Handke, der serbische Nobelpreis und die falsche Heiligsprechung

Es ist zu hoffen, dass der frisch gebackene Nobelpreisträger Peter Handke eine Hilfskraft hat, die ihm in diesen Tagen die nationalkommunistische Presse in Serbien übersetzt.
Weil da ist er das Thema Nr. 1, und es herrscht die reine Freude vor. Mit Handke habe nach Ivo Andric der zweite Serbe den Nobelpreis bekommen. Er habe Serbien und das serbische Volk stetig und tapfer verteidigt und sei damit nach Milosevic der größte Serbe. Dabei wird der Diktator in alter nationalistischer Rhetorik von „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ mit dem Volk gleichgestellt; wer gegen Milosevic sei, stelle sich gegen das serbische Volk uswusf. Der Jubel kennt keine Grenzen und keine Scham.

Das sind schlimmere Töne als in den 90er Jahren, als Milosevic noch an der Macht war, und es zumindest in der Hauptstadt relativ freie, anti-nationalistische Medien gab, die der nationalistischen Vergiftung Widerpart gaben. Die heftig betriebene Restauration des Milosevic-Regimes wird nun also mit dem höchsten internationalen Preis ausgezeichnet – und damit eine Person, die wie keine andere Milosevics Verbrechen geleugnet und schöngeredet hat.

So wird alles in Frage gestellt, die Zerstörung von Vukovar, die Toten von Ovcara, die ermordeten Moslems von Srebrenica, das zerschossene Krankenhaus von Gorazde, die von der serbischen Artillerie getöteten Kühe am Straßenrand, die verschreckten, ausgemergelten Menschen mit ihren Handwägelchen in den elendslangen Zügen die kroatischen und bosnischen Straßen entlang, die unzähligen Verbrechen in Sarajewo und im Kosovo, das blutrote Wasser der Drina bei Foca und Visegrad, die Kühlwagen voller albanischer Leichen, die in der Donau versenkt wurden und in den Bleigruben von Trepca. Die Massengräber auf dem Polizeigelände von Batajnica. Und all diese Krüppel, Vertriebenen und Geflüchteten.

Ich nenne nur diese wenigen Beispiele von Verbrechen, die ich mit eigenen Augen gesehen und über die ich in den Jahren 1991 bis 1997 im ORF berichtet habe.

Aber man muss solche Erfahrungen gar nicht haben. Noch viel mehr zu berichten hätten die Hunderttausenden Geflüchteten aus den jugoslawischen Kriegsgebieten und ihre Nachkommen, die in Österreich Schutz und Heimat gefunden haben. Sie alle wissen aus eigener Anschauung oder Familiennarration, was Handke beschönigt oder verschweigt.
Und das mit Zynismus verziert als Poesie oder Freiheit des Autors.
Handke hat unfassbare Schuld auf sich geladen, indem er Milosevic und Karadzic glorifiziert. Er bespuckt damit alle Opfer und ihre Angehörigen – wie auch durch seine Teilnahme an Milosevics Begräbnis in Pozarevac: „Die letzte Ehre erweisen.“

Wie kann das Komitee in Stockholm so völlig versagen und eine internationale Nobilitierung vergeben, genau zur selben Zeit, als die Welt entsetzt und in Trauer vor dem Anschlag auf die Synagoge von Halle steht. Was für ein böser „Zufall“! Will da jemand die Menschen verhöhnen, die nicht mit literaturgeschmäcklerischem Wortgeklingel à la Akademie, sondern mit Wissen und Gewissen die Wirklichkeit beobachten.

An mich, an alle und auch an das zornige Rumpelstilzchen („Ich komme von Tolstoj, ich komme von Kafka, ich komme von Cervantes“) möchte ich zwei Fragen stellen, oder vielmehr ein Gedankenspiel spielen: Was hätten diese drei – es könnten aber auch genauso gut Goethe, Beethoven oder Kant sein – zu den Balkankriegen der 90er Jahre gesagt?
Und was wäre, wenn die Opfer Schweden gewesen wären?

13.10.19

Veronika Seyr
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