Das Lebensbuch

(das wahrscheinlich wichtigste Buch meines Lebens)

Wie das Buch hieß und woher es zu mir kam, weiß ich nicht mehr. Ob von der älteren Schwester geerbt oder ob ich es selbst entdeckt habe, in der Buchhandlung Sigmund am Tullner Hauptplatz oder in der Stadtbücherei ausgeborgt, das ist wahrscheinlich für immer in der Vergangenheit versunken. Eher hatte ich es zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekommen, unsere Eltern waren sehr aufmerksam um unsere Lektüren.

Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, ein Schwellenalter. Das, wovon das Buch handelte, konnte mich weder früher noch später so fasziniert haben, dass ich das Buch bis heute geradezu spüren und schmecken kann. Es riecht noch immer nach diesem Sommer in meiner Erinnerung.
Milde Sonne und Lavendel zum Greifen. Bis zum heutigen Tag bin ich ergriffen von diesem Glücksgefühl, das dieses Buch auslöste. Gerne und oft kehre ich in diese Glocke zurück, in diese Versprechungen.

Mehrere französische Familien machen Ferien auf einem Landgut nicht weit von Paris. Vage Bilder, eine konkrete Handlung ist nicht hängengeblieben. Es gibt eine Schar junger Leute, alle etwas älter als ich, reicher, schöner, fröhlicher und freier. Sie sind unsagbar begehrenswert und feiern jeden Tag das Fest des Lebens. Keine Sorgen, Ferien eben. Sie leben in wunderschönen Häusern, machen Ausflüge in die lieblichsten Landschaften, sie fahren Rad durch duftende Wiesen und an Hecken mit blühenden Wildrosen entlang, die ich bis heute in der Nase habe. Sie baden in einem Fluss und lassen sich in der Sonne trocknen. Pan spielt mit dem Sommerwind, darüber trillern Lerchen, jeder ist in jede verliebt, oder sie spielen damit mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. Ja, diese von nichts beschwerte Leichtigkeit des Umgangs miteinander, glaube ich, faszinierte mich am meisten. Es war wie der Unterschied zwischen einem Baguette zu unserem Bauernbrot. Wie der Tanz von Schmetterlingen zum Krähenflug.

Eigentlich waren diese französischen Jugendlichen ein fremder Stamm, den ich mit ethnologischem Interesse untersuchte und von dem ich das Universelle zu übernehmen versuchte. Ich studierte ihre Sprache, Blicke, Codes – die Sprache unterhalb der Oberfläche. Das war es, was sie in meinen Augen so frei machte. Heimlich übte ich vor dem Spiegel Rede und Gegenrede, Mienen und Gesten, Grimassen und Haltungen.

Es klingt kitschig und romantisch, war es aber nicht. Diese französische Autorin war supermodern. Nichts von der armen Enge der Hochreiter-Kinder von Marlen Haushofer, der Stifter‘schen Bunten Steine oder der Waggerl-Welt, wie ich sie bis dahin kannte. Dem Winnetou- Kult, den meine älteren Geschwister um die Wette betrieben, konnte ich nichts abgewinnen. Von Karl May habe ich nur Die Weber, Im Land der Skipetaren und Der Schut gelesen, wahrscheinlich weil sie gerade ungelesen herumlagen. An die 80 anderen Bände kam ich zu meiner Zeit nicht heran, weil sie ständig unter den Älteren kreisten. Ich hab schon 40, pah, ich schon 56, so ging das damals.

Meine französischen Teenager waren in meinen Augen alle ein bisschen exzentrisch und taten verrückte Dinge, wofür ich sie heftig beneidete. Aber ich hätte das bei mir nirgendwo ausprobieren können. Sie hatten jeder einen bestimmten Stil und drückten ihre Persönlichkeit ungehindert aus. Sie schienen schon alles über das Leben und die Welt zu wissen, wobei mich natürlich das Mysterium zwischen Männern und Frauen am meisten interessierte. Die Sexualität könnte die Brücke zur Überwindung der Fremdheit sein. Aber bei uns wurde sie aus religiösen Gründen unterdrückt. Die jungen Franzosen schienen davon vollkommen unberührt zu sein, sie wurden nicht belästigt und bedroht von den Erwachsenen, sie konnten sich so frei entwickeln wie ihre Heckenrosen und Blumenwiesen. Wir dagegen wurden aufgezogen wie Spalierobst und beschnitten wie Buchsbäume. Reih und Glied.
Es war vor allem das Lebensgefühl des Aufbruchs, dass alles möglich war und nur Schönes vor einem lag, das dieses Buch vermittelte. Die Zukunft stand weit offen und winkte mit goldenen Aussichten.

