Apokalypse reloaded II

Ich wuchs in einer patriarchalischen Familie auf, in jedem Fall war das das Modell meiner Kindheits- und Jugendjahre. So gab es das ungeschriebene Gesetz, dass ohne den Vater nicht mit dem Abendessen begonnen werden durfte. Das war die einzige gemeinsame Zusammenkunft, bei der alle wichtigen Dinge erzählt, diskutiert, beurteilt und sanktioniert wurden. Frühstücks- und Mittagessens-Zeiten waren wegen der unterschiedlichen Schultermine Variable. Abendessen um 19 Uhr unter Vorsitz des Vaters – das war eine eiserne Regel.

Aber einmal passierte es, dass der Stadtpfarrer am späten Nachmittag zum Vater zu Besuch kam, mit dem er einen Gedankenaustausch pflegte. Es war die Zeit der Stürme, die das II. Vatikanische Konzil mit sich brachte. Mein Vater war ein unermüdlicher Trommler für das größte Reformwerk in der römisch-katholischen Kirche seit der Reformation. Es wurde zwischen den Eltern vor uns Kindern sogar am Esstisch heftig diskutiert, sodass ihn meine Mutter einmal einen „lutherischen Ketzer“ nannte. Schnaubend meinte sie: „Da kannst du ja gleich zu den Protestanten gehen!“
Eine besonders pikante Aussage, war sie doch nach dem Zusammentreffen mit meinem Vater von den Evangelischen zu den Katholischen konvertiert.

Der Dechant von St. Stephan war eine kreuzfromme, aber leicht einfältige und ängstliche Person, die sich gern von meinem Vater beraten und im Glauben bestärken ließ. Das II. Vatikanum wirbelte alle Glaubensgrundsätze und die fast 2000 Jahre alten Regeln so durcheinander, dass der Gute manchmal ganz verzagt in der Seele war, ob das noch seine vielgeliebte, heilige römisch-katholische Kirche und Papst Johannes Paul II nicht ein verkleideter Luther oder, noch schlimmer, eine Ausgeburt der Hölle auf Petri Stuhl sei.
Das vertraute er aber nicht einmal meinem Vater an, sondern nur seinem geistlichen Beichtvater als „Sünde wider den Heiligen Geist“, und das ist die allerschlimmste unter den Todsünden.

Eine Messe in der Volkssprache, der zum Volk gewendete Tisch, demokratische Strukturen wie Pfarrgemeinderäte, Ministrantinnen, Diakoninnen – alles nicht auszudenken. Das kann nur das Ende der Kirche sein, alles Ideen des Antichrist.
Ich meine mich erinnern zu können, dass der Pfarrer meinem Vater seine Entwürfe für die Sonntagspredigten vorlegte und sie mit ihm nach didaktischen und rhetorischen Gesichtspunkten durchnahm. War der Vater doch ein Professor und Pädagoge.

Es wird schon etwas Wichtiges gewesen sein, das den Stadtpfarrer so spät am Nachmittag hereinschneien ließ. Was wusste ein Kleriker mit Pfarrerköchin schon von den ehernen Gesetzen eines zehnköpfigen Haushalts. Der Abendtisch war gedeckt, wir saßen reihum mit knurrenden Mägen, auf dem Herd köchelte das Essen vor sich hin, aber aus dem Arbeitszimmer drang noch immer das Gemurmel der zwei Männerstimmen. Es wurde spät und später. Meine Mutter, bei der alle Unregelmäßigkeiten, vor allem Verstöße gegen die Zeitregeln, einen heiligen Zorn hervorriefen, war schon am Explodieren und stieß allerlei unchristliche Verwünschungen gegen den Stadtpfarrer aus. Aber sie konnte ihn ja nicht selbst vertreiben. In diesem Dilemma scharrte sie mit den Vorderhufen wie ein ungezähmter Mustang und schnaubte:
„Dem sag ich einmal richtig meine Meinung, dem alten Depp!“

Da kam irgendjemand auf die Idee, den jüngsten Bruder Franzi vorzuschicken. Wahrscheinlich die älteren Brüder, die den Kleinen gern ins offene Messer laufen ließen. Franzi sollte heimlich erkunden, wie weit die beiden Männer mit der Verabschiedung seien. Freudig über seine Rolle als Kundschafter, warf der sich in die Schlacht. Anstatt nur an der Tür zu lauschen, öffnete er sie einen Spalt breit, steckte den Kopf durch und verkündete, was er im väterlichen Arbeitszimmer sah. Mit laut krähender Stimme meldete er an den im Esszimmer wartenden Rest der Familie triumphal zurück:
„Ja, der alte Depp ist noch immer da!“

So schnell konnten wir gar nicht schauen, raffte der Geistliche seine Röcke, die Papiere und den Hut zusammen und huschte schnell wie der Schatten eines schwarzen Katers durch die Haustür hinaus in die Nacht. Selten wurde der Jüngste dieser hierarchischen Familie so unisono als Held gefeiert wie an diesem Abend.

Übrigens: Das „Abendmahl“, auf das wir so lange hatten warten müssen, bestand aus einer Stosuppe mit heurigen Erdäpfeln, Kümmel drin und Schnittlauch drauf, ein Stück Schwarzbrot dazu. Herrlich, diese Erinnerung. Noch heute zerknacke ich jedes einzelne Kümmelkörnchen mit Genuss zwischen den Zähnen.

Pfingstsonntag, 31.5.20

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 20095

 

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