Wir haben Venedig gebaut oder Die Eichen von Orenburg

Erinnern und Nachdenken nach dem Film The Death of Stalin

Von Orenburg habe ich schon in der Schule gehört, als wir im Russisch-Unterricht Puschkins Novelle Die Hauptmannstochter lasen. Geblieben ist eine ferne Erinnerung an eine tragische Liebesgeschichte aus der wilden Zeit des Pugatschow-Aufstandes von 1744. Später habe ich selbst meine Schüler mit dieser Geschichte traktiert, weil es keine klarere russische Sprache gibt als die Puschkins.

Selbst in diese Stadt im Südural bin ich erst Anfang 2000 gekommen, genau genommen am 26. Jänner. Von Moskau aus geflogen mit einer zweifelhaften Maschine der ORENAIR, in Begleitung des Russland-Deutschen Grigorij, im Gepäck fast eine Tonne mit Bücherkisten für die künftige Österreich-Bibliothek. Die Grenzstadt im Südural zeigte sich im prächtigsten Winter mit strahlendem Frischschnee und minus 20 Grad, mit Wind gefühlte 30. Steife Lippen und gefrorene Rotzglöckerl, sofort als ich aus der Maschine aussteige. Der Hauch vor dem Mund gefriert und umflirrt das Gesicht in feinen Flocken wie ein kleiner Schneesturm. Die Kristalle sitzen um meine Fellmütze wie ein Strahlenkranz und verhöhnen mit ihrer Schönheit den letzten Rest von Menschlichkeit. Die Luft ist kalt, klar und schneidend, die Lungen sind im Schockmodus und wollen, wenn sie könnten, sofort wieder ins vergleichsweise warme Moskau zurückfliegen. An das Rot und Blau meiner Nase und Wangen mag ich gar nicht denken.

Das ist das typische kontinentale Klima, neun Monate strenger Winter, drei Monate superheißer Sommer, ohne Übergänge von Frühling und Herbst. Ich bin tief, tief in der Provinz, und da freut man sich noch ehrlich über einen Besuch aus der Hauptstadt, auch wenn es so ein kleines Licht wie eine österreischische Kulturrätin ist. Ich werde wie ein Staatsgast empfangen, zernepfte, gefrorene Blumensträuße in Plastikhüllen mit überschwänglichen Maschen, überreicht von Schulkindern. Nur noch Fähnchen in Rot-Weiß-Rot fehlen. Die Gastkultur der Sowjetunion ist hier noch lebendig. Staatslimousinen, Abordnungen von Regional- und Stadtverwaltung, der Universität, der Bibliothek, des Regionalmuseums und der Vereinigung der Russland-Deutschen „Wiedergeburt“. Der Reihe nach werde ich in diese Institutionen geführt, als Erstes zur Bücherübergabe an die Uni.

Wir hatten für die Österreich-Bibliothek noch keine eigenen Räumlichkeiten und bekamen im Goethe-Institut eine Ecke zugewiesen, wie eine arme Verwandte am Katzentisch. Aber das störte nur mich. Die Menschen drängten herein in die warmen und überfüllten Räume. Alle waren begeistert von den Büchergeschenken, Kunstbänden, Videos, CDs und Zeitschriften, vor allem aber vom reichlichen Buffet. Dort trat ein alter Mann an mich heran und stellte sich als Österreicher vor. Österreichisches Deutsch in Anklängen, aber wackelig und mit Russisch durchsprenkelt. Er sei hier in einem Lager Kriegsgefangener gewesen und nach der Freilassung geblieben, habe eine Russin geheiratet, nun sei er Russe, aber in der Seele Österreicher geblieben. Im Kriegsgefangenenlager 369 „Tschkalow“ mussten Tausende Deutsche und Österreicher unter schrecklichen Bedingungen im Tagbau Salz schürfen. Sie starben wie die Fliegen, schlecht ernährt, schlecht gekleidet, standen sie in den Solelacken bei minus 40 Grad und in glühender Hitze mit Myriaden von Stechmücken.

