war voll mit Socken, keine aus der balkanischen Strickung, sondern neumodisch.
Als ich kurz danach zurückkam, sah ich sie, wie sie als Erstes eine Wollmütze über die alten Kopftücher zog, an den Händen meine Handschuhe, und an den Füßen probierte sie gerade die Socken.
Da konnte ich nur flüchten. Wohin nur?

4. Dezember, internationaler Tag der Socken.

Wien, 6.12.20

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 20129

 

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