Ein unvergessliches Buch, von dem ich nicht einmal den Namen die Autorin mehr weiß? Warum bin ich mir so sicher, dass es überhaupt eine Autorin war? Sie war eine Frau, weil ich mich von ihr vollkommen verstanden fühlte, auf gruselige Art durchschaut, aber nicht verraten, sondern aufgehoben. Auch an die Handlung kann ich mich kaum erinnern, kein einziges Detail, alles nur vage, alles Stimmung und Schwingung. Keine Probleme und Verwicklungen, die es ja auch gegeben haben muss, denn ansonsten hätte das Buch nicht von lebendigen Menschen gehandelt. Die eventuell störenden Erwachsenen sind ausgeblendet. Es war die Atmosphäre, die Lebensluft, die mir wie der Gegenentwurf zu meiner eigenen Welt vorkam. Ein Entwurf in meine eigene erträumte Zukunft.

Bei uns zu Hause war es üblich, dass alle über ihre Lektüren sprachen, dass darüber am Esstisch diskutiert wurde, auch gestritten, und die Eltern, die alles wussten, oft als Schiedsrichter auftraten. Obwohl ich meinen französischen Traum hütete wie den Augapfel, kam meine zwei Jahre jüngere Schwester hinter mein Geheimnis. Sie wollte natürlich das Buch auch sofort lesen, was ich in jeder Hinsicht für unangemessen hielt. Sie war ja viel zu jung für so eine Geschichte, ein Baby! Ich wollte meinen Altersvorsprung als Autorität ausspielen. Aber vor allem wollte ich meine neue Traumwelt mit niemandem teilen. Ich hütete sie eifersüchtig und egoistisch, sie war mein Privatkosmos, mein eigenes kleines Paradies, das ich bis ins Letzte verbissen verteidigte.
Ich las nur noch heimlich und versteckte das Buch unter der Bettmatratze. Es war ein Skandal, weil ich behauptete, es sei verschwunden. Nach einer peniblen Zimmerkontrolle durch die Mutter musste ich es herausrücken und nach dem Auslesen der kleinen Schwester ausliefern. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so gehasst wie die beiden, ich weiß nicht, wen mehr. Es war ein Überfall, ein Raub, ein Einbruch, eine Entweihung, ein Hineintrampeln in meine Welt. Das dort waren meine Menschen, meine Freunde, meine Lieben. Ich lebte mit ihnen, sie lebten mit mir.
Ich spüre noch immer Zorn aufsteigen, dass sie mir mutwillig den ersten großen Kummer meines Lebens zugefügt haben. Und die Scham darüber, dass ich dieses Buch, das Intimste, das Privateste, das Schönste, was ich hatte, nicht hatte schützen können vor fremden Blicken und Gefühlen.

Trotz aller persönlicher Tragik waren in der Folge drei Dinge tröstlich, ja sogar beglückend. Es kamen noch zwei Fortsetzungsromane, die ich geheimhalten konnte, weil ich sie nicht mehr zu Hause las, sondern in einem sicheren Depot bei einer Freundin.
Und schließlich ist dieses Erlebnis ein Beweis dafür, dass es ein gutes Buch gewesen sein muss. Denn ohne diese Qualitäten, die ich so sehr schätzte, dass sie unvergesslich sind, wäre ich vielleicht erst später oder gar nicht drauf gekommen, was ein gutes Buch ausmacht: die Erschaffung einer neuen Welt, in der man besser leben kann als in der eigenen, mit Menschen, Ereignissen, Gefühlen und Erkenntnissen, Landschaften und Gerüchen, die das erste Leben anreichern und ins Endlose ausweiten. Die dritte Entdeckung war, dass Lesen eine wunderbare, nie endende Art von Selbstfindung ist. Zumindest verstand ich seit damals, dass wir nie das Fremde suchen, sondern immer auf der Suche nach dem Eigenen sind. Es wird immer belohnt. Meine Liebe zu den Autoren, die so etwas zu bewirken vermögen, ist ungebrochen. So haben sie mich zu einer maßlosen Bücher-Fresserin und Welten-Entdeckerin gemacht.

Mutter und Schwester habe ich natürlich längst verziehen.
Wir sind schließlich alle aus demselben Holz geschnitzt.

30.6.17

Veronika Seyr
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