Das Grenzgebiet zu Kasachstan gehört zu den unwirtlichsten, menschenfeindlichsten Landstrichen der Erde. Ich hörte zum ersten Mal, dass jemand freiwillig in der Sowjetunion geblieben sein soll, dass das überhaupt möglich gewesen ist. Ich nahm mir vor, Grigorij von der „Wiedergeburt“ danach zu fragen. Das Gedränge um mich war so groß, dass ich keine Gelegenheit mehr bekam, mich mit dem angeblichen Österreicher länger zu unterhalten.

Am nächsten Tag wurde ich unter die Fittiche eines anderen Mitarbeiters der „Wiedergeburt“ gestellt. Rustam, ein junger Kasache aus Orenburg, der Germanistik studiert, führt mich durch die im Schnee versunkene Stadt zu dem Obelisken am Rande der Stadt, der die Grenze zwischen Europa und Asien symbolisiert. Eine schmale Holzbrücke über den Or am Zusammenfluss mit dem Ural heißt großspurig „Europabrücke“. Der Ural ist hier im Süden kein Gebirge, nicht höher als das hohe Ufer des Flusses, ansonsten eine Ebene ohne Grenzen und Konturen. Es gehört zu den Besonderheiten Russlands, dass in seinen Ebenen nur eine unermessliche Leere den Raum zu füllen scheint.
Der Schnee erscheint gletscherblau beim Augenstreifen an der Oberfläche, zerfällt aber weiter oben in alle Farben des Spektrums, dazwischen ein kleiner Streifen leichten Nebels.
Das ist der Raum der sibirischen Schamanen. Ein Glücksmoment und gleichzeitig grausam die Erkenntnis, dass ich nicht einmal eine Ahnung von diesem Reich bekommen könnte. Neben mir schnaubt Rustam wie ein Pferd, stößt Atemwolken aus und scharrt mit den Füßen. Er treibt mich weiter. Er startet eine Fotografier-Orgie, Posen mit mir am Obelisken wie ich gleichzeitig Europa und Asien umarme und auf der Europabrücke, einmal da und dorthin blicke. In der Kälte gibt es keinen freien Willen. Dann zurückstiefeln in die Innenstadt, zum Doppeldenkmal von Puschkin und Wladimir W. Dalj, ein dänischer Volkskundler Dahl, die sich hier 1833 getroffen haben. Zwei Granitgiganten auf einem massiven Sockel.

Puschkin hielt sich kurz in Orenburg auf, um den Schauplatz des Pugatschow-Aufstandes in Augenschein zu nehmen. Viel studiert haben kann er nicht in den gerade eineinhalb Tagen, die er in Orenburg verweilte. Orenburg war 1833 eine primitive Soldatensiedlung, hatte keine Universität, keine Bibliothek, kein Archiv. Er wird wohl eine Spelunke mit Soldaten und Zigeunern gefunden haben, in der er seiner Leidenschaft für das nächtliche Kartenspiel nachgehen konnte. Mit den Nachfahren der Aufständischen. Der Sprachwissenschafter und Volkskundler Dalj lebte hier schon seit dem Dekabristenaufstand in der gütigen Verbannung des Zaren. Es gibt schlimmere Orte, eine Gnade, zumindest noch nicht ganz Sibirien, mit einem Fuß in Europa.

Wieder Fotografieren ohne Ende. Ich frage mich, für welches Album? Ich werde auf den verschneiten Schoß des Granit-Puschkin gesetzt und umarme nicht einmal die halbe Schulter von Dalj, Rustam, das Abbild des jungen Dschingis Khans, mit Fell-Uschanka zwischen uns. Ich mit Greta-Garbo-Sonnenbrille unter einem Bojarinnen-Hut aus Karakul im geschenkten Nerzmantel meiner Mutter. Unbesorgt um Tierfelle, die Menschenkörper wärmen, das ist hier kein Thema, darum kümmert sich hier niemand. Alle Tierfellschützer möcht ich mal hierherschicken. Sie sollten einmal anstatt auf der Kärntnerstraße hier demonstrieren und schmieren. Die menschliche Pelzkultur stammt exakt genau von hier. Die Orenburgskije Novosti bringen am nächsten Tag ein Interview und einen reich bebilderten Bericht über meinen Besuch. Ich bin eine Provinzberühmtheit für einen Tag.

Mehr Eiszapfen als Mensch, flehe ich Rustam an, mir weitere Denkmäler von Orenburger Honoratioren zu erlassen. Ich merke, er ist leicht beleidigt, zeigt es aber in asiatischer Gelassenheit nicht. Vorgesehen war noch das Tschkalow-Museum für den legendären Piloten, einen Helden der Sowjetunion, Vorgänger von Gagarin. Tschkalow, da klingelte etwas. Lager 369, hat mir der alte Mann in der Bibliothek zugefüstert. 369-tri-schest-devjat.
Rustam hält die Story des angeblichen Österreichers für ein Märchen. Was soll ich glauben. Wer weiß mehr. Rustam ist 22 Jahre alt und nicht einmal in Lokalgeschichte sattelfest, wie sich noch herausstellen sollte.

Nun war es Zeit für den Museumsbesuch in der Sowetskaja Straße.
Sie verdient im zehnten Jahr nach der Wende noch immer diesen Namen. Einzelne schüchterne Neuanfänge, die aber zwischen den Schneebergen und unter der Kälte nicht großartig daherkommen. Rund einen Kilometer lang, sieht man ihr nur mit viel Phantasie an, dass sie einmal eine Prachtstraße, ein klassizistisches Juwel in einer russischen Provinzstadt gewesen ist, unter Stalins hasserfüllter Abrissbirne aber schwer gelitten hat. So ließ er von 31 Kirchen 30 zerstören, darunter auch alle Moscheen und Tempel. Das Stadtmuseum hat überlebt, es ist in einem imposanten historistischen Palais untergebracht. In der Säulenhalle erwartet mich die Direktorin Galina Sergejewna.
Aus leidvoller Erfahrung fürchtete ich mich vor solchen Führungen: Man kann nicht ansehen, was einen interessiert, und üblicherweise breiten die russischen Museumsführerinnen ihre Schätze in einer unerträglichen Endlosigkeit und Detailliertheit aus. Bis zum letzten Haar von Teufels Großmutter musste man hinschauen, worauf hingedeutet wurde und immerzu bewundern und sich wundern über die vielen Superlative. Die Russen haben ein selbstironisches Sprichwort dafür: Und Russland ist die Heimat der Elefanten.

Genauso war es mit Galina Sergejewna, einer kartoffelrunden, mittelalterlichen Frau in blauer Postleruniform, mit Goldzahnlachen und Karottenhaaren. Sie begann bei der Urzeit mit Mammutknochen, Ascheresten aus der Bronzezeit und petrifizierten Bäumen aus der Gegend um Orenburg. Das waren damals sicher noch nicht Russen, aber die Kontinuität und der Anspruch müssen gewahrt werden. Das Regionalmuseum war im besten Sinne der sowjetischen Museologie aufgebaut, die Entwicklung geht geradlinig zu immer Höherem bis sie deterministisch im ersten Arbeiter- und Bauernstaat ihre Apotheose findet. Dann bekomme ich einen globalen Überblick über die Eichen. Eichen werden ja in aller Welt und zu allen Zeiten geschätzt für die Festigkeit ihres Holzes. Die von Orenburg waren so berühmt, dass die Dogen Venedig auf Pylonen aus Orenburger Eichen stellten. Wumm, das war wirklich neu für mich, und ich versuchte mir vorzustellen, wie der Transport der Eichen aus Orenburg in die Lagune wohl ausgesehen haben mag.

Wir haben Venedig gebaut, zeigt Galina Sergejewna ihr Goldzahnlachen und zwinkert dabei, und es steht noch immer auf ihnen. Wenn welche ausgetauscht werden müssen, kommen die Eichen dafür seit ewigen Zeiten aus dem Orenburger Gebiet.
Die Erkenntnis: Russland klittert zu seinen Gunsten die Geschichte, im Hintergrund immer Großmachtdenken und Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Westen, was man auch als ein auf den Kopf gestelltes Minderwertigkeitsgefühl ansehen kann. Ohne uns gäbe es Venedig nicht. So wie jetzt Erdöl und Erdgas.

Der Pugatschow-Aufstand 1774, eine grausame Bauernrebellion, die sich gegen Katharina die Große richtete, steht danach im Mittelpunkt der Ausführungen. Sie breitete sich von Orenburg aus und wütete fast bis vor die Tore Moskaus, die einzige bis zur Revolution, die den Zarenstaat in arge Schwierigkeiten brachte. Die Museumsdirektorin weist mich auf ein Dorf hin, das für die jüngste Verfilmung von Puschkins Hauptmannstochter künstlich aufgebaut wurde und das man gleich vor den Toren der Stadt besichtigen kann.
Rustam, bitte, da will ich hin, geht das? Gleich heute Nachmittag!
Ich bin begeistert.
Du weißt, ich habe eine lange, persönliche Geschichte mit der Hauptmannstochter.
Rustam windet sich.
Das ist nicht vorgesehen im Programm.
Dann ändern wir doch das Programm.

Nichts ist schlimmer, als wenn ein Gast das Programm umwirft. Das durfte bisher höchstens eine Bundespräsidentengattin, und da hat halb Moskau den Kopf geschüttelt.
Sie haben es mühsam zusammengebastelt, und da darf man nicht daran rütteln.
Russen sind nicht so flexibel, da könnte ja ein Missgeschick passieren, und sie, die Kleinen, die Unteren hätten dann den Scherben auf.

Ich kam drauf, dass noch ein anderes Hindernis gab. Vor den Toren der Stadt, das ist für uns eine Distanz in Gehweite oder schnell hin mit dem Auto, so etwas wie gleich um die Ecke, dort drüben, nicht weit. Das Raumverständnis in den Köpfen der Russen ist aber ganz anders gestaltet als bei uns kleinräumigen Europäern. Rustam rückte später damit heraus, dass dieses Filmdorf zwar im Gebiet Orenburg liege, aber circa 1000 Kiometer entfernt sei. Bei der unermesslichen Größe des Landes, die wiederum uns Eurpäern nicht in den Kopf geht, ist das eben gleich um die Ecke, nicht weit. Ein Lehrstück, aber das Filmdorf blieb für mich unerreichbar.

Der zweite Stock war ganz der Gründungsgeschichte der Stadt gewidmet. Als Grenzstadt von Peters Nachfolgern geplant, wurde sie später zum Bollwerk und Brückenkopf zur Eroberung Sibiriens, ursprünglich von Kosaken besiedelt. Den Zaren schwebte ein Sicherheitsgürtel gegen Tataren, Kasachen und Baschkiren – die Kleine Horde – vor. Ihre Weitsicht ging so weit, dass sie produktive Nationalitäten einluden: Wolga-Deutsche, Griechen, Armenier, Balten, Juden.
Nach der Anbindung an das Eisenbahnnetz konnten die reichen Bodenschätze ausgebeutet werden, und auch der Handel mit Vieh und Pelzen brachte der Stadt einigen Wohlstand. Nach dem Überfall der Deutschen wurden viele Industrieanlagen aus dem europäischen Russland hinter den Ural verlegt, auch nach Orenburg, und die Stadt verdoppelte ihre Einwohnerzahl. So kam auch der Cellist Mstislaw Rostropowitsch nach Orenburg und begann hier seine große Karriere. Noch mehr Verehrung wird aber dem ersten Kosmonauten Jurij Gagarin, dem größten Sohn dieser Stadt, entgegengebracht.
Ihm ist das ganze dritte Stockwerk gewidmet. Ich falle fast um vor Langeweile, aber der Shop bietet einige groteske Souvenirs, die ich in Massen einkaufe. So bin ich aufgestiegen von den Mammutzehen zu den Venedig-Eichen und über die Kosaken bis zum Kosmos.

Als Galina Sergejewna und Rustam ansetzten, mich ins nächste Museum zu schleppen – diesmal zu den berühmten Orenburger Spitzenschals aus Jungziegenwolle – begann ich um Gnade zu betteln. Wenn ich heute noch einmal etwas von der Jungziegenwollespitzenhäkelei höre, beginne ich zu schreien und greife anstatt zu puch (Hauch) zur puschka (Schießgewehr).
Nicht dass ich zu wenig aufnahmefähig wäre, aber die Art der russischen Präsentation erfordert mehr Geduld, als ich habe. Oder einen Saumagen.
Die Geschichte als Gemischtwarenladen oder Märchendorf, herauspicken, anmalen, lackieren, ausblenden, leugnen, retuschieren, bis alles ins Bild passt, wie es von oben gewünscht wird. Zum Beispiel die unter Putin in Mode gekommene Stalin-Renaissance. Die Geschichte des Landes dient ausschließlich dazu, sich an ihr zu erbauen, den Patriotismus zu stärken und den Platz in der Welt zu finden, ja sogar die eigene Identität des Individuums. Ein Russe fühlt sich gut, groß und stark, weil er sein Land als solches empfindet. Da haben Fragen und Kritik keinen Platz, die sind persönlichkeitsgefährdend und zersetzend. Das ist einer der größten Unterschiede zu uns, die wir gelernt haben, mit unserer Geschichte kritisch bis neutral umzugehen.

So ist es kein Wunder, dass die Filme Matilda über Zar Nikolaus II. und The Death of Stalin derzeit in Russland verboten sind. Wie ein Land seine Geschichte und Gegenwart reflektiert, ist sehr aussagekräftig. Humor und Satire waren in den kurzen Jahren des Tauwetters unter Chruschtschow weiter entwickelt als im heutigen Putin-Russland. Ja, sogar in dem Parabelroman Meister und Margerita von Michail Bulgakow schimmert die Kritik am stalinschen Totalitarismus durch.

Wieder einmal bekam ich einen Beweis dafür, dass ich keine gewachsene, gelernte Diplomatin war und nie werden würde, sondern die Journalistin in mir stärker war. Die Diplomatin ließ sich willig zur Schlachtbank führen, die Journalistin wollte mehr von dem, was sie interessierte – zwei vollkommen verschiedene Rollen. So fragte ich die Museumsdirektorin auch nicht nach dem 14. September 1954, denn das wäre hochgradig undiplomatisch gewesen. Wenn ich noch Journalistin gewesen wäre, hätte ich mir wahrscheinlich nicht verkneifen können anzumerken, dass so unbedeutende Altkulturen wie die ägyptische oder die keltische das Holz von Eichen, Eiben, Zypressen und Zedern zur Einäscherung der Toten verwendeten, als Zeichen ewiger Hoffnung auf die Auferstehung.
Und nicht zuletzt hätte ich schnippisch zugesetzt, dass der für Isaak ausersehene Scheiterhaufen aus Eichenstämmen bestand.

Mit Rustam dann in einem Café – neurussisch kofischop – auf der Sowjetskaja Straße neben einer neuerrichteten Baptisten-Kirche – die Amerikaner missionieren auf Teufel komm raus – traute ich mich, mit den brennenden Frage herauszurücken. Er hatte sich vorher schon als Umweltaktivist der noch zarten russischen Grünen geoutet. An diesem Morgen des 14. September 1954 um 9 Uhr 35 zündete die Armee am Truppenübungsplatz Totzkoje, 215 Kilometer (gleich um die Ecke, ganz nah!) von Orenburg entfernt, eine Atombombe, abgeworfen von einem Tu-4-Bomber mit der Stärke von 40 Kilotonnen. Hiroshima und Nagasaki mal zwei, ich weiß es nicht. In ihrem Wettlauf gingen die USA und die Sowjetunion in den Frühjahren der Atomkraft damit gleich unverantwortlich um.

Das ist die dritte Erkenntnis. Wie viele Menschen dabei umkamen oder verletzt wurden, ist bis jetzt streng gehütetes Staatsgeheimnis. Um Totzkoje leben aber noch immer Menschen. Aber Rustam, der neugetauft ist und sich in sozialen Fragen engagiert, weiß, dass die Zahl der Erkrankungen im Gebiet Orenburg zweimal höher ist als um Tschernobyl. 1954 – 1976 – 2000. Die zweite, noch akutere Gefahr, kommt daher, dass Orenburg nahe Kasachstan mit rund 2000 Kilometern unkontrollierbarer Grenze überschwemmt wird von Drogen aus Asien. Zusätzlich zum traditionellen Alkoholismus – entsetzliche soziale, gesundheitliche und kriminelle Probleme. Schmuggel, Bandenbildung, Waffen, alles was das drug trafficing so nach sich zieht. Die Miliz und der Grenzschutz sind korrupt und eben kein Schutz.

Ich möchte aber noch einmal in die Vergangenheit zurück und frage nach Sol-Iljezk.
Da strahlt Rustam:
Das ist wirklich nicht weit, nur 70 Kilometer, da könnten wir morgen hinfahren, das ginge sich aus, das lässt sich mit dem Auto machen.
Warum strahlt Rustam?
Er hat das Sanatorium Sol-Iljezk im Sinn, wo in Solebädern allerlei Leiden behandelt und auskuriert werden. Ähnlich wie am Toten Meer. Es ist eine der raren Touristenattraktionen in der ansonsten endlosen, öden, leeren Steppe.
Lieber Rustam, entschuldige, das Sanatorium mit den Salzlacken interessiert mich nicht.
Ich würde gerne wissen, ob etwas von dem GULAG Sol-Iljezk übriggeblieben ist.

Rustam blitzt mich aus seinen Tschingis-Khan-Augen an, zupft an seinem dünnen Schnurrbärtchen und schüttelt den Kopf.
Davon habe ich noch nie etwas gehört. Aber das waren primitive Holzbaracken, die sind längst versunken oder verrottet. Das meiste wird nach Stalins Tod einfach gestohlen worden sein. Warum fragst du? Was interessiert dich dort?

Aus Veröffentlichungen der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial weiß ich, dass der GULAG Sol-Iljezk eines der größten Durchgangslager war, wo die Opfer Stalins vor dem Weitertransport in die sibirischen Lager konzentriert wurden. Mehr als die Hälfte der Häftlinge überlebte Sol-Iljezk nicht, sie starben an Hunger, Kälte, Misshandlungen und vor allem an Typhus.
So auch Carola Neher 1942, die berühmte Berliner Schauspielerin, erste Frau von Klabund, Brecht-Freundin, als Polly Peachum der Dreigroschen-Oper im Pabst-Film ein gefeierter Star, spielt Shakespeare, Schnitzler, Brecht, in Wien einmal Klabund – die schönste Frau Deutschlands, ein neues Role Model in allen Illustrierten. Nach ihrer Flucht in die Sowjetunion 1934 gerät sie in die Fänge des NKWD. Denunziert aus KPD-Kreisen als trotzkistische Verschwörerin, versteht sie nicht einmal die Anklage. Ihr zweijähriger Sohn kommt in ein Kinderheim für Volksfeinde.
Sie wird sechs Jahre durch alle möglichen Gefängnisse und Lager geschleppt und stirbt 1942 in Sol-Iljezk an Typhus. Erst 30 Jahre später erfährt der Sohn über Memorial, wer seine Eltern waren; sie werden rehabilitiert, und mit Unterstützung von vielen deutschen Kulturschaffenden und Zeithistorikern gelingt ihm die Ausreise nach Deutschland. Willy Brandt hat sich persönlich bei Breschnew für Georg Becker eingesetzt.

Rustam kennt diese Geschichte nicht. In seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit dem Wiener Vormärz. In Orenburg redet man lieber über Mammutknochen und Ziegenwolle, Rostropowitsch und Gagarin.
Es dauerte noch bis zum 5. Februar 2017, bis es dem Moskauer Memorial gelang, an der Krasnoprudnaja Straße 5 eine Tafel in russischer Sprache anzubringen:
Letzte Wohnadresse der Schauspielerin Carola Neher

Sechs Worte, nicht mehr und nicht weniger. Die von Information freie, fast zynische Lakonik lässt auf einen mühsamen Kompromiss zwischen Memorial und der wieder Stalin verherrlichenden Historiografie schließen. Nicht viel mehr als „schmecks“ in sechs mageren, leeren, nichtssagenden Worten. Eine Augenauswischerei, die wütend macht. Wer war Carola Neher? Warum letzte Adresse? Wer hat sie von dort weggebracht? Wann und wohin? Wem soll das etwas sagen? Den Moskauer Passanten?
Carola Neher ist in der Sowjetunion außer in einem deutschen Arbeiterclub nie aufgetreten, nur wenige Exilanten wussten überhaupt von ihrer Anwesenheit, sie gehörte nicht zum inneren Kreis der KPD, sie war naiv und kaum politisiert, hatte schwer zu kämpfen mit dem eigenen Überleben und ihren kleinen Sohn Georg durchzubringen. Ihr Mann Anatol Becker, ein rumänischer Kommunist, wird ganz zu Anfang des Großen Terrors erschossen.

Als Bert Becht 1937 auf seiner Flucht in die USA durch Moskau kam, wusste er von Carola Nehers Verhaftung, setzte sich aber nicht für sie ein. Es ist ein Briefentwurf an Lion Feuchtwanger, der in Stalins Gunst stand, erhalten, den er aber nie abschickte. Diese Menge an Verrat und menschlicher Niedertracht in einer einzigen Biografie! Man muss wahrscheinlich akzeptieren, dass das in jedem Menschen angelegt ist, wenn er Möglichkeit dazu bekommt. Diese Erkenntnis ist niederschmetternd. Nur erinnern hilft. Ein wenig.
Die Mitgefangenen Natalja Ginsburg und Margarete Buber-Neumann erwähnen Carola Neher in ihren Memoiren, setzen ihr ein Denkmal in der Sprache.
Berlin Hellersdorf hat seit 1992 eine Carola-Neher-Gedenktafel, München eine seit 2005 und seit 2017 eine Carola-Neher-Straße.
Es war der dritte Tag in Orenburg, der 28. Jänner, der an russischen Universitäten traditionell als der Tatjana-Tag begangen wird, ein Fest, bei dem sich die Universitäten selbst feiern.
Je nach Lehranstalt mit viel Musik, Literatur, Schauspiel, Tanz, Sport, Party – und Reden, vor allem Reden.

Ich war an der linguistischen Universität eingeladen, und kein Mensch hatte mich gewarnt, dass man mich als „ausländischen Gast aus unserer Hauptstadt“ auf die Bühne rufen würde.
Eine Ansprache halten. Oh Gott, die Russen können das so gut wie keine andere Nation.
Sie glauben ehrlich, einem die größte Ehre zu erweisen und bringen einen damit in schreckliche Verlegenheit. Also, was sollte ich sagen? Weil gerade zuvor ein Studentenchor ein Stück aus der Zauberflöte gesungen hatte, fiel mir Mozarts Geburtstag am 27. Jänner ein. Zu Tatjana fiel mir nichts ein, so gratulierte ich ihnen zum Festtag der Studentenpatronin. Ich bedauerte, dass es bei uns einen solchen Brauch nicht gibt. Und da hatte ich einen Blitzeinfall: Es geht natürlich nicht an, dass sich irgendein lebender Mensch mit Puschkin vergleicht, ich zu allerletzt. Aber einen Vorteil habe ich vor ihm. Er hielt sich nur eineinhalb Tage in Orenburg auf, ich dagegen bin schon den dritten Tag hier.
Tosender Applaus, die Studenten warfen Blumen auf die Bühne, hoben mich hoch und trugen mich auf ihren Schultern zu meinem Platz.

Wien, 10.3. - 2.4.18

Veronika Seyr